Fleischallergie Zeckenbiss

Prof. Dr. med. Tilo Biedermann, Leitender Oberarzt Allergologie, Forschungsgruppe Allergie und Immunologie an der Universitäts-Hautklinik der Eberhard Karls Universität in Tübingen

Fleischallergie: Wie sehen die Symptome aus? Wie erfolgt die Diagnose?

Fleischallergien gehören zu den "neuen Allergien", denn seit einigen Jahren werden neue Allergien auf Fleisch beschrieben. Wie kommt es zu einer Fleischallergie? Wie häufig kommt sie vor? Wie sehen die Symptome aus und wie erfolgt die Diagnose? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Tilo Biedermann, Leitender Oberarzt Allergologie, Forschungsgruppe Allergie und Immunologie an der Universitäts-Hautklinik der Eberhard Karls Universität in Tübingen über neueste Erkenntnisse in der Allergieforschung.

Herr Prof. Biedermann, wie häufig kommt es zu einer Fleischallergie und welche Fleischsorten können eine Fleischallergie auslösen?

Eine Fleischallergie kommt nicht sehr häufig vor. Grundsätzlich können aber alle Fleischsorten Allergien auslösen.

Welche Fleischsorten ein Fleischallergiker verträgt, hängt davon ab, gegen welches Allergen er sensibilisiert ist - man geht beim Fleisch derzeit von etwa einem Dutzend Allergene aus. Es gibt Patienten mit einer Fleischallergie, die allergisch auf Geflügelfleisch reagieren und z.B. rotes Fleisch gut vertragen. Umgekehrt gibt es Patienten die eher auf rotes Fleisch allergisch reagieren und Geflügelfleisch vertragen. Und: Je nachdem, gegen welches Allergen eine Sensibilisierung stattgefunden hat, können sich diese Fleischallergien unterschiedlich äußern.

In diesem Zusammenhang möchte ich aber den Begriff "Allergie" klar definieren, da hier die Begrifflichkeiten, gerade im Hinblick auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten, manchmal etwas durcheinandergehen. Von einer Allergie spricht man dann, wenn sich das Immunsystem gegen einen körperfremden Stoff sensibilisiert hat. In der Regel ist dies ein Protein, d.h. ein Eiweiß, wie beim Heuschnupfen, ein chemisches Molekül, z.B. bei Arzneimitteln oder, wie wir seit neuestem wissen, glykosylierte Proteine, d. h. eine Art Zuckermolekül, das bei der Fleischallergie eine Rolle spielt. Weiter gibt es unterschiedliche Formen einer "Allergie", bei der Fleischallergie ist die Soforttypallergie oder Typ-I-Allergie von Bedeutung.

Reagiert man bei einer Fleischallergie auf alle Fleischsorten allergisch?

Das ist dann möglich, wenn der Patient gegen ein sogenanntes "Panallergen" sensibilisiert ist, d.h. gegen ein Allergen, das in allen Fleischsorten vorkommt. Diese Menschen reagieren dann auf alle Arten von Fleisch allergisch. Andere Patienten, die nur gegen bestimmte Proteine sensibilisiert sind, können all jene Fleischsorten essen, in denen diese Proteine nicht vorkommen. Darin ähnelt die Fleischallergie der Fischallergie, bei der man diese Zusammenhänge allerdings wesentlich besser untersucht hat.

Diese Differenzierung kann in der Praxis zu interessanten "Erkenntnissen" führen. Bei einem Patienten, der auf Putenfleisch sensibilisiert war, kam es nach dem Genuss einer Weißwurst zu anaphylaktischen Symptomen. Normalerweise besteht eine Weißwurst aus Kalbfleisch und Kräutern, so dass für uns bei der Suche nach der Ursache für die Anaphylaxie des Patienten eigentlich nur diese beiden Allergenquellen in Frage kamen. Es stellte sich dann aber heraus, dass der Metzger "gepanscht" hatte und die Weißwurst tatsächlich Putenfleisch an Stelle des Kalbfleisches enthielt.


Seit wann sieht man in Deutschland das neue Krankheitsbild Fleischallergie?

Den ersten Patienten, der über eine "Allergie gegen Schweineniere" klagte, hatten wir in Tübingen um das Jahr 2005. Zu diesem Zeitpunkt war das Krankheitsbild der "neuen Fleischallergie" zwar noch nicht bekannt, aber wir hatte den Verdacht, dass ein Zusammenhang mit dem Verzehr von Nieren bestehen muss. Als das Krankheitsbild dann identifiziert und beschrieben wurde, hatten wir bereits 10 Patienten, auf die die Beschreibung passte. Mittlerweile haben wir in Tübingen über 100 Patienten, die gegen die α-Galaktose sensibilisiert sind.

Welche Symptome sind bei einer Fleischallergie möglich?

Bei einer Fleischallergie können alle Organsysteme betroffen sein. Manche unserer Patienten berichten über Hautsymptome, z.B. Urtikaria, andere haben nur Darmsymptome, wieder andere klagen über Atemnot und in manchen Fällen kommt es zum Kreislaufzusammenbruch, d.h. zu einem Anaphylaktischen Schock.

Sie erwähnten die glykosylierten Proteine als mögliche Allergenquellen für Fleischallergiker – was versteht man darunter?

Glykosylierte Proteine sind Eiweiße, an die bei der Herstellung innerhalb z.B. einer tierischen Zelle "Zuckerreste" angehängt wurden. Glykosylierte Proteine findet man in der Natur überall, auch in Fleisch.

Normalerweise bilden Allergiker IgE-Antikörper auf Proteine. Unter Gräserpollenallergikern finden sich jedoch z.B. sehr viele Patienten, die gegen die "Zuckerreste" von glykosylierten Proteinen, sogenannte Kohlenhydratseitenketten, IgE-Antikörper bilden. Bei den Gräserpollenallergikern sind diese IgE-Antikörper gegen Zuckerreste jedoch klinisch nicht relevant. Sie erschweren lediglich die Diagnostik, da sie die Ursache für Kreuzreaktivitäten sind.

Bei der Fleischallergie liegen die Dinge allerdings anders. Fleischallergiker bilden ebenfalls IgE-Antikörper gegen eine Kohlenhydratseitenkette, die α-Galaktose, und diese Antikörper vermitteln bei den Fleischallergikern auch tatsächlich die Allergie. Wir haben es also bei den Fleischallergikern mit dem bisher einmaligen Fall zu tun, dass IgE-Antikörper gegenüber glykosylierte Proteine gebildet werden und zu klinisch relevanten Symptomen führen. Dies ist in dieser Form bei keiner anderen Allergie bisher bekannt.


Gibt es Risikofaktoren für diese neue Form der Fleischallergie?

Es gibt tatsächlich einen gewissen regionalen Schwerpunkt bei der Fleischallergie. In Tübingen betreuen wir wahrscheinlich die meisten Fleischallergie-Patienten in Deutschland. Dies könnte zum einen damit zusammenhängen, dass diese Region von vielen Zecken bevölkert ist. Untersuchungen, die der US-Forscher Prof. Thomas Platts-Mills zum Thema "Zeckenbisse und Fleischallergie" durchgeführt hat, lassen vermuten, dass hier ein Zusammenhang besteht.1 Auch hier an der Eberhard Karls Universität Tübingen führen wir zu dieser Fragestellung ein aktuelles Forschungsprojekt durch – die Ergebnisse muss man abwarten.

Ein weiterer Grund für die regionale Häufung der Fleischallergie-Fälle dürfte in den speziellen Ernährungsgewohnheiten der Region liegen. Die Region Schwäbische Alb war früher eine eher arme Region. Damals war Fleisch teuer und man war bestrebt, das ganze Tier zu verwerten, auch die Innereien. Heute ist Fleisch zwar billiger geworden und man isst überwiegend das Muskelfleisch, aber während Innereien in anderen Regionen "aus der Mode" gekommen sind, werden sie hier noch häufiger verzehrt. Innereien sind hier Teil der schwäbischen Hausmannskost, z.B. in Form von sauren Nierchen, und werden von der typisch schwäbischen Hausfrau oder von bestimmten Metzgern regelmäßig zubereitet.

Es sind aber genau diese Innereien, die besonders viele spezifisch glykosilierte Proteine mit der α-Galaktose enthalten. Die Kombination von Zeckenbiss und dem tendenziell häufigeren Verzehr von Innereien, könnte dann dazu führen, dass gerade hier in der Region mehr Menschen "symptomatisch" werden, d.h. nach dem Verzehr von Innereien z.B. eine Urtikaria entwickeln. Wie für alle Allergien spielt die Häufigkeit des Kontaktes für die Wahrscheinlichkeit einer Sensibilisierung eine Rolle.

Gibt es andere Erkrankungen, die die Entwicklung dieser neuen Form der Fleischallergie begünstigen?

Bei der Allergie auf α-Galaktose scheinen Atopiker, d.h. Menschen mit Allergischem Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis stärker betroffen zu sein. Aber auch Nicht-Atopiker können sich in dieser Form gegen Fleisch sensibilisieren.

Haben Sie denn bei all Ihren Patienten mit dieser neuen Form der Fleischallergie sehen können, dass auch ein Zeckenbiss vorlag?

Natürlich erinnert sich nicht jeder Patient daran, ob er irgendwann einmal von einer Zecke gebissen wurde. Anhand von standardisierten Interviews sehen wir aber einen ganz klaren Trend. Viele unserer Patienten mit einer Fleischallergie sind Jäger oder hatten schon immer einen Hund mit dem sie viel in der freien Natur unterwegs waren oder haben draußen am Waldrand ihr "Stückle" auf dem sie Gemüse anbauen. Das heißt, es handelt sich bei unseren Patienten überwiegend um Menschen, die sich häufig im Freien aufhalten und die aufgrund der Tatsache, dass Baden-Württemberg reich an Zecken ist, auch ein gewisses Risiko für einen Zeckenbiss tragen.

Manche Allergene sind "hitzelabil" - spielt auch bei dieser Fleischallergie die Zubereitung des Fleisches eine Rolle?

Wahrscheinlich enthält rohes Fleisch einen höheren Anteil an α-Galaktose als stark erhitztes Fleisch, denn beim Erhitzen werden die Proteine etwas denaturiert und der eine oder andere Zuckerseitenrest bricht weg. Allerdings wird der α-Galaktose-Anteil durch das Erhitzen nicht beseitigt, sondern lediglich in der Konzentration reduziert. Für manche Patienten kann diese Reduktion auf eine niedrigere Konzentration jedoch ausreichend sein, um kaum noch oder fast gar keine Symptome mehr auszulösen.


Nochmals zurück zum Auftreten der Symptome. Sie erwähnten, dass diese neue Form der Fleischallergie eine Soforttypallergie oder Typ-I-Allergie ist. Heißt das, die Symptome treten immer unmittelbar nach dem Fleischverzehr auf?

Normalerweise treten bei der Soforttypallergie die Symptome sofort auf, d.h. innerhalb von maximal drei Stunden und bei manchen Fleischallergie-Patienten ist dies auch der Fall. Wir sehen aber eine ganze Reihe von Patienten mit dieser neuen Form der Fleischallergie, die erst ca. 6 bis 8 Stunden nach einer Fleischmahlzeit mit allergischen Symptomen reagieren, was sehr ungewöhnlich ist und ganz spezifisch für diese Sonderform der Allergie. Bei der α-Galaktose-Allergie spricht man deshalb auch von einer "verzögerten Typ-I-Allergie". Als Ursache vermutet man, dass der Verdauungsprozess zur Freilegung und Aufnahme dieser zuckerhaltigen Eiweißstoffe benötigt wird.

Kann es bei einer Fleischallergie auch zu Kreuzreaktivitäten kommen?

Kreuzreaktivitäten spielen bei der Fleischallergie eine gewisse Rolle. Hier ist die α-Galaktose jedoch wieder ein "Sonderfall". Eigentlich haben in der Natur alle Lebewesen die Möglichkeit, Eiweißstoffe zu glykosylieren. Im Zuge der Evolution des Menschen ist jedoch, beim Schritt zu den Altweltaffen, das Enzym verlorengegangen, das diese Zuckerseitenketten herstellt. Das Immunsystem des Menschen ist deshalb nicht darauf ausgelegt, die α-Galaktose zu tolerieren und kann eine Immunantwort entwickeln.

Zum besseren Verständnis: Dass Immunsystem des Menschen muss lernen, jeden Eiweißstoff im eigenen Körper zu tolerieren, sonst würde man eine Autoimmunkrankheit entwickeln. Diese Toleranzentwicklung beginnt schon vor der Geburt und erstreckt sich über die ersten Lebensjahre. Alle Stoffe, für die in diesem Zeitraum keine Toleranz entwickelt wurde, können potenziell zu Allergenen werden. Im Falle der α-Galaktose hat unser Immunsystem nicht gelernt, dies zu tolerieren und deshalb können wir eine Immunantwort entwickeln.

Aber nicht alle Menschen haben diese neue Form der Fleischallergie…

Tatsächlich entwickeln alle Menschen eine Immunantwort auf  α-Galaktose. Ca. 1 Prozent des gesamten IgG-Antikörperpools des Menschen wird gegen diese Zuckerseitenkette gebildet. Allerdings sind IgG-Antikörper klinisch nicht relevant, d.h. ihr Vorhandensein führt nicht zu Symptomen. Warum es bei manchen Menschen zusätzlich noch zu einer IgE-vermittelten Immunantwort auf α-Galaktose kommt, weiß man noch nicht.

Wie erfolgt die Diagnose einer Fleischallergie?

Die Allergologie ist immer auch ein wenig "Kriminalistik".  So wird man z.B. immer dann, wenn der Patient über mehrere Schockereignisse bzw. allergische Reaktionen im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme berichtet, Schnittmengen bilden, um die verdächtigen Allergene zu identifizieren. Mit Hilfe der Prick-Tests und der IgE-Tests versucht man dann, das auslösende Allergen zu idnetifizieren.

Wenn man mit diesen Standardtests nicht weiter kommt, bitten wir die Patienten, das verdächtige Nahrungsmittel mitzubringen und führen dann damit einen Prick-to-Prick-Test durch.

Nicht selten führen wir stationär einen Provokationstest durch. Dabei wird der Patient unter medizinischer Aufsicht mit dem verdächtigen Allergen provoziert.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für die Fleischallergie?

Bei einer Fleischallergie besteht die Therapie in der Karenz, d.h. im Meiden des Allergens. Deshalb ist es so wichtig zu ermitteln, welches Allergen die allergischen Symptome auslöst, denn nur so ist es möglich einem Fleischallergiker genaue Hinweise zu geben, welche Fleischsorten er meiden soll, was er essen darf und wo sich das Allergen eventuell verstecken könnte.

Für sehr schwere Fälle gibt es die Möglichkeit ein Medikament einzusetzen, das für die Behandlung von allergischem Asthma zugelassen ist - Omalizumab. Dieses Medikament wurde off-label, d.h. außerhalb der Zulassung, bei Nahrungsmittelallergien erfolgreich eingesetzt, z.B. bei Milchallergien. Allerdings ist Omalizumab kein Medikament, das heilen kann – es unterdrückt lediglich die Auslösung der Symptome, indem es die IgE-Antikörper blockiert.

Omalizumab könnte man theoretisch auch bei Fleischallergikern einsetzen, allerdings wäre das nur dann gerechtfertigt, wenn Menschen auf geringste Allergenspuren mit schwersten anaphylaktischen Reaktionen reagieren, so dass das Meiden des Allergens nicht möglich ist. Bei Fleischallergikern ist dies in der Regel aber nicht der Fall.

Experimentell versucht man im Bereich der Nahrungsmittelallergien mit der Oralen Toleranzinduktion durch minimale Allergendosen, die man langsam steigert, eine Verträglichkeit zu erzielen. Getestet wird dies für Menschen mit Allergie gegen Ei, einer Milchallergie oder einer Erdnussallergie, nicht für Fleischallergiker.

Allerdings ist diese Therapie mit Nebenwirkungen verbunden, denn es kommt immer wieder zu anaphylaktischen Reaktionen. Außerdem muss die Therapie dauerhaft angewendet werden, denn ihre Wirkung erlischt, sobald sie unterbrochen wird und die allergischen Symptome treten dann wieder auf. Hier sind noch weitere Studien nötig.

Herr Prof. Biedermann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!


Quellen:


1 Emerging antigens involved in allergic responses, Platts-Mills TA, Commins SP, Curr Opin Immunol. 2013 Dec; 25(6):769-74. doi: 10.1016/j.coi.2013.09.002. Epub 2013 Oct 3, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24095162

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