Fischallergie

Prof. Jan-Christoph Simon, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig

Fischallergie: Wie hilft das Erforschen neuer Allergene den Patienten?

Bei einer Fischallergie ist in der Regel von einer allergischen Reaktion auf das Fischeiweiß Parvalbumin die Rede.  Wissenschaftler eines Forschungskonsortiums in Leipzig haben jedoch entdeckt, dass es auch andere Eiweiße, d.h. neue Allergene im Fisch gibt, die Allergien auslösen können. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Jan-Christoph Simon, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig über das neue Fischallergen und die Konsequenzen für die Patienten bzw. die Fischallergiker.

Herr Prof. Simon, welche Allergien würden Sie als "neuartige Allergien" bezeichnen?

Neuartige Allergien sind solche, die wir vor Jahren noch nicht kannten. In den meisten Fällen werden diese neuen Allergien durch neue allergieauslösende Stoffe,  d.h. durch neue Allergene, ausgelöst.

Liegt dies daran, dass es die Produkte, die diese allergieauslösenden Stoffe enthalten, früher noch nicht gab?

Die neuen Allergene finden sich entweder in ganz neuen Nahrungsmittelprodukten, die man früher noch nicht kannte, oder die zumindest in diesem Umfeld noch nicht bekannt waren.

Ein Beispiel dafür sind exotischere Nahrungsmittel, die früher nur in Asien oder Afrika gegessen wurden, heute aber auch bei uns problemlos erhältlich sind. In diesen Fällen ist zwar das Allergen an sich nicht neu, aber wenn der Kontakt mit dem Allergen z.B. in Deutschland plötzlich intensiv wird, kann es auch zu neuen Allergien in der hiesigen Bevölkerung kommen. Ein Beispiel hierfür ist der Pangasius, ein Fisch, der in Afrika vorkommt.

Waren diese Allergene denn in den Ursprungsländern Auslöser von Allergien?

Beim Pangasius-Fisch hat man dies nicht untersucht, bzw. hierzu sind keine Studien bekannt. Dies kann allerdings auch daran liegen, dass die medizinische Versorgung allgemein bzw. speziell die Qualität der allergologischen Versorgung in der Region rund um den Viktoriasee eine andere ist als in Westeuropa.


Gibt es weitere Beispiele für neue Allergene?

Schon vor einigen Jahren haben wir hier in Leipzig feststellen können, dass ein Protein von Soja zu diesen neuen Allergenen gehört. Sojaprodukte werden zunehmend populär und Soja wird z.B. in Wellnessdrinks, in Diätprodukten zur Gewichtsreduzierung und in Muskelaufbauprodukten eingesetzt.

Ein in Soja enthaltenes Protein ist jedoch dafür verantwortlich, dass Birkenpollenallergiker auf Sojaprodukte allergisch reagieren. Das Immunsystem ist nicht in der Lage, das Sojaprotein vom Birkenpollenprotein zu unterscheiden und reagiert mit entsprechenden Symptomen. Viele Birkenpollenallergiker wissen zwar, dass sie auf Birkenpollen allergisch reagieren, erwarten jedoch bei Soja keine allergische Reaktion. Für Birkenpollenallergiker stellen Produkte, die Soja enthalten deshalb ein erhebliches Risiko dar.

Hinzu kommt, dass man ja oft aus gutem Grund seine Ernährungsgewohnheiten umstellt, z.B. um das Gewicht zu reduzieren. Immer wenn man ein neues Nahrungsmittel vermehrt zu sich nimmt, besteht jedoch bei manchen Menschen das ein Risiko, auf bestimmte Bestandteile des Nahrungsmittels allergisch zu reagieren. 

Sie haben im Rahmen einer Untersuchung von Patienten mit Fischallergie gegen Viktoriabarsch artspezifische Allergene identifiziert, die bisher unbekannt waren. Wie sind Sie vorgegangen? Wie "funktionieren" diese Tests?

pricktest am arm auf fischallergiePositive Sensibilisierung auf Victoriaseebarsch und Lachs © Prof. Jan-Christoph Simon, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Medizinische Fakultät der Universität Leipzig Der Ausgangspunkt unserer Forschungen war ein Patient, ein Koch, der schwerste allergische Reaktionen auf Viktoriabarsch zeigte. Ausgehend von diesem konkreten Fall und orientiert am Patienten, wie das bei guter medizinischer Forschung sein sollte, haben wir begonnen, das Krankheitsbild zu erforschen.

Dazu haben wir die Serumreaktivität getestet, d.h. wir haben Proteinextrakte, die wir aus dem Serum des Viktoriabarsches hergestellt hatten, mit dem spezifischen IgE im Serum des Patienten inkubiert. So konnten wir feststellen, wogegen sich die Immunantwort richtet und konnten bis dahin nicht bekannte und beschriebene Allergene des Viktoriabarsches als Auslöser identifizieren.

Im nächsten Schritt haben wir dann  die Frage untersucht, ob das von uns gefundene Allergen ein "Einzelfall" ist, oder ob sich auch bei anderen Fischallergikern eine Reaktion auf dieses Allergen findet. Dafür haben wir mit norwegischen Kollegen zusammengearbeitet – in Norwegen wird mehr Fisch gegessen und dementsprechend gibt es in Norwegen auch mehr Fischallergiker. Das Ergebnis unserer Untersuchungen war, dass es zwar Gemeinsamkeiten gab, aber auch neue Aspekte.

Wie können Patienten von dem von Ihnen entwickelten Verfahren zur Diagnose des Allergens des Viktoriabarsches profitieren?

Das von uns entwickelte Verfahren ist sehr aufwendig und für die Routinediagnostik nicht geeignet. Der nächste Schritt wäre, ein Pharmaunternehmen, das Allergiediagnostika herstellt, dafür zu interessieren, das Verfahren in einen kommerziellen Allergietest zu überführen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist das Verfahren in der Routinediagnostik noch nicht einsetzbar.

Mit dem Nachweis der neuen Allergene des Viktoriabarsches haben wir aber eine wissenschaftlich wichtige Erkenntnis gewonnen, denn hierbei handelt es sich um ein für die hiesige Bevölkerung neues Allergen - vor 50 Jahren hat in Mitteleuropa niemand Viktoriabarsch gegessen! Deshalb ist der Viktoriabarsch ein gutes Beispiel dafür, wie veränderte Lebensgewohnheiten und die Globalisierung zum Anstieg von Allergien beitragen können. Zwar ist die Globalisierung eine positive Entwicklung – der im Viktoriasee gefangene Fisch landet bereits zwei Tage später auf dem deutschen Abendbrottisch - und Fisch ist ein grundsätzlich gesundes Nahrungsmittel, aber für bestimmte Menschen bedeuten neue Nahrungsmittel eben auch neue Risiken. Als Allergiespezialisten ist es uns ein Anliegen, diese Risiken zu identifizieren bzw. die entsprechenden Allergene nachzuweisen.

In unserem Forschungskonsortium "LIFE" in Leipzig beschäftigen wir uns speziell mit der Erforschung von Zivilisationskrankheiten. Eine wichtige Fragestellung für uns ist: Warum nehmen die Allergien so dramatisch zu? – und hier konnten wir zeigen, dass, unter anderem, die veränderten Ernährungsgewohnheiten dafür verantwortlich sind.


Bedeuten Ihre Erkenntnisse in Bezug auf die Fischallergie, dass manche Patienten gar nicht auf das Protein Parvalbumin reagieren, sondern auf völlig andere Allergene?

Wir haben beim Viktoriabarsch auch Parvalbumin gefunden. Wir konnten aber zusätzlich noch weitere Allergene nachweisen, die für die ausgelösten Symptome bei diesem Patienten auch von Bedeutung waren.

Die wesentliche Botschaft aus unseren Forschungen ist: "Fisch ist nicht gleich Fisch". Das heißt, dass Fischallergiker nicht alle auf das gleiche Allergen allergisch reagieren. Es gibt bei der Fischallergie unterschiedliche auslösende Allergene, die in unterschiedlichen Fischarten vorkommen. Dabei handelt es sich um Eiweiße im Muskelfleisch des Fisches. In der Konsequenz kann es sein, dass Fischallergiker Fische essen können, die "ihr Allergen" nicht enthalten.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus Ihren Forschungen für die Patienten mit Fischallergie?

Es liegt in unserem Interesse einen Partner in der Pharmaindustrie zu finden, der unsere Forschungen in einen Test umsetzt, der für alle Fischallergiker eingesetzt werden kann. Dies würde eine exaktere Diagnose des allergieauslösenden Proteins ermöglichen und der Patient müsste nicht pauschal auf Fisch verzichten.

Weiter werden wir konsequent unser Ziel verfolgen, die Ursachen von Allergien zu erforschen und weitere Eiweiße, bzw. Proteine zu identifizieren, die Nahrungsmittelallergien auslösen.

Herr Prof. Simon, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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