Reizdarm Syndrom Nahrungsmittelallergie

Prof. Schuppan über das Thema: Reizdarm-Syndrom - ist es doch eine Nahrungsmittelallergie?

Reizdarm-Syndrom: Ist es doch eine Nahrungsmittelallergie?

Dass ein erheblicher Anteil von Patienten mit Reizdarm-Syndrom eigentlich an einer Nahrungsmittelallergie leidet, konnte jüngst in klinischen Studien gezeigt werden. Erst mit Hilfe der konfokalen Endomikroskopie konnte bei diesen Patienten nach Allergenprovokation im oberen Dünndarm eine allergische Sofortreaktion an der Darmschleimhaut nachgewiesen werden. In den klassischen Allergietests (Serum-IgE und Hauttest) waren sie zuvor negativ getestet worden. In einer Anschlussstudie ging es nun um die Frage, welche zellulären und biochemischen Mechanismen hierbei zugrunde liegen. MeinAllergiePortal sprach darüber mit Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan, Professor of Medicine an der Harvard Medical School in Boston, USA, Leiter des Instituts für Translationale Immunologie und der Ambulanz für Zöliakie und Dünndarmerkrankungen am Universitätsklinikum Mainz, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Zöliakiegesellschaft und Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Er hat in Zusammenarbeit mit Frau Prof. Annette Fritscher-Ravens, Kiel und London, die zugrunde liegenden Mechanismen aufgeklärt.

Herr Prof. Schuppan, wie sind Sie darauf gekommen, dass Reizdarmpatienten eine Nahrungsmittelallergie haben könnten?

Die Diagnose „Reizdarm“ wurde bisher bei einer Vielzahl von Patienten gestellt, die unter lange andauernden Bauchbeschwerden leiden, bei denen aber mit herkömmlichen Untersuchungen keine entzündliche Erkrankung des Magen-Darmtrakts nachgewiesen werden konnte. Der Ernährung als entscheidende Ursache wurde bisher wenig Beachtung geschenkt.

Wir hatten beobachtet, dass sich Patienten mit „Reizdarm“ oft deutlich besserten, wenn sie eine Fastenkur machten. Wir haben deshalb angenommen, dass Nahrungsmittel als Auslöser der Beschwerden eine wichtige Rolle spielen könnten. Interessanterweise dauerte es aber Stunden und teilweise sogar 1 bis 2 Tage bis die Patienten nach Fastenbeginn oder auf einer nicht-allergenen Basisdiät (Kartoffeln oder Reis, Olivenöl, Salz) beschwerdefrei wurden - dabei waren klassische (IgE-vermittelte oder Hauttestpositive) Allergien ausgeschlossen worden. Um was es sich dabei handelte, war zu Beginn noch völlig unklar.

Was unterscheidet Menschen mit einer positiv testbaren Nahrungsmittelallergie von jenen, die erst über eine konfokalen Endomikroskopie diagnostiziert werden können?

Die IgE- und oder Hauttest-positive Nahrungsmittelallergie, die häufiger bei Kindern auftritt und mit dem Erwachsenenalter auch wieder verschwinden kann, zeigt sich meist in einer Sofortreaktion, das heißt die Patienten bekommen Magen-Darm-, Schleimhaut- und/oder Hautsymptome unmittelbar nach Aufnahme des Allergens, in der Regel nach wenigen Minuten.

Die Prävalenz dieser IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien liegt bei 2 bis 4 Prozent in der Erwachsenen-Bevölkerung, bei Kindern etwas höher, also deutlich unter den inhalativen Allergien, etwa gegen Pollen, Hausstaubmilben oder Tierhaare. Bei der atypischen Nahrungsmittelallergie treten die Symptome meist nach mehreren Stunden auf und betreffen primär den Magen-Darmtrakt. Das hat in der Vergangenheit auch zu der häufigen Verlegenheitsdiagnose „Reizdarm“ geführt. Das späte Auftreten nach Verzehr des Allergens macht es für die meisten Patienten und die Ärzte auch so schwierig, ein eindeutiges Allergen in der Ernährung zu identifizieren.

Welche Erkenntnisse konnten Sie hierzu in Ihren Studien gewinnen?

Wir haben z.B. mittels der Vergrösserungs-Endoskopie (mit dem im oberen Dünndarm liegenden Endoskop) gefunden, dass diese Patienten schlagartig, das heißt innerhalb von 5 Minuten nach Provokation, eine schwere entzündliche Reaktion ihrer Dünndarmschleimhaut zeigen, die wir „real time“, also wie in einen Film aufzeichnen und quantifizieren können. Das Tückische dabei ist, dass die Beschwerden erst mit Verzögerung auftreten, das heißt meist um einige Stunden später. Von besonderer praktischer Bedeutung für Patient und Arzt ist, dass in erster Linie Weizen, gefolgt von Milch und Soja, dann erst Hefe und weitere Nahrungsmittelallergene verantwortlich sind. In unserer jüngsten Studie von 2019 reagierten allein 60 Prozent der „Reizdarmpatienten“ auf Weizen. Sobald die Patienten das identifizierte Allergen (in Wirklichkeit "Allergengemisch)" von ihrem Speiseplan streichen, bessern sich die Beschwerden meist dramatisch. Nach unseren Schätzungen leiden bis zu 70 Prozent der „Reizdarmpatienten“ an dieser atypischen Nahrungsmittelallergie, die so auf einfache Weise heilbar ist. Das ist bei einer Prävalenz der Reizdarmdiagnose von 15 bis16 Prozent in unserer Bevölkerung schon sehr erheblich, das heißt ca. 10 Protent der Bevölkerung leiden an einer atypischen Nahrungsmittelallergie, meist ohne es zu wissen.

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