Hochsensibel Coaching

Dr. Astrid Gerstemeier zum Thema: Hochsensibel: Was ist das? Kann Coaching helfen?

Hochsensibel: Was ist das? Kann Coaching helfen?

Der Begriff „hochsensibel“ taucht immer wieder auf, wenn es um Menschen geht, die eine besondere Wahrnehmung haben. Was bedeutet es aber, wenn man hochsensibel ist? Wie zeigt sich das und was heißt das für die Hochsensiblen selbst? Wie Coaching Hochsensiblen helfen kann erklärt Dr. Astrid Gerstemeier, Praxis für bewegte Ernährung & Coaching in Wiesbaden für MeinAllergiePortal im Interview.

Frau Dr. Gerstemeier, was bedeutet es wenn man „hochsensibel“ ist?

Es gibt Menschen, die eine besondere Wahrnehmung haben. Konkret bedeutet das, dass diese Menschen unter anderem Situationen, Emotionen, Hochstimmungen oder Missstimmungen wahrnehmen, die andere überhaupt nicht bemerken. Diese Personen nehmen diese Stimmungen auf der Gefühlsebene oder auch als körperliche Reaktion wahr. Ein kleines, möglicherweise gut beobachtbares Beispiel für einen Aspekt einer sensibleren oder hochsensiblen Person wäre, wenn z. B. Jemand in einen Raum kommt und sofort bemerkt, dass hier „dicke Luft“ herrscht, während alle anderen das gar nicht zu bemerken scheinen. Für Hochsensible sind solche Situationen aber dennoch real, so dass dies sogar zu einem gewissen Leidensdruck führen kann. Je nach beruflicher Situation kann es jedoch auch von Vorteil sein, solche etwaigen Stimmungen aufzugreifen und zu klären, bevor sich das in den Arbeitsprozess weiterträgt.

Auch Menschen, die sich stets sehr viele Gedanken machen, oder generell sehr empathisch sind, sind oft hochsensibel. Meist sind das schon von der Konstitution her sehr feinsinnige, dünnhäutige, zarte Menschen. Das kann auch damit verbunden sein, schlecht „nein“ sagen können. Typisch dafür ist z.B. der Kollege, der immer hilfsbereit die anderen unterstützt und ihnen Aufgaben abnimmt, sich dabei aber selbst zu viel aufbürdet, ohne es direkt zu merken. Ein anderes Beispiel ist: Jemand, der fürsorglich jedem den Kuchen oder anderes austeilt, und für sich selbst nichts übrig behält - das aber erst nach dem „Verteilen“ bemerkt.

Auch sprachlich kann sich Hochsensibilität bemerkbar machen, indem sich diese Menschen einerseits selbst sehr gewählt bzw. vorsichtig oder bedacht ausdrücken und andererseits für Zwischentöne sehr empfänglich sind und jedes Wort „auf die Goldwaage“ legen. Sie können dann auch mal sehr schroff reagieren, wenn sie sich angegriffen oder schlecht behandelt fühlen, was wiederum für die Umgebung überraschend sein kann, da die Worte möglicherweise eher gedankenlos gewählt wurden. Häufig kommen bei Hochsensiblen mehrere dieser Faktoren zusammen. Inzwischen gibt es eine Reihe von Autoren, die sich mit dieser Thematik oder auch der Entwicklung entsprechender Persönlichkeitstests umfassend befasst haben.

Nehmen Hochsensible dann Dinge wahr, die nicht existieren oder ist es eher so, dass diese Dinge in weniger gravierendem Maße existieren?

Das ist eine schwierige Frage, denn man könnte es ja auch so sehen, dass Hochsensible etwas durchaus Reales sehen oder spüren, das die anderen nicht wahrnehmen, oder dass sie das nicht bemerken, weil es für sie unbedeutend ist - das ist eine Gratwanderung. Deshalb würde ich nie sagen: Diese Wahrnehmung ist falsch, denn das kann ein Außenstehender gar nicht beurteilen. Die eigene Wahrnehmung ist, so gesehen, aus der jeweiligen Perspektive, immer richtig für den Betreffenden. Im Bereich der Schmerztherapie oder auch im Bereich der Beratung gastroenterologischer Patienten, gibt es Menschen mit einem ausgeprägteren Schmerzempfinden. Das ist dann genau so – diese Personen nehmen das stärker wahr, oder haben den Fokus mit der Zeit stärker darauf ausgerichtet und nehmen es dadurch wiederum ausgeprägter wahr. Ausgangspunkt des Coachings ist es bei der Arbeit mit Hochsensiblen nicht, die Wahrnehmung zu verändern, denn das, was der Hochsensible für sich wahrnimmt, ist „seine Wahrheit“.

 

Bezieht sich das Hochsensible auch auf das Essen?

Nicht immer, denn selbstverständlich ist nicht jeder Mensch mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten hochsensibel. Aus der Beobachtung heraus jedoch haben einige Patienten eine sehr feine Wahrnehmung  -  nicht nur für ihren eigenen Körper, sondern, im näheren Gespräch, auch für ihre Mitmenschen. Sie berichten in der Regel ganz alleine von dieser Beobachtung. Daraus resultiert auch hin und wieder, dass sie mit Missstimmungen im Umfeld nicht so gut umgehen können und stets versuchen, für „Ausgleich“ zu sorgen. Das gilt für Kinder und Erwachsene in ähnlicher Weise.

Da Essen und Emotion so stark miteinander verknüpft sind, können sich diese empfundenen Missstimmungen, dann auch auf den Genuss oder das Wohlbefinden auswirken. Man könnte sagen: Die erhöhte Sensibilität bezieht sich eigentlich nicht auf das Essen, sie wirkt sich jedoch auf das Essen aus. Auch beim Essen nehmen Hochsensible manchmal Dinge wahr, die bei genauer Betrachtung tatsächliche eine Relevanz haben, obwohl sie oft diagnostisch nicht greifbar sind. In manchen Fällen führt dies dann dazu, dass die Anzahl der verzehrten Nahrungsmittel stark eingeschränkt wurde, um das Auftreten von Beschwerden zu vermeiden. Eine dauerhafte Beschwerdefreiheit erreicht man so jedoch nicht.

Andererseits wird Hochsensiblen auch schon mal eine psychologische Beratung empfohlen, obwohl noch gar keine umfassende Diagnostik erfolgte. Je nach Beschwerdebild hilft eine zielgerichtete Diagnostik, um die stoffliche Ursache der Beschwerden zu klären, bestätigen oder auch auszuschließen. Für manche Patienten ist das auf ihrem Leidensweg das erste Mal, dass ihre Beschwerden ernst genommen und der Problematik auf den Grund gegangen wird.

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