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Kinder Sensibilisierungswege Allergene

Nahrungsmittelallergien bei Kindern: Sensibilisierungswege - wichtige Allergene!

Nahrungsmittelallergien bei Kindern: Wichtige Allergene!

Wie Allergien entstehen ist noch nicht vollständig erforscht. Fest zu stehen scheint jedoch, dass es bei den Nahrungsmittelallergien, d.h. bei den IgE-vermittelten Nahrungsmittelunverträglichkeiten, nicht nur eine Möglichkeit gibt, eine Sensibilisierung zu erwerben. Welche Sensibilisierungswege sind bei Kindern möglich und welches sind die wichtigen Allergene? Das erklärte Dr. Katja Nemat, Fachärztin für Kinderpneumologie und Allergologie am Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt (Kid) und Mitglied des Vorstands beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA) im Interview mit MeinAllergiePortal.

Autor: Sabine Jossé

Interviewpartner: Dr. med. Katja Nemat

Frau Dr. Nemat, wie kommt es bei Kindern zu einer Sensibilisierung auf Nahrungsmittelallergene?

Es gibt zwei bedeutsame Sensibilisierungswege bei der Nahrungsmittelallergie, zum einen die Aufnahme über die Nahrung, das heißt die orale Aufnahme, und zum anderen die Exposition über die Haut, zumindest kann letztes für manche Nahrungsmittel als bedeutsamer Sensibilisierungsweg angenommen werden.

Weiter gibt es auch Hinweise darauf, dass die Möglichkeit besteht, sich über die Atemwege, das heißt über die Inhalation von Nahrungsmittelproteinen, zu sensibilisieren. Zwar steht für den Sensibilisierungsweg über die Atemwege nicht fest, wie bedeutsam er ist. Die Atemwegsschleimhäute sind jedoch ein Teil des Immunsystems und man weiß, dass allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel über die Atemwege ausgelöst werden können. Das heißt, die Atemwegsschleimhaut ist in der Lage, ein Nahrungsmittelallergen zu erkennen und gegebenenfalls eine allergische Reaktion in Gang zu setzen, vorausgesetzt, das Nahrungsmittelallergen steht inhalativ zur Verfügung.

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Bei welchen Nahrungsmittelallergenen kann es auch über die Atemwege zu einer Sensibilisierung kommen?

Ein Beispiel für ein Allergen, dass über die Aufnahme über die Atemwege allergische Symptome hervorrufen kann, ist die Erdnuss. Bei Erdnussallergikern ist bekannt, dass sie auf inhalativen Kontakt klinisch reagieren können, z.B. wenn im Flugzeug 300 Passagiere gleichzeitig die Verpackung ihres Erdnusssnacks öffnen. Erdnüsse sind in gewisser Weise „staubig“ und dieser Staub verteilt sich relativ leicht über die Luft. Ob die Atemwegsschleimhäute allerdings auch als Sensibilisierungsweg eine relevante Rolle spielen, ist zurzeit noch offen.

Aber: Unabhängig von der Frage nach dem Sensibilisierungsweg kann man die Allergieentwicklung als eine Art „Gegenspieler“ zur Toleranzentwicklung sehen.

Inwiefern ist die Allergieentwicklung als eine Art „ Gegenspieler“ zur Toleranzentwicklung?

Der physiologisch sinnvolle, normale Weg der Toleranzentwicklung ist, dass Kinder im Säuglingsalter unterschiedliche Nahrungsproteine kennenlernen und für diese Toleranz entwickeln. Das Immunsystem „lernt“ mit den Proteinen aus der Nahrung umzugehen und „lernt“ sie zu vertragen.

Vermutlich gibt es für die hochallergenen Nahrungsmittel unterschiedliche „windows of opportunity“, das heißt Zeitfenster, in denen das Immunsystem optimalerweise mit diesen Proteinen aus der Nahrung in Kontakt kommen sollte, damit es zu einer Toleranzentwicklung kommt. Durch das früher propagierte Konzept der präventiven Allergenvermeidung in der Ernährung allergiegefährdeter Kinder hat man diese „windows of opportunity“ wahrscheinlich ungenutzt verstreichen lassen. Die Beratungspraxis beinhaltete die Empfehlung, allergiegefährdete Kindern vor dem ersten Lebensjahr von jeglichem Kontakt mit potenten Allergenen - also mit Milch, Ei, Weizen, Erdnuss, Haselnuss und Fisch - fernzuhalten. Rückblickend könnte dies ein Fehler gewesen sein, denn durch die Allergenmeidung wurde das „Fenster“ zur Toleranzentwicklung „zugeschlagen“. Hingegen stand das „Fenster“ zur Sensibilisierung“ über die Haut „offen“, aber dieser Sensibilisierungsweg war damals noch nicht bekannt. Leider werden solche überholten Empfehlungen auch heute noch manchmal ausgesprochen. Wir müssen wirklich festhalten, dass es sich hierbei um ein überholtes und falsches Konzept handelt.

Manche Kinder mit Neurodermitis leiden auch unter Nahrungsmittelallergien …

Echte Nahrungsmittelallergien treten bei Kindern mit Neurodermitis häufiger auf, als bei anderen Kindern, aber im Sinne einer Assoziation. Dies gilt sowohl für IgE-vermittelte als auch für nicht IgE-vermittelte Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Eine wichtige Information für die Eltern ist, dass es sich bei der Neurodermitis prinzipiell um eine Hauterkrankung handelt und nicht um die Folge einer Nahrungsmittelallergie. Es besteht eine Störung der Hautbarriere, die auf eine genetische Disposition zurückzuführen ist. Dadurch kommt es an der Haut zu Trockenheit, zu einer vermehrten Irritabilität und zu Entzündungsprozessen.

Aufgrund der gestörten Hautbarriere entwickeln Kinder mit Neurodermitis häufiger allergische Sensibilisierungen. Allergieauslösende Stoffe können leichter in die Haut eindringen, mit dem Immunsystem Kontakt aufnehmen und zu einer Allergisierung führen, z.B. über die Bildung von IgE-Antikörpern. Zuerst besteht also die Neurodermitis.

Die Behandlung einer assoziierten Nahrungsmittelallergie ist dann natürlich wichtig, sie wird aber die Neurodermitis nicht heilen und diese muss unabhängig davon weiter behandelt werden. Eine Diät ersetzt keine Neurodermitisbehandlung.

Erfolgt die Sensibilisierung auf Nahrungsmittelallergene bei Neurodermitis grundsätzlich über die Haut?

Nicht grundsätzlich, aber die Sensibilisierung über die Haut ist ein häufiger Weg. Gerade bei den Nahrungsmittelallergenen hat man in den letzten zehn Jahren gelernt, dass dieser Weg sehr viel bedeutsamer ist, als bislang angenommen.

Früher dachte man, man kann eigentlich nur über die orale Aufnahme eines Nahrungsmittels eine Allergie erwerben. Deshalb hat man lange Zeit bereits den werdenden Eltern eines potenziell allergiegefährdeten Kindes geraten, dass die Mutter schon in der Schwangerschaft eine allergenarme Diät einhalten soll und ebenso der Säugling und das Kleinkind. Nahrungsmittel, die häufig Allergien auslösen, sollten sowohl von der Mutter als auch vom Kind gemieden werden.

Leider haben diese Empfehlungen dazu geführt, dass diese Kinder, insbesondere Kinder mit Neurodermitis, trotzdem Nahrungsmittelallergien entwickelt haben, sogar häufiger als allergiegefährdete Kinder und auf Nahrungsmittel, die sie nie gegessen hatten. Und dies, obwohl deren Mütter eine streng allergenarme Diät eingehalten hatten.

Wie kommt es, dass sich Kinder auf Nahrungsmittelallergene sensibilisieren, die sie nie gegessen haben?

Man hat lange gerätselt, woran das liegt. Spekuliert wurde zum Beispiel, ob die Lebensmittelproteine zum Beispiel intrauterin, das heißt im Mutterleib, oder über die Muttermilch übertreten könnten. In den letzten Jahren hat man gelernt, dass sehr viele Kinder, speziell Kinder mit einer gestörten Hautbarriere, Nahrungsmittelallergien über die Haut erwerben.

Hier hat die Erdnussallergie einen Modellcharakter, speziell die britische LEAP-Studie1). Auslöser der Studie war die folgende Beobachtung: Kinder jüdischer Familien, die in Großbritannien lebten und erst relativ spät erdnusshaltige Lebensmittel zu essen bekamen, erkrankten deutlich häufiger an einer Erdnussallergie, als Kinder aus jüdischen Familien, die in Israel lebten, wo man üblicherweise bereits Säuglingen einen erdnuss- und maishaltigen Snack namens Bamba, eine Art Erdnussflips, anbietet.

Der frühe Kontakt zum Erdnussallergen schützte offensichtlich davor, eine Erdnussallergie zu erwerben und dies war die „Inititialzündung“ für die LEAP-Studie. In der LEAP-Studie hat man gezielt untersucht, ob man das Auftreten einer Erdnussallergie bei Risikokindern, das heißt bei Kindern, in deren Familienanamnese Allergien gehäuft vorkommen, durch eine sehr frühe und regelmäßige Gabe von Erdnuss vermeiden kann, und diese Vermutung hat sich bestätigt. Zum Teil hatten diese Kinder auch bereits eine Neurodermitis, eine Erdnussallergie bestand jedoch nicht, denn sonst wäre der Verzehr von Erdnüssen im Rahmen einer Studie nicht möglich gewesen.

Könnte man aus der LEAP-Studie schließen, dass auch ein früher Kontakt zu anderen Allergene, wie z.B. Kuhmilch oder Hühnerei, einen protektiven Effekt vor den entsprechenden Allergien hätte?

Diese Fragestellung wird noch untersucht, denn speziell beim Hühnerei wäre das äußerst interessant. Deshalb wird in Nachfolgestudien zur LEAP-Studie nun auch untersucht, ob sich die Erkenntnisse zum Erdnussallergen auch auf andere Nahrungsmittelallergene übertragen lassen.

Deutlich wird anhand dieser Fragestellung auch der kulturell bedingte unterschiedliche Umgang mit Nahrungsmitteln. In Israel ist die frühe Gabe der genannten Erdnussflips schlicht „üblich“. In unseren Breiten hat man hingegen große Hemmungen, Säuglinge mit Erdnussflips zu füttern.

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Zu den Allergenen: Welche Allergene lösen im Kindesalter häufig Nahrungsmittelallergien aus?

Die Liste der „großen 7“ besteht aus Kuhmilch, Hühnerei, Soja, Erdnuss, Baumnuss, Weizen und Fisch. Hier kann man jedoch von einer gewissen Dynamik ausgehen. So waren vor 15 Jahren Allergien auf Kuhmilch und Hühnerei mit Abstand die häufigsten Nahrungsmittelallergien bei Kindern. Inzwischen ist in Bezug auf das gesamte Kindesalter die Erdnussallergie die häufigste Allergie. Weiter sehen wir in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme der Allergie auf Cashew. Die Rangliste der sieben häufigsten Allergene ist also „im Fluss“. Hinzu kommen altersspezifischen Unterschiede.

Welche altersspezifischen Unterschiede gibt es bei Kindern mit Nahrungsmittelallergien?

Es gibt Nahrungsmittelallergien, die die Tendenz zeigen, auszuheilen. Dazu gehört vor allem die Kuhmilchallergie, die eigentlich immer im ersten Lebensjahr manifestiert. In der Regel heilt die Kuhmilchallergie bis zum Alter von drei bis fünf Jahren aus, häufig bereits früher. Nur bei einem sehr kleinen Teil der betroffenen Kinder persistiert die Kuhmilchallergie länger oder sogar lebenslang.

Ähnlich ist es bei der Hühnereiallergie, auch sie heilt häufig bis zum Vorschul- bis Grundschulalter aus. Damit besteht sie tendenziell etwas länger, als die Kuhmilchallergie. Auch hier gibt es Kinder, die die Hühnereiallergie gar nicht verlieren.

Zu beachten ist, das gilt für die Hühnereiallergie und die Kuhmilchallergie gleichermaßen, dass 70 bis 80 Prozent der Kinder das Allergen in erhitzter bzw. verbackener Form vertragen. Deswegen wird bei Hühnerei-allergischen Kindern stets überprüft, ob sie verbackenes Ei, zum Beispiel in einem Kuchen, vertragen. Ist dies der Fall, bedeutet dies für die Familien eine enorme Erleichterung bei der Speiseplanung und -zubereitung. Dann müssen nur Speisen mit rohen oder kurz erhitzten Eiern aus dem Speiseplan gestrichen werden, und nicht sämtliche Eierspeisen. Für die Milchallergiker ist der Gewinn nicht ganz so groß, aber auch hier steigt natürlich die Lebensqualität, wenn das Kind Milch-haltige Backwaren essen darf.

Weizenmehlallergien haben auch eher die Tendenz, auszuheilen, wenn sie im ersten oder zweiten Lebensjahr manifestieren. Das gilt nicht für die eher bei Erwachsenen vorkommende Anstrengungs-induzierte Weizenmehlallergie, bei der allergische Symptome nur durch die Kombination körperlicher Anstrengung und Weizengenuss ausgelöst werden.

Etwas komplizierter wird es bei der Sojaallergie. Bei der Sojaallergie gibt es zwei verschiedene Formen, zum einen die genuine Sojaallergie, bei der die allergische Sensibilisierung auf die Speicherproteine des Soja erfolgt und die häufig bei kleinen Kindern auftritt, und die Kreuzallergie, die pollenassoziierte Sojaallergie. Bei der frühen Sojaallergie besteht häufig auch die Chance auf Ausheilung.

Die Allergie auf Fisch manifestiert sich oft später und neigt eher zur Persistenz. Hier gibt es aber auch verschiedene Formen. Allergien auf Meeresfrüchte bei Kindern sind dagegen in unseren Breiten eher selten.

Die Neigung zur Persistenz gibt es prinzipiell auch bei den Allergien auf Erdnuss oder Baumnüsse wie Haselnuss. Allerdings muss man auch hier die pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien und die genuinen Formen, bei denen es häufiger zu Reaktionen an des gesamten Körpers und einer schweren Symptomatik kommt, unterscheiden. Mit Hilfe der molekularen Allergiediagnostik lassen sich die Kreuzallergien von den „echten“ Erdnuss- und Baumnussallergien aber mittlerweile gut unterscheiden.

Bei den genuinen Allergien auf die Speicherproteine von Erdnuss oder Baumnuss besteht, zumindest bei früher Manifestation, das heißt im ersten oder zweiten Lebensjahr, eine gewisse Chance des Ausheilens. Es lohnt sich also, die Diagnostik im Abstand von einigen Jahren zu überprüfen. Bei der momentan sehr stark zunehmenden Cashew-Allergie fehlen noch die Daten zum natürlichen Verlauf.

Frau Dr. Nemat, herzlichen Dank für dieses Interview!

Quellen:

1) Feeney M, Du Toit G, Roberts G, Sayre PH, Lawson K, Bahnson HT, Sever ML, Radulovic S, Plaut M, Lack G; Immune Tolerance Network LEAP Study Team, Impact of peanut consumption in the LEAP Study: Feasibility, growth, and nutrition, J Allergy Clin Immunol. 2016 Oct; 138(4):1108-1118. doi: 10.1016/j.jaci.2016.04.016. Epub 2016 Jun 10, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27297994

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