Der Hype um's Essen: Fehlt die Ernährungskompetenz?

Das Thema Ernährung ist „Einstellungssache“. Es gibt Menschen, die sich sehr intensiv mit ihrer Ernährung beschäftigen und die vielleicht sogar Anhänger bestimmter – alter oder neuer – Ernährungstrends sind. Andere wiederum sehen keine Notwendigkeit, sich intensiv um ihre Ernährung zu kümmern, und sie genießen die Vielfalt der Fertigprodukte. Eine Gemeinsamkeit scheint es jedoch zu geben: Vielen fällt es zunehmend schwer, Nahrungsmittel richtig einzuordnen. Auffällig wird dies insbesondere dann, wenn Menschen aufgrund von Erkrankungen auf ihre Ernährung achten müssen, wie Christiane Binder, Diätassistentin und Neurodermitistrainerin „Ernährung“ in ihrem Workshop zum Thema „Schulung und veränderte Essgewohnheiten“ deutlich machte. Im Rahmen der 15. AGAS/AGNES-Jahrestagung 2018 sprach sie mit MeinAllergiePortal über das Thema: Hype um's Essen: Fehlt uns die Ernährungskompetenz?

Frau Binder, Sie schulen regelmäßig die Eltern zum Thema Kinderernährung, wo besteht der größte Informationsbedarf?

Die Eltern von Kindern mit Neurodermitis wünschen sich konkrete Informationen dazu, was ihre Kinder essen dürfen und was nicht. Im Grunde hoffen sie, dass es möglich ist, die Neurodermitis-Schübe durch das Weglassen bestimmter Nahrungsmittel zu verhindern.

Allerdings sind Nahrungsmittel in den meisten Fällen kein Triggerfaktor. Nur ein Drittel aller Kinder mit schwerer Neurodermitis sind von einer Nahrungsmittelallergie betroffen. Allerdings ist im Säuglingsalter und bei frühem Krankheitsbeginn der Anteil höher. Und: 90 Prozent dieser Kinder reagieren nur auf ein oder zwei Nahrungsmittel - und nicht auf eine Vielzahl - allergisch.

 

Sehen sie in Ihrer Ernährungsberatung so etwas wie ein „klassisches Missverständnis“?

Ein klassisches Missverständnis ist es, wenn Eltern glauben, die Neurodermitis durch das Weglassen von Nahrungsmitteln verbessern zu können. Nur bei Kindern, bei denen ein Nahrungsmittel als Triggerfaktor eindeutig nachgewiesen wurde, ist eine Allergenkarenz sinnvoll.

Ein weiteres Missverständnis ist, dass viele Eltern in Bezug auf die Allergiepräventionsempfehlungen immer noch auf dem Stand der ersten Präventionsempfehlungen von 2004 sind, die heute aber nicht mehr gelten. Damals lautete die Empfehlung, potenzielle Allergene erst zu einem späten Zeitpunkt in den Speiseplan einzuführen. Wie in den Allergiepräventionsempfehlungen von 2014, bzw. der S3 Leitlinie, festgehalten, kann Allergenkarenz gerade dazu führen, dass sich Sensibilisierungen entwickeln. Man empfiehlt heute eine frühe Beikosteinführung ab dem 5. Lebensmonat ohne jegliche Einschränkung von Nahrungsmitteln.

Und ebenso ist es ein Missverständnis, dass Zucker Neurodermitis-Schübe auslösen kann – dem ist nicht so.

Womit haben die Eltern häufig Schwierigkeiten?

Bei der Ernährungsberatung arbeitet man mit der Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), d.h. die Eltern bekommen Empfehlungen zur Zusammensetzung der täglichen Mahlzeiten nach Lebensmittelgruppen. Konkret bedeutet das, dass Empfehlungen zur Verzehrmenge von Flüssigkeit (6 Portionen), Gemüse (3 Portionen), Obst (2 Portionen), Getreide (4 Portionen), Milchprodukten (3 Portionen), Fisch und Fleisch (1 Portion), Fetten und Ölen (2 Portionen) und Süßigkeiten (1 Portion) gegeben werden. Als Maßsstab für eine Portion gilt die Menge, die in eine Hand des Kindes bzw. der Person passt.

Oft zeigt sich hier, dass die Eltern eher mit Fertigprodukten als mit unverarbeiteten Nahrungsmitteln arbeiten. Es fällt ihnen dann sehr schwer einzuordnen, welches Nahrungsmittel bzw. Lebensmittel in welche Kategorie gehört.
Aber: Selbst wenn die Eltern ein Lebensmittel prinzipiell richtig zuordnen, können sie oft die Qualität der Verarbeitung nicht beurteilen.

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