Nahrungsmittelallergie Erdnussallergie

Prof. Dr. Susanne Lau, Oberärztin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie u. Immunologie, Charité Universitätsmedizin, Berlin zu möglichen Ursachen für steigende Zahlen bei Nahrungsmittelallergien bzw. die Erdnussallergien!

Nahrungsmittelallergie - Erdnussallergie: Die Zahlen steigen

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Konsum von Fertigprodukten und Fertiggerichten und der Entstehung von Allergien?

Grundsätzlich enthält Convenience Food hohe Anteile an Fett und Kohlenhydraten und ist somit nicht gesund.

Hinzu kommt, dass bei der Produktion von Fertigprodukten und Fertiggerichten Verarbeitungsprozesse eingesetzt werden, die eher solche Strukturen generieren, die für das Immunsystem ein falsches Gefahrensignal darstellen können. Man weiß z.B., dass das Erhitzen von Eiweiß-Fett-Kohlenhydrat-Gemischen sogenannte AGEs entstehen, Advanced Glycosylation Endproducts, die in traditionell zubereiteten Speisen so nicht vorkommen. AGEs entstehen bei Röstverfahren und dienen u.a. der Verstärkung der Geschmacksintensität. So wird z.B. beim Rösten von Fett und Zucker ein Karamellgeschmack erzeugt. Diese veränderten Zuckerendprodukte werden in vielen Fertigbackprodukten, Chips und Snacks eingesetzt.

Übrigens entstehen AGEs auch beim Aufwärmen in der Mikrowelle, die heutzutage ja auch in vielen Haushalten sehr intensiv genutzt wird, sowie beim Toasten und Überbacken.

 

Die AGEs in „overprocessed food“ bzw. industriell erzeugten Lebensmitteln aktivieren also das Immunsystem?

Tierexperimente haben gezeigt, dass AGEs dem Immunsystem eine Gefahr signalisieren, die nicht existiert und dass sie zu einer Entzündung führen können. Das Immunsystem reagiert dann auf die AGEs als seien sie ein Pathogen, z.B. ein Bakterium. Bei hohem Verzehr von Produkten, die diese AGEs enthalten kann durchaus dazu führen, dass der Körper unnötige Entzündungsreaktionen produziert. Bei AGEs-armer Kost hingegen, entstehen Entzündungsreaktionen wahrscheinlich seltener.

Interessant ist auch, dass sich auch in Kuhmilch, die in der Mikrowelle erhitzt wurde, der Anteil der AGEs, im Vergleich zur traditionellen Erhitzung von Milch in einem Topf, erhöht.

Ist Milch nicht grundsätzlich bereits in ihrer Zusammensetzung stark verändert, weil sie mittlerweile stets ultrahocherhitzt in den Handel kommt?

Ja. Bei der extrem starken Erhitzung von Milch greifen andere Mechanismen, denn dadurch werden auch positive Bakterien abgetötet, die positive Effekte auf den Organismus haben. Das Ultrahocherhitzen verändert den Anteil der Mikroben in der Milch, was die Haltbarkeit erhöht, aber die positiven Bakterien der Kuhmilch eliminiert, die einen protektiven Effekt gegen Allergien haben können. In den Bauernhof Studien hat sich gezeigt, dass der Genuss von unverarbeiteter Kuhmilch wahrscheinlich auch ein protektiver Faktor bei den Bauernhof-Kindern ist. In Bauernhof-Familien wird die eigene Milch getrunken und sicher auch erhitzt, um Bakterien abzutöten, aber nicht in dem Maße wie die industriell verarbeitete Kuhmilch.

Zurück zu den AGEs: Inwieweit wird es möglich sein, den Einfluss der AGEs auf die Entstehung von Allergien nachzuweisen?

Die Evidenz für den Zusammenhang von AGEs und Allergien nachzuweisen ist schwierig. Aus ethischen Gründen ist es nicht möglich, eine Head-to-head-Studie durchzuführen, bei der ein Teil der Studienteilnehmer natürliche Nahrungsmittel und der andere AGEs-reiche Nahrung, sprich Convenience Food, Fertigprodukte und Mikrowellenmahlzeiten erhält. Vielmehr muss man sich auf Erkenntnisse aus bevölkerungsbezogene Ernährungsgewohnheiten und In-vitro-Untersuchungen an Tiermodellen stützen. Die Makrophagenaktivierung bzw. die Aktivierung von weißen Blutzellen durch AGEs ist bereits experimentell gezeigt. Zudem weiß man, dass gerade in den anglo-amerikanischen Ländern, wo die Prävalenz von allergischen Erkrankungen sehr hoch ist, die Ernährungsgewohnheiten stark von Fertigprodukten geprägt sind, sodass man daraus Schlüsse ziehen kann.

Wird das Meiden von AGEs zur Allergieprävention empfohlen werden, z.B. in den nächsten Leitlinien?

Vorstellbar wäre, dass der potenzielle Einfluss der AGEs auf die Entstehung von Allergien in den nächsten Leitlinien zumindest in den Fokus kommen wird, wenn auch nicht gleichrangig mit Erkenntnissen mit einem hohen Evidenzgrad.

Auch die Leitlinien-Empfehlung, zur Allergieprävention Fisch in den Speiseplan aufzunehmen, basiert nicht auf starker Evidenz. Auch hier gibt es keine Studien, bei denen hoher und niedriger Fischkonsum verglichen worden sind. Es gibt aber epidemiologische Daten in Verbindung mit dem Wissen, dass Omega 3 Fettsäuren – und hier gibt es Interventionsstudien - einen positiven Effekt haben.

Welche anderen Faktoren könnten bei der Entstehung von Nahrungsmittelallergien bzw. bei deren Prävention, eine Rolle spielen?

In Bezug auf die Allergieprävention steht auch das Konzept der Beikost-Einführung immer wieder auf dem Prüfstand. Lange Zeit ging man davon aus, dass allergiegefährdete Kinder die häufigsten Nahrungsmittelallergene zunächst nicht verzehren sollten. Daten, die im Vergleich bei Kindern aus Israel und Großbritannien erhoben wurden, sowie die ersten Resultate der LEAP-Studie, die 2015 veröffentlicht wurden, wiesen jedoch in eine andere Richtung.

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