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gefährliche Nahrungsmittelallergie Risiko

Dr. Lars Lange, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder-Pneumologe und Allergologe, St. Marien-Hospital, Bonn zu gefährlichen Nahrungsmittelallergien!

Risiko Nahrungsmittelallergie: Wann kann das gefährlich werden?

Ein positiver Allergietest allein ist also noch keine verlässliche Diagnose?

Fast 50 Prozent der Patienten, die mit Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie in meine Praxis kommen, sind verunsichert, weil sie bereits positive Allergietests erhalten haben, ohne dass sie Symptome gezeigt hätten. Ein Allergietest sollte daher nur dann durchgeführt werden, wenn ein konkreter Verdacht besteht, d.h. wenn Symptome aufgetreten sind, die auf eine Allergie hinweisen – alles andere ist für die Patienten sehr verwirrend.

Ein Beispiel: Ein Birkenpollenallergiker, der gegen Panallergene, z.B. Profiline, sensibilisiert ist, kann im Allergietest auf alle möglichen Nahrungsmittel positiv testen, ohne jemals Symptome entwickelt zu haben. Für diesen Menschen ist es also nicht sinnvoll, sämtliche Nahrungsmittel zu meiden, die jene Profiline enthalten. Oder: Wenn ein Birkenpollenallergiker bei Äpfeln tatsächlich Symptome hat, wird im Allergietest häufig auch nach Allergenen geschaut, die bei Birkenpollenallergikern ebenfalls Symptome auslösen können. Das Ergebnis des Tests ist dann oft, dass auch Sensibilisierungen auf Kirsche, Pfirsich, Haselnuss und diverse andere kreuzreaktive Allergene festgestellt werden. Auch dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Nahrungsmittel fortan vom Speiseplan gestrichen werden sollten. Gestrichen werden sollte nur, was nicht vertragen wird, sprich, was Allergiesymptome hervorruft.     

Woran liegt es, dass Allergietests durchgeführt werden, obwohl die Anamnese dies eigentlich nicht hergibt?

Die Allergologie ist ein zeitintensives Fachgebiet. Der Arzt muss sich viel Zeit nehmen, mit dem Patienten ausführlich reden und  genau abklären, was vertragen wurde, was nicht vertragen wurde und in welchem Zusammenhang.

Bei Kindern kommt noch hinzu, dass viele Allergien im Laufe der Zeit wieder verschwinden. Es ist deshalb wichtig, in der Anamnese zu ermitteln, wann genau die letzte Reaktion stattgefunden hat. Kam es bei einem Kind in den letzten ein bis zwei Jahren nicht mehr zu Symptomen auf Nahrungsmittel, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind tolerant geworden ist. Darüber hinaus sind auch Begleitsymptome wichtig, wenn es um Nahrungsmittelallergien geht, z.B. sollte immer abgeklärt werden, inwiefern z.B. auch ein Heuschnupfen oder Asthma bestehen, denn all das können Risikofaktoren sein.

Grundsätzlich ist in den Arztpraxen nicht immer die nötige Zeit vorhanden. Die Anzahl der Patienten, die täglich in die Praxis kommen, ist bei vielen Ärzten sehr hoch, so dass für den einzelnen Patienten oft nicht genug Zeit bleibt. Hier könnte die Zusammenarbeit mit allergologisch gut geschulten Ernährungskräften hilfreich sein, sowohl für den Arzt, als auch für den Patienten. Die Ernährungskräfte könnten z.B. die Vorgeschichte des Patienten erheben und mit dem Arzt auf Augenhöhe zusammenarbeiten und Vorschläge für die weitere Vorgehensweise, z.B. für Testungen, entwickeln.  

Welche Konsequenzen könnte es haben, wenn ein Allergietest nicht präzise genug ist?

Eine unpräzise Abklärung einer Allergie verändert die Lebensqualität des Patienten. Wenn ein Arzt einer Mutter ein zufälliges Testergebnis ihres Kindes, wie z.B. eine Sensibilisierung auf Erdnuss, beiläufig mitteilt, löst er damit etwas aus. Die Mutter wird versuchen, sich zu informieren und findet über Google Informationen, z.B. zu Todesfällen aufgrund von Erdnussallergien oder schweren allergischen Reaktionen, ausgelöst durch einen Kuss. Das alles kann sehr beängstigend sein, und die Mutter wird von diesem Zeitpunkt an in ständiger Angst um ihr Kind leben, was die Lebensqualität grundlegend und existentiell beeinträchtigt.

Deshalb darf es niemals passieren, dass Patienten von einem Arzt den Rat erhalten, ein Nahrungsmittel prophylaktisch zu meiden, nur aufgrund der Tatsache, dass eine Sensibilisierung besteht. Ein solcher Rat kann sogar dazu führen, dass eine Allergie überhaupt erst entsteht. Gerade bei Kindern besteht häufig trotz der Sensibilisierung eine Toleranz. Wenn das betreffende Nahrungsmittel dann gemieden wird, kann diese Toleranz verschwinden und eine Allergie kann entstehen. Man sieht es in der Praxis nicht selten, dass eine Allergie durch die Karenz erst hervorgerufen wird. Die wichtigste Frage des Arztes ist also: Was wurde in den letzten Wochen gegessen und vertragen und all dies darf nicht getestet werden.

Und: Patienten die positiv auf bestimmte Nahrungsmittel getestet wurden, keine Symptome haben und jetzt verunsichert sind, sollten eine qualifizierte Ernährungsberatung aufzusuchen oder sich an ein spezialisiertes Allergiezentrum zu wenden.

Man forscht zurzeit an Therapiemöglichkeiten für Patienten mit Nahrungsmittelallergien, welche Möglichkeiten gibt es aktuell?

Zurzeit gibt es noch keine Therapie für Menschen mit Nahrungsmittelallergien. Es wird jedoch intensiv geforscht, z.B. zur oralen Immuntherapie bei Erdnussallergie und das bereits in einer weltweiten Phase III-Studie zu einem konkreten Medikament. Sollten die Ergebnisse der Studie positiv sein, wird diese Therapieoption zukünftig zu Verfügung stehen. Auch ein weiteres Unternehmen forscht an einer Therapie der Erdnussallergie.

Außerdem wird zurzeit weltweit an einer epikutanen Immuntherapie, d.h. eine Pflaster-Immuntherapie zur Behandlung der Erdnussallergie geforscht, an der auch wir teilnehmen. Hierfür werden den Studienteilnehmern täglich Pflaster, die Erdnussproteine enthalten, am Rücken angebracht. In Vorstudien konnte man nachweisen, dass sich das Immunsystem durch das Pflaster an das Erdnussprotein gewöhnt und die Toleranzschwelle steigt, proportional zur Dauer der Therapie. In die Studie wurden dementsprechend hochallergene Kinder eingeschlossen, die bereits auf Spuren des Erdnussallergens reagieren. Der Abschluss der Studie ist für Ende 2017 geplant, und wenn die Ergebnisse positiv sind, könnte ab 2018 bzw. 2019 eine Therapie zur Verfügung stehen.  

Welche Rolle spielt die molekulare Allergiediagnostik bei bestehenden und neuen allergenspezifischen Immuntherapien?

Man hat gesehen, dass Kinder mit niedrigeren IgE-Werten, d.h. schwächeren Sensibilisierungen eine höhere Chance haben, dass die allergenspezifische Immuntherapie erfolgreich ist. Einen Marker, d.h. eine weitergehende Differenzierung, kennt man jedoch noch nicht. Ebenfalls ist bekannt, dass die Hyposensibilisierung bei kleinen Kindern, die noch nicht so lange erkrankt sind, deutlich besser wirkt, als bei Erwachsenen. Die molekulare Allergiediagnostik hat insofern einen Einfluss, als sie dazu beitragen kann, klinisch relevante Sensibilisierungen exakter zu diagnostizieren und so eine frühere und damit erfolgreichere allergenspezifische Immuntherapie zu ermöglichen.  

Herr Dr. Lange, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:

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2)    Ballmer-Weber BK. Kutane Symptome nach Genuss pollenassoziierter Nahrungsmittel. Der Hautarzt 57(2):108-115

3)    Asarnoj A, Hamsten C, Lupinek C, Melén E, Andersson N, Anto JM, Bousquet J, Valenta R, van Hage M, Wickman M; MeDALL Consortium. Prediction of peanut allergy in adolescence by early childhood storage protein-specific IgE signatures: The BAMSE population-based birth cohort. J Allergy Clin Immunol. 2017 doi: 10.1016/j.jaci.2016.12.973

4)    Posa D, Perna S, Resch Y, Lupinek C, Panetta V, Hofmaier S, Rohrbach A, Hatzler L, Grabenhenrich L, Tsilochristou O, Chen KW, Bauer CP, Hoffman U, Forster J, Zepp F, Schuster A, Wahn U, Keil T, Lau S, Vrtala S, Valenta R, Matricardi PM. Evolution and predictive value of IgE responses toward a comprehensive panel of house dust mite allergens during the first 2 decades of life. J Allergy Clin Immunol. 2017 Feb;139(2):541-549.e8. doi: 10.1016/j.jaci.2016.08.014

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