Nocebo-Effekt: Was heißt das für Symptome und Therapie?
Der Nocebo-Effekt ist im Gegensatz zum Placebo-Effekt nicht so bekannt. Dabei ist seine Wirkung allgegenwärtig, denn er kann reale Symptome auslösen und die Therapie negativ beeinflussen. Über die Auswirkungen des Nocebo-Effektes sprach MeinAllergiePortal mit Univ.-Prof. Dr. Manfred Schedlowski, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie an der Universitätsmedizin Essen.

Interviewpartner: Univ.-Prof. Dr. Manfred Schedlowski
Autor: Sabine Jossé M.A.
Herr Prof. Schedlowski, was ist ein Nocebo-Effekt?
Der Nocebo-Effekt ist im Prinzip der böse Bruder des Placebo-Effekts und bewirkt genau das Gegenteil. Ein Beispiel, das viele sicherlich schon erlebt haben: Man hat ein neues Medikament eingenommen, liest dann den Beipackzettel und plötzlich spürt man genau die Nebenwirkungen, die dort aufgelistet sind. Das können Kopfschmerzen sein, Schwindel, Übelkeit oder andere Beschwerden, und das obwohl man das Medikament gerade erst eingenommen hat und es eigentlich in der Kürze der Zeit noch gar nicht gewirkt haben kann. Das ist ein typischer Nocebo-Effekt. Beim Placebo-Effekt ist das genau umgekehrt: Man nimmt eine wirkungslose Substanz ein, aber trotzdem hilft es, weil eine positive Erwartung besteht.
Wie kam es zur Entdeckung des Placebo-Effekts?
Entdeckt wurde der Placebo-Effekt von dem Arzt Henry Knowles Beecher, der im Zweiten Weltkrieg für ein Lazarett verantwortlich war. Als das Morphium zur Versorgung der teilweise schwer kriegsverletzten Soldaten ausging, behalf man sich, indem man Kochsalz-Infusionen verabreichte. Überraschenderweise berichtete ein Großteil der mit Kochsalz infundierten Soldaten über eine Schmerzlinderung. Nach dem Krieg wurde Beecher der erste Ordinarius für Anästhesiologie an der Harvard Medical School und hat die ersten Studien zum Phänomen Placebo durchgeführt.
Wie kommt es beim Nocebo-Effekt zu Symptomen?
Um beim Beispiel der Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel zu bleiben: Die negative Erwartung, dass es zu unerwünschten Reaktionen kommt, löst Ängste aus, und es kann zur Ausschüttung von Stresshormonen kommen, die konkrete körperliche Wirkungen haben. Das ist keine Einbildung, sondern dahinter steckt Biologie. Beim Placebo-Effekt wissen wir, dass die positiven Erwartungen der Patienten in Hinblick auf die Wirkung eines Medikamentes tatsächlich körperliche Veränderungen auslösen, die auch durch bildgebende Verfahren nachgewiesen wurden. Eine der aktuelleren Untersuchungen bestätigt eindrucksvoll, dass eine positive Erwartungshaltung zu einer schmerzlindernden Intervention die Schmerzen der Probanden lindern kann, während die Ankündigung von Schmerzen diese verstärkt, obwohl in beiden Fällen wirkungslose Placebos verabreicht wurden. Dass es sich dabei nicht allein um eine subjektive Wahrnehmung handelt, belegen Gehirn-Scans, die die Aktivität des schmerzverarbeitenden Systems nachweisen. Besonders häufig kommt es im Zusammenhang mit Allergien und Unverträglichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel zu Nocebo-Reaktionen.
Heißt das, dass es sich bei einer Nahrungsmittelallergie nicht immer um einen Allergenkontakt oder bei Zöliakie, nicht immer um eine Gluten-Kontamination handelt, wenn man nach dem Essen Symptome hat?
Das könnte sein. Wenn man eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat und in einem unbekannten Restaurant essen geht, ist das oft mit einer gewissen Anspannung verbunden. Man befürchtet, dass die Küche mit speziellen Anforderungen nicht sorgsam genug umgeht, und das induziert Erwartungsangst. Dadurch kann es durchaus zu realen, insbesondere auch Unverträglichkeits-Symptomen wie Kribbeln, Engegefühl oder auch Hautreaktionen kommen.
Wie kann man wissen, ob die Symptome vom Nocebo-Effekt kommen oder „echt“ sind?
Selbstverständlich sollte man alle Symptome immer ernst nehmen. Man sollte sich aber auch bewußt sein, dass es enge Verbindungen zwischen psychischen Prozessen und den Organsystemen gibt. Dementsprechend sollte man wissen, dass nicht jede körperliche Reaktion zwingend eine allergische Ursache hat oder eine Unverträglichkeitsreaktion ist, weil sich eben auch Erwartungsängste körperlich bemerkbar machen können. Handelt es sich um Befürchtungen in Bezug auf ein Medikament, sollte man mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin über diese Ängste sprechen. Wenn man gut informiert und gut begleitet ist, treten nachweislich wesentlich weniger unangenehme Nocebo-Effekte auf. Weiß man bereits, dass man auf die Informationen in Beipackzetteln mißtrauisch reagiert, sollte man selbst entscheiden, wie man mit solchen Informationen umgeht. Nicht jeder Beipackzettel muss tatsächlich auch bis zum Ende durchgelesen werden, und nicht jede Erfahrung, die man in Internet-Foren liest, trifft auf alle anderen zu.
Gibt es Menschen, bei denen es eher zu Nocebo-Effekten kommt als bei anderen?
Die Frage, warum es bei einigen Patienten regelmäßig und sehr heftig zu Nocebo-Effekten kommt, bei anderen mittelmäßig häufig und bei noch anderen gar nicht, konnte die Placebo-Nocebo-Forschung noch nicht abschließend klären. Bislang konnte man lediglich sehen, dass Patienten, die eher ängstlich sind, tendenziell dazu neigen, diese Nocebo-Effekte zu zeigen. Man sucht aber noch nach weiteren Prädiktoren, seien es Biomarker oder Psychomarker.
Wie ist „ängstlich“ denn definiert?
Angst kann man messen, dafür gibt es gute standardisierte Fragebögen. Aber auch hier kommt es immer auf den situativen Kontext an, denn Menschen reagieren, je nach Situation, sehr unterschiedlich. Man kann zum Beispiel laut Fragebogenauswertung hohe Werte im Bereich Ängstlichkeit aufweisen, aber vor einer Operation, die ja bei vielen große Ängste auslöst, stoisch ruhig sein. Der Fragebogen lässt hier keine Schlussfolgerungen zu.
Wenn der Nocebo-Effekt sich so stark auf die Wirksamkeit von Medikamenten auswirkt, inwieweit wird das in die Arzt-Patienten-Kommunikation berücksichtigt?
In den universitären Einrichtungen arbeiten wir intensiv daran, zukünftige Medizinerinnen und Mediziner stärker in der Patienten-Kommunikation zu schulen. Sie müssen sich viel stärker bewußt werden, dass man durch die Kommunikation die Wirksamkeit einer Medikation unterstützen kann. Ist man sich der Placebo-Nocebo-Antwort bewußt, gelingt es deutlich besser, so zu kommunizieren, dass Ängste nicht entstehen und dass diese unerwünschten Nebenwirkungen gar nicht erst auftreten.
Herr Prof. Schedlowski, vielen Dank für dieses Gespräch!
Wichtiger Hinweis
Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
Artikel teilen
-
Allergie auf Kuhmilcheiweiß oder Hühnereiweiß: Mit der „Leiter“ werden kleine Kinder schneller tolerant!
-
Wasserlinsen: Das Superfood der Zukunft mit antientzündlicher Wirkung?
-
Milchprodukte: Gesund oder schädlich für Verdauung und Immunsystem?



