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Wasserlinsen: Das Superfood der Zukunft mit antientzündlicher Wirkung?

Wasserlinsen gehören hierzulande nicht zu den gängigen Gemüsesorten. Das könnte sich aber bald ändern, denn die Forschung hat gezeigt: Wasserlinsen enthalten viele Nährstoffe, haben eine antientzündliche Wirkung und sind zudem leicht anzubauen. MeinAllergiePortal sprach mit em. Prof. Dr. Gerhard Jahreis, Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena über die positiven Eigenschaften der Wasserlinsen und ihr Potenzial für die Gesundheit.

Wasserlinsen Entengrütze antientzündlich Allergen-frei
Wasserlinsen: Das Superfood der Zukunft mit antientzündlicher Wirkung?

Autor: Sabine Jossé

Interviewpartner: em. Prof. Dr. Gerhard Jahreis

Herr Prof. Jahreis, was sind Wasserlinsen?

Welche Arten Wasserlinsen gibt es? Wie unterscheiden sie sich?

Wasserlinsen sind kleine, freischwimmende Wasserpflanzen aus der Familie der Lemnaceae (Blütenpflanzen). Diese Familie umfasst 35 anerkannte Arten, die in fünf Gattungen unterteilt sind: Spirodela, Landoltia, Lemna, Wolffiella und Wolffia. Ein charakteristisches Merkmal der Wasserlinsen ist ihre Fähigkeit, in stehenden Süßwassersystemen in unterschiedlichsten Klimazonen schnell zu wachsen, sofern Temperatur und Lichtverhältnisse ausreichend sind. Viele Arten weisen daher eine weite geografische Verbreitung auf. Die außergewöhnlich hohen Wachstumsraten, mit Biomasseverdopplungszeiten von etwa 1 bis 7 Tagen, unterscheiden Wasserlinsen von den meisten terrestrischen Nutzpflanzen und unterstreichen ihre Bedeutung für zukünftige Ernährungssysteme.

Sind Wasserlinsen das gleiche wie Entengrütze?

Ja, Wasserlinsen, im allgemeinen als Entengrütze bekannt, gehören, wie gesagt, zur Familie der Lemnaceae, engl. vergleichbar dem englischen „Water lentils“ oder „Duckweed“

Welche Wasserlinsen-Arten sind essbar, gibt es auch giftige Wasserlinsen-Arten?

Wahrscheinlich sind alle Wasserlinsen essbar, und zwar die ganze Pflanze und nicht nur Teile davon. Bisher gibt es keine Hinweise, dass der Verzehr für Menschen ungeeignet ist. Allerdings sind noch nicht alle Spezies wissenschaftlich untersucht worden. In einigen asiatischen Ländern gibt es weit zurückreichende Traditionen für Wasserlinsen als Nahrungsmittelpflanze, besonders in Thailand.

Wichtig zu wissen ist: Die EU-Kommission hat 2025 Lemna gibba und L. minor für den kommerziellen Vertrieb als neuartige Lebensmittel zugelassen, nachdem Wolffia globosa und W. arrhiza bereits 2021 zugelassen worden waren.

Sind Wasserlinsen gesund bzw. wie gesund sind sie im Vergleich zu anderen Nahrungsmitteln?

Wasserlinsen sind gesund und vergleichbar unserem Blattgemüse, etwa Spinat oder Salat. Sie sind allerdings wesentlich nährstoffreicher, insbesondere im Hinblick auf ihren Proteingehalt und Omega-3-Fettsäuren.

Wasserlinsen sind also eine gute Quelle für Eiweiß und Omega-3-Fettsäuren

Die Proteinqualität der Wasserlinsen übertrifft die von Getreide deutlich. Ihre Proteinqualität, gemessen anhand des PDCAAS – das ist der Protein Digestibility Corrected Amino Acid Score - liegt im Bereich mittel- bis hochqualitativer Hülsenfrüchte und variiert zwischen 0,67 und 0,98.
Wasserlinsenöl ist reich an Omega-3-Fettsäuren. Bei Wolffia-Arten besteht mehr als ein Drittel des Gesamtfetts aus α-Linolensäure. Dies führt zu einem bemerkenswerten n-6/n-3-Verhältnis von <1. Darüber hinaus enthalten einige Arten Stearidonsäure (omega-3) und geringe Mengen an Gamma-Linolensäure. Somit stellt Wasserlinsenöl eine wertvolle therapeutische Unterstützung für Menschen mit entzündlichen Erkrankungen dar.

Welche Vitamine und Mineralien stecken in Wasserlinsen?

Der Mineralstoffgehalt von Wasserlinsen variiert in Abhängigkeit vom Gehalt in der Nährlösung, das heißt je nach Mineralmangel in der menschlichen Population können die Wasserlinsen zum Beispiel mit Selen oder Zink angereichert werden.

Der Vitamingehalt von Wasserlinsen macht sie zu einer wertvollen Kulturpflanze, um kritische Nährstofflücken bei pflanzenbasierter Ernährungsweise zu schließen, insbesondere durch ihren β-Carotin-Gehalt (20–40 mg/100 g Trockenmasse) und das Vorhandensein von bioaktivem Vitamin B12 (0,7–3,4 µg/100 g Trockenmasse) durch bakterielle Symbiose – eine Eigenschaft, die bei anderen pflanzlichen Lebensmitteln nicht möglich ist.

Gibt es bei den Wasserlinsen auch Nachteile?

Als Wasserpflanzen weisen Wasserlinsen einen relativ geringen Trockenmassegehalt auf. Der durchschnittliche Trockenmassegehalt von Wolffia-Arten liegt unter optimalen Wachstumsbedingungen bei 4 bis 8 Prozent. Werden Wasserlinsen als Salat frisch verzehrt, ist die Nährstoffaufnahme begrenzt. Ein Nachteil liegt darin, dass bei der Trocknung bzw. Proteinanreicherung ein hoher Energieeintrag erforderlich ist.

Als antinutritive Verbindungen in Wasserlinsen wurden häufig Phytat, Nitrat und Oxalat beschrieben. Auf Grundlage der derzeit verfügbaren quantitativen Daten scheinen die Gehalte an Phytat, Nitrat und löslichem Oxalat jedoch keine kritischen Faktoren zu sein.

Was bewirken Wasserlinsen im Körper?

Je nach individueller Ernährungsweise und in Abhängigkeit vom limitierenden Nährstoff können Wasserlinsen dazu beitragen die Versorgung mit essenziellen Aminosäuren, mit limitierenden Spurenelementen und Vitaminen zu verbessern.

Helfen Wasserlinsen denn auch beim Abnehmen bzw. haben sie einen hohenSättigungseffekt?

Kohlenhydrate stellen den Hauptbestandteil von Wasserlinsen dar. Die Kohlenhydratfraktion besteht aus Cellulose und Hemicellulose, Pektin und anderen Ballaststoffen sowie Stärke und Zucker. Mit einem Anteil von 26 Prozent sind die Wolffia-Arten besonders ballaststoffreich. Die günstige Zusammensetzung der Wasserlinsen mit einem hohen Anteil an Ballaststoffen und wenigen löslichen Kohlenhydraten verhindert einen starken Anstieg des Blutzuckerspiegels nach dem Essen.

Sind Wasserlinsen frei von Allergenen?

Das holländische Unternehmen Plantible Foods, das sich auf die Produktion nachhaltiger Lebensmittel spezialisiert hat, baut Wasserlinsen in Texas, USA an. Das daraus gewonnene "Rubi protein" wird vom Hersteller unter anderem auch als "Allergen-frei" bezeichnet. Ein wissenschaftlicher Beleg für diese Aussage liegt nicht vor. Aber: Allergische Reaktionen oder Unverträglichkeiten durch Wasserlinsen sind bisher nicht bekannt und aufgrund der über Jahrhunderte währenden Nutzung im südostasiatischen Raum auch unwahrscheinlich.

Wo werden Wasserlinsen angebaut?

Wasserlinsen werden traditionell in Südostasien verzehrt und sind nach wie vor Bestandteil der lokalen Ernährung, sogar mit stark steigender Tendenz. In Thailand werden Wolffia spp. frisch als „Khai-nam“ verkauft und in Omeletts, Salaten und Gemüsecurrys verwendet.

Wo kann man Wasserlinsen aktuell schon kaufen?

Aufgrund ihres schnellen Wachstums und ihres hohen Gehalts an Nährstoffen und bioaktiven Verbindungen ist das Interesse an Wasserlinsen weltweit gestiegen. Produktionsstätten wurden in Israel, Thailand und mehreren westeuropäischen Ländern errichtet.

Welche Produkte enthalten jetzt schon Wasserlinsen?

Die Verbraucherakzeptanz wurde in mehreren Studien untersucht. Die Akzeptanz bei niederländischen Verbrauchern stieg, wenn die ernährungsphysiologischen und ökologischen Vorteile kommuniziert wurden, vorausgesetzt, die sensorische Qualität war zufriedenstellend. Ein Zusatz von Wolffia globosa zu Pasta in Mengen von bis zu 5 Prozent, bezogen auf das Mehl, erhöhte den Proteingehalt bei gleichzeitig akzeptablem Geschmack und Aroma. Die technologische Anwendung von Wasserlinsen in Lebensmitteln befindet sich noch in einem frühen Stadium und konzentriert sich derzeit hauptsächlich auf Snacks und Pasta. Ein optimierter Reissnack mit Wolffia arrhiza erreichte einen Proteingehalt von 21 Prozent sowie erhöhte Phenol- und Flavonoidwerte und eine erhöhte antioxidative Aktivität. Mit Wolffia-Pulver konnte Erbsenprotein in extrudierten Fleischanaloga teilweise oder vollständig ersetzt werden. Angesichts der begrenzten technologischen Daten, die für die meisten Arten verfügbar sind, sollte der Markteintritt zunächst minimal verarbeitete Produkte priorisieren, um die Verbraucherakzeptanz zu fördern.

Kann man Wasserlinsen aus dem Gartenteich essen oder generell selbst anbauen?

Der Verzehr aus offenen Gewässern ist nicht zu empfehlen, wenn man die Qualität des Wassers nicht kennt. Prinzipiell ist der Anbau in Trinkwasser unter Verwendung von zertifizierten Nährstofflösungen möglich. 

Können Wasserlinsen die Welternährung sichern?

Für resiliente Ernährungssysteme sind Wasserlinsen aufgrund ihrer hohen Biomasse-Produktion in der Zeiteinheit und aufgrund ihres geringen Flächenbedarf von Interesse. Dies gilt im besonderen Maße unter schwierigen Anbaubedingungen, für geschlossene Kreisläufe sowie in der Raumfahrt.

Wie sieht die Forschung zu Wasserlinsen aus?

Die Forschung an Wasserlinsen verfolgt die folgenden Ziele:

  1. Optimierung der Anbaubedingungen bezüglich Licht, Temperatur und Nährstoffeinsatz im Kulturmedium, insbesondere für größere Maßstäbe
  2. Speziesspezifische Optimierung hinsichtlich Proteinertrag, Gehalt an wertvollen Fettsäuren, Anreicherung von Vitamin B12 und anderer Vitamine, Anreicherung mit essenziellen Mineralien,
  3. Minimierung antinutritiver Substanzen.
  4. Nutzung der Wasserlinsen als pharmazeutische Bioplattform für die Synthese wichtiger Biomoleküle, darunter Carotinoide (Lutein, Zeaxanthin, Violaxanthin), Sterole, Phytole, Flavonoide (Apigenin, Luteolin), Phenolsäuren (Kaffeesäure, Ferulasäure) und Polyphenole.

Es liegen inzwischen Genomsequenzdaten von mindestens einer Art Wasserlinsen pro Gattung vor und auch effektive genetische Transformationsprotokolle wurden jüngst publiziert. Dadurch entwickeln sich Wasserlinsen zusehends zu einem attraktiven Modell für molekularbiologische Untersuchungen an höheren Pflanzen. Wasserlinsen bieten weitere Möglichkeiten zur Etablierung von funktionellen Lebensmitteln.

Herr Prof. Jahreis, herzlichen Dank für dieses Interview!

Quellen:

G. Jahreis, K.S. Sree, C. Dawczynski, K.J. Appenroth, Water lentil rich in nutrients and bioactive components - A powerful group of vegetables for humanity's future plant-based diet, Trends in Food Science & Technology, Volume 170, April 2026, 105600, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0924224426000725

https://www.foodbusinessmea.com/plantibles-new-texas-facility-to-scale-rubi-protein-production/


Prof. Dr. Gerhard Jahreis, Bildquelle: G. Jahreis

Prof. Dr. Gerhard Jahreis ist Ernährungswissenschaftler und ehemaliger Professor für Ernährungsphysiologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er ist Gründer und Leiter der Sektion Thüringen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Seine Forschungsschwerpunkte liegen vor allem im Bereich des Lipidstoffwechsels, insbesondere bei Omega-3-Fettsäuren, Milchfetten und neuen pflanzlichen Ölen und Proteinen. Aktuell widmet er sich der wissenschaftlichen Untersuchung zur Nutzung von Wasserlinsen (Lemnaceae) als Nahrungsressource sowie ihrem Potenzial für die zukünftige Ernährungssicherung unter besonderer Berücksichtigung einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Produktion. Erreichbar ist er hier: https://dge-th.de/mitarbeiter/prof-dr-gerhard-jahreis/

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

 

13. April 2026
Autor: S. Jossé/em. Prof. Dr. Gerhard Jahreis

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