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EoE und Mastzellen: Welche Rolle spielen die Mastzellen bei der eosinophilen Oesophagitis?

Wie der Name schon vermuten lässt, lag der Fokus bei der Diagnose und Therapie der eosinophilen Oesophagitis lange auf den Eosinophilen. Mittlerweile hat sich jedoch gezeigt, dass noch andere Faktoren, wie zum Beispiel die Mastzellen, am dem Entzündungsgeschehen beteiligt sind, das die EoE ausmacht. Damit wird dieses spannende Thema auch beim EoE Patiententag, der am 24. April 2026 in Erlangen stattfindet, ausführlich behandelt. Im Vorfeld der Veranstaltung, bei der MeinAllergiePortal als Medienpartner dabei ist, sprachen wir mit Veranstalter Prof. Dr. med. André Hörning, leitender Oberarzt an der Kinder- und Jugendklinik des Universitätsklinikums Erlangen über die spannenden Zusammenhänge zwischen EoE und Mastellen.

Frau fasst sich an den Hals wegen Schluckbeschwerden durch EoE und Bild Prof. Hörning
EoE und Mastzellen: Welche Rolle spielen die Mastzellen bei der eosinophilen Oesophagitis? Bildquelle: canva rattanakun, A. Hörning

 

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner:  Prof. Dr. med. André Hörning

EoE und Mastzellen: Die wichtigsten Fakten!

Nicht nur Eosinophile, sondern auch Mastzellen sind bei der Eoe offenbar funktionell beteiligt.

Man findet Mastzellen bei EoE im Gewebe der Speiseröhre, wo sie normal nicht vorkommen.

Auch nach einer histologischen Remissionssituation verbleiben oft Mastzellen im Epithel.

Dies wird Auswirkungen auf Diagnose und Therapie der EoE haben.

Geforscht wird am dynamischen Verlauf der Mastzell-Beteiligung, ihrer Funktion bei der Entzündungsreaktion, Therapien, die zu einer kompletten Remission inkl. der Normalisation und Gewebswiederherstellung ohne Mastzellinfiltration führen, spezifischen Markern.

Herr Prof. Hörning, was genau sind Mastzellen?

Mastzellen sind ein Bestandteil des angeborenen Immunsystems. Sie gelten als Schlüsselzelle in der akut-allergischen Reaktion und sind daher auch bei Anaphylaxien beteiligt. Durch vielfältige Rezeptoren auf ihrer Oberfläche sind Mastzellen aktivierbar und dann werden Botenstoffe wie zum Beispiel Zytokine, Histamin, Prostaglandine, Leukotriene oder Tryptase freigesetzt, also Proteine, die Teil der Signalvermittlung der Zellen untereinander sind. So können Immunreaktionen ausgelöst oder verstärkt werden und sogar sensible schmerzvermittelnde Nervenzellen können zumBeispiel bei der funktionellen Reizdarmerkrankung aktiviert werden. Durch die Ausschüttung von Histamin sind Mastzellen außerdem in der Lage, Epithelbarrieren zu infiltrieren, zum Beispiel in der Haut, in der Darmschleimhaut oder im Epithel der Lunge. Dies führt zu einem Entzündungsgeschehen, einer Erweiterung der Gefäße, einem Ausströmen von Flüssigkeit und schließlich zu einer Barriereschädigung des Epithels.

Welche Rolle spielen Mastzellen bei Anaphylaxien?

Auf Mastzellen befinden sich Oberflächenrezeptoren, an die Immunglobulin E (IgE), binden kann. IgE wird von B-Lymphozyten bzw. Plasmazellen produziert und richtet sich spezifisch gegen vielfältige Allergene, wie zum Beispiel Nahrungsmittelallergene, Inhalationsallergene etc. Wird das auf der Mastzelloberfläche gebundene IgE-Molekül mit einem Allergen konfrontiert, entleert sich die Mastzelle und es kommt zu einer allergischen Reaktion bzw. auch zu einer Anaphylaxie. Da Mastzellen an allen allergischen Reaktionen auch unabhängig von der IgE-vermittelten beteiligt sind, sind sie auch bei der EoE ein Faktor.

Welche Funktion haben Mastzellen bei der EoE?

Zur Rolle der Mastzelle bei der eosinophilen Oesophagitis gibt es neue Erkenntnisse. Lange war man bei der EoE davon ausgegangen, dass die Infiltration von Eosinophilen in der Schleimhaut des Oesophagus ursächlich für die Erkrankung sei, denn normalerweise kommen sie dort nicht vor. Sowohl für die Diagnose als auch für die Verlaufskontrolle der EoE hat man deshalb die Anzahl der Eosinophilen im Gewebe gemessen. Heute weiß man, dass die Ursache für die EoE eine TH2-Inflammation ist, an der viele Entzündungszellen beteiligt sind, neben den Th2 Lymphozyten, Basophilen und Eosinophilen auch die Mastzellen. Eosinophile wandern aber erst aufgrund der etablierten T2-Entzündungsreaktion ins Gewebe ein. Sie stehen bei der EoeE also nicht am Anfang, sondern am Ende der Entzündungskaskade und verstärken das Entzündungsgeschehen bis hin zur Fibrose.

Sind denn Mastzellen in der Schleimhaut der Speiseröhre normal?

Nein, auch Mastzellen kommen im Epithel der Speiseröhre normalerweise nicht vor. Aus Untersuchungen am Gastrointestinaltrakt weiß man, dass Mastzellen im Gewebe der inneren und äußeren Körperoberflächen verbleiben, wenn sie einmal eingewandert sind und dort regelrecht „patrouillieren“. Untersucht wird aktuell, in welchem Stadium der Erkrankung die Mastzellen bei EoE in die Speiseröhre einwandern, wie sie dann agieren und ob sie durch die richtige Therapie doch zum Verschwinden gebracht werden können.

Gibt es erste Erkenntnisse aus den Studien zur Rolle der Mastzellen bei der EoE?

Mastzellen sind bei der Eoe offenbar funktionell beteiligt, denn im Mausmodell konnte man sehen, dass sie bis zu einem gewissen Grade barriereschädigend auf die Schleimhaut des Gastrointestinaltraktes wirken. Hinzu kommt, dass man bei EoE auch in einer histologischen Remissionssituation, das heißt nach einer erfolgreichen Therapie, immer noch Mastzellen in der Schleimhaut vorfindet. Das bedeutet: Auch wenn die Therapie die Eosinophilen histologisch messbar im Gewebe reduzieren konnte und wenn deren Anzahl unter der Schwelle von 15 oder gar 6 pro hochauflösendes Gesichtsfeld liegt, findet man Mastzellen in der Schleimhaut. Zudem haben Studien gezeigt, dass dann auch weiterhin Symptome wie Sodbrennen oder Schluckbeschwerden auftreten.

Was bedeutet es für die Therapie, dass man nun weiß, dass Mastzellen an der EoE beteiligt sind?

Aufgrund der neuen Erkenntnisse zur Mastzelle bei EoE werden vermutlich in Zukunft die bisherigen histologischen Kriterien und Standards, die allein die Eosinophilen im Fokus haben, bei der Therapie der EoE nicht ausreichen. Auch die Symptom-Remission, das heißt der Rückgang der Symptome, und damit die Verbesserung der Lebensqualität müssen berücksichtigt werden, so wie das in der neuen Leitlinie 1) schon festgelegt wurde. Medikamente, die nicht nur histologisch, sondern auch symptomatisch zu einer Remission führen sind hier von immenser Wichtigkeit. Außerdem könnten sich diese neuen Erkenntnisse auch auf die aktuell gebräuchlichen histologischen und klinischen Scores zur Einteilung der EoE in unterschiedliche Schweregrade auswirken.

Wie könnten sich die Erkenntnisse zur Beteiligung der Mastzelle an der EoE auf die EoE-Scores auswirken?

Scores wie der aktuell gebräuchliche EoEHSS, das steht für Eosinophilic Esophagitis Histologic Scoring System, berücksichtigen zwar über die Eosinophilen hinaus strukturelle Schleimhautveränderungen aber andere mitbeteiligte Immunzellen nicht. Zukünftig sollte man also möglicherweise einen neuen Score definieren, der berücksichtigt, welche Zellsubpopulationen zu einem bestimmten Stadium der EoE vorzufinden sind. Auch eine Phänotypisierung der EoE, die zu personalisierten Therapiekonzepten führen, könnte zukünftig möglich werden. Dann könnte man Patienten phänotypisiert in Subkohorten einteilen, in Untergruppen, mit jeweils ähnlichem histologischen und symptomatischen Beschwerdebild. Davon könnten wiederum Patienten profitieren, bei denen die aktuelle Therapie nicht anschlägt oder die schwieriger zu therapieren sind.

Was wären die nächsten Schritte bei der Forschung nach neuen EoE-Therapien?

Der nächste Schritt in der Forschung an neuen EoE-Therapien ist mit Sicherheit die Therapieeffizienz auf bestimmte Zellsubpopulationen. Auch dies ist nicht einfach: So konnte zum Beispiel ein Medikament, welches sich spezifisch gegen Mastzellen richtet, nicht zum erhofften durchschlagenden Therapieerfolg führen. Vielversprechender ist die IL4/IL13-gerichtete Therapie, aber auch diese erreicht nicht bei allen Patienten eine komplette, also histologische und klinisch-symptomatische Remission. Ein weiteres Forschungsfeld bei der EoE wird die Verständnisfrage sein, wann genau welche Immunzellsubpopulationen am Krankheitsbild beteiligt sind, denn eine eosinophile Oesophagitis kommt nicht plötzlich, sondern sie entwickelt sich nach und nach unter Beteiligung verschiedenster Zelltypen. Damit könnte man möglicherweise personalisierte Therapien etablieren. Das Therapiespektrum zur Behandlung der EoE könnte sich dadurch deutlich erweitern, auch durch die Kombination unterschiedlicher Therapien. 

An diesen Fragen zur EoE wird geforscht:

  • Dynamischer Verlauf der Mastzell-Beteiligung: Zu welchen Zeitpunkten sind Mastzellen an der Entwicklung einer Entzündungsreaktion bei EoE beteiligt?
  • Welche Funktion übernehmen Mastzellen bei der Entzündungsreaktion bei EoE?
  • Gibt es Therapien, die speziell Mastzellen in ihrer Beteiligung an der EoE kompromittieren, das heißt, beeinflussen?
  • Welche spezifischen Marker gibt es bei der EoE, abgesehen von der Gewebseosinophilie?

Zur Therapie der EoE gibt es unterschiedliche Diäten. Kann man bei EoE die Mastzellen mit bestimmten Nahrungsmitteln beruhigen?

Zur Rolle von speziellen Diäten zur Beruhigung von Mastzellen gibt es eine Studie, bei der man die Mastzellen in der Speiseröhre vor und nach einer 4-Food-Eliminationsdiät untersucht hat. Dabei kam es durch die Diät zu einem signifikanten Abfall von Mastzellen und auch Eosinophilen. Eine komplett Mastzell-freie Ösophagusschleimhaut konnte dadurch jedoch nicht erreicht werden. Allerdings betrug der untersuchte Zeitraum stets nur zwei bis drei Monate. Bei einem längeren Untersuchungszeitraum von einem Jahr oder länger könnte man möglicherweise bessere Ergebnisse erzielen. Schließlich weiß man aktuell noch nicht, wie lange Mastzellen im Gewebe verbleiben und ob sie wieder aus dem Gewebe heraus migrieren, wenn der Nahrungsmittelallergen-Trigger wegfällt.

Gibt es andere Möglichkeiten bei EoE, die Mastzellen zu „beruhigen“, wenn PPI oder Prednisolon nicht helfen?

Möglicherweise könnte man Mastzellen beruhigen, indem man sehr früh in die T2-Inflammationsreaktion eingreift, generell durch topische Glucokortikoide wie TCS, Budesonid, oder zum Beispiel durch eine Therapie mit IL4/IL13-blockierenden Biologika oder Anti-TSLP. Dies könnte den Mastzellen den Stimulus nehmen und sie beruhigen. Eine RCT-Studie aus dem Jahre 2018 zeigte bei Kindern bei Anwendung von visköser Cromoglicinsäure im Vergleich zum Placeboarm leider weder eine relevante Abnahme der Eosinophilie noch eine signifikante Verbesserung der Symptome.

Wo findet man Ärzte, die auf Eosinophile Erkrankungen des Magendarmtrakts (EGID) und Mastzellerkrankungen spezialisiert sind?

Ärzte, die auf EGID-Erkrankungen spezialisiert sind, findet man hier:

1. EoE-Patiententag https://eoe-patiententag.de/aerzte-finden/

2. EoNet – das Netzwerk Eosinophile Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes e. V. des https://www.mein-allergie-portal.com/eonet/3770-eonet.html

Ärzte, die auf Mastzell-Erkrankungen spezialisiert sind, findet man hier:

3. Verein zur Förderung der Allergie- und Endoskopieforschung am Menschen e.V. (VAEM) https://vaem.eu/

Herr Prof. Hörning, herzlichen Dank für dieses Gespräch!


PD Dr. med. Petra Zieglmayer, Bildquelle: P. Zieglmayer

Prof. Dr. med. André Hörning ist pädiatrischer Gastroenterologe (ÄK/GPGE) und Fachimmunologe (DGFI). Prof. Hörning ist leitender Oberarzt, ärztlicher Leiter Päd. Gastroenterologie, Hepatologie und Endoskopie und Sprecher des Zentrums für seltene Leber-, Pancreas- und Darmerkrankungen (ZSLPD) an der Kinder- und Jugendklinik des Universitätsklinikums Erlangen.

Quellen:

Ahmed Madisch et. Al, S2k-Leitlinie Gastroösophageale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), März 2023 – AWMF-Registernummer: 021 – 013, https://register.awmf.org/assets/guidelines/021-013l_S2k_Gastrooesophageale-Refluxkrankheit-eosinophile_Oesophagitis_2023-09.pdf

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

 

17. Dezember 2025
Autor: Sabine Jossé, Prof. Dr. med. André Hörning

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