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Bauchbeschwerden, aber keine Diagnose? Neues Verfahren zum Nachweis atypischer Nahrungsmittelallergien!

Bei Symptomen wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Übelkeit, Bauchschmerzen oder gar Bauchkrämpfen, insbesondere nach dem Essen, vermuten die Betroffenen häufig eine Nahrungsmittelallergie. Die Enttäuschung ist jedoch groß, wenn die üblichen Prick-Tests an der Haut und IgE-Tests am Blut, mit denen sich Typ 1-Allergien diagnostizieren lassen, negativ ausfallen. Wenn keine andere Ursache gefunden wird und andere potenzielle Erkrankungen ausgeschlossen sind, lautet die Diagnose oft „Reizdarmsyndrom (RDS)“. Wirksame Medikamente zur Reizdarm-Therapie gibt es aber nicht, so dass die Symptome oft unkontrolliert bleiben.

Nachweis atypischer Nahrungsmittelallergien
Neues Verfahren zum Nachweis atypischer Nahrungsmittelallergien! Bildquelle: MeinAllergiePortal, canva ninjaDesign

 

Autor: Sabine Jossé M.A.Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Prof. Dr. med. Ralf Kiesslich

Reizdarm Syndrom ist oft doch eine Nahrungsmittelallergie

Mittlerweile hat sich jedoch gezeigt, dass der Fokus auf Typ 1-Allergien bei der Diagnose ungeklärter Bauchbeschwerden nicht alle relevanten Aspekte berücksichtigt. „In unseren Studien an mit „Reizdarm“ diagnostizierten Patienten konnten wir sehen, dass Typ 2 (4b)-Nahrungsmittelallergien sehr häufig die Ursache der Bauchbeschwerden waren“, erklärt Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Direktor am Institut für Translationale Immunologie (TIM) der Universitätsmedizin Mainz. Bei dieser Art von Allergie spielen andere Botenstoffe als bei den Typ 1-Allergien eine Rolle, so dass sie mit den regulären Allergietests nicht nachgewiesen werden können. Häufige Allergene bei den atypischen Nahrungsmittelallergien sind Weizen, Hefe, Soja und Milch während zum Beispiel Ei und Nuss weniger häufige Auslöser sind.

Prof. Schuppan zeigt Folie

Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan erklärt das Prinzip der konfokalen Laserendomikroskopie!

Bildquelle: MeinAllergiePortal

Konfokale Laserendomikroskopie: Ein Durchbruch bei der Diagnose ungeklärter Bauchbeschwerden

Ein neues Diagnosetool macht nun sichtbar, was passiert, wenn ein Nahrungsmittelallergen auf die Dünndarmschleimhaut eines Patienten mit einer Typ 2 (4b)-Nahrungsmittelallergie trifft. „Mit der Konfokalen Laserendomikroskopie ist es möglich, verdächtige Allergene bei einer Dünndarmendoskopie direkt am Darmepithel zu provozieren“, erklärt Prof. Schuppan, „man sieht dann in Echtzeit wie das Darmepithel reagiert, wie Zellflüssigkeit austritt und wie es zur Abschilferung von Darm-Epithelzellen innerhalb von weniger als 2 Minuten kommt“, ohne dass sich diese Lücken gleich wieder schließen. Damit einher geht eine Entzündungsreaktion und die Öffnung der Tight Junctions, die normalerweise die Zell-Zwischenräume verschließen und so für eine intakte Darmbarriere sorgen. Die Folge ist ein „Leaky Gut“ eine löchrige Darmschleimhaut, die für schädigende Einflüsse aller Art keine Barriere mehr darstellt. So können zum Beispiel Bakterien, Toxine oder Allergene ungehindert in das Darm-Immunsystem gelangen und die Bauchbeschwerden verursachen. „Mit der Konfokalen Laserendomikroskopie lassen sich aber auch bereits bestehende, nicht Allergen-getriggerte Defekte der Intestinalbarriere darstellen“, so Prof. Schuppan.

Konfokale Laserendomikroskopie: Für welche Patienten ist sie sinnvoll?

Zur Standardisierung der Vorgehensweise bei der Diagnose atypischer Nahrungsmittelallergien wurde die Guideline FAST entwickelt, das steht für „Food Allergy Sensitivity Test“, erklärt Prof. Dr. med. Ralf Kiesslich, Vorstandsvorsitzender und Medizinischer Vorstand an der Universitätsmedizin Mainz. Das bedeutet, man würde bei Patienten mit Bauchbeschwerden zunächst die klassischen Allergietests, Prick-Test und IgE-Test durchführen, sowie die H2-Atemtests auf Zuckerintoleranzen oder bakterielle Fehlbesiedlung. Fallen alle diese Tests negativ aus, würde man eine klassische Endoskopie mit Biopsie durchführen, zum Beispiel um eine Zöliakie oder chronisch entzündliche Darmerkrankung auszuschließen. „Wenn die Testergebnisse auch hier negativ sind, sollte sich eine sechswöchige glutenfreie Diät anschließen, da Weizenproteine die häufigste Ursache der Typ 2(4b) Nahrungsmittelallergien sind, bevor die Konfokale Lasermikroendoskopie durchgeführt wird“, so Prof. Kiesslich.

Konfokale Laserendomikroskopie: Wie wird sie durchgeführt?

Die Konfokale Laserendomikroskopie wird unter Sedation (leichter Narkose) wie auch bei Standard-Endoskopien, durchgeführt. Dafür wird ein fluoreszierender Farbstoff über die Vene verabreicht und die erste zu testende Allergenlösung wird direkt auf die Dünndarmschleimhaut aufgebracht. „Über eine eingeführte Lasersonde mit 1000-facher Vergrösserung und dank des fluoreszierenden Farbstoffes kann man dann beobachten, wie die Zellen der Darmschleimhaut auf das Allergen reagieren“, so Prof. Dr. med. Ralf Kiesslich, „man erhält so eine Histologie live und in Echtzeit“. Dabei ist die Testreihenfolge so angeordnet, dass das die Dünndarmschleimhaut mit dem am wenigsten verdächtigen Allergen zuerst konfrontiert wird. Der Grund: Sobald eine Reaktion erfolgt ist die Darmschleimhaut stark gereizt und die Untersuchung muss beendet werden. Das Ergebnis liefert dann eine klare Aussage darüber, durch welche Nahrungsmittel eine allergische Reaktion entsteht. Dies ermöglicht eine auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Diät, die nicht nur die Beschwerden lindert, sondern auch die Lebensqualität verbessert. Wichtig zu wissen ist: Die Untersuchung wird stationär in einer Klinik durchgeführt und dann von den GKV übernommen.

Wichtig ist, dass die Typ 2(4b) Nahrungsmittelallergien keine Sofortreaktionen auslösen, sondern die Symptome oft erst viele Stunden nach Verzehr auftreten. Dies kann damit erklärt werden, dass die Allergene mit der Darmpassage erst mit einem großen Teil der Darmschleimhaut in Kontakt kommen müssen, um starke Beschwerden auszulösen.

Als positive Reaktion auf die Allergenprovokation sieht man in Echtzeit wie das Darmepithel reagiert, wie Zellflüssigkeit austritt und wie es zur Abschilferung von Darm-Epithelzellen kommt. Quelle: Cellvizio

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Als positive Reaktion auf die Allergenprovokation

sieht man in Echtzeit wie das Darmepithel reagiert,

wie Zellflüssigkeit austritt und wie es zur Abschilferung

von Darm-Epithelzellen innerhalb kommt. (Quelle: Cellvizio


Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan ist Direktor am Institut für Translationale Immunologie (TIM) der Universitätsmedizin Mainz. Zudem ist er Universitäts-Professor für Innere Medizin/Gastroenterologie/Hepatologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Unter anderem leitet er die Ambulanz für Zöliakie und Dünndarmerkrankungen. Außerdem ist er Full Professor und Senior Visiting Scientist an der Harvard Medical School in Boston, USA. Seine wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkte liegen unter anderem in der Diagnostik und Therapie von Zöliakie, und Nahrungsmittelsensitivitäten und Autoimmunerkrankungen, fibrosierender Lebererkrankungen sowie der Immunologie von Tumor- und chronischen Erkrankungen. Erreichbar ist er unter: https://www.unimedizin-mainz.de/tim/mitarbeiter/weitere-informationen/schuppan.html


Prof. Dr. med. Ralf Kiesslich, Foto Peter Pulkowski

Prof. Dr. med. Ralf Kiesslich ist Vorstandsvorsitzender und Medizinischer Vorstand an der Universitätsmedizin Mainz. Er studierte Humanmedizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von 2000 bis 2012 war er als Internist und Gastroenterologe, mit u.a. Spezialisierung für neue endoskopische Verfahren, an der Universitätsmedizin Mainz tätig. Er erlangte 2003 seinen Facharzt für Innere Medizin und habilitierte im Jahr 2005. 2012 wechselte er an das St. Marienkrankenhaus Frankfurt und 2014 an die Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Dort war er zuletzt Ärztlicher Direktor und Medizinischer Geschäftsführer der Helios Kliniken Wiesbaden-Taunus, bevor er am 1. Januar 2024 das Amt des Vorstandsvorsitzenden und Medizinischen Vorstands der Universitätsmedizin Mainz antrat. Erreichbar ist er unter https://www.unimedizin-mainz.de/ueber-uns/gremien/vorstand.html.

    

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

20. November 2025
Autor: Sabine Jossé/Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan/Prof. Dr. med. Ralf Kiesslich

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