Mastozytose Chemotherapie Tumorbehandlung

Privatdozent Dr. Frank Siebenhaar, Leiter der Mastozytose-Sprechstunde des Allergie-Centrum-Charité

Chemotherapie bei Mastozytose: Kommt es immer zu Unverträglichkeiten?

Bei einer Chemotherapie zur Behandlung von Tumorerkrankungen handelt es sich im Grunde um Medikamente  in hoher Dosierung. Medikamente können bei manchen Mastozytose-Patienten aber auch zu den Triggerfaktoren für Mastozytose-Symptome gehören. Deshalb stellen sich Mastozytose-Patienten, die an Krebs erkrankt sind und eine Chemotherapie empfohlen bekommen, häufig die Frage, ob dies überhaupt möglich ist. Befürchtet werden Unverträglichkeiten als Reaktion auf die Behandlung. MeinAllergiePortal sprach mit Privatdozent Dr. Frank Siebenhaar, Leiter der Mastozytose-Sprechstunde des Allergie-Centrum-Charité über das Risiko einer Chemotherapie für Krebspatienten mit Mastozytose.

Herr Privatdozent Siebenhaar, ist bei Mastozytose-Patienten eine Chemotherapie, bei der es sich um stark dosierte Arzneimittel handelt, zur Behandlung einer Krebserkrankung möglich?

Auf jeden Fall! Eine Erkrankung, die eine chemotherapeutische Behandlung erfordert,  ist einer Mastozytose immer übergeordnet.  Niemals sollte eine Mastozytose ein Hinderungsgrund sein, eine Chemotherapie zur Behandlung einer Krebserkrankung durchzuführen, die lebensrettend oder lebensverlängernd ist.

Übrigens: Arzneimittelreaktionen kommen bei Menschen mit Mastozytose nicht wesentlich häufiger vor, als bei anderen Menschen. Allerdings: Falls es bei Mastozytose-Patienten zu Reaktionen auf Medikamente kommt, können diese in einzelnen Fällen heftiger ausfallen.

Kann jeder Mastozytose-Patient zur Tumorbehandlung auch jede Art von Chemotherapie erhalten?

Grundsätzlich können Menschen mit Mastozytose jede Art von Chemotherapie erhalten. Es gibt keinerlei Standarderfahrungen, die darauf hinweisen, dass Chemotherapien für Mastozytose-Patienten nicht oder schlechter verträglich seien.

Anders als früher sind Chemotherapien heutzutage in der Regel nicht mehr mit schweren Nebenwirkungen verbunden. Grundsätzlich kommt es aber auch heute bei einer Chemotherapie bei den meisten Patienten zu Unverträglichkeitssymptomen. Die Unverträglichkeiten fallen jedoch individuell sehr unterschiedlich aus, unabhängig davon, ob beim Patienten eine Mastozytose vorliegt oder nicht.


Sie sagten, Arzneimittelreaktionen könnten bei Mastozytose in manchen Fällen heftiger ausfallen, gilt dies auch für Unverträglichkeitsreaktionen auf die Chemotherapie?

Vorsichtshalber sollte man bei Mastozytose grundsätzlich immer darauf gefasst sein, dass ein Patient heftiger als üblich mit Unverträglichkeitssymptomen auf die Chemotherapie reagieren kann. Das bedeutet allerdings nicht, dass das auch so sein muss.

Davon abgesehen gibt es Menschen, die eine Allergie auf ihr Chemotherapeutikum entwickeln. Dies kommt selten vor und ist unabhängig  davon, ob  eine Mastozytose besteht oder nicht. Allerdings besteht auch hier grundsätzlich die Möglichkeit, dass die allergischen Symptome eines von Mastozytose  Betroffenen  heftiger ausfallen.

Müsste man diese Risiken bei Mastozytose vor Beginn der Chemotherapie berücksichtigen?

Nein, zumindest nicht generell. Das kann man meist erst im Therapieverlauf entscheiden. Das Risiko eines Mastozytose Patienten für allergische Reaktionen auf das Chemotherpeutikum ist, wie gesagt, nicht wesentlich größer als bei anderen Menschen, auch wenn es zu heftigeren Reaktionen kommen kann. Letztlich hängt es vom individuellen Patienten und der Vorgeschichte ab.

Angenommen ein Mastozytose-Patient reagiert tatsachlich mit Symptomen auf Medikamente. Kann dies bei der Wahl der Chemotherapie berücksichtigt werden?

Eine vorherige Auswahl des „richtigen“ Chemotherapeutikums bei Arzneimittel-getriggerten Mastozytose-Symptomen ist nicht möglich. Chemotherapien gehören zu einer speziellen Substanzgruppe, so dass sich eventuelle zukünftige Reaktionen darauf von Reaktionen auf andere Medikamente in der Vergangenheit nicht ableiten lassen. Hat ein Patient in der Vergangenheit mit Mastozytosesymptomen auf Arzneimittel reagiert, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass es auch durch die Chemotherapie zu ähnlichen Symptomen kommt.

Zu beachten ist auch: Wenn zur Behandlung der Krebserkrankung eine Chemotherapie angeraten ist, steht die Auswahl des dafür am besten geeigneten Therapeutikums an erster Stelle und dazu gibt es meist nicht viele Alternativpräparate.

Zu Komplikationen kann es unter solchen Therapien immer kommen und darauf ist der behandelnde Onkologe auch eingerichtet. Das Risiko, die Fallzahl und die Schwere dieser typischen und zu erwartenden Unverträglichkeitsreaktionen auf eine Chemotherapie sind bei Mastozytose-Patienten grundsätzlich nicht höher anzusetzen als bei anderen Patienten.  


Besondere Maßnahmen sind also bei der Chemotherapie von Mastozytose-Patienten nicht nötig?

Viele Chemotherapien werden heute ambulant durchgeführt, d.h. der Patient kommt in die Praxis, erhält die Infusion, bleibt im Anschluss zur Beobachtung in der Praxis und kann dann nach Hause gehen.

Sind bei einem Mastozytose-Patienten in der Vergangenheit Symptome durch Arzneimittel ausgelöst worden, sollte die Chemotherapie zur Einleitung stationär erfolgen, d.h. die ersten zwei bis drei Behandlungstermine sollten in der Klinik stattfinden. Wenn man sich dabei von der Verträglichkeit der Therapie überzeugen konnte, können die weiteren Behandlungen ambulant erfolgen.

Gilt das auch für Patienten, die keine Mastozytose haben, aber dafür eine Medikamentenunverträglichkeit?

Wenn ein Patient einmalig auf ein Medikament reagiert hat, lässt dies keine Aussage darüber zu, wie er auf ein anderes Medikament reagieren wird.

Ein „Klassiker“  ist der Hautausschlag, den man z.B. als Reaktion auf Schmerzmittel  oder Antibiotika bekommen kann. Meist ist dies ein einmaliges Ereignis und es muss in der Folge nicht immer wieder zu der gleichen Reaktion kommen, selbst wenn das gleiche Medikament eingenommen wird. Vielfach ist die Kombination von Arzneimittel und einem zeitgleich vorliegenden Infekt der Grund für die Arzneimittelreaktion und es besteht keine echte Allergie, die sich über Antikörper im Blut nachweisen ließe. Dementsprechend lässt eine einmalige Arzneimittelreaktion keine prädiktive Aussage im Hinblick auf die Verträglichkeit einer Chemotherapie zu.

Was tut man, wenn der Fall eintritt, dass ein Mastozytose-Patient durch die Chemotherapie tatsächlich Unverträglichkeits-Symptome entwickelt?

Ein gewisses Nebenwirkungsspektrum ist bei einer Chemotherapie bei Mastozytose genauso zu erwarten, wie bei jedem anderen Patienten. Diese Reaktionen fallen bei Mastozytose in der Regel weder stärker aus, noch treten sie häufiger auf. Ist dies dann doch der Fall, werden sie auf die klassische Art behandelt, nicht jede Reaktion auf eine Chemotherapie ist allergisch bedingt.

Es könnte jedoch vorkommen, dass es durch die Mastozytose, d.h. durch die erhöhte Anzahl der Mastzellen, zum Auftreten von Unverträglichkeitsreaktionen durch die Chemotherapie kommt. In diesem Fall könnten die aktivierten Mastzellen - getriggert durch die Chemotherapie - verstärkt Substanzen ausschütten, die dann zu Reaktionen, wie z.B. einem Flush oder einem Blutdruckabfall  führen können.

In diesem Fall könnte man vor Beginn der jeweiligen Behandlung bestimmte Medikamente verabreichen, man spricht dann von einer Prämedikation. Die Prämedikation wird bei der Chemotherapie grundsätzlich eingesetzt, um Unverträglichkeitsreaktionen abzumildern. Im Zuge der Prämedikation lassen sich zusätzlich auch Medikamente verabreichen, die allergische Reaktionen von vornherein unterdrücken oder zumindest abschwächen, z.B. Antihistaminika. Diese Vorgehensweise ist in vielen Bereichen üblich, z.B. setzt man auch bei Menschen, die Narkosemittel nicht gut vertragen, vor der Einleitung der Narkose ein Antihistaminikum und Kortison als Prämedikation ein.

Sollte man bei Mastozytose-Patienten bei der Chemotherapie von vornherein diese Vorsichtsmaßnahmen ergreifen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Chemotherapie komplikationslos vertragen wird, ist bei Mastozytose-Patienten nahezu identisch mit nicht-Mastozytose Erkrankten. Ich würde deshalb nicht empfehlen, Mastozytose Patienten von vornherein eine spezielle Prämedikation zu geben.  

Zudem gibt es, wie besprochen, eine ganze Reihe von medizinischen Maßnahmen, die man ergreifen kann, um die durch eine  Chemotherapie hervorgerufenen Unverträglichkeiten zu behandeln. Eine Mastozytose sollte deshalb niemanden davon abhalten, eine Chemotherapie durchzuführen - die Chance auf Heilung einer Krebserkrankung hat Priorität.

Herr Privatdozent Siebenhaar, vielen Dank für dieses Gespräch!

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