Neurodermitis Säugling Kleinkind Kuhmilchallergie

PD Dr. Michael Barker, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, HELIOS Kinderzentrum Berlin Südwest im HELIOS Klinikum Emil von Behring zur Häufigkeit von Kohmilchallergien bei Säuglingen und Kleinkindern mit Neurodermitis!

Neurodermitis beim Säugling und Kleinkind: Wie häufig ist die Kuhmilchallergie?

Wenn Kinder an Neurodermitis leiden glauben viele Eltern, dass eine bestehende Nahrungsmittelallergie die Ursache ist. Häufig fällt der Verdacht auf die Kuhmilchallergie, gehört die Kuhmilch doch zu den ersten Nahrungsmitteln, die ein Säugling nach dem Stillen erhält. Doch so häufig, wie viele Eltern glauben, ist die Kuhmilchallergie bei Säuglingen und kleinen Kindern mit Neurodermitis nicht. Mit Privatdozent Dr. med. Michael Barker, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, HELIOS Kinderzentrum Berlin Südwest im HELIOS Klinikum Emil von Behring sprach MeinAllergiePortal über die Kuhmilchallergie und wie oft sie in Kindesalter bei neurodermitischen Säuglingen und Kleinkindern auftritt.

Herr Privatdozent Barker, man geht davon aus, dass ca. ein Drittel der Kinder mit Neurodermitis auch an einer Nahrungsmittelallergie leiden. Wie häufig ist hier die Kuhmilchallergie?

Kuhmilch gehört zusammen mit Hühnerei zu den wichtigsten Nahrungsmittel-Allergenen bei Kindern in den ersten Lebensjahren. Die genauen Zahlen schwanken zwischen verschiedenen Studien, insgesamt reagierten etwa 2 Prozent aller jungen Kinder. Daneben spielen auch Weizen, Soja und Erdnuss eine Rolle – nicht selten in Kombination.

Welche Auswirkungen hat eine Kuhmilchallergie auf die Neurodermitis?

Bei den meisten Kindern wirkt Kuhmilch-Kontakt als Auslöser für eine kurzfristige Zunahme der Hautprobleme, zum Beispiel  mit Rötung und Juckreiz innerhalb von Minuten bis Stunden nach dem ersten Milchbrei. Die Nahrungsmittel-Allergie kann aber auch ohne akute Allgemeinsymptome zur überschießenden Immunreaktion an der Haut beitragen.

Kann man sagen, welche Erkrankung zuerst auftritt, die Kuhmilchallergie oder die Neurodermitis?

Nein, beide haben ja eine gemeinsame Grundlage, nämlich die genetische Veranlagung zur Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Fremd-Eiweiße. Diese macht sich meist zuerst an der Haut bemerkbar in einem typischen Alter von 2 bis 4 Monaten, wenn die meisten Säuglinge noch ausschließlich gestillt werden.

An welchen Symptomen erkennt man, dass zusätzliche zur Neurodermitis eine Kuhmilchallergie besteht?

Entscheidend ist die Beobachtung eines engen zeitlichen Zusammenhangs zwischen Milchgenuss und Hautverschlechterung wie oben beschrieben. Wenn unter Aufsicht und Anleitung durch Kinderärzte und spezialisierte Ernährungsfachkräfte eine zeitlich begrenzte Milch-freie Diät eingeführt wird und sich die Neurodermitis darunter deutlich bessert, ist das ebenfalls ein wichtiger Hinweis.

Wie erfolgt die Diagnose der Kuhmilchallergie?

Die Testung wird typischerweise in mehreren Stufen vorgenommen. An erster Stelle steht ein Bluttest mit Nachweis von IgE-Antikörpern gegen einzelne Nahrungsmittel, der bei allen Säuglingen mit Neurodermitis und bei entsprechendem Verdacht vorgenommen werden sollte. Im zweiten Schritt wird der Verlauf während der o.g. diagnostischen Diät beobachtet. Bessert sich die Hautsituation nicht, ist eine Kuhmilchallergie unwahrscheinlich.

Bei positivem Antikörper-Nachweis und Besserung unter Karenz sollte die Diagnose nach den gültigen Experten-Leitlinien durch einen Provokationstest bestätigt werden. Hierbei wird entweder Kuhmilch in versteckter Form oder Placebo in langsam steigender Menge verabreicht und die Reaktion beobachtet. Wenn das Ergebnis der beiden Testtage nicht eindeutig positiv ist, erhält das Kind an einem weiteren Tag eine einmalige Dosis Kuhmilch.

Was sollten Eltern beachten, wenn das Kind Kuhmilch meiden muss?

Kinder mit einer nachgewiesenen Kuhmilch-Allergie müssen nicht nur Kuhmilch meiden, sondern auch alle daraus gewonnenen Produkte wie Käse, Joghurt, Quark, Sahne, Butter, Pudding und Backwaren. Außerdem sind die Eiweißstoffe in der Milch anderer Säugetiere der Kuhmilch sehr ähnlich, so dass auch Ziegen- und Stutenmilch und entsprechende Produkte gemieden werden müssen.

Hierzu müssen die Eltern ausführlich und fachkundig beraten werden und die Nahrungsmittel-Kennzeichnung beachten. Einen wichtigen Trost können wir aber auch in der Allergie-Sprechstunde vermitteln: Die Kuhmilch-Allergie bleibt nur selten lebenslang bestehen, die allermeisten Kinder vertragen Kuhmilch bis zum Grundschulalter wieder. Eine Wiederholungs-Testung empfehlen wir somit im Abstand von 1 bis 2 Jahren nach der Diagnose: Dabei können auch Hitze-behandelte Milchprodukte separat getestet werden, die meist schon früher wieder vertragen werden.

Herr Privatdozent Barker, herzlichen Dank für dieses Interview!

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