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Hypoallergene Nahrung

Univ. Prof. Dr. Zsolt Szépfalusi, Leiter Bereich Pulmologie & Allergologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Wien

Hypoallergene Nahrungen – HA-Nahrungen, wann und wozu setzt man sie ein?

Hypoallergene Nahrungen, HA-Nahrungen, hydrolisierte Nahrungen - mit diesen  Begriffen bezeichnet man spezielle Nahrungen für Säuglinge. Die Nahrungen sollen entweder die Entwicklung von Allergien oder das Auftreten allergisch bedingter Symptome verhindern. Sie kommen jedoch nur unter ganz bestimmten Umständen zum Einsatz. MeinAllergiePortal sprach mit Univ. Prof. Dr. Zsolt Szépfalusi, Leiter Bereich Pulmologie & Allergologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Wien über HA-Nahrungen, deren Einsatzgebiete und neue Forschungsansätze in der Allergologie.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Univ. Prof. Dr. Zsolt Szépfalusi

Herr Prof. Szépfalusi, was versteht man genau unter hypoallergenen Babynahrungen? Wie und aus was werden sie hergestellt?

Hypoallergene Babynahrungen sind Nahrungen für Kinder mit einer Kuhmilch Allergie oder einer Neigung zu Allergien. Bei diesen Nahrungen wird das Vollprotein „Milcheiweiß“ aus der Kuhmilch durch bestimmte Vorbehandlungen verkleinert bzw. aufgespalten (hydrolysiert). Durch diese Behandlung kann das Protein seine allergene Wirkung nicht mehr ausüben. Es gibt zwei Kategorien hypoallergener Nahrungen, die partiell hydrolysierten und die extensiv hydrolysierten Nahrungen.

Kann man sagen, wie diese „Verkleinerung“ bzw. „Aufspaltung“ der Milchproteine vorgenommen wird?

Zur Herstellung hypoallergener Nahrungen  werden die Proteine mithilfe chemisch/physikalischer Prozesse aufgespalten. Die Proteine der Milch bestehen aus einer großen Anzahl von Aminosäuren. Durch die chemische Bearbeitung der Proteine entstehen Peptide, d.h. kurzkettige, deutlich verkleinerte Proteinbausteine. Diese verkleinerten Proteinbausteine können, im Gegensatz zum unbehandelten Protein der Milch, keine allergischen Reaktionen mehr auslösen – das Immunsystem „erkennt“ sie nicht mehr als Allergen.

Die genauen Mechanismen bei der Herstellung von hypoallergenen Nahrungen ist nicht bekannt - das bleibt das Geheimnis der herstellenden Firmen.

Was ist der Unterschied zwischen den partiell hydrolysierten und den extensiv hydrolysierten Nahrungen?

Die in den partiell hydrolysierten Nahrungen enthaltenen Proteinbausteine sind größer als die in den extensiv hydrolysierten Nahrungen. Partiell hydrolysierte Nahrungen werden zur Allergie-Prävention empfohlen, d.h. wenn die Mutter nicht stillen kann und eines der Elternteile eine Allergie hat. Dadurch kann man die Entstehung von Allergien zu einem gewissen Prozentsatz verhindern. Einen 100prozentigen Schutz bietet dies allerdings nicht.

Bei Kindern, die eine nachgewiesene Kuhmilch Allergie haben, werden extensiv hydrolysierte  Nahrungen therapeutisch eingesetzt, um das Entwickeln von Symptomen zu verhindern. 

Wie unterscheiden sich hypoallergene Nahrungen von normaler Säuglingskost?

Hypoallergene Nahrungen unterscheiden sich nur in Bezug auf das Milchprotein von anderen Nahrungen. Alle anderen Bestandteile werden nicht verändert.

In Bezug auf die Farbe und die Konsistenz gibt es ebenfalls keinen Unterschied zwischen hypoallergenen Nahrungen und normalen Nahrungen. Beim Geschmack kann man jedoch schon Unterschiede feststellen. Im Gegensatz zur  Kuhmilch oder auch der Muttermilch schmecken hypoallergene Nahrungen nicht süßlich, sondern eher bitter. 

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Gibt es Kinder die die hypoallergene Nahrung aufgrund des bitteren Geschmacks ablehnen?

Nicht alle Kinder akzeptieren den Geschmack von HA-Nahrungen und oft ist der Wechsel nicht so leicht zu bewerkstelligen. Wenn z.B. das Kind von der Muttermilch auf hypoallergene Nahrung umgestellt werden muss, weil die Mutter nicht mehr stillen kann, kann es vorkommen, dass das Kind zunächst die Nahrung verweigert. Das gilt übrigens auch für den Wechsel von „normaler“ Flaschennahrung zu hypoallergener Flaschennahrung.

Ein geringeres Problem ist die Akzeptanz der HA-Nahrungen bei Kindern, die von Anfang an mit hypoallergenen Nahrungen ernährt werden. Das ist dann der Fall, wenn die Mutter von Anfang an nicht stillen kann oder will und für das Kind ein hohes Allergierisiko besteht.  

Der Bedarf an „hydrolysierten Nahrungen“ ist solange gegeben als die Kuhmilchallergie besteht bzw. als Allergie-Prävention in den ersten 4 bis 6 Monaten. Durch die Einführung der Beikost und der erweiterten Kost nimmt die Bedeutung der hypoallergenen Nahrungs als hauptsächlicher Energieträger ab. Zu beachten ist dann, dass Kuhmilch bzw. Milchprodukte weiterhin gemieden werden müssen oder durch hydrolysierte Nahrungen ersetzt bleiben solange die Kuhmilchallergie bestehen bleibt.

Milch ist im ersten Lebensjahr der Hauptlieferant von Kalzium. Deshalb muss eine Diätberatung die Eltern dabei unterstützen, vor allem die "Kalziumlücken" zu schließen. Mit der Beikost kommen dann andere Kalziumquellen wie Fleisch, Gemüse, kalziumreichen Mineralwässern etc. hinzu.

Die HA-Nahrungen werden aber nur dann eingesetzt, wenn die Mutter nicht stillen kann, auch wenn das Kind ein hohes Allergierisiko trägt?

Muttermilch ist immer die erste Wahl, denn sie hat viele positive Aspekte, die man nicht missen möchte. Z.B. beugt das Stillen Infektionen des Darms und der Atemwege vor. Auch für die Entwicklung des Mikrobioms im Darm des Kindes hat das Stillen eine Bedeutung. Nebst des wichtigen „bondings“.

Die Kuhmilch Allergie verliert sich bei Kindern jedoch auch häufig wieder…

Die echte Kuhmilch-Allergie, egal ob sie sich über die Atemwege, durch Magen-Darm-Probleme, über die Haut oder, als Vollbild, in Form einer Anaphylaxie äußert, zeigt bei den Kindern in der Regel eine Tendenz zur Besserung bis zum gänzlichen Verschwinden. 80 Prozent der Kinder haben die Allergie bis zum 3. Lebensjahr verloren. In der Medizin nennt man das „Spontanremission“, wenn sich der Körper selbst „reguliert“. Einige Kinder verlieren die Kuhmilch Allergie ebenfalls, allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, bei anderen werden die Symptome mit der Zeit milder und ganz wenige Kinder behalten sie ihr Leben lang.

Leider ist es bisher nicht möglich, eine Prognose zu geben, welches Kind zu welcher Gruppe zählt. Man forscht deshalb intensiv daran den Prozess der Spontanremission zu verstehen bzw. an biologischen Markern, mit deren Hilfe eine Prognose möglich ist.

Worauf konzentriert sich die Forschung, abgesehen von der Suche nach Markern?

Auch im bereits erwähnten Bereich des Mikrobioms wird aktuell geforscht. Wie erwähnt, spielt das Stillen für die Entwicklung des Mikrobioms des Darms eine Rolle.

Eine Rolle scheint aber auch der Geburtsweg  zu spielen. Eine vaginale Entbindung scheint der Entbindung durch Kaiserschnitt deutlich überlegen zu sein. Es hat sich gezeigt, dass Sectio-Kinder ein höheres Allergierisiko tragen, wobei auch bestimmte Magen-Darm-Probleme bei diesen Kindern häufiger auftreten. Man erklärt sich dies dadurch, dass sich das Mikrobiom der Mutter bei der vaginalen Entbindung auf das Kind überträgt, was bei der Sectio nicht möglich ist.

Auch das Umfeld-Mikrobiom ist ein wesentlicher Aspekt. Wir wissen durch die Bauernhof-Studien, dass Geburt und Aufwachsen auf dem Bauernhof einen gewissen Schutz vor Allergien bietet. Auch Kinder mit vielen älteren Geschwistern haben einen deutlich höheren Schutz vor Allergien. Auch nicht-pasteurisierte Rohmilch hat einen Schutzeffekt vor Allergien, wobei Rohmilch auch Gefahren birgt, z.B. die Listeriose.

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Herr Prof. Szépfalusi, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.