Kuhmilchallergie

Prof. Dr. med. Bodo Niggemann, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin

Wenn Kinder Kuhmilch nicht vertragen: Was steckt dahinter?

Wie sieht die Behandlung bei der Kuhmilch Allergie aus? Gibt es Behandlungsunterschiede je nachdem, ob es sich um eine IgE-vermittelte oder um eine nicht IgE-vermittelte Allergie handelt?

Die Behandlung besteht in beiden Fällen darin, die Kuhmilch zu eliminieren und gleichzeitig adäquat zu ersetzen. Die Kuhmilch ist das wichtigste Nahrungsmittel für ein Kind, das sich im Wachstum befindet. Deshalb ist es nicht möglich, Kuhmilch einfach aus dem Speiseplan zu streichen – man muss einen gleichwertigen Ersatz bieten.

Im Säuglings- und Kleinkindesalter gibt es zwei Möglichkeiten: entweder eine extensiv hydrolysierte Formula-Nahrung auf Kuhmilchbasis (eHF, in dieser Nahrung wurde das Eiweiß in so kleine Partikel zerteilt, dass das Immunsystem es nicht mehr als Allergen wahrnimmt) oder gleichwertig die Möglichkeit von Formulae, die allein auf Basis von non-allergenen Aminosäuren hergestellt werden und mit Fetten, Zuckern, Mineralien, Spurenelementen etc. ergänzt werden.

Beide Nahrungen sind vollwertige und gleichwertige Ersatzprodukte für Säuglinge mit Kuhmilch-Allergie. Beim gesunden Säugling ist die Muttermilch die beste Nahrung, Kuhmilch kommt gleich danach.

Übrigens kommen Ziegenmilch, Schafmilch etc. als Ersatz für Kuhmilch bei kuhmilchallergischen Kindern nicht in Frage, denn die darin enthaltenen Proteine haben eine 80 bis 90 prozentige Kreuzreaktivität zur Kuhmilch. Das bedeutete, dass Kinder mit einer Kuhmilch Allergie zu 80 bis 90 Prozent auch allergisch auf die Milch von Ziege und Schaf reagieren.

Wie ersetzt man die Kuhmilch bei älteren Kindern?

Es gibt zwei für die Ernährung von Kindern kritische Bestandteile der Kuhmilch. Zum einen muss man einen Ersatz für das Milcheiweiß finden und zum anderen muss das Kalzium ersetzt werden. Zur Versorgung mit Eiweiß und Kalzium kann man, ab ca. 1 Jahr, auch auf Sojaprodukte, Mandelmilch, Reismilch oder Hafermilch etc. ausweichen. Man sollte dann aber darauf achten, dass diese Produkte mit Kalzium angereichert sind, denn die Kinder benötigen neben dem Eiweiß auch das Kalzium für ein gesundes Wachstum der Knochen.

Bei älteren Kindern kann die Eiweißzufuhr auch über andere Nahrungsmittel wie Fleisch oder Fisch erfolgen.

Besteht im Zusammenhang mit der IgE-vermittelten bzw. nicht IgE-vermittelten Allergie die Gefahr eines Allergischen Marsches, als für die Entwicklung weiterer Allergien?

Diese Gefahr besteht nur für die IgE-vermittelten und nicht für die nicht IgE-vermittelten Allergien. Bei Kindern mit gastrointestinalen Reaktionen auf die Kuhmilch wird der Allergische Marsch also nicht auftreten.

Bei den IgE-vermittelten Allergien ist die Kuhmilch-Allergie eine Frühmanifestation. An erster Stelle steht zwar das Atopische Ekzem, also die Neurodermitis, dicht darauf folgen jedoch die frühkindlichen Nahrungsmittelallergien auf Kuhmilch, Hühnerei, Erdnuss etc. und dann folgen erst die Atemwegserkrankungen Heuschnupfen, Asthma etc.

Man kann den Allergischen Marsch leider nicht verhindern, in dem man bei der Ernährung eines Kindes mit Kuhmilch Allergie auf Milch verzichtet. Eventuelle weitere allergische Erkrankungen können völlig unabhängig von Ernährungseinflüssen entstehen. Ursächlich für den Allergischen Marsch sind zu 2/3 Disposition, d.h. Genetik und zu 1/3 Exposition, d.h. Umgebung, also z.B. auch was man füttert. Eine sichere Verhinderung des Allergischen Marsches ist deshalb schwer möglich.

Wie sieht die Situation bei der Laktoseintoleranz aus, bei der Unverträglichkeit von Milchzucker?

Bei einer Laktoseintoleranz handelt es sich meist um eine erworbene Erkrankung. Oft entsteht sie auf bereits im Säuglingsalter auf Grund eines Virusinfektes des Darms. Durch den Infekt werden die Darmotten beeinträchtigt bzw. zerstört. In der Folge können die laktaseproduzierenden Zellen im Dünndarm schädigen, so dass die Produktion des Enzyms Laktase im Darm beeinträchtigt wird, d.h. der Aufnahmeprozess des Milchzuckers im Darm ist gestört.

Auch eine Zöliakie, die angeboren ist, kann die Darmzotten zerstören und in der Folge eine sekundäre Laktoseintoleranz auslösen, dies sollte bei der Diagnose immer bedacht werden. Ganz selten gibt es bei Kindern eine genetische Intoleranz, die angeboren ist und sich im Alter von einigen Jahren manifestieren kann.

Als Therapie bei einer Intoleranz gegen Milchzucker reicht es aus, laktosefreie Milchprodukte zu verwenden. Wie lange dies erfolgen muss, ist sehr schwer zu sagen, denn es ist individuell sehr unterschiedlich, wie lange die Erkrankung anhält. Es lohnt sich, alle paar Monate wieder zu testen, ob eine Toleranz eingetreten ist.

Herr Prof. Niggemann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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