Keine Allergie-News verpassen!

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter!

Sie wollen stets zu Allergien und Intoleranzen informiert werden? Abonnieren Sie kostenlos unseren MeinAllergiePortal-Newsletter!

 

x

Kuhmilchallergie

Prof. Dr. med. Bodo Niggemann, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin

Wenn Kinder Kuhmilch nicht vertragen: Was steckt dahinter?

Viele Mütter haben den Eindruck, dass ihre Kinder Kuhmilch nicht vertragen. Auch in den Medien und in vielen Internetforen ist das Thema Kuhmilch zunehmend präsent. Dabei gehen die Begriffe häufig durcheinander. Nicht immer ist ganz klar, wann von einer Unverträglichkeit und wann von einer Allergie die Rede ist. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Bodo Niggemann, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin über die unterschiedlichen Ursachen, Ausprägungen und Therapien.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Bodo Niggemann

Herr Prof. Niggemann, wenn ein Kind auf Kuhmilch unverträglich reagiert, was genau sind dann die Ursachen?

Zunächst möchte ich klarstellen, dass man auf verschiedene Bestandteile eines Nahrungsmittels reagieren kann. Z.B. kann man auf den Eiweißbestandteil eines Nahrungsmittels reagieren oder auch auf die darin enthaltenen Zuckerbestandteile.

Heute definiert man Nahrungsmittelallergien als alle Reaktionen, die immunologisch vermittelt sind und auf ein Protein, d.h. auf einen Eiweißbestandteil eines Nahrungsmittels bezogen sind. Deshalb unterteilt man heute Allergien in IgE-vermittelte und nicht IgE-vermittelte Allergien auf ein Protein.

Mit Intoleranz oder Unverträglichkeit bezeichnet man hingegen alle Reaktionen, die nichts mit dem Immunsystem zu tun haben, üblicherweise auf die Zuckerbestandteile eines Nahrungsmittels, z.B. auf die Laktose in der Milch, d.h. den Milchzucker oder die Fruktose im Obst, also den Fruchtzucker.

Eine weitere Möglichkeit für Unverträglichsreaktionen sind irritative, meist lokal auftretende, Reaktion auf Bestandteile von Nahrungsmitteln, wie z.B. auf Enzyme oder Säuren beim Verzehr von Zitrusfrüchten, Paprika, Tomate oder scharfen Gewürzen.

Letztendlich gibt es auch Unverträglichkeitsreaktionen, die auf die direkte Zufuhr von Histamin oder biogenen Aminen, d.h. auf eine nicht immunologisch vermittelte Ausschüttung von Histamin oder auf eine vermehrte Zufuhr von Histamin zurückzuführen sind. In diese Kategorie der nicht immunologischen Unverträglichkeitsreaktionen fällt auch das im Kindesalter extrem seltene ASS-Intoleranz-Syndrom.

Zurück zur Kuhmilch Allergie: Welche unterschiedlichen Ausprägungen sind möglich und wie äußern sich diese?

Besteht eine Kuhmilch-Allergie im Kindesalter, ist es wahrscheinlich, dass eine IgE-vermittelte Reaktion mit typisch allergischen Symptomen, wie Hautsymptomen (also Quaddeln, Rötung oder Schwellung aber auch einer Neurodermitis) oder mit Atemwegssymptomen (also Heuschnupfen oder Asthma) einhergeht. Es handelt sich dann um eine klassische Typ-I-Allergie, die sich über einen Allergietest nachweisen lässt.

Wichtig zu wissen ist, dass man bei Kindern mit einer IgE-vermittelten Kuhmilch-Allergie in 95 Prozent der Fälle ein atopisches Ekzem, d.h. eine Neurodermitis, als Grunderkrankung vorfindet. Bei diesen Kindern liegt eine Barrierefunktionsstörung der Haut vor, es kommt zu einer Sensibilisierung, die IgE-Tests zeigen positive Resultate und in der Folge treten dann die Symptome einer allergischen Erkrankung auf. Dies kann eine Reaktion auf Kuhmilch, aber auch auf Hühnerei oder Erdnuss etc. sein.

Es ist jedoch auch möglich, dass sich beim Kind reproduzierbare Reaktionen auf das Eiweiß der Milch rein gastrointestinal äußern, d.h. es kommt zu Blähungen, Durchfall, Bauchkrämpfen etc.. Diese Reaktionen treten auch nach dem Verzehr laktosefreier Milch auf, denn diese enthält ja nach wie vor Milcheiweiß. Die Kinder reagieren allergisch über das Immunsystem auf den Eiweißstoff der Milch, obwohl die Hauttestung negativ ist. Hier handelt es sich um die bereits erwähnte nicht IgE-vermittelte Allergie.

Besteht jedoch eine Laktoseintoleranz, also eine Unverträglichkeit gegen Milchzucker, wird die normale Milch nicht vertragen, die laktosefreie Milch ist jedoch problemlos möglich, weil der Milchzucker hier entfernt wurde.
Alle drei Reaktionsformen treten in der Regel getrennt voneinander und fast nie in Kombination bei einem Kind auf.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Kuhmilch-Allergie, bzw. Nahrungsmittelallergien allgemein und Neurodermitis?

Aus Sicht des Allergologen sind hier Zusammenhänge zu beobachten. Pauschal gesagt, haben durchschnittlich 1/3 der Kinder, die unter einer IgE-vermittelten Neurodermitis leiden, eine Nahrungsmittelallergie. An erster Stelle stehen Kuhmilch und Hühnerei, das sind die wichtigsten Allergene. In gewissen Abstand folgen Erdnuss und Baumnüsse. Danach folgen Weizen und Soja und erst dann kommt der Fisch.

Eine pauschale Aussage bildet jedoch nicht den Kern der Situation ab, denn man findet hier, je nach Alter des Kindes und Schweregrad der Symptome, sehr unterschiedliche Risikopotenziale. Z.B. besteht bei einem 9 Monate alten Säugling mit einem schweren Ekzem ein 90prozentiges Risiko, eine Nahrungsmittelallergie zu entwickeln. Dahingegen besteht bei einem 5-jährigen Kind mit leichten Ekzemen in Armbeugen und Kniekehlen lediglich ein Risiko von 10 Prozent oder weniger. Man kann also sagen, je schwerer das Ekzem auftritt und je jünger das Kind ist, desto größer ist das Risiko, eine Nahrungsmittelallergie zu entwickeln.

Insgesamt ist es jedoch wichtig zu wissen, dass 2/3 der Kinder, die an Neurodermitis leiden, keine spezielle Diät benötigen.

Anzeige

Wie erfolgt die Diagnose bei Kindern, die Kuhmilch nicht vertragen?

Zur Differenzierung der IgE-vermittelten bzw. nicht IgE-vermittelten Allergie wird der Allergologe zunächst untersuchen, welche Organsysteme betroffen sind und einen Allergietest durchführen. Bei rein gastrointestinalen Reaktionen wird der Allergietest negativ ausfallen. Liegen dagegen Hautsymptome vor und der Allergietest ist positiv, wird das verursachende Allergen versuchsweise aus dem Speiseplan gestrichen bzw. durch die Spezialnahrungen ersetzt. Falls das Nahrungsmittel bisher nicht verabreicht wurde, muss eine kontrollierte orale Provokation (meist unter stationären Bedingungen) durchgeführt werden.

Bei der Laktoseintoleranz, die in den Verantwortungsbereich eines Kinder-Gastroenterologen fällt, wird die Diagnose meist erstellt indem eine Eliminationsdiät durchgeführt wird und man dann beobachtet, ob sich die Symptomatik dadurch verbessert.

Nahrungsmittelallergien, die im Kindesalter auftreten, können sich auch wieder verlieren, gilt dies auch für die Kuhmilch-Allergie bzw. für die IgE-vermittelte und die nicht IgE-vermittelte Kuhmilch Allergie?

Grundsätzlich gilt für beide Formen der Kuhmilch Allergie, dass sie sich im Laufe der Zeit verlieren. Bei der nicht IgE-vermittelten Kuhmilch Allergie, die sich in gastrointestinalen Symptomen äußert, geht dies in der Regel sogar etwas schneller, als bei der IgE-vermittelten Kuhmilch Allergie, oft im Zeitraum zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. In beiden Fällen ist eine Toleranz in der Regel nach einigen Jahren wahrscheinlich.

Grob gesagt verlieren 80 Prozent der Kinder mit Kuhmilch Allergie ihre Allergie bis zum Schulalter. Bei diesen 80 Prozent geht die Kurve asymptotisch gegen Null, d.h. die meisten Kinder verlieren die Kuhmilch Allergie innerhalb der ersten zwei bis vier Lebensjahre, etwas weniger Kinder verlieren sie bis zum Schulalter, bis die Kurve ab dem sechsten Lebensjahr langsam gegen Null tendiert.

Es gibt jedoch auch einen kleinen Prozentsatz an betroffenen Kindern, die ihre Kuhmilch Allergie bis ins Jugendlichen- oder sogar Erwachsenenalter behalten. Deshalb gibt es auch Erwachsene mit einer klassischen Kuhmilch-Allergie - was allerdings selten vorkommt.

Wie sieht die Behandlung bei der Kuhmilch Allergie aus? Gibt es Behandlungsunterschiede je nachdem, ob es sich um eine IgE-vermittelte oder um eine nicht IgE-vermittelte Allergie handelt?

Die Behandlung besteht in beiden Fällen darin, die Kuhmilch zu eliminieren und gleichzeitig adäquat zu ersetzen. Die Kuhmilch ist das wichtigste Nahrungsmittel für ein Kind, das sich im Wachstum befindet. Deshalb ist es nicht möglich, Kuhmilch einfach aus dem Speiseplan zu streichen – man muss einen gleichwertigen Ersatz bieten.

Im Säuglings- und Kleinkindesalter gibt es zwei Möglichkeiten: entweder eine extensiv hydrolysierte Formula-Nahrung auf Kuhmilchbasis (eHF, in dieser Nahrung wurde das Eiweiß in so kleine Partikel zerteilt, dass das Immunsystem es nicht mehr als Allergen wahrnimmt) oder gleichwertig die Möglichkeit von Formulae, die allein auf Basis von non-allergenen Aminosäuren hergestellt werden und mit Fetten, Zuckern, Mineralien, Spurenelementen etc. ergänzt werden.

Beide Nahrungen sind vollwertige und gleichwertige Ersatzprodukte für Säuglinge mit Kuhmilch-Allergie. Beim gesunden Säugling ist die Muttermilch die beste Nahrung, Kuhmilch kommt gleich danach.

Übrigens kommen Ziegenmilch, Schafmilch etc. als Ersatz für Kuhmilch bei kuhmilchallergischen Kindern nicht in Frage, denn die darin enthaltenen Proteine haben eine 80 bis 90 prozentige Kreuzreaktivität zur Kuhmilch. Das bedeutete, dass Kinder mit einer Kuhmilch Allergie zu 80 bis 90 Prozent auch allergisch auf die Milch von Ziege und Schaf reagieren.

Wie ersetzt man die Kuhmilch bei älteren Kindern?

Es gibt zwei für die Ernährung von Kindern kritische Bestandteile der Kuhmilch. Zum einen muss man einen Ersatz für das Milcheiweiß finden und zum anderen muss das Kalzium ersetzt werden. Zur Versorgung mit Eiweiß und Kalzium kann man, ab ca. 1 Jahr, auch auf Sojaprodukte, Mandelmilch, Reismilch oder Hafermilch etc. ausweichen. Man sollte dann aber darauf achten, dass diese Produkte mit Kalzium angereichert sind, denn die Kinder benötigen neben dem Eiweiß auch das Kalzium für ein gesundes Wachstum der Knochen.

Bei älteren Kindern kann die Eiweißzufuhr auch über andere Nahrungsmittel wie Fleisch oder Fisch erfolgen.

Besteht im Zusammenhang mit der IgE-vermittelten bzw. nicht IgE-vermittelten Allergie die Gefahr eines Allergischen Marsches, als für die Entwicklung weiterer Allergien?

Diese Gefahr besteht nur für die IgE-vermittelten und nicht für die nicht IgE-vermittelten Allergien. Bei Kindern mit gastrointestinalen Reaktionen auf die Kuhmilch wird der Allergische Marsch also nicht auftreten.

Bei den IgE-vermittelten Allergien ist die Kuhmilch-Allergie eine Frühmanifestation. An erster Stelle steht zwar das Atopische Ekzem, also die Neurodermitis, dicht darauf folgen jedoch die frühkindlichen Nahrungsmittelallergien auf Kuhmilch, Hühnerei, Erdnuss etc. und dann folgen erst die Atemwegserkrankungen Heuschnupfen, Asthma etc.

Man kann den Allergischen Marsch leider nicht verhindern, in dem man bei der Ernährung eines Kindes mit Kuhmilch Allergie auf Milch verzichtet. Eventuelle weitere allergische Erkrankungen können völlig unabhängig von Ernährungseinflüssen entstehen. Ursächlich für den Allergischen Marsch sind zu 2/3 Disposition, d.h. Genetik und zu 1/3 Exposition, d.h. Umgebung, also z.B. auch was man füttert. Eine sichere Verhinderung des Allergischen Marsches ist deshalb schwer möglich.

Anzeige

Wie sieht die Situation bei der Laktoseintoleranz aus, bei der Unverträglichkeit von Milchzucker?

Bei einer Laktoseintoleranz handelt es sich meist um eine erworbene Erkrankung. Oft entsteht sie auf bereits im Säuglingsalter auf Grund eines Virusinfektes des Darms. Durch den Infekt werden die Darmotten beeinträchtigt bzw. zerstört. In der Folge können die laktaseproduzierenden Zellen im Dünndarm schädigen, so dass die Produktion des Enzyms Laktase im Darm beeinträchtigt wird, d.h. der Aufnahmeprozess des Milchzuckers im Darm ist gestört.

Auch eine Zöliakie, die angeboren ist, kann die Darmzotten zerstören und in der Folge eine sekundäre Laktoseintoleranz auslösen, dies sollte bei der Diagnose immer bedacht werden. Ganz selten gibt es bei Kindern eine genetische Intoleranz, die angeboren ist und sich im Alter von einigen Jahren manifestieren kann.

Als Therapie bei einer Intoleranz gegen Milchzucker reicht es aus, laktosefreie Milchprodukte zu verwenden. Wie lange dies erfolgen muss, ist sehr schwer zu sagen, denn es ist individuell sehr unterschiedlich, wie lange die Erkrankung anhält. Es lohnt sich, alle paar Monate wieder zu testen, ob eine Toleranz eingetreten ist.

Herr Prof. Niggemann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.