Kuhmilchallergie Kind essen

Dipl.oec.troph. Jennifer Grimm, Elbe Klinik in Buxtehude zur Kuhmilchallergie beim Kind, deren Ursachen und was das Kind essen darf und was nicht!

Kuhmilchallergie beim Kind: Wie kommt es dazu? Was darf das Kind essen, was nicht?

Wie ernähre ich jetzt mein Kind? Das ist eine der ersten Fragen, die Eltern sich stellen, wenn sie erfahren, dass ihr Kind eine Kuhmilchallergie hat. Aber auch die Frage, wie es dazu kommt, beschäftigt die Eltern. Während es für die erste Frage eine Fülle von Antworten gibt, die weiterhelfen, ist die zweite Frage nicht ganz so leicht zu beantworten. MeinAllergiePortal sprach mit Dipl.oec.troph. Jennifer Grimm, Elbe Klinik in Buxtehude über die Diagnose Kuhmilchallergie, deren Ursachen und was das Kind essen darf und was nicht.

Frau Grimm, wie kommt es zur Entwicklung einer Kuhmilchallergie?

Dies Frage kann nicht vollständig in allen Einzelheiten beantwortet werden, vermutlich ist der Sensibilisierungsweg, d.h. der Weg zur Entwicklung einer Allergie, aber ein entscheidender Punkt. Beim Sensibilisierungsweg  sind nicht allein die Milch bzw. das Milchprotein entscheidend, sondern wie das Immunsystem  mit den Allergenen in Kontakt kommt.

Wie kann das Immunsystem mit den Milchproteinen in Kontakt kommen?

Theoretisch kann eine Sensibilisierung über drei Sensibilisierungswege zustande kommen.

1.    Durch die Atemwege (Inhalation)

2.    Über den Verdauungstrakt ( Nahrung)

3.    Über die Haut

Inhalation scheidet bei der Milch aus und der Allergenkontakt über die Nahrung ist bei der Kuhmilchallergie evident, aber der Sensibilisierungsweg über die Haut ist, wie man jetzt vermutet, bei einigen Kindern ein ganz entscheidender Weg. Bei der Erdnussallergie konnte man eindeutig nachweisen, dass die Sensibilisierung über die Haut wahrscheinlich mit der entscheidendste Sensibilisierungsweg ist.

Wenn die Hautbarriere eines Kindes, z.B. durch Neurodermitis, nicht intakt ist, kann es über die Haut zu einer Sensibilisierung auf Milcheiweiß kommen. Man sollte sich dieses Risikos bewusst sein, wenn man Empfehlungen wie „Kinder mit Muttermilch einreiben“ oder das berühmte „Kleopatra-Bad“, das aus Wasser und Kuhmilch besteht, in Erwägung zieht.

Ist es denn üblich, Kinder mit Muttermilch einzureiben oder in einem Wasser-Kuhmilch-Gemisch zu baden?

Es gibt Hebammen, die Einreibungen mit Muttermilch oder Kleopatra-Bäder empfehlen. Gerade bei Kindern mit Neurodermitis gilt dies als pflegende Maßnahme. Zwar kann man davon ausgehen, dass bei der Kuhmilchallergie die Sensibilisierung über den Magen-Darm-Trakt der häufigste Sensibilisierungsweg ist, aber mit dem Hautkontakt könnte ein zusätzlicher Mechanismus aktiviert werden, den man grundsätzlich vermeiden könnte.  

Weiß man, ob bei den betroffenen Kindern zuerst die Neurodermitis auftritt und dann die Kuhmilchallergie oder umgekehrt?

Das ist schwer zu sagen, denn sowohl die Kuhmilchallergie als auch die Neurodermitis treten oft sehr früh auf. Es gibt Kinder, die bereits im dritten Lebensmonat schwer betroffen sind, und so lässt es sich nicht genau sagen, was zuerst da war.

Gegen welche Bestandteile der Milch sind Kinder allergisch, wenn sie eine Kuhmilchallergie haben?

Milch besteht aus Wasser, Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, sowie Vitaminen und Mineralstoffen, und so setzen sich auch alle anderen Lebensmittel zusammen. Wie bei fast allen IgE-vermittelten Allergien, erfolgt die allergische Reaktion bei der Kuhmilchallergie auf die Proteine, d.h. die Eiweißbestandteile der Milch.

Obwohl in der Kuhmilch mehrere Allergene vorkommen, gibt es  zwei  relevante unter Vielen, das Kasein und die Allergene aus der Molke. Die meisten allergischen Reaktionen werden durch das Kasein ausgelöst.

Enthält Kuhmilch Kasein und Molkeprotein in gleichen Konzentrationen?

Im Ursprungsprodukt „Milch“ ist mehr Kasein als Molke enthalten. In den verarbeiteten Milchprodukten sind die Anteile sehr unterschiedlich. Manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere, je nach Produkt.

Man liest hin und wieder, dass Kinder mit Kuhmilchallergie andere Milcharten, z.B. Ziegenmilch, Schafsmilch oder Stutenmilch besser vertragen, können Sie dies bestätigen?

Es gibt einige wenige Kinder mit Kuhmilchallergie, die die Milch von Schafen, Stuten oder Ziegen besser vertragen.

Dabei sollte man aber berücksichtigen, dass gerade das Kasein, auf das  die meisten kuhmilchallergischen Kinder reagieren, artenunspezifisch ist. Das heißt, das Kasein von Ziege, Stute, Schaf und Kuh ist weitestgehend identisch.

Außerdem ist es im ersten Lebensjahr nicht möglich, den Säugling mit Kuhmilch oder Ziegenmilch zu ernähren, weil eine Säuglingsmilch immer adaptiert sein muss. Adaptiert bedeutet, die Säuglingsmilch muss an den Nährstoffbedarf des Kindes angepasst sein. Ziegenmilch hat z.B. einen sehr hohen Mineralstoffanteil, der schädlich für die Nieren eines Kindes im ersten Lebensjahr ist. Kuhmilch und Schafsmilch sind zwar weniger problematisch und die Zusammensetzung der Stutenmilch ist noch am besten geeignet, aber nicht so gut, wie spezielle Säuglingsnahrungen.

Generell sollte man bedenken, dass eine Kuhmilchallergie in den allermeisten Fällen nicht bestehen bleibt. Meist geht sie schon in den ersten Lebensjahren verloren, so dass die Kinder dann auch die ganz normale Kuhmilch wieder vertragen. Es lohnt sich, im Alter von einem Jahr, spätestens jedoch zum zweiten Lebensjahr zu überprüfen, ob die Kuhmilchallergie noch besteht, um die Karenz so kurz wie möglich zu halten.

Vertragen Kinder mit Kuhmilchallergie pflanzliche Milchen wie z.B. Reismilch, Mandelmilch oder Sojamilch?

Sojamilch ist im ersten Lebensjahr aufgrund der darin enthaltenen Phytoöstrogene nicht empfehlenswert. Gerade bei Jungen würde ich persönlich auch bis zum zweiten Lebensjahr auf Sojamilch verzichten, weil sie den Hormonhaushalt beeinflussen könnte. Phytoöstrogene sind eine Vorstufe des Östrogens.

Bei allen pflanzlichen Milchsorten besteht das Problem, dass diese nicht die Nährstoffe enthalten, die die Kuhmilch bietet und die ein Kind für eine gesunde Entwicklung benötigt. Dazu gehört z.B. das Kalzium, das in der Kuhmilch natürlicherweise vorkommt. Es gibt pflanzliche Milchsorten, die mit Kalzium angereichert wurden, z.B. Mandel-, Reis- und Haferdrinks, aber hier wird das Kalzium lediglich künstlich zugesetzt. Damit der Körper Kalzium gut aufnehmen und verwerten kann, müssen gleichzeitig Vitamin D und eine bestimmte Proteinmenge aufgenommen werden. Das leistet keine der Alternativmilchprodukte im nötigen Umfang. Manche Hersteller pflanzlicher Milche haben darauf bereits reagiert, so steht jetzt bereits häufig auf der Verpackung von Reismilch der Hinweis „nicht für Säuglingsnahrung geeignet“. In den USA gab es einige Todesfälle durch Unterversorgung bei Säuglingen, die ausschließlich mit Reismilch gefüttert wurden.

Im späteren Kindesalter sind pflanzliche Milche jedoch eine tolle Ergänzung und erweitern den Speiseplan, als Nährstoffersatz bleiben sie jedoch zweite Wahl.

Neben den Proteinen enthält die Kuhmilchallergie ja auch Laktose, ist dies problematisch?

Laktose, d.h. Milchzucker, ist ein wichtiger Bestandteil der Milch und gut für die Entwicklung des Mikrobioms. Sie dient den Darmbakterien als Futter und sorgt so dafür, dass sich die Bakterienzusammensetzung im Darm gut entwickeln kann. Gerade im Säuglingsalter, wenn das Mikrobiom gerade im Entstehen ist, hat Laktose eine sehr wichtige Funktion. Deshalb ist Laktose für kuhmilchallergische Kinder auf keinen Fall „verboten“.

Sind laktosefreie Produkte für Kinder mit Kuhmilchallergie geeignet?

Laktosefreie Produkte sind für Kinder mit Kuhmilchallergie keine Alternative, denn sie enthalten zwar keinen Milchzucker, dafür aber genau die Eiweißproteine der Milch, die bei Kuhmilchallergie nicht vertragen werden.

Eine Laktoseintoleranz ist bei kleinen Kindern, d.h. vor Grundschulalter, übrigens eher nicht zu befürchten.

Man hört zuweilen, gesäuerte Produkte, wie z.B. Kefir, Joghurt, Sauermilch etc. wären bei Kuhmilchallergie besser verträglich, stimmt das?

Das kann ich nicht bestätigen, denn im Kleinkindalter gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, entweder, die Kinder vertragen die Kuhmilch, oder sie vertragen sie nicht. Wird die Kuhmilch tatsächlich nicht vertragen, gilt dies nicht allein für die Milch, sondern auch für den Keks, das Brötchen, die Butter, d.h. für alles, was Milch enthält.

Aber, wie gesagt, geht die Kuhmilchallergie im Laufe der Zeit verloren, weil das Immunsystem lernt, mit dem Allergen zurechtzukommen. In dieser Phase des Lernprozesses zwischen Kuhmilchallergie und Toleranz werden hocherhitzte Milchprodukte häufig eher vertragen – das haben Studien gezeigt.

Worauf sollte man bei Kindern mit Kuhmilchallergie in Bezug auf Fertigprodukte achten?

Kindern im ersten Lebensjahr sollten grundsätzlich keine Fertigprodukte bekommen.

In Fertigprodukten wird sehr häufig Magermilchpulver eingesetzt, das sowohl Milchzucker als auch Milcheiweiß enthält. Magermilchpulver sorgt für eine angenehm cremige Konsistenz und wird deshalb vor allem in cremigen Lebensmitteln, wie z.B. Joghurt, Puddings oder Saucen gerne verwendet, aber auch in Mortadella. Die Eltern milchallergischer Kinder müssen stets die Zutatenlisten studieren.

Bei Softgetränken liest man oft den Zusatz „mit Molkenerzeugnis“. Heißt das, auch diese Getränke sind tabu für Kuhmilchallergiker?

Für die Getränkehersteller hat die Beimengung von Molkeerzeugnissen zu Softdrinks den Vorteil, dass sie sie dann nicht als Pfandflaschen anbieten müssen. Vor kurzem kam sogar eine Limonade mit einem relativ hohen Molkeanteil auf den Markt, die bei einem kuhmilchallergischen Kind zu einer allergischen Reaktion führen kann.

Für die Kinder, aber auch für die Eltern, ist es oft schwer zu verstehen, dass eine Limonade auch Milch enthalten kann. Aber auch der Einkauf beim Bäcker ist nicht frei von Risiken, dann auch bei Backwaren wird das Magermilchpulver häufig eingesetzt.

Bei einer Kuhmilchallergie kann ich den Eltern nur empfehlen, grundsätzlich alles zu überprüfen, was das Kind zu sich nimmt.

Welche Kuhmilchersatzprodukte sind empfehlenswert?

Bei einer echten Kuhmilchallergie kommen für die Säuglingsernährung ausschließlich Hydrolysate in Frage. Hydrolysate sind spezielle Säuglingsmilche, die man nur auf Rezept in der Apotheke erhält und die häufig auf Kuhmilchbasis hergestellt werden. Das in den Hydrolysaten enthaltene Milchprotein ist jedoch so verdaut, dass das Immunsystem es nicht mehr als Allergen wahrnehmen kann, und so wird es für Kinder mit Kuhmilchallergie verträglich. Hydrolysate sind säuglingsadaptiert, d.h. sie enthalten alle Nährstoffe in der richtigen Menge und Zusammensetzung. Hydrolysate sind im ersten Lebensjahr  die einzige Möglichkeit, ein kuhmilchallergisches Kind adäquat zu ernähren.      

Frau Grimm, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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