Allergene in Kosmetikprodukten

Prof. Dr. med. Axel Schnuch, Leiter des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK) an der Universität Göttingen

Kontaktallergie: Wo verstecken sich die Allergene in Kosmetikprodukten?

Die Zahl der Kontaktallergien steigt! Immer mehr Menschen leiden unter Kontaktekzemen, d.h. ihre Haut reagiert mit Ekzemen auf den Kontakt mit Allergenen. Unter Verdacht stehen die Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten. Aber nicht nur dort verstecken sich Allergene. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Axel Schnuch, Leiter des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK) an der Universität Göttingen über problematische Inhaltsstoffe.

Herr Prof. Schnuch, welche Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten können Allergien auslösen?

Zu den Inhaltsstoffen in Hautpflegeprodukten, die Allergien auslösen können, gehören in erster Linie Duftstoffe, Konservierungsmittel und die Matrix, d.h. die  Grundlagen der Hautpflegeprodukte, wie z.B. eine Emulsion. Hat die Matrix einen hohen Wasseranteil, und das ist häufig der Fall, benötigt man Konservierungsmittel, um eine mikrobiologische Kontamination zu verhindern. Ohne das Konservierungsmittel würden sich in der Creme Bakterien und Pilze ansiedeln. Insbesondere offene Cremetiegel, möglichst auch noch im warmen, feuchten Badezimmer aufbewahrt, bieten ideale Lebensbedingungen für Bakterien und Pilze. Deshalb werden die  Konservierungsmittel in Hautpflegeprodukten nicht nur zur Verlängerung der Haltbarkeit eingesetzt, sondern grundsätzlich zur Vermeidung der Kontamination.

Welche Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten bergen ein besonders hohes Allergierisiko?

Wie sich herausgestellt hat, ist das Methylisothiazolinon ein Konservierungsstoff, der ganz besonders viele Probleme im Hinblick auf Allergien verursacht. Methylisothiazolinon wird allerdings nicht nur in Kosmetika eingesetzt, sondern in allen wässrigen Stoffen, wie z.B. in Wandfarben oder in Kühlschmierstoffen.

Was versteht man unter Kühlschmierstoffen und warum enthalten sie Allergene?

Kühlschmierstoffe werden in der metallverarbeitenden Industrie flächendeckend und in großen Mengen eingesetzt. Alle metallverarbeitenden Betrieben und die gesamte Automobilindustrie arbeiten mit Kühlschmierstoffen.

Der Grund dafür ist der folgende: Immer, wenn Metall geschnitten bzw. gesägt wird, entstehen hohe Temperaturen. Normalerweise würde dies dazu führen, dass man ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitersägen kann, die Säge würde sich im Werkstück verklemmen und festsetzen. Mit Kühlschmierstoffen lässt sich das Festsetzen verhindern, aber da Kühlschmierstoffe wässrige Lösungen sind, würden sie ohne Konservierungsmittel schnell verkeimen und damit unbrauchbar. Man setzt daher Methylisothiazolinon ein, um eine Verkeimung zu verhindern.

Bei Metallarbeitern kommt es deshalb häufig zu allergischen Reaktionen auf Methylisothiazolinon. Dabei kann es zuerst durch die berufliche Tätigkeit zu einer Sensibilisierung kommen und dann zu Hause, durch den Kontakt mit einer Hautcreme oder einem Duschgel, das ebenfalls Methylisothiazolinon enthält, zu einer allergischen Hautreaktion, z.B. in Form eines Handekzems. Umgekehrt kann es aber auch im privaten Bereich zu einer Sensibilisierung kommen, die sich dann am Arbeitsplatz negativ auswirkt.

Da, wie gesagt, auch Wandfarben reichlich Methylisothiazolinon enthalten, damit die Farben nicht verkeimen und unbrauchbar werden, kann es Malern und Tapezierern ähnlich ergehen. In unserer IVDK-Statistik ist der Beruf des Malers mit dem höchsten Risiko einer Sensibilisierung assoziiert.

Zusammengefasst muss man sagen: Die Tatsache, dass Methylisothiazolinon heutzutage flächendeckend eingesetzt wird, erhöht das Risiko, eine Sensibilisierung zu entwickeln und irgendwann auch eine allergische Reaktion an der Haut in der Form eines Ekzems. Außerdem gehört Methylisothiazolinon zu den potenten, d.h. zu den starken Allergenen und auch dadurch erhöht sich die Gefahr der Sensibilisierung.


Besteht die Gefahr der Sensibilisierung bei potenten Allergenen für alle Menschen oder sind allergisch vorbelastete Menschen stärker gefährdet?

Ob man als Allergiker auf ein potentes Allergen mit einer Sensibilisierung reagiert, hängt von der Vorerkrankung ab - z.B. sind Menschen, die an den klassischen atopischen Erkrankungen, wie Heuschnupfen, Allergischem Asthma und Neurodermitis leiden, nicht außergewöhnlich gefährdet, Kontaktallergien zu entwickeln.

Bestehen aber bei einem Menschen bereits andere Kontaktallergien, z.B. eine Nickelallergie hervorgerufen durch Piercings und dazu eine Duftstoffallergie, erworben durch Kosmetikprodukte, besteht nach unseren Untersuchungen für diese Menschen auch in jüngeren Jahren bereits ein erhöhtes Risiko, leichter auf zusätzliche Allergene Sensibilisierungen zu entwickeln.

Spielt auch das Alter bei der Entwicklung von Kontaktallergien eine Rolle?

Ja, denn je älter man wird, desto mehr steigt das Risiko für Sensibilisierungen. Über die Jahre hatte man ja vielfältige Kontakte zu potenziellen Allergenen. Deshalb findet man bei älteren Menschen häufig die sogenannten Polysensibilisierungen, d.h. Sensibilisierungen auf mehrere Allergene.

Sie hatten auch die Matrix bzw. Salbengrundlagen als Auslöser von Sensibilisierungen erwähnt….

Bei den Salbengrundlagen, den Trägerstoffen, können Lanolin bzw. Wollwachsalkohole Sensibilisierungen auslösen. Allerdings kommt dies nicht sehr häufig vor und spielt daher keine große Rolle bei den Kontaktallergien.


Zurück zu den Konservierungsstoffen. Gibt es außer Methylisothiazolinon  noch weitere Allergene, die bei Kosmetika eine Rolle spielen?

Ja, hier gibt es noch das Iodopropinylbutyl carbamate und die Formaldehyd-Abspalter, die eine nicht so große Rolle spielen.

Formaldehyd selbst ist ein stärkeres Allergen und wird in Kosmetika nicht mehr eingesetzt, obwohl nach unseren Erkenntnissen Formaldehyd in niedrigen Konzentrationen kein Gesundheitsrisiko darstellt, aber durch die sogenannten Formaldehyd-Abspalter kann Formaldehyd dennoch in Kosmetika vorkommen.

Formaldehyd-Abspalter sind Moleküle, die in Kosmetika als Konservierungsstoffe eingesetzt werden. Sie können im Kosmetikprodukt selbst Formaldehyd freisetzen, das wiederum Sensibilisierungen auslösen kann. Formaldehyd-Abspalter können aber auch selbst Sensibilisierungen auslösen.

Weiter gibt es noch Konservierungsstoffe, die nur sehr selten zu Allergien führen, z.B. Benzylalkohol. Vor allem Phenoxyethanol führt extrem selten zu Allergien und wird sehr häufig eingesetzt. Allerdings ist Phenoxyethanol als Konservierungsstoff auch nicht sehr wirksam und muss daher mit anderen Stoffen kombiniert werden, z.B. mit Formaldehyd-Abspaltern. Und dann gibt es noch die Parabene, die ebenfalls selten Allergien hervorrufen und völlig zu Unrecht in Verruf gebracht wurden.

Warum werden Parabene von einigen Kosmetikherstellern nicht mehr zur Konservierung von Kosmetika eingesetzt?

Es gab Hinweise darauf, dass bestimmte Parabene eine endokrine Wirkung, d.h. eine hormonell beeinflussende Wirkung haben könnten, was auch in der Presse auf großes Echo hervorrief.

Allerdings wurde diese Behauptung bisher durch Studien nicht valide belegt. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung hat dazu im Jahr 2011 ausführlich Stellung genommen und den Einsatz bestimmter Parabene bis zu gewissen Höchstgrenzen für unbedenklich erklärt. Dennoch verzichtet ein Teil der Kosmetikindustrie  auf die Parabene und das Marketing nutzt die Kennzeichnung "parabenfrei", was beim  Verbraucher den Eindruck erweckt, es handele sich um ein Qualitätsmerkmal.

Was die Verbraucher meist nicht wissen ist, dass an Stelle der Parabene vermehrt Methylisothiazolinon eingesetzt wird. Dies ist, wie bereits besprochen, ein sehr starkes Allergen und der vermehrte Einsatz hat zu einem rapiden Anstieg der Kontaktallergien geführt. Gerade im Hinblick auf Allergien wären Parabene die bessere Lösung zur Konservierung von Hautpflegeprodukten, denn Parabene führen nur in äußerst seltenen Fällen zu Sensibilisierungen – aber dieser "Zug" lässt sich wohl nicht mehr aufhalten!

Wie sieht es bei Duftstoffen in Kosmetikprodukten aus – welche Stoffe können zu Sensibilisierungen führen?

Es gibt sehr viele Duftstoffe, die bei Kosmetikprodukten eingesetzt werden. Unter diesen vielen Duftstoffen sind einige ganz besonders problematisch - dazu gehören insbesondere z.B. Hydroxyisohexyl 3-cyclohexene carboxaldehyde (HICC), Atranol  und Chloratranol und diese Duftstoffe sollen auch demnächst EU-weit verboten werden.

Durch unser  Überwachungssystem des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK) haben wir sehr früh gemerkt, dass es sich bei Hydroxyisohexyl 3-cyclohexene carboxaldehyde (HICC), und bei Eichenmoos, das Atranol und Chloratranol enthält, um sehr potente Allergene handelt. Auch die  IFRA, das ist die International  Fragrance Association in Brüssel, hat sich jahrelang bemüht, durch wiederholte Empfehlungen die Konzentration dieser Stoffe in den Kosmetikprodukten abzusenken - schließlich ist die Menge in Bezug auf das Sensibilisierungsrisiko von Allergenen ein ganz entscheidender Faktor. Allerdings haben die Empfehlungen der IFRA keinen bindenden Charakter und es ist auch nicht klar, inwieweit sich die Kosmetikindustrie an die Empfehlungen der IFRA gehalten hat. Auch in den Jahren, in denen die IFRA sich für eine Absenkung der Konzentration ausgesprochen hat, stiegen die entsprechenden Sensibilisierungsraten kontinuierlich an bzw blieben konstant auf hohem Niveau. 

Weitere, im Hinblick auf Sensibilisierungen problematische Duftstoffe sind Isoeugenol, hierfür hat die EU gerade die erlaubte Konzentration begrenzt, Hydroxycitronellal und Zimtaldehyd.

Es gibt auch eine Reihe von Duftstoffen, bei denen es zwar zu Sensibilisierungen kommen kann, was aber nicht so häufig der Fall ist und viele Stoffe bereiten im Hinblick auf Allergien überhaupt keine Probleme. Deshalb haben wir aus Sicht des IVDK auch große Bedenken bezüglich der Liste der 126 "Established Allergens", die das Scientific Commitee for Consumer Savety (SCCS), das die EU Kommission berät, im Jahre 2012 herausgebracht hat.


Was halten Sie bei der Liste der "Established Allergens" des SCCS für problematisch?

Mit den entscheidenden Aussagen des SCCS zu den 6 problematischen Duftstoffen bin ich grundsätzlich einverstanden – hier gibt es keinen Dissens zwischen dem SCCS und der Sicht des IVDK.

In Bezug auf die Allergenität der weiteren 120 als "Established Allergens" bezeichneten Duftstoffe haben wir jedoch erhebliche Zweifel an der Richtigkeit dieser Darstellung, was wir auch in einer entsprechenden Stellungnahme zum Ausdruck gebracht haben. Weder gibt es für alle aufgeführten Stoffe wissenschaftliche Belege für eine Allergenität, noch ist es in der Praxis für die Kosmetikindustrie handhabbar, auf all diese Stoffe zu verzichten. Deshalb scheint mir das SCCS hier "über das Ziel hinausgeschossen" zu sein. Aus IVDK-Sicht problematisch in Bezug auf Allergien sind die folgenden Stoffe, auf die man verzichten sollte:

•    Eichenmoos

•    Baummoos

•    Lyral

•    Isoeugenol

•    Cinnamal

Andere Duftstoffe bergen geringere Gesundheitsrisiken. Und es gibt eben auch solche, die völlige harmlos sind. Diese sollten auch die Grundlage für die Entwicklungsarbeit der Parfümeure sein.

Sind Hautpflegeprodukte mit pflanzlichen Inhaltsstoffen verträglicher im Hinblick auf Allergien?

Nein, überhaupt nicht! Es macht keinen Unterschied, ob man z.B. natürliches Ylang-Ylang, das z.B. Isoeugenol enthält  oder die "künstliche" Entsprechung Isoeugenol als Duftstoff einsetzt. Unsere Datensätze zeigen deutlich, dass die allergischen Reaktionen auf ätherische Öle relativ hoch sind.  

Was empfehlen Sie Menschen mit zu Allergien neigender Haut bei der Auswahl von Hautpflegeprodukten?

Wenn eine Allergie gegen einen Duftstoff oder Konservierungsstoff besteht, sollte dies im Allergiepass verzeichnet sein. Beim Kauf von Kosmetikprodukten muss man dann das "Kleingedruckte" auf der Verpackung, die sogenannte INCI-Deklaration, sehr genau lesen und darauf achten, dass dieser Stoff im Produkt nicht enthalten ist.

Herr Prof. Schnuch, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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