Chemialien In Kinderkleidung uns Allergie

Barbara Mühlfeld, Kinderärztin in Bad Homburg und Pressesprecherin „Landesverband Hessen“ des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte

Allergien: Können Chemikalien in Kinderkleidung Allergien auslösen?

Vor den zahlreichen gesundheitsschädigenden Gefahren, die von chemisch behandelten Textilien ausgehen,  warnte unlängst der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte mit Hinweis auf eine Greenpeace-Untersuchung. Berichtet wurde u.a. auch über eine Allergiegefahr, ausgelöst durch textile Chemikalien in Kinderkleidung. Zwar ist noch nicht abschließend geklärt, wie Allergien entstehen  – viele Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen, aber aus Sicht der Pädiater mehren sich die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen chemisch behandelten Textilien und Allergien. MeinAllergiePortal sprach mit Barbara Mühlfeld, Kinderärztin in Bad Homburg und Pressesprecherin „Landesverband Hessen“ des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte über die Hintergründe.

Frau Mühlfeld,  der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte hat gewarnt: Kinderkleidung enthält Chemikalien, die Allergien und andere Erkrankungen auslösen können. Welche Chemikalien sind dies und wie sehen die aktuellen Regelungen aus?

Es gibt eine sehr hohe Anzahl  chemischer Stoffe, die bei der Kleiderproduktion - und natürlich auch bei der Produktion von allen anderen Textilwaren - eine Rolle spielen; derzeit geht man von ca. 7.000 verschiedenen Stoffen aus. Davon sind allein etwa 3.000 Farbstoffe, die wiederum unterschiedlich gemischt werden können und als Mischung neue, z.T. potenziell schädliche, Eigenschaften entwickeln. Allergieauslöser sind vor allem Farbstoffe – hier sind von den erwähnten 3.000 etwa 70 als Allergieauslöser bekannt - aber auch Nickel, Chrom und Kobalt sowie Latex und Gummi.

Einige der derzeit verwendeten Chemikalien sind allerdings sehr gefährlich und daher in Deutschland verboten. Sie können aber über importierte Kleider aus, z.B. den südostasiatischen Ländern wie Vietnam und Kambodscha, in denen nicht so streng kontrolliert wird, durchaus in unsere Haushalte und damit an unsere Körper gelangen. Entscheidend ist, wie transparent die Hersteller ihren Produktionsprozess machen. Manche Produzenten achten sehr darauf, dass ihr Produktionsprozess frei von  gesundheitsgefährdenden Chemikalien bleibt und andere tun das nicht.

Die Verbote sind zudem selbst in der EU nicht einheitlich. So sind bestimmte Pentachlorphenole, die vor Schimmelpilzbefall schützen, in Teilen der EU erlaubt. Bestimmte AZO-Farbstoffe z.B. sind wiederum EU-weit verboten, nicht aber in den USA, Indien und China.

Leider ist auch zu befürchten, dass das Freihandelsabkommen, das gerade zwischen der EU und den USA verhandelt wird, zu einer Lockerung der Kontrollen, auch im Bereich der in Textilien verwendeten Chemikalien, führen kann. In den USA ist die Gesetzgebung deutlich weniger streng als in Europa.   

Eine Kleiderherstellung ohne Chemikalien ist in der heutigen Welt schwer vorstellbar, wir müssten völlig andere Vorstellungen  von schicker bzw. praktischer Kleidung entwickeln, wollten wir völlig auf Chemikalien verzichten.

 

Zu welchem Zweck werden diese Chemikalien in Textilien überhaupt eingesetzt?

Chemikalien in der Kleidung haben die unterschiedlichsten Aufgaben: Es werden Weichmacher eingesetzt, Textilharze zum Knitterschutz – interessant gerade für Vielreisende –  sogenannte optische Appreturen zur Versteifung, für die Formstabilität, den angenehmen Griff, den Glanz der Kleidung.  

Hinzu kommen Flammschutzmittel, Färbebeschleuniger, Mittel gegen Schimmelpilzbefall und Mittel gegen Bakterien um den Schweißgeruch zu reduzieren und Mittel, die die Haltbarkeit der Farbe und die Formstabilität der Fasern erhöhen. Schließlich kommen auch Reinigungs- und Bleichmittel  mit Tensiden zum Einsatz, die ihrerseits wieder das Grundwasser belasten und über die Nahrungskette den Menschen schädigen.

Natürlich werden alle diese Mittel auch und gerade in der Erwachsenenkleidung eingesetzt, hier kommt es auch deutlich häufiger zu Allergien als im Kindesalter. Wir haben aber Grund zu der Annahme, dass diese Allergien bereits im Kindesalter angebahnt werden – durch einen Prozess, den wir Sensibilisierung nennen.


Welche Allergien können durch Chemikalien in Textilien ausgelöst werden?

Vor allem Kontaktallergien, Kontaktekzeme, aber auch Neurodermitis, Nesselsucht (Urticaria) – also in der Regel Hauterscheinungen - können durch Chemikalien in Textilien ausgelöst werden. Oft merken es die Mütter, dass ihr Kind auf bestimmte Kleidungsstücke mit einem Ausschlag reagiert. Die Kontaktallergien zeigen sich dann an den Stellen, die besonders eng mit Textilien in Berührung kommen, z.B. in den Hautfalten, oder an Stellen, die für eine Neurodermitis gerade nicht typisch sind.

Solche Allergien findet man im Kindesalter noch selten, obwohl die Kinderhaut viel empfindsamer ist. Aber, weil die Haut dann noch dünn und durchlässiger ist, fürchten wir eine Sensibilisierung und eine Anbahnung der allergischen Reaktionen im Jugendlichen- und Erwachsenenalter. Z.B. sehen wir als Pädiater häufig, dass Kinder, die sehr frühzeitig Ohrringe bekommen, später, in der Pubertät, eine Nickelallergie oder eine Kobaltallergie entwickeln.

Die Neurodermitis ist doch eine relativ häufige Hauterkrankung im Kindesalter…

Eine Neurodermitis im Kleinkindalter ist nicht zwangsläufig allergiebedingt – dies ist nur bei 30 bis 40 Prozent der neurodermitischen Kinder der Fall und dann spielen Nahrungsmittelallergien und Allergien auf Hausstaubmilben eine zentrale Rolle. Bei etwa 60 bis 70 Prozent der Kinder mit Neurodermitis  findet man aber keine auslösende Allergie. Oft verschwindet bei Kindern die Neurodermitis auch im Laufe der Jahre, häufig bereits im Alter von vier bis fünf Jahren.

Abgesehen von Allergien: Welche anderen Erkrankungen können durch Chemikalien in Textilien ausgelöst werden?

Andere Erkrankungen sind eigentlich wesentlich gravierender: Hormonähnliche Wirkungen zahlreicher Chemikalien, wie z.B. Weichmacher etc., bewirken Unfruchtbarkeit und Krebserkrankungen, gelangen, wie bestimmte Tenside,  in die Umwelt und haben Einfluss auf die Nahrungskette oder führen, wie die antimikrobiellen Substanzen,  zu einer vermehrten Resistenz von Bakterien gegen den therapeutischen Antibiotikaeinsatz. Andere Substanzen sind Nervengifte und führen zu entsprechenden Schädigungen,  wieder andere schädigen Drüsen wie die Schilddrüse oder die Leber. Auch Schädigungen des Immunsystems werden vermutet.

Hinzu kommt, dass sich die Wirkung dieser Chemikalien häufig erst zeitverzögert zeigt. In Tierversuchen hat man jedoch nachweisen können, dass die in Textilien eingesetzten Chemikalien gesundheitsgefährdende Wirkungen haben können. Wir vermuten deshalb, dass sie bei den besprochenen Erkrankungen eine nicht unerhebliche Rolle spielen.


Zurück zu den Allergien: Weiß man, wie die allergieauslösende Wirkung dieser Chemikalien zu Stande kommt? Was passiert im Körper?

Am Anfang einer Allergieentwicklung steht ein Prozess, den wir Sensibilisierung nennen und der unterschiedlich lange dauern kann, d.h. Tage bis Jahre. Es kommt in den Zellen und im Blut zu komplexen Vorgängen, die letztlich zu einer Veränderung der Immuntoleranz führen – Stoffe, die uns eigentlich dienlich sein sollen und vom Körper bis dato akzeptiert wurden, werden nun plötzlich als "fremd" erkannt und führen durch eine Umprogrammierung von Teilen des Immunsystem  zu einer unterschiedlich heftigen, aber leider "sinnlosen" Abwehrreaktion, die sich letztlich gegen den eigenen Körper und gegen das eigene Wohlbefinden richtet. Hierbei spielt die Ausschüttung von Botenstoffen eine wichtige Rolle, der bekannteste davon ist das Histamin.

Kann man sagen, wie hoch das Risiko ist, durch das Tragen von chemisch behandelten Textilien Allergien zu entwickeln?

Wir wissen, dass das individuelle Risiko überhaupt eine Allergie zu entwickeln, unter anderem von genetischen Faktoren abhängt. Ist bereits ein Verwandter ersten Grades von Allergien irgendwelcher Art betroffen, so ist das individuelle Risiko, selbst an einer Allergie zu erkranken erhöht und steigt mit jedem weiteren nahen Verwandten exponentiell an. Es gibt also Personen, die durch das Tragen chemikalienhaltiger Kleidung keine Allergie entwickeln und andere, die deutlich gefährdeter sind.

Insgesamt gibt es angesichts der Bedeutung der Thematik viel zu wenig Forschung in diesem Bereich. Prof. Dr. Wolfgang Uter von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg hat einmal  zwei blaue Textilfarben bei insgesamt 3.041 Patienten getestet - bei 40 Patienten bestand eine Allergie. Allerdings ließen sich diese Ergebnisse in späteren Studien nicht mehr reproduzieren.

In einer anderen Untersuchung wurden 1.980 Farben hinsichtlich ihrer Unbedenklichkeit bewertet mit erschreckendem Ergebnis: nur 18 Prozent wurden als "vermutlich unbedenklich" eingestuft. 

Welche Rolle spielen Faktoren Tragehäufigkeit oder Tragedauer der Textilien für die Entwicklung von Allergien?

Eine große! Mehrfaches Waschen vermindert das Risiko deutlich, vor allem auch für die nichtallergischen Erkrankungen, die vielleicht noch wichtiger sind. Wir raten grundsätzlich den Eltern, besonders von Säuglingen, Second-hand Ware zu kaufen und geben ihnen bei der Vorsorgeuntersuchung U3 sogar entsprechende Adressen mit. Bis neue Kleidung "bekömmlich" gewaschen ist, ist das Kind sonst längst aus ihr herausgewachsen! Unser Eindruck ist aber, dass Eltern, die es sich leisten können,  gerne bereit wären, für "chemikalienfreie Textilen" einen höheren Preis zu zahlen.


Sind Chemikalien, die Allergien auslösen können, kennzeichnungspflichtig bzw. wie erkennen die Eltern, welche Textilien Chemikalien enthalten?

Eine Einzelkennzeichnungspflicht, so wie z.B. bei Nahrungsmitteln, gibt es leider nicht. Etikettenhinweise wie "separat waschen" oder "knitterfrei", "schmutzabweisend", "antimikrobiell" können jedoch Hinweise geben. Dunkle Kleidung enthält häufig AZO-Farbstoffe, die besonders gerne Allergien auslösen.

Es gibt Label, die ökologisch hergestellte, verträgliche Kleidung kennzeichnen. Wie komplett "chemiefrei" die Kleider dann sind, ist aber von Label zu Label unterschiedlich. Die Eltern kommen nicht umhin, sich genau zu informieren – allerdings gibt es gerade im Internet und bei den entsprechenden Verbraucherorganisationen hierzu viele Möglichkeiten.

Was müsste sich aus Sicht des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte ändern?

Zunächst müsste wesentlich mehr zu diesem Thema geforscht werden – das ist unsere wichtigste Forderung. Das Wissen um die potentielle Gesundheitsgefährdung ist insgesamt noch viel zu gering und wir brauchen dieses Wissen, um die von uns beobachteten Phänomene einordnen zu können.

Natürlich sollte gewährleistet werden, dass die Produktion von Kleidung allgemein, insbesondere aber von Kinderkleidung, ohne gesundheitsgefährdende Stoffe erfolgt – zum Schutze der Produzenten ebenso wie der Konsumenten! Hierzu gehört natürlich auch eine Deklarationspflicht der chemischen Substanzen, die im Herstellungsprozess zur Anwendung kommen. Vorstellbar wäre, dass sich aus der Herstellung chemikalienfreier Textilien für kleinere und mittlere Betriebe sogar ein Marktvorteil ergeben könnte.

Das Engagement der Verbraucher ist hier ebenso gefragt wie Anstrengungen der Hersteller, und natürlich brauchen wir neben einer Politik, die entsprechende Verordnungen erlässt und damit Verbraucherinteressen umsetzt und verantwortlich handelt, auch eine wirksame Kontrolle der Einhaltung dieser Vorgaben.

Vermutlich müsste sich vor allem aber auch die Haltung der Verbraucher ändern: Es muss vielleicht nicht alles nagelneu, todschick und dazu superbillig sein!

Frau Mühlfeld, herzlichen Dank für dieses Interview!

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