Berufsallergien

Prof. Dr. med. Hans Drexler, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Berufsallergien: Wo verstecken sich Allergene - welche Maßnahmen sind sinnvoll?

Besteht am Arbeitsplatz für Atopiker, bzw. Menschen mit bestehender Allergieneigung, eine erhöhte Gefahr, weitere Allergien zu entwickeln?

Auch hier muss man zwischen Atemwegsallergien und Kontaktallergien unterscheiden. Bei Menschen, die atopisch vorbelastet sind, also z.B. wenn der Vater Neurodermitis hat und die Mutter Asthma, besteht ein erhöhtes Risiko eine Atemwegserkrankung allergischer Genese wie z.B. Mehlstaubasthma, Tierhaarasthma oder Pollenasthma zu entwickeln. Nach derzeitigem Wissensstand haben diese Menschen aber kein erhöhtes Risiko, eine Kontaktsensibilisierung, z.B. gegen Chromat oder Epoxidharz, zu erwerben. Es besteht jedoch - auf Grund der empfindlicheren Haut - sehr wohl ein erhöhtes Risiko für eine irritiative Hauterkrankung, wie z.B. ein atopisches Ekzem.

Auch Menschen mit einer Neurodermitis entwickeln bei Hautbelastung schneller als andere Menschen ein irritatives Kontaktekzem. Dieses  ist wiederum ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Kontaktsensibilisierung. Dennoch sprechen wissenschaftlich Untersuchungen nicht dafür, dass  Personen mit einer Neurodermitis häufiger eine zellulär vermittelte Kontaktallergie als andere Menschen aufweisen. Die einzige Ausnahme schein hier die Nickelallergie zu sein.     

Welche berufsbedingten Allergien lassen sich behandeln und wann hilft nur ein Berufswechsel?

Vor einem Berufswechsel, der ja einen erheblicher Einschnitt im Leben eines Menschen darstellt, sollte versucht werden, alle präventiven Möglichkeiten auszuschöpfen. Bei Allergenen, bei denen der Kontakt über die Luft erfolgt, sollte die Exposition reduziert werden, z.B. durch Absaugung, Vermeidung der Staubentwicklung oder Atemschutz. Bei Kontaktallergenen kann der Versuch unternommen werden durch Handschuhe den Kontakt zu unterbinden. Gegebenenfalls kann auch durch organisatorische Maßnahmen die Arbeit so aufgeteilt werden, dass der allergische Mitarbeiter bestimmte Tätigkeiten, z.B. Haarfärben im Friseursalon, nicht mehr ausführt.

Bei Soforttypallergien wird gelegentlich auch der Versuch unternommen eine spezifische Immuntherapie (SIT) oder Hyposensibilisierung durchzuführen. Eine abschließende Bewertung der Wirksamkeit dieser Maßnahme ist derzeit aber noch nicht möglich.

Es muss aber sichergestellt werden, dass ein sensibilisierter Beschäftigter die Tätigkeit ohne Symptome und ohne spezifische Therapie fortsetzen kann. Ist dies nicht möglich, sollte in der Tat ein Berufswechsel empfohlen werden. Die Prognose einer allergischen Erkrankung an der Haut oder den Atemwegen ist auch nach Allergenkarenz nicht immer gut. Das heißt ein durch Berufsstoffe ausgelöstes Asthma oder Kontaktekzem kann auch nach Entfernen des Allergens dauerhaft fortbestehen, so dass der Berufswechsel nicht zu spät, d.h. bei fortgeschrittener Erkrankung, erfolgen darf.

Sollten Atopiker, also Menschen, die atopisch vorbelastet sind, bestimmte Berufe meiden?

Diese Frage muss man von zwei Seiten betrachten. Von der klinischen Seite, z.B. aus Sicht eines  Pneumologen, sind alle Menschen mit einer Latexallergie Atopiker, denn alle Patienten mit einem durch Latexproteine ausgelösten Allergischen Asthma sind atopisch vorbelastet. Als Betriebsarzt sieht man aber auch Atopiker, die keine Allergien entwickeln, trotz Allergenexposition. Diese Menschen werden aus klinischer Sicht nicht erfasst, denn sie haben keine Beschwerden und gehen somit auch nicht zum Arzt. Umgekehrt wird aus Sicht der Betriebsärzte das Problem Allergie häufig als weniger relevant eingestuft, denn die  Erkrankten gehen ja zum klinisch tätigen Arzt.  

Generell halte ich es nicht für gerechtfertigt, Atopiker von bestimmten Berufen kollektiv auszusprerren. Der Atopiker sollte jedoch vor Tätigkeitsaufnahme gut beraten und während der Exposition medizinisch gut begleitet werden, damit eine sich entwickelnde Erkrankung frühzeitig erkannt wird. Zum Beispiel kann man nicht 30 Prozent der Bevölkerung  nur auf Grund ihrer atopischen Vorbelastung vom Bäckerberuf ausschließen, nur um dann 500 Erkrankungen pro Jahr zu vermeiden. Wenn allerdings, wie bereits erwähnt, bei einem jungen Menschen bereits z.B. eine Roggenpollenallergie oder Weizenpollenallergie vorliegt, würde ich von der Berufswahl Bäcker abraten. Ebenso ist bei einer Sensibilisierung auf z.B. Meerschweinchenhaare oder Katzenhaare der Beruf eines Tierpflegers nicht geeignet. Generell alle Atopiker auszuschließen würde jedoch bedeuten, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Welche Erkenntnisse ergeben sich zum Thema Berufsallergien aus den Studien, die Sie an Ihrem Institut durchführen?

Entsprechend unseres Fachgebietes interessiert uns natürlich  in erster Linie die Wechselwirkung zwischen Exposition und Erkrankung. Sensibilisierende Arbeitsstoffe, die sich in der Luft und im menschlichen Körper gut bestimmen lassen, eignen sich sehr gut als Modelle. Am Beispiel der Dicarbonsäureanhydride, die allergen potente niedermolekulare Verbindungen darstellen, konnten wir zeigen, dass eine Reduktion der Allergenbelastung nicht nur zur Verringerung von Sensibilisierungen führt, sondern es auch allergisch erkrankten Menschen ermöglicht, beschwerdefrei am Arbeitsplatz weiter zu arbeiten.

Dies können wir auch bei Kontakt zu Tierstaub zeigen, wobei hier die exakte Bestimmung der Allergenmenge in der Luft viel schwieriger ist und die Bestimmung der hochmolekularen Allergene im menschlichen Körper überhaupt nicht möglich ist.

Herr Prof. Drexler, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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