Duftstoff-Deklarationspflicht Duftstoffallergikern

Prof. Dr. med. Wolfgang Uter, Dermatologe an der Friedrich-Alexander Universität (FA) Erlangen und Präsident der European Society of Contact Dermatitis (ESCD): Duftstoff-Deklarationspflicht - hilft sie Menschen mit Allergie auf Duftstoffe?

Duftstoff-Deklarationspflicht: Hilft sie Duftstoffallergikern?

Duftstoffe sind allgegenwärtig. Sie sorgen für einen angenehmen Geruch und ein angenehmer Duft kann durchaus einen Einfluss auf die Produktwahl haben. Es überrascht also nicht, dass Duftstoffe von der Industrie sehr gerne genutzt werden. Allerdings können Duftstoffe auch Duftstoffallergien auslösen und gehören bei den Kontaktallergien zu den häufigsten Allergieverursachern. Es gibt zwar eine Deklarationspflicht für Duftstoffe, aber was bedeutet das konkret für Duftstoffallergiker? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Wolfgang Uter, Dermatologe an der Friedrich-Alexander Universität (FA) Erlangen und Präsident der European Society of Contact Dermatitis (ESCD) über die Duftstoff-Deklarationspflicht und inwiefern sie Menschen mit Allergie auf Duftstoffe hilft.

Herr Prof. Uter, wie häufig kommt es zu Allergien auf Duftstoffe?

Das ist eine Frage der Art und Weise, wie man dies epidemiologisch untersucht.

Untersucht man eine repräsentative Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung auf die 26 wichtigsten Duftstoffe, findet man etwa 4 Prozent Duftstoffallergiker. Dabei handelt es sich jedoch nur um die Mindestanzahl der Betroffenen, denn man testet ja nicht mit allen Duftstoffen. Man kann also von einer Dunkelziffer ausgehen.

Testet man dagegen Menschen, die vermutlich bereits Allergien haben – also solche Patienten, die zur Diagnostik ihres Kontaktekzems epikutan getestet werden - auf Duftstoffallergien, beträgt der Anteil derer, die eine positive Reaktion zeigen, zwischen 12 und 16 Prozent. In dieser Gruppe von Menschen hat man eine krankheitsbedingte Vorselektion, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man eine Allergie findet – auch gegen andere Kontaktallergene.     

Nehmen die Allergien auf Duftstoffe zu?

Das ist schwer zu sagen, aber ein massiver Trend zur Zunahme von Duftstoffallergien ist aktuell, anders, als bei bestimmten Konservierungsmitteln, nicht festzustellen.  

Ein Grund dafür ist, dass die Industrie bzw. regulatorische Behörden immer wieder gegensteuern, wenn sich ein bestimmter Duftstoff als problematisch erweist. Das heißt, bestimmte Duftstoffe werden dann nicht mehr eingesetzt oder ihre maximale Einsatzkonzentration wird begrenzt und die Sensibilisierungsraten gehen dann wieder nach unten. Andererseits werden auch immer wieder neue Duftstoffe entwickelt. Wenn diese neuen Duftstoffe in den präklinischen Tests, d.h. aktuell in Zellmodellen, nicht auffällig geworden sind, werden sie eingesetzt und manchmal zeigt sich dann erst später, dass sie am Menschen doch zu allergischen Reaktionen führen.   

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Heißt das, dass Zellmodelle zum Nachweis des Allergiepotenzials von Duftstoffen nicht verlässlich sind?

Inhaltsstoffe von Kosmetika werden heutzutage aus Gründen des Tierschutzes standardmäßig anhand verschiedener Verfahren auf das Allergiepotenzial getestet und Zellkulturen sind eines davon. So versucht man vor dem Einsatz einer Substanz zu screenen, ob eine Allergiegefahr besteht.

Davor wurden Inhaltsstoffe für Kosmetika an Mäusen getestet und davor an Meerschweinchen. Speziell durch den Mäusetest (Local Lymph Node Assay; LLNA) hatte man nicht nur einen Eindruck, ob ein Stoff  ein Allergierisiko darstellt, sondern auch, wie potent das Allergen ist. Bei den alternativen Methoden wie den Zellkulturen fehlt dieser Aspekt, man bekommt hier nur eine Art ja-nein-Signal und hat dadurch ein Steuerungselement weniger.

Es gibt deshalb Überlegungen, ob bei positiven Zellkultur-Ergebnissen nicht doch Versuche an der Maus angeschlossen werden sollten, um besser beurteilen zu können, in welcher Konzentration der jeweilige Stoff noch gefahrlos eingesetzt werden kann. Die alternativen Methoden sind noch nicht lange in Gebrauch und hier sind sicher noch Veränderungen nötig, um einen verantwortlichen Umgang zu gewährleisten und sicherzustellen, dass nicht am Ende der Mensch das Versuchskaninchen ist.

Aber auch bei Tests am Mausmodell kann es zu Fehleinschätzungen der Allergenität einer Substanz kommen. Ein Beispiel dafür ist das Hydroxyisohexyl 3-cyclohexene carboxaldehyde (HICC), das eine regelrechte Duftstoffallergie-Epidemie ausgelöst hat, obwohl sein Sensibilisierungspotenzial nach dem LLNA eher gering eingestuft worden war – und daher zunächst entsprechend hohe Einsatzkonzentrationen erlaubt waren. Es kann im übrigen auch umgekehrt passieren, dass ein Stoff im Screening auffällt, obwohl er bei Menschen eigentlich kein Problem darstellt, was unter Vorsorglichkeitsaspekten natürlich nicht so schlimm ist.


Die Nachfrage der Verbraucher nach tierversuchfreien Produkten ist sehr groß….

Es gibt eine Reihe von Kosmetikherstellern, die auch schon vor dem Verbot der Tierversuche im Jahr 2013 damit geworben haben, dass für ihre Produkte keine Tierversuche durchgeführt wurden. Allerdings sollte man wissen, dass viele der genutzten Inhaltsstoffe bereits von der Konkurrenz zugelassen wurden und zwar mit Hilfe von Tierversuchen. Untersucht werden ja nicht nur Duftstoffe, sondern auch andere Inhaltsstoffe und dies nicht nur auf deren Allergenität, sondern auch auf die Kanzerogenität und andere wichtige toxikologische Endpunkte.

Werden bei den alternativen Testverfahren immer nur einzelne Substanzen, z.B. auf ihre Allergenität untersucht, oder testet man auch mögliche Interaktionen?

Es ist eine potenzielle Schwäche aller Testmethoden, auch der Tierversuche, dass die Interaktion der unterschiedlichen eingesetzten Stoffe nicht untersucht wird.

Bei Kosmetika ist man mit einer Vielzahl von Kombinationen von Stoffen konfrontiert und es gibt durchaus Hinweise darauf, dass diese Kombinationen dazu führen können, dass man dadurch gegen einen oder mehrere dieser Stoffe leichter sensibilisiert werden kann. Es kommt also durchaus darauf an, welche Substanzen miteinander kombiniert werden und in welcher Dosierung, gerade im Hinblick auf Duftstoffallergien. Schließlich werden Duftstoffe in unglaublich vielen Produkten eingesetzt. Wozu die Interaktionen führen, weiß man nicht.

Zu Interaktionen zwischen unterschiedlichen Duftstoffen kommt es jedoch nicht nur innerhalb eines Produktes, sondern auch durch die Verwendung verschiedener Produkte.

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Wie können Interaktionen von Duftstoffen in verschiedenen Produkten zu Sensibilisierungen oder Duftstoffallergien führen?

An den Händen kann man z.B. Kontakt zu Seife, Handcreme und Putzmitteln haben und alle enthalten die unterschiedlichsten Duftstoffe. Wenn man dann noch ein Haargel benutzt, das ebenfalls Duftstoffe enthält, kommen quer durch all diese Produkte unzählige Duftstoffe zusammen. Diese Duftstoffe können alle miteinander interagieren und dies bedingt eine sehr intensive Exposition. Man fängt gerade erst an, Überlegungen zu den nötigen Höchstgrenzen in den jeweiligen Produkten anzustellen, damit diese auch noch in Kombination verträglich sind. Im übrigen begegnet man auch ein und demselben Duftstoff in mehreren Produkten, so dass sich hier Summationseffekte ergeben, also eine höhere kumulative Dosis für die Haut.

An den Händen besteht eine besonders große Gefahr, eine Sensibilisierung auf Duftstoffallergene zu erwerben?

Bei den Händen ist die Gefahr, eine Duftstoffallergie zu entwickeln, sehr groß, aber auch an anderen Körperstellen kommt es zu multiplen Expositionen. Man kann am ganzen Körper z.B. mit Duschgel, Shampoo, Haarspülung, Körperlotion, Parfüm etc. in Kontakt kommen und alles enthalten eine Vielzahl von Duftstoffen.  


Wo überall findet man denn Duftstoffe, die eine Duftstoffallergie auslösen können?

Hunderte verschiedene Duftstoffe findet man zunächst einmal in allen Parfüms. Auch in Hautcremes und in Detergentien, wie Seifen und Flüssigseifen, die die Hautbarriere tendenziell schwächen können, werden Duftstoffe eingesetzt. Ebenfalls enthalten Waschmittel und Putzmittel eine Vielzahl verschiedener Duftstoffe.

Eine Fülle von Duftstoffen findet man auch in Deodorants. In Europa bevorzugt man die Methode, den Achselgeruch zu maskieren, d.h. mit einem angenehmeren Duft überdecken. In Amerika setzt man eher auf Antiperspirantien, z.B. auf Basis von Aluminiumsalzen, die das Schwitzen an sich verhindern, so dass der Geruch erst gar nicht entsteht. Die Achselhöhle ist deshalb im Hinblick auf potenzielle Sensibilisierungen kritisch zu sehen, auch aufgrund der Tatsache, dass sie tendenziell feucht ist, es zu Reibung kommt und dass durch Rasieren Mikrotraumata entstehen können. Die Industrie hat deshalb maximale Einsatzkonzentrationen für jede Substanz vorgesehen, in Abhängigkeit vom Einsatzort. Das bedeutet ein in Deos eingesetzter Stoff wird deutlich niedriger dosiert, als z.B. in Putzmitteln, bei denen man nur kurz Kontakt mit den Substanzen hat.

Welche Duftstoffe können zu Allergien führen?

Es gibt verschiedene Moleküleigenschaften, die dafür sorgen, dass ein Molekül allergieauslösend wirken kann. Eine dieser Eigenschaften ist eine kleine Molekülgröße, d.h. je kleiner das Molekül, desto größer das Sensibilisierungsrisiko. Da Duftstoffe flüchtig sein müssen, um ihre Funktion wahrnehmen zu können, sind sie klein und deshalb besteht hier ein Allergierisiko. Auch bestimmte chemische Eigenschaften von Molekülen können das Allergierisiko befördern.

Hinzu kommt, dass es durchaus Duftstoffe gibt, die per se harmlos sind, aber durch bestimmte chemische Reaktionen gefährlich werden können. Die beiden am häufigsten eingesetzten Duftstoffe sind z.B. Limonene und Linanool. In Verbindung mit dem Sauerstoff aus der Luft oxidieren sie jedoch, z.B. in angebrochenen Parfümflaschen u.ä., und ihre Oxidationsprodukte sind dann etwa 10 Mal so allergen wie das Ausgangsprodukt.  

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Sie hatten erwähnt, dass die Industrie permanent neue Duftstoffe entwickelt, gibt es neue Allergene?

Neue Entwicklungen werden von der Industrie in der Regel nicht an die Dermatologen kommuniziert. Vertreter der International Fragrance Association (IFRA) gehen aber von jährlich mindestens fünf synthetischen Duftstoff-Neuentwicklungen aus. Ob diese neuen Duftstoffe allergen wirken, merkt man in vielen Fällen nicht. Um die Hintergründe besser zu verstehen, muss man wissen, wie sich die aktuell bestehende EU-Deklarationspflicht für Duftstoffe entwickelt hat.


Wie kam es zur aktuellen EU-Deklarationspflicht für Duftstoffe?

Bei der Einführung der Deklarationspflicht für Kosmetika in den 70er Jahren hat man Duftstoffe von der Deklarationspflicht ausgenommen. In Bezug auf die Duftstoffe wurde es zugelassen, dass die Hersteller die einzelnen Duftstoffe unter dem Begriff „Parfüm“ zusammenfassten. Dies geschah aus Rücksicht auf die Industrie, die es nicht für leistbar hielt, sämtliche verwendeten Duftstoffe konkret zu kennzeichnen.

In den 90er Jahren hat sich dann erstmals das Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS) der EU mit der Frage der Duftstoffe beschäftigt und eine Reihe von Duftstoffen identifiziert, von denen bekannt war, dass sie allergen sind. Damals war bereits anhand der Allergietestergebnisse klar, dass Duftstoffe, nach den Metallen, die häufigsten Kontaktallergene sind. Bei einem positiven Testergebnis konnte man dem Patienten wegen der fehlenden Einzelangaben aber leider keine konkreten Angaben zum Auslöser seiner Allergiesymptome machen. Eine Beratung zur Allergenmeidung war dementsprechend ebenfalls nicht möglich. Diese erste SCCS-Empfehlung führte zur Deklarationsverpflichtung von 26 Duftstoffen. Das heißt, alle anderen Duftstoffe mussten wiederum nicht einzeln deklariert werden, sondern wurden weiterhin unter „Parfüm“ zusammengefasst.

Das zweite SCCS-Gutachten aus dem Jahr 2012, an dem ich auch mitgewirkt habe, verfolgte das Ziel, den Informationsgehalt der verpflichtenden Angaben auf der Verpackung von Kosmetikprodukten zu erhöhen und empfahl eine Deklarationspflicht für insgesamt 126 Duftstoffe. Im Grunde müsste aber eine Deklarationspflicht für sämtliche Duftstoffe bestehen, egal, ob sie durch einen Begutachtungsprozess gegangen sind und als Allergene aufgefallen sind, oder nicht – genau wie sämtliche anderen Kosmetika-Bestandteile. Dann hätten die Empfehlungen des SCCS auch nicht den Charakter einer Schwarzen Liste, was für die Industrie unangenehm ist.

Die Empfehlungen des Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS) zur Deklaration von Duftstoffen aus dem Jahr 2012 sind aber bisher noch nicht umgesetzt…

Die Empfehlungen des SCCS waren zunächst ein „Risk Assessment“, in dem definiert wurde, worin das Problem besteht und wie gravierend es ist. Das darauf basierende „Risk Management“ wird von anderen Gremien der EU-Kommission durchgeführt und hier werden die Industrieinteressen mit berücksichtigt. Die SCCS-Empfehlungen sind mittlerweile über vier Jahre alt und noch immer im Beratungszustand, einen wirklichen Fortschritt hat man noch nicht erreicht.

Der Fokus der EU-Kommission liegt anscheinend aktuell auf den neuen Mechanismen zum Risikomanagement vor Markteinführung, die die Industrie zukünftig einsetzen will, dem sogenannten Quantitative Risk Assessment (QRA), das kürzlich in einer revidierten Version vorgestellt wurde (QRA 2). Zur Evaluierung des QRA2 definiert man gerade Studien, aber mit der Empfehlung der SCCS zur Deklarierung von Duftstoffen hat dies eigentlich nichts zu tun. Hier ging es ja vorrangig darum zu definieren, was Verbraucher auf der Verpackung von Produkten sehen sollten, die Duftstoffe enthalten und darum, z.B. die Duftstoffe Hydroxyisohexyl 3-cyclohexene carboxaldehyde (HICC), Atranol  und Chloratranol, die als besonders allergen gelten, EU-weit zu verbieten. Dies ist aber noch nicht erfolgt.

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Man findet auf manchen Kosmetikprodukten den Claim „Frei von Duftstoffen“, wie ist der Claim zu bewerten?

Sobald einer der 26 Duftstoffe, die in der ersten SCCS-Empfehlung aufgeführt sind, im Produkt enthalten ist, unterliegt dies der Deklarationspflicht, wenn der Anteil des besagten Stoffes über 10 ppm (Parts per Million) in Kosmetika liegt, die auf der Haut verbleiben („leave-on“) bzw. über 100 ppm bei Kosmetika, die von der Haut wieder entfernt werden („rinse-off“). Alle anderen Duftstoffe müssen aktuell pauschal als „Parfüm“ deklariert werden. Wenn jemand eine Allergie auf einen anderen als einen der 26 gelisteten Duftstoffe hat, oder auf einen nicht identifizierten Duftstoff, hilft ihm diese Deklaration entsprechend nicht.

Man müsste dann den Patienten empfehlen, alle Duftstoffe global zu meiden. Verlässt er sich dann auf den Claim „frei von Duftstoffen“ hat dies aber seine Tücken. Das liegt daran, dass einige Substanzen, die als Duftstoff fungieren, nicht nur als Duftstoffe eingesetzt werden, sondern auch als Konservierungsmittel oder Hilfsstoffe. Zum Beispiel können die Duftstoffe Benzylalkohol oder das antimikrobiell wirksame Farnesol in einem „duftstofffreien“ Produkt enthalten sein, weil sie in diesem Produkt nicht als Duftstoff eingesetzt werden, sondern wegen ihrer anderen Funktionen, und Rosenöl könnte z.B. eingesetzt werden, weil es „hautberuhigend“ ist. In diesen Fällen könnte der Hersteller den Claim „parfümfrei“ oder „duftstofffrei“ einsetzen, obwohl das Produkt durchaus Duftstoffe enthält.  

Herr Prof. Uter, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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