Xylitintoleranz

Univ. Doz. Dr. Maximilian Ledochowski, Facharzt für Innere Medizin und Ernährungsmedizin aus Innsbruck

Xylitintoleranz: Was ist Xylit? Wo kommt es vor? Häufigkeit?

Wozu dient der glykämische Index?

Der Referenzwert beim glykämischen Index ist die Resorption von Traubenzucker. Traubenzucker wird zu 100 Prozent resorbiert und alles, was weniger stark resorbiert wird als Traubenzucker, hat deshalb einen niedrigeren glykämischen Index. Bei den Zuckeralkoholen ist der glykämische Index grundsätzlich geringer, d.h. sie werden schlechter resorbiert. Ein Teil dieser Zuckeralkohole verbleibt deshalb im Darm.  Die dort lebenden Bakterien „freuen“ sich regelrecht darüber und vergären die Zuckeralkohole. Überschreitet die Gärungsreaktion ein gewisses Maß, kommt es zu den typischen Beschwerden. Zuckeralkohole und alle Nahrungsmittel mit niedrigem glykämischen Index sind daher prädestiniert, zu Verdauungsbeschwerden zu führen! Ein niedriger glykämischer Index mag deshalb vom Diabetologen gewünscht sein, aber niemals von einem Gastroenterologen.

Sie sagten, dass Xylit nicht so häufig eingesetzt wird. Kommt es denn allein durch  das Kaugummikauen zu Xylitintoleranz?

In meiner Praxis ist das exzessive Kaugummikauen tatsächlich der hauptsächliche  Grund für eine klinisch relevante Xylitintoleranz. Auch in Zahncreme wird Xylit eingesetzt, aber Zahncreme schluckt man nicht und deshalb kommt es dadurch nicht zu einer Intoleranz.

Das Problem Xylitintoleranz lässt sich deshalb sehr leicht lösen. Man kaut am besten einfach keinen Kaugummi mehr, denn jeder Kaugummi enthält irgendeinen Zuckeralkohol und diese haben meist noch schlimmere Auswirkungen als Xylit.

Entwickelt man leichter eine Xylitintoleranz, wenn man bereits eine Fruktosemalabsorbtion oder eine Sorbitintoleranz hat?

Wenn bereits eine Unverträglichkeit von Fruchtzucker oder Sorbit besteht, führt dies zu einer Vermehrung  der auf die Vergärung von Zuckeralkoholen spezialisierten Bakterienmasse im Darm, denn im Vergleich zu einem „normalen“ Darm, haben die Bakterien, die Zuckeralkohole verstoffwechseln können, einen höheren Anteil. Kaut man dann einen xylithaltigen Kaugummi, stürzen sich natürlich auch mehr Bakterien auf den Zuckeralkohol und es kommt zu einer erhöhten Gärungsreaktion, als bei Menschen ohne Resorptionsstörung. Bei bestehender Intoleranz auf Zuckeralkohole „züchtet“ man sich diese Bakterien regelrecht heran. Das ist ein großes Problem in der modernen Lebensmittelindustrie.

Welche Rolle spielt die Lebensmittelindustrie bei der Entwicklung von Unverträglichkeiten von Zuckeralkoholen?

Die Lebensmittelindustrie argumentiert z.B. stets: Sorbit ist ein natürlicher Stoff, der in vielen Nahrungsmitteln von Natur aus vorkommt. Wie kann er dann schädlich sein?

Richtig ist: In einigen Obstsorten, z.B. in Dörrobst  oder Kirschen kommt Sorbit tatsächlich natürlicherweise vor, allerdings sind dies so geringe Mengen, dass sie meistens nicht klinisch relevant werden. Man isst ja auch nicht ständig Dörrobst oder Kirschen. Wenn aber Sorbit oder ähnliche Substanzen plötzlich als Feuchthaltemittel in Brot, Kuchen und Keksen, also überall da, wo Gebäck nicht altbacken werden soll, eingesetzt wird, kommen wir plötzlich auf tägliche Verzehrmengen von  bis zu 20 g solcher Zuckeralkohole. Dies Mengen lösen dann sehr wohl relevante Darm-Symptome aus.

Interessanterweise ist Xylit für Hunde ausgesprochen Gift. Es gibt Berichte darüber, dass Hunde gestorben sind, nachdem sie eine Packung Kaugummis gefressen hatten. Warum Xylit so giftig für Hunde ist, weiß man noch nicht genau. Offenbar sind sie weniger gut als Menschen in der Lage Xylit abzubauen. Deshalb führen bereits geringe Xylitmengen bei Hunden zur Unterzuckerung und schlimmstenfalls sogar zum Tod.  

Bei den Zuckeralkoholen kommt es also auf die Dosis an?

Ja, dazu ein Beispiel: Sie wollen ein Haus bauen und bestellen dafür Beton. Wird dieser Beton nun in den richtigen zeitlichen Abständen und in der richtigen Menge angeliefert, werden Sie ihr Haus wunderbar bauen können und Beton ist ein nützlicher Baustoff. Kommt jetzt aber der Fahrer und bringt Ihnen die Betonmenge, die Sie für einen Monat bestellt haben, auf einmal, finden Sie vor Ihrer Tür einen Betonberg. Dann können Sie den Beton nicht richtig verbauen, wissen nicht, wie Sie ihn wegbekommen sollen und es ist eine Katastrophe.

Bei der Ernährung ist das genauso. Wenn eine  Substanz in natürlichen Nahrungsmitteln vorkommt und diese Substanz im Zuge der Verdauung langsam herausgelöst und verstoffwechselt wird, sind viele Stoffe weder giftig noch führen sie zu Bauchbeschwerden. Wenn die Lebensmittelindustrie diesen selben Stoff aber plötzlich exzessiv einsetzt und der Mensch permanent, ohne es zu ahnen, diesem Stoff ausgesetzt ist, werden die Entgiftungssysteme überfordert und es kommt zu Intoleranzreaktionen. Aus meiner Sicht ist dies eine gefährliche Entwicklung. Die Lebensmittelindustrie arbeitet jedoch so schnell, dass wir als Mediziner gar nicht nachkommen damit, jede neue Entwicklung in Erfahrung zu bringen bzw. rechtzeitig herauszufinden, welche Wirkungen damit einhergehen können.

Herr Universitätsdozent Ledochowski, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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