Fruktosemalabsorption

Dipl. Oecotrophologin Eva Wisniowski, Studio für Ernährungsberatung und Therapie in Remscheid

Fruktosemalabsorption: Was passiert im Körper? Symptome richtig deuten!

Fruktosemalabsorption, umgangssprachlich fälschlicherweise auch als Fruktoseintoleranz bezeichnet, was jedoch eine andere Krankheit ist, gehört zu den Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die in der Öffentlichkeit relativ wenig bekannt sind. Was aber sind die Ursachen für die Unverträglichkeit von Fruktose? Was passiert im Körper? Wie deutet man die Symptome richtig? MeinAllergiePortal sprach mit Dipl. Oecotrophologin Eva Wisniowski, Studio für Ernährungsberatung und Therapie in Remscheid, über ihre Erfahrungen mit Fruktosemalabsorption aus der Praxis.

Frau Wisniowski, wie wird Fruktose normalerweise im Körper verarbeitet, d.h. was spielt sich im Körper gesunder Menschen ab, wenn sie Fruktose essen?

Normalerweise sieht das so aus: Die Fruktose, sowie andere Nahrungsbestandteile, gelangt in den Magen, wird dann durch die Magensäure verarbeitet und geht mit der Magensäure zusammen zunächst in das Duodenum, den Zwölffingerdarm und schließlich in den Dünndarm. Vom Dünndarm aus erfolgt dann der Transport ins Blut.

Es gibt für alle Bestandteile der Nahrung Transportsysteme, die dafür sorgen, dass die Nahrungsbestandteile vom Darm ins Blut gelangen. Für die Fruktose gibt es dafür im Duodenum und im oberen Teil des Dünndarms, ebenfalls ein Transportsystem, das sogenannte Glut5. Fruktose ist ein Einfachzucker und wird, im Gegensatz zu Laktose, nicht gespalten, der Transport erfolgt daher direkt von Darm ins Blut. Das ganze System muss man sich vorstellen wie bei einer Lokomotive mit einem Waggon. Glut5, der Transporter, ist die Lokomotive, fährt durch die Darmwand und nimmt das Fruktosemolekül, den Waggon, durch diese Darmwand mit.

Ein solches Transportsystem gibt es, wie gesagt, für alle Nahrungsbestandteile. Z.B. ist für den Transport der Glukose ein Glut2-Transporter zuständig und für Aminosäuren, d.h. Eiweißbausteine, wieder ein anderer Transporter. Diesen Vorgang nennt man Resorption.

Wie sehen diese Prozesse aus, wenn man eine Fruktosemalabsorption hat?

Bei einer Fruktosemalabsorption ist dieses Transportsystem gestört. Es stehen zu wenig Transportsysteme zur Verfügung, ein Teil der Fruktose gelangt unverdaut in den Dickdarm und die Darmbakterien verarbeitet sie zu verschiedenen Gasen wie z.B. Methan, Wasserstoff und kurzkettigen Fettsäuren. Es sind diese Gase, die dann die Beschwerden verursachen.

Zunächst zu den Ursachen: Wie kommt es zu einer Fruktosemalabsorption?

Die Fruktosemalabsorption entsteht im Laufe des Lebens und kann auch vererblich sein, d.h. wenn die Eltern eine
Fruktosemalabsorption hatten, sind häufig auch die Kinder betroffen. Wir sehen auch zunehmend Kinder in unserer Praxis.

Sehr häufig ist der Auslöser für eine Fruktosemalabsorption eine stark fruktose- und sorbithaltige Ernährung. Dann wird dem Körper deutlich mehr Fruktose zugeführt, als das Transportsystem verarbeiten kann.

Anders ist es bei einer angeborenen Fruktoseintoleranz. Die hereditäre Fruktoseintoleranz ist eine erbliche Stoffwechselstörung. Ursache ist ein Gendefekt, durch den Fruktose und Alkoholformen der Fruktose, z. B. Sorbit, zwar aus dem Darm resorbiert, aber dann nicht weiter verstoffwechselt werden können. Infolgedessen kommt es bei jeglichem Verzehr von Fruktose zur Anhäufung giftiger Abbauprodukte im Stoffwechsel. Unterzuckerungen und schwere Leber-, Nieren- und Darmstörungen sind die Folgen. Allerdings ist die angeborene Fruktoseintoleranz eine äußerst seltene Erkrankung.


Wie kann sich eine Fruktosemalabsorption äußern? Welche Symptome sind häufig und welche eher selten?

Die Symptome einer Fruktosemalabsorption können Bauchgeräusche, Blähungen, Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe, ein Druckgefühl im Bauch, ein Völlegefühl, Übelkeit oder Durchfälle sein – oft berichten die Patienten über eine Kombination aus mehreren Symptomen. Es gibt aber auch Patienten, die ausschließlich Durchfälle haben und keine weiteren Symptome. Andere leiden nur unter Bauchschmerzen und Blähungen und haben selten Durchfall.

Wichtig ist, dass die Symptome bei der Fruktosemalabsorption sehr verzögert auftreten. Oft bekommen die Betroffenen unmittelbar nach einer Mahlzeit Bauchschmerzen und glauben dann, dass sie das, was sie gerade gegessen haben, nicht vertragen. Bei den Intoleranzen - und dazu gehört die Fruktosemalabsorption - muss die Fruktose jedoch erst im Dickdarm angekommen sein, um Beschwerden verursachen zu können. Zwischen der Nahrungsaufnahme und der Symptomatik liegen deshalb immer mehrere Stunden. Das heißt: Die Bauchschmerzen, oder die anderen Symptome, die unmittelbar nach einer Mahlzeit auftreten, haben einen anderen Grund!

Tatsächlich spielt sich Folgendes ab: Die erwähnten Gase, die durch die unverdaute Fruktose im Dickdarm entstehen, gehen nicht nur in Form von Blähungen ab, sondern steigen auch nach oben in den Magen. Solange der Magen leer ist, haben die Gase Platz und man bemerkt sie nur leicht oder gar nicht. Sobald man etwas isst, entsteht ein Druck und es kommt zu Bauchschmerzen, Völlegefühl, Übelkeit, oder zu explosionsartigen Durchfällen. Schuld daran ist aber die Mahlzeit von gestern oder das Frühstück am Morgen und nicht das, was man gerade eben erst gegessen hat. Darüber, welche Mahlzeit konkret für die Beschwerden verantwortlich ist, lässt sich keine generalisierte Aussage machen. Ausschlaggebend hierfür ist die individuelle Verdauungsgeschwindigkeit, denn es gibt Menschen, die ein träges Verdauungssystem haben und andere mit einer schnellen Frequenz.

Jetzt zu den seltenen Symptomen: Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme wie Schwindel und Hitzewallungen. Es gibt auch einige wenige Patienten mit Fruktosemalabsorption, die abwechselnd an Durchfällen und Verstopfungen leiden, ein unerklärliches Phänomen.

Eine relativ neue Erkenntnis ist, dass die Fruktosemalabsorption depressive Verstimmungen begünstigen kann. Die Resorption der Aminosäure Tryptophan, das ist einer der Bausteine von Serotonin, dem Glückshormon, erfolgt normalerweise auch mit Hilfe des Glut5-Transporters. Bei einer Fruktosemalabsorption liegt ein Mangel an Glut5 vor und somit auch ein Tryptophanmangel. Der Mangel an Tryptophan führt zu einem Serotoninmangel und der Serotoninmangel verursacht auf Dauer Depressionen und außerdem - ausgerechnet - noch einen Heißhunger auf Süßes. Dies wiederum verstärkt die Symptome der Fruktosemalabsorption und ein fataler Kreislauf beginnt!

Ich habe in meiner Praxis den Fall erlebt, dass beim Patienten die Angst vor spontanen Durchfällen dazu führte, dass das Haus nicht mehr verlassen wurde und letztlich führte dies zu Depressionen. Aufgrund der Depressionen kam es zu einer Jahre dauernden psychiatrischen Behandlung. Die auslösende Grunderkrankung war eine Fruktosemalabsorption und unter einer fruktosearmen Diät verschwanden die Depressionen umgehend.

Von Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind tendenziell eher Frauen betroffen. Weiß man, warum das so ist?

In meine Praxis kommen definitiv mehr Frauen mit einer Fruktosemalabsorption als Männer. Männer gehen aber generell seltener zum Arzt und "ertragen" solche Beschwerden eher. Es könnte daher sein, dass es hier zu einer etwas verzerrten Statistik kommt. Es gibt aber auch Theorien, die besagen, dass Frauen im Darm kleinere Kapazitäten für Fruktose haben als Männer und dass es deshalb bei Frauen häufiger zu einer Fruktosemalabsorption kommt.

Gibt es weitere Faktoren, die das Entstehen einer Fruktosemalabsorption begünstigen?

Es gibt bestimmte entzündliche Darmerkrankungen, wie z.B. die Colitis Ulcerosa oder Morbus Crohn, bei denen die Verträglichkeit von Fruktose und Laktose häufig stark eingeschränkt ist. Sobald die Grunderkrankung erfolgreich behandelt wurde, verlieren sich diese Unverträglichkeiten wieder.

Begünstigend auf die Entstehung einer Fruktosemalabsorption wirkt aber auch, wie bereits erwähnt, der übermäßige Konsum von Fruktose und Sorbit und beides wird in der Lebensmittelindustrie zunehmend eingesetzt. Fruktose und Sorbit verstecken sich in z.T. großen Mengen in der Nahrung. Vielen Menschen ist nicht klar, wie viel sie davon täglich essen. Wer aber gerne und häufig Süßes isst, ist auch in Gefahr, mehr Sorbit und Fruktose zu konsumieren, als dies verträglich ist.

In meiner Praxis habe ich festgestellt, dass Menschen mit Adipositas, also starkem Übergewicht, häufig an einer Fruktosemalabsorption leiden. Oft stellt sich dann heraus, dass diese Menschen sehr viele Süßigkeiten und vor allem auch sehr viele süße Getränke zu sich nehmen. Natürlich besteht auch für schlanke Menschen die Gefahr, an Fruktosemalabsorption zu erkranken, wenn sie sehr viele Süße Produkte konsumieren.

Übrigens: Wer unter einer Fruktosemalabsorption leidet, leidet auch fast immer, unter einer Sorbitunverträglichkeit. Eine Sorbitunverträglichkeit kann jedoch auch separat vorkommen, ohne dass eine Fruktosemalabsorption besteht.


Welche Diagnosemöglichkeiten gibt es bei Fruktosemalabsorption?

Zur Diagnose der Fruktosemalabsorption gibt es den H2-Atemtest. Damit misst man den Wasserstoffanteil der Atemluft, d.h. den Anteil eines der Gase, die im Dickdarm entstehen. Für den Test wird zunächst der Basalwert, d.h. der Grundwert, ermittelt, bei dem der Wasserstoffanteil des Atems unter 20 ppm (parts per million) liegen sollte. Dann werden 25 g Fruchtzucker in einem Glas Wasser aufgelöst - das entspricht einer Trinkmenge von 200 bis 250 ml – und der Patient trinkt diese Mischung. Im Anschluss wird über zwei Stunden hinweg, ca. alle 20 Minuten, der Wasserstoffanteil im Atem gemessen. Dafür pustet der Patient in ein entsprechendes Testgerät und wenn der H2-Wert über 20 ppm beträgt, ist das der Nachweis für eine Fruktosemalabsorption. Unabhängig vom Testergebnis merkt man allerdings auch unmittelbar durch die Symptome, wie z.B. Bauchgeräusche bzw. später dann an Blähungen, Durchfällen, etc.., dass die Fruktose nicht vertragen wurde.

Der H2-Atemtest führt jedoch nicht bei allen Patienten zu einer klaren Diagnose. Bei ca. 10 bis 20 Prozent der Patienten kommt es beim H2-Atemtest trotz bestehender Fruktosemalabsorption zu keinerlei messbaren Ergebnissen. Das hat folgende Ursache: Es gibt Menschen, die Wasserstoff nicht produzieren können, weil ihnen aufgrund einer Fehlbesiedelung des Darmes die entsprechenden Bakterien in der Darmflora fehlen. Dementsprechend findet man im Atem keinerlei Wasserstoff, es kommt aber dennoch zu den für eine Fruktosemalabsorption typischen Symptomen, die von den anderen erwähnten Gasen verursacht werden. 

Wie sieht die Therapie aus bei der Fruktosemalabsorption?

Die Therapie besteht in einer fruktosearmen Diät, denn dann kann man mit einer Fruktosemalabsorption wunderbar leben. Sobald man eine fruktosearme Kost eingeführt hat, verbessern sich die Symptome schlagartig.

Die Ernährungsumstellung erfolgt in drei Stufen. Man beginnt mit einer streng fruktosearmen Basiskost. Je nachdem, wie schnell der Patient symptomfrei ist, kann diese erste Phase zwischen einer und vier Wochen dauern. In dieser Zeit wird so gut wie kein Obst und nur fructosearme und wenig blähende Gemüsesorten gegessen.

Zu den Ausnahmen muss man folgendes wissen: Obst und Gemüse besteht immer aus Fruktose und Glukose. Die Glukose verbessert die Aufnahme der Fruktose. Je mehr Glukose in einer Obst- oder Gemüsesorte enthalten ist und je weniger Fruktose, desto besser ist die Verträglichkeit für Menschen mit Fruktosemalabsorption. Man sucht deshalb für die erste Stufe der Ernährungsumstellung Obst und Gemüse aus, dessen Anteil an Glukose höher ist als der Fruktoseanteil. Beim Obst sind z.B. Bananen, Honigmelone und Rhabarber sehr gut verträglich, während die Birne sehr schlecht verträglich ist, denn diese enthält sehr viel Fruktose und nur wenig Glukose.

Es gibt aber einen Trick: Man kann mit Hilfe der Glukose die Fruktoseresorption positiv beeinflussen. Ich greife wieder auf das "Zugmodell" zurück: Zur Verstoffwechslung der Glukose gibt es einen Glut2-Transporter – das ist die Lokomotive – der dafür verantwortlich ist, ein Glukosemolekül durch die Darmwand ins Blut zu transportieren. In diesem Fall ist es aber möglich, beim Transport auch einen weiteren "Waggon" anzuhängen, d.h. ein Fruktosemolekül kann mit durch die Darmwand transportiert werden. Deshalb kann man die Fruktoseresorption durch die Zugabe von Glukose, d.h., Traubenzucker oder auch Dextrose – das sind Synonyme - verbessern.

Wie geht es weiter bei der Ernährungsumstellung bei Fruktosemalabsorption?

In der zweiten Phase vermeidet man immer noch schwer verdauliche Nahrungsmittel, wie z.B. grobes Vollkornbrot, Hülsenfrüchte, Zwiebeln etc. und dann erfolgt über mehrere Wochen ein Kostaufbau.

In dieser Phase werden fruktosehaltige Speisen getestet, denn jeder Patient hat eine individuelle Toleranzgrenze. Es gibt Patienten, die deutlich mehr Fruktose vertragen als andere, deshalb muss man die persönliche Toleranzgrenze individuell ermitteln.

Man beginnt mit ein bis zwei kleineren Fruktoseportionen, d.h. Gemüse und Obst über den Tag verteilt und man kann auch Süßigkeiten mit einbauen. Dabei ist es günstig, die zu testenden Nahrungsmittel als Dessert zu sich zu nehmen. Wenn man z.B. gerne Äpfel isst – und Äpfel gehören bei Fruktosemalabsorption nicht zu den verträglichen Obstsorten - ist es oft besser, einen halben Apfel nach dem Mittagessen zu essen. Oft ist der Apfel dann wesentlich besser verträglich, als wenn man ihn als Zwischenmahlzeit zu sich nehmen würde.

Je mehr Nahrungsmittel gleichzeitig verzehrt werden, desto langsamer erfolgt der Transport in den Darm und umso besser können die noch vorhandenen Transporter die Verstoffwechslung bewältigen, weil der Darm dann nicht "überflutet" wird.

In der dritten Phase der Ernährungsumstellung hat man dann eine fruktosearme Dauerernährung, unter Berücksichtigung der persönlichen Toleranzgrenze, gefunden. Was meist für immer tabu bleibt sind die sehr fruktosehaltigen Nahrungsmittel, wie z.B. Trockenfrüchte, Fruchtsäfte, Birnen, Äpfel, Weintrauben und ganz besonders zuckerfreie Süßigkeiten wie Kaugummis und Bonbons mit Isomalt, Xylit, Sorbit.

Sie hatten erwähnt, dass eine Fruktosemalabsorption in manchen Fällen erst spät erkannt wird. Was würde passieren, wenn eine Fruktosemalabsorption unbehandelt bliebe?

Wenn eine Fruktosemalabsorption nicht behandelt wird, verbrauchen sich die Transporter, d.h. das Glut5 immer mehr und irgendwann ist der Körper dann überhaupt nicht mehr in der Lage, Fruktose zu verstoffwechseln. Zwar kommt es nicht zu Entzündungen oder Geschwüren, aber der Darm ist dann natürlich stark überlastet, wird sehr empfindlich und irgendwann hat man dann einen Reizdarm. Die Diagnose "Reizdarm" wird häufig als Erstdiagnose gestellt, aber oft gibt es dafür eine organische Ursache, z.B. eine Fruktosemalabsorption, eine Histaminunverträglichkeit oder eine Laktoseintoleranz.

Ein anderer Aspekt bei der "Nichtbehandlung" einer Fruktosemalabsorption ist die Mangelernährung, denn alle Nährstoffe aus der Nahrung werden durch die ständigen Durchfälle aus dem Körper ausgeschieden. Bei der Fruktosemalabsorption kommt es deshalb häufig zu Zinkmangel, Folsäuremangel und Vitamin B-Mangel, wie bei allen Erkrankungen, die über einen längeren Zeitraum mit Durchfällen einhergehen.

Wie gesagt kann es letztendlich sogar zu Depressionen kommen, wenn man bei Fruktosemalabsorption weiterhin Fruktose zu sich nimmt.

Frau Wisniowski, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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