Hochleistungsmilchkühe Tierärzte Milchleistung

Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt, studierter Landwirt und Gründer der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA)

Hochleistungs-Milchkühe: Tierärzte kritisieren immer höhere Milchleistung!

Wäre es dann ein Ziel, diese Milchleistung wieder zu senken?

Jahrelang war die Steigerung der Milchleistung das erklärte Zuchtziel bei Kühen, weil dies in unserem kapitalistischen System ein ökonomisch greifbarer Faktor war. Die Kuhgesundheit spielte dabei nicht die Hauptrolle und ist ja auch nicht direkt messbar. Fakt ist jedoch, dass die Kuh selbst eine Art „Ökosystem“ darstellt, das in einem gewissen Gleichgewicht sein muss, um zu funktionieren. Eine Kuh, die 5000 bis 6000 Liter Milch im Jahr gibt, ist in einem „stabilen Gleichgewicht“ und verzeiht auch so manchen „Fehler“ in der Betreuung. Dagegen ist eine Hochleistungskuh ein „fragiles System“ und der kleinste „Fehler“  in der Versorgung führt zu den besprochenen negativen Konsequenzen.

Was bedeutet die hohe Erkrankungsrate für die Notwendigkeit von Medikamentengaben? Welche Medikamente müsse gegeben werden und welche Folgen hat das für die Milchqualität?

Bei den erwähnten Erkrankungen handelt es sich überwiegend um Stoffwechselstörungen, die dadurch entstehen, dass der Kuh durch die hohe Milchleistung zu viel Energie entzogen wird. Dann ist die Nährstoffbilanz der Kuh nicht ausgewogen und es kommt zu Schädigungen der Leber oder des Herzens. Zur Behandlung dieser Probleme werden keine Antibiotika – diese werden nur zur Behandlung bakterieller Infektionen verwendet – eingesetzt, sondern z.B.  Leberschutztherapien. Leberschutzpräparate sind in der Regel frei von Wartezeiten für den Abbau des Wirkstoffes, d.h. sie erreichen das Euter der Kuh nicht und haben deshalb auch keinen Einfluss auf die Milchqualität.

Die Milchqualität hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Messbar ist dies z.B. durch die Zellzahlen in der Milch. Hohe Milchzellzahlen (>400.000 Zellen pro Milliliter) werden mit hohen Abschlägen bei der Bezahlung bestraft. Optimale Betriebe haben Zellzahlen um 100.000 pro Milliliter Milch. Die Zellzahlen werden in modernen Betrieben bei jeder Melkung gemessen und sind der Indikator für Eutergesundheit. Auf Antibiotikarückstände wird jede angelieferte Milch an die Molkerei täglich kontrolliert. Würde hier eine Lieferung positiv sein, wird die Milch auf Kosten des verursachenden Landwirtes vernichtet. Und das ist teuer. Wir können also sicher sein, dass keine Antibiotikarückstände oder andere gesundheitsschädliche Stoffe den Verbraucher erreichen.

Welche Bedeutung haben die Milchzellen?

Die Anzahl weißer Blutkörperchen steigt bei einer Entzündung des Euters an. Die Entzündung entsteht bei der Infektion mit Erregern, meistens Bakterien. Vorgänge innerhalb des Euters zeigen sich dann auch in der Milch. Unter 10.000 Zellen pro ml bedeutet, die Kuh ist 100 prozentig eutergesund, bei um 200.000 Zellen müssen die Euter überprüft werden und es gibt Abzüge, also weniger Geld für den Bauern, und bei über 400.000 Zellen verweigert die Molkerei die Milch.

Was muss sich letztendlich ändern in der Milchwirtschaft?

Zum einen muss man bei der Züchtung deutlich stärker als bisher die Tiergesundheit in den Fokus rücken. Z.B. sind die Brown-Swiss oder das robuste Jersey-Rind, das eine geringere Milchleistung hat, heute kaum noch zu finden. Es würde jedoch die Vielfalt des Genpools sehr bereichern, wenn man wieder mit vielen verschiedenen Rassen züchten würde.  

Nicht allein die Milchleistung sollte das alleinige Kriterium für die Zuchtauswahl sein, sondern auch Zuchtmerkmale wie Gesundheit, Robustheit und eine längere Lebenserwartung.

Auch die Futterverwertung, d.h. die energetische Futterausnutzung, sollte bei Kühen stärker berücksichtigt werden, denn es ist deutlich nachhaltiger für die Umwelt, Rassen zu bevorzugen, die gute Futterverwerter sind. Hier müssten allerdings auch die Milchbauern umdenken.

Außerdem muss sich die Milchwirtschaft dort, wo die Tiergesundheit leidet, professionalisieren, um Kühen mit hoher Milchleistung gerecht zu werden. In Holland, Dänemark und mittlerweile Polen ist man schon weiter. Im Grunde brauchen wir eine Art „Führerschein“ mit jährlicher Auffrischung für die Landwirtschaft.

Herr Hellwig, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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