Hochleistungsmilchkühe Tierärzte Milchleistung

Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt, studierter Landwirt und Gründer der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA)

Hochleistungs-Milchkühe: Tierärzte kritisieren immer höhere Milchleistung!

Das heißt, viele Landwirte können mit Hochleistungskühen nicht umgehen?

Viele sind in der Tat überfordert mit der Betreuung ihrer Hochleistungskühe. Unsere Schätzung ist, dass nur 10 Prozent der Landwirte tatsächlich in der Lage sind, diese Hochlleistungstiere regelrecht „zu managen“.

Die Diskrepanz zwischen Ost und West hat historische Ursachen. Im Osten gab es kaum selbstständige Landwirte, die ihren Familienbetrieb übernehmen konnten, denn dort waren Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) das vorherrschende Modell. Deshalb arbeiten heute in den landwirtschaftlichen Betrieben Ostdeutschland Menschen, die nicht aus einer Landwirtfamilie kommen, sondern Agrarwirtschaft studiert haben und den Betrieb führen wie ein Industrieunternehmen.
In solchen Betrieben ist jeder Arbeitsschritt definiert und dokumentiert. Man arbeitet prozessorientiert nach ISO 9000 ff und kann dementsprechend Hochleistungskühe so versorgen, wie dies nötig ist.

Das bedeutet nicht, dass es im Westen keine guten und sehr guten Betriebe gibt. Die gibt es und diese stehen auch nicht im Schatten betriebswirtschaftlich gemanagter Landwirte, die sich nur um ihre Kühe kümmern und nur um ihre Kühe. Feldarbeiten und Co übernehmen in modernen Betrieben andere spezialisierte Unternehmen, sogenannte Lohnunternehmer.

Bei manchen Landwirten fehlt es hingegen am nötigen Know How, hoch leistende Tiere, die viel Milch geben, optimal zu betreuen. Wissen, z.B. in Bezug auf eine optimale Fütterung. Darunter leidet in erster Linie die Kuh und letztendlich auch der Landwirt, der immer auch mitleidet, wenn es seinen Tieren nicht gut geht. Hinzu kommt, dass durch kranke Tiere auch hohe Tierarztkosten entstehen, die sich auf die Produktionskosten der Milch negativ auswirken. Nicht ohne Grund reicht in Deutschland die Bandbreite der Erstellungs-/Produktionskosten pro Liter Milch von 0,25 € bis 0,60 €. Wir fordern schon seit Jahren Eine Fortbildungspflicht für Landwirte, um auf dem „Stand der Zeit“ zu sein. Dies wäre mehr als angebracht.

Angesichts der aktuellen Milchpreise von zum Teil unter 0,20 € bedeutet dies, dass alle Landwirte nicht profitabel arbeiten und ihren Lebensunterhalt mit der Milchwirtschaft nicht mehr bestreiten können. Zurzeit müssen viele Landwirte ihre Betriebe aufgeben, derweil sie mehr oder weniger (je nach Rücklagen) nicht einmal mehr die laufenden Kosten bestreiten können.

Nochmals zurück zum Trend, die Milchleistung der Kühe immer weiter zu steigern, wann nahm dies denn seinen Anfang?

Die Tendenz, die Milchleistung der Kühe permanent zu steigern, ist das Konzept aus unserer westlichen Wirtschaftsordnung. Es lehnt sich an die amerikanischen Rasselinien Holstein Frisian an und wurde sowohl von der EU als auch von den hiesigen landwirtschaftlichen Beratungen stark propagiert. Diese Rasselinie Holstein kam ursprünglich aus Deutschland und wurde dann in den USA auf Hochleistung weitergezüchtet - in Amerika gibt es riesige Kühe, die 15.000 bis 16.000 Liter Milch pro Jahr geben. Sozusagen „genetisch optimiert“, zumindest im Hinblick auf die Milchleistung, kam Holstein Frisian dann zurück in die deutsche Milchwirtschaft, die sie jetzt dominiert.

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