Hochleistungsmilchkühe Tierärzte Milchleistung

Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt, studierter Landwirt und Gründer der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA)

Hochleistungs-Milchkühe: Tierärzte kritisieren immer höhere Milchleistung!

Die Kühe werden also nach ihrer Milchleistung zur Weiterzucht ausgewählt?

Für die Zucht werden heute ausschließlich sogenannte „Spitzenvererber“ im Hinblick auf die Milchleistung herangezogen. Zurzeit hat ein Spitzenvererber eine genetische Disposition für eine Milchleistung von  über 15.000 Litern pro Jahr. Diese Milchleistung wird aber züchterisch kontinuierlich  gesteigert, so dass in zwei Jahren die Zielmarke für die Milchleistung eines Spitzenvererbers höchstwahrscheinlich bei 17.000 Litern liegt. Natürlich beachtet man auch andere Zuchtmerkmale, z.B. ein gesundes Euter, gute Klauen etc., diese lassen sich aber schlecht messen im Vergleich zu der Milchleistung.

Wie hoch ist denn aktuell die tatsächliche Milchleistung einer Kuh?

Im Durchschnitt liegt die Milchleistung der Kühe in Deutschland zurzeit bei 8.800 Litern Milch pro Kuh und Jahr. Das bedeutet, die Bandbreite der Milchleistung reicht von 4.000 bis ca. 15.000 Litern Milch pro Kuh pro Jahr. Ein landwirtschaftlicher Betrieb, der von der Milchwirtschaft leben will, muss ca. 9.000 bis 10.000 Liter Milch pro Kuh und Jahr erwirtschaften, um seine Familie ernähren zu können, allerdings ist dies erst eine Entwicklung der letzten Jahre. Steigende Kosten bedingen dies, wenn wir z.B. nur an den Benzinpreis denken.

Seit wann ist die Steigerung der Milchleistung bei Kühen das primäre Zuchtziel?

Vor 30 Jahren lag die durchschnittliche Milchleistung einer Kuh in Deutschland noch bei jährlich maximal 5.000 bis 6.000 Litern pro Kuh, wobei in Ostdeutschland mit 4.500 bis 5.000 Litern eine niedrigere Milchleistung mit sehr robusten Kühen üblich war. Hier wurde bewusst als Ausgangsrasse das Schwarzbunte Niederungsrind mit Jerseybullen aus Dänemark eingekreuzt. In früheren Jahren standen generell noch viele verschiedene Milchviehrassen in den Ställen. Diese Tiere waren gesund, robust und man musste nichtunbedingt studiert haben, um diese Tiere gut zu betreuen.

Heute gibt es insbesondere im Osten Deutschlands viele Betriebe, die auf Hochleistungskühe setzen und bei der Milchleistung einen Stalldurchschnitt von jährlich 11.000 Litern aufweisen. Interessanterweise schafft man dies bei vielen großen Herden bei bester Tiergesundheit im Osten oft besser als bei kleineren Betrieben mit Höchstleistungen im Westen.

Wieso sind Hochleistungskühe in ostdeutschen Betrieben oft gesünder als im Westen?

Unser Vergleich der ost- und westdeutschen Milchbetriebe hat deutliche Unterschiede im Management, also alles was mit der Betreuung der Milchkühe zu tun hat, zu Tage gebracht. Nicht die hohe Milchleistung allein ist ausschlaggebend für die hohen Erkrankungsraten der Milchkühe in manchen Ställen, sondern auch die Art und Weise, wie der Stall gemanaged wird. Das bedeutet, der Umgang mit Kühen, die auf eine extrem hohe Milchleistung gezüchtet wurden, erfordert spezielle Kenntnisse, sowohl in Bezug auf das Futter als auch auf einen regelmäßigen Futter- oder Melkrhythmus. Dazu gehören aber auch moderne Stallanlagen, sogenannte Laufställe, in denen die Kühe viel Platz haben und z.B. selbständig die Melkanlagen ansteuern können, wann immer sie wollen. Der so genannte Kuhkomfort verbunden mit dem Tierwohl wird ganz groß geschrieben.

Hat der Landwirt sein Management nicht ausreichend im Griff, kommt es zwangsläufig vermehrt zu Erkrankungen und die Leidtragenden sind die Tiere. Vielleicht ein Vergleich: Mit dem Rennwagen eines Sebastian Vettel könnte ein normaler Autofahrer auch nicht umgehen, ohne dass es zu Schäden am Fahrzeug kommt.

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