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Glyphosat Risiken Nahrungsmittel

ÖKO-TEST-Chefredakteur Jürgen Stellpflug zu Glyphosat in Nahrungsmitteln

Glyphosat - welche Nahrungsmittel sind betroffen? Risiken?

Glyphosat ist einer der meist eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln weltweit. Verwendet wird Glyphosat vor allem in der Landwirtschaft, aber auch im Gartenbau. Die aktuelle Zulassung für den Wirkstoff Glyphosat läuft am 30. Juni 2016 aus und je näher der Termin zur Entscheidung rückt, umso heftiger werden die Diskussionen. Glyphosat-Gegner weisen auf das mögliche Krebsrisiko des Wirkstoffs hin, während Glyphosat-Befürworter argwöhnen, das Thema könne  umweltpolitisch instrumentalisiert werden. Verbraucher sind dann oft ratlos. Wie gefährlich ist Glyphosat? Ab welcher Menge? In welchen Nahrungsmitteln kommt Glyphosat vor und in welchen Konzentrationen? Kann man Glyphosat überhaupt ausweichen? Darüber sprach ÖKO-TEST-Chefredakteur Jürgen Stellpflug mit MeinAllergiePortal.

Herr Stellpflug, nach einer aktuellen Untersuchung des Umweltinstituts München steht das Thema „Glyphosat im Bier“ im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wie beurteilen Sie die Studie bzw. die darin veröffentlichten Glyphosat-Werte?

Die Werte sind sehr gering. Selbst nach den strengen Maßstäben von ÖKO-TEST, die weit über die gesetzlichen Grenzwerte hinaus gehen, würden wir die Mengen als „Spuren“ bewerten. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung stellen sie „nach dem derzeitigen Stand des Wissens kein gesundheitliches Risiko dar“.
Unserer Meinung nach macht es sich das BfR mit dieser Einschätzung allerdings zu einfach. Denn Glyphosat ist – wie alle Pestizide – ein Giftstoff. Ich kenne keine Studie, die besagt, dass Menschen solche Giftstoffe zum Leben brauchen. Sie brauchen Vitamine, Mineralstoffe und selbst „Schadstoffe“ wie Zucker und Fett, aber keine Pestizide.

Umgekehrt gibt es jede Menge Studien, die zeigen, dass Pestizide für Menschen gefährlich sind. Dazu kommt, dass Glyphosat inzwischen in der Muttermilch und im Urin der meisten Menschen nachweisbar ist. Ob der Nachweis im Urin ein Beleg dafür ist, dass Glyphosat schnell wieder ausgeschieden wird, wie das BfR meint, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß allerdings, dass Pestizide nicht in die Muttermilch gehören.

Die Weltgesundheitsagentur (WHO)  kam nach der Auswertung zahlreicher Studien zu der Einschätzung, dass Glyphosat  „wahrscheinlich krebserregend“ ist. Auf der Website des Bundesinstituts für Risikobewertung liest man „Das BfR kommt nach Prüfung aller bislang vorliegenden Studien, Dokumente und Veröffentlichungen einschließlich der Glyphosat-Monographie der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO (IARC) zu dem Ergebnis, dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist.“. Wie erklären sich diese gegensätzlichen Aussagen?

Es gibt ja die Vorwürfe gegen das BfR, es habe in seine Bewertung Leserbriefe des Glyphosat-Herstellers Monsanto als Studien einfließen lassen. Das ist zwar durchaus richtig, aber die Unterschiede zwischen dem BfR und der WHO machen ein grundsätzliches Problem deutlich. Es handelt sich um Bewertungen, nicht um in Stein gemeißelte Fakten. Sonst wäre es ja nicht möglich, dass WHO, EU und die amerikanischen Behörden schon vor dem Streit um das Krebsrisiko von Glyphosat ganz unterschiedliche ADI-Werte für das Pestizid festgelegt hatten.

Ganz interessant ist daneben, dass das BfR bereits im Jahre 2011 seine eigene Position zur Unbedenklichkeit von Glyphosat relativiert hat. Lars Niemann vom BfR, der an der ersten europäischen Bewertung beteiligt war, erklärte, man habe den Stoff, nicht die daraus hergestellten Pestizide beurteilt. Die Pestizide enthielten weitere Zusätze, die für die toxischen Effekte verantwortlich sein könnten.

Völlig unabhängig von den unterschiedlichen Bewertungen ist allerdings, wie man damit umgeht. Es stellt sich also die Frage: Dürfen wir warten, bis sich Glyphosat(pestizide) als krebserregend herausgestellt haben? Oder müssen wir Glyphosat schon wegen des Verdachts, also der Möglichkeit, dass es krebserregend ist, aus dem Verkehr ziehen. ÖKO-TEST meint: Der Verdacht reicht.


In welchen Nahrungsmitteln bzw. Getränken kommt Glyphosat vor und in welchen Konzentrationen?

Es gibt Glyphosat-Grenzwerte für Hunderte von Lebensmitteln. Das heißt: Beim Anbau all dieser Rohstoffe darf das Pestizid verwendet werden. Mit über 1 Mio. Tonnen ist es das weltweit meistverkaufte Spritzmittel. Getreide oder Hülsenfrüchte dürfen teilweise bis zu 20 Milligramm pro Kilogramm enthalten, also 1000mal mehr als das Umweltinstitut in Bier gefunden hat.

ÖKO-TEST hat Glyphosat zuletzt in Schokomüsli, Linsen, Kinderkeksen, Mehl und Brot nachgewiesen – jeweils in höheren Mengen als im Bier. Die Funde in der Muttermilch und im Urin zeigen ebenfalls, wie universell es verwendet wird.

Welche Alternativen gibt es zu Glyphosat-haltigen Pflanzenschutzmitteln?

Es gibt viele Hundert verschiedene Pestizidwirkstoffe. Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilt sie in fünf Klassen ein, von „extrem gefährlich" bis „Gefährdung unwahrscheinlich" – zumindest bei vorschriftsmäßigem Gebrauch. Die meisten davon werden tatsächlich auch eingesetzt, obwohl es für viele Wirkstoffe nicht einmal standardisierte Nachweismethoden gibt. Das heißt, selbst die Überwachungsbehörden können nicht überprüfen, ob die gesetzlichen Grenzwerte für diese Wirkstoffe eingehalten werden.

Glyphosat ist jedoch unter anderem deswegen so weit verbreitet, weil gentechnisch veränderte Sorten von Mais, Raps, Soja oder Baumwolle resistent gegen das Pestizid sind. Das erleichtert die Anwendung, denn die Bauern können sicher sein, dass sie mit Glyphosat ihre Kulturpflanzen nicht schädigen.

Welche abstrusen Blüten die Arbeitserleichterung, das heißt auch die Kostensenkung, treibt, kann man am Beispiel der inzwischen in Deutschland nicht mehr erlaubten Vorerntespritzung mit Glyphosat beschreiben. So war es üblich, Getreide oder Hülsenfrüchte kurz vor der Ernte mit Glyphosat zu spritzen. Dadurch starben die Pflanzen ab und trockneten gleichzeitig. So sparten sich die Bauern einen Teil der Trocknung in den Trocknungsanlagen – und die Verbraucher bekamen eine zusätzliche Dosis Gift ins Essen.

Was empfehlen Sie den Verbrauchern, sollte man versuchen Glyphosat zu meiden?

Verbraucher meiden Glyphosat am besten, wenn sie Bio-Lebensmitteln kaufen. Und im Hobbygarten sollten chemisch-synthetische Pestizide grundsätzlich tabu sein. Sie werden schlicht nicht gebraucht.

Herr Stellpflug, herzlichen Dank für dieses Interview!