Vegan Ernährungsstil Trend

Die Nachfrage zum 6. KErn-Wissenschaftsseminar war groß. Bildquelle: KErn

Vegan für alle? Ein Ernährungsstil im Aufwärtstrend

Freising/Kulmbach – In Zusammenarbeit mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hat das Kompetenzzentrum für Ernährung zum Wissenschaftsseminar „Vegan für alle? Ein Ernährungstrend in der Diskussion.“ nach München eingeladen. Bei dem mittlerweile sechsten Wissenschaftsseminar war die Nachfrage groß. Im Rahmen von Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen wurde ein Überblick über die „Wahrnehmung und Wirklichkeit“ der veganen Ernährung, den Stand der Wissenschaft zu diesem Thema und über Alltag und Esskultur gegeben.

Wie viele Vegetarier und Veganer gibt es in Deutschland?

Der Vegetarierbund VEBU veröffentlicht Schätzungen, nach denen sich rund 10 % der Deutschen vegetarisch ernähren. Verschiedene wissenschaftliche Studien gehen aber nur von 1,8 % bis 3,7 % der Deutschen aus, darin enthalten sind alle Veganer sowie Vegetarier, die Fisch essen. Einen ähnlichen Trend zeigen aktuelle Daten zum Fleischverzehr in Deutschland: Er stagniert seit Jahren, ist aber keineswegs dramatisch eingebrochen. Die hohen Schätzungen des VEBU beruhen unter anderem auf Umfragen, bei denen sich die Befragten selbst einschätzen dürfen, zeigte Wissenschaftsjournalistin und TV-Autorin Johanna Bayer in ihrem Vortrag „Lifestyle, Moral und PR-Strategie: Wie Veganer/Vegetarier argumentieren. Die wissenschaftlichen Untersuchungen dagegen gehen auf eingehende Befragungen, Ernährungsprotokolle und weite-re Erhebungsverfahren zurück. „Was Menschen essen und was Menschen sagen, was sie essen, ist nicht dasselbe“, meint Bayer. Von einer Randerscheinung in den Mainstream – das haben Vegetarier und Veganer laut Bayer geschafft: Der Verzicht auf Fleisch oder gar alle Tierprodukte ist heute salonfähig, ihre Positionen werden bereitwillig akzeptiert.

Professor Dr. med. Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim bejaht diesen Trend und verdeutlicht, dass „eine gut ausgerichtete vegetarische Ernährung durchaus gesund sein kann, aber es gibt Ausnahmen: In der Stillzeit ist der Bedarf an Mikronährstoffen noch höher als in der Schwangerschaft“, sagt der Direktor des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft sowie des Food Security Centers. „Für mich ist vegane Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit ein No-Go“. Zudem ist bei akuten Erkrankungen einschließlich klassischer Infektionskrankheiten, insbesondere bei alten Menschen, Vorsicht geboten. Denn hier kann der Bedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralien sprunghaft ansteigen, was Auswirkungen auf den Verlauf der Erkrankung haben kann. „Nicht nur die Versorgung mit den Vitaminen B12, D und A kann kritisch werden, auch Eisen und Zink sind Mikronährstoffe, die aus einer veganen Kost nur bedingt verfügbar sind“, so Biesalski weiter.

Der Stand der Wissenschaft zum Trend

Die Teilnehmer erfuhren, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesund-heitsstatus nicht immer eindeutig ist. Pauschale Aussagen wie „Fleisch ist gesund“ oder „Fleisch ist ungesund“ sind nicht möglich, denn „eine Korrelation reicht nicht aus, um Kausalität zu beweisen“, sagt der Mathematiker PD Dr. rer. nat. Rainer Hufnagel. Wichtig ist, Studiendesigns, Methode, Teilnehmeranzahl und Befragungsart kritisch zu hinterfragen. Zudem spielt die Erhebung der Ernährungsweise eine wesentliche Rolle – jede Methode hat Stärken und Schwächen.

Zwar zeigen große Untersuchungen, dass Menschen, die vegan leben, deutlich seltener an den sogenannten Zivilisationserkrankungen leiden. Allerdings gibt es keine Studien, die den Ge-sundheitswert einer veganen Ernährung über lange Zeit oder auch in verschiedenen Lebenslagen geprüft hätten. „Die insgesamt gesundheitsbewusstere Lebensweise mit niedriger Prävalenz von Alkohol- und Nikotinabusus und Adipositas, kann also – unabhängig vom Fleischkonsum – die eigentliche Ursache für eine geringere Morbidität und Mortalität bei Fleischreduktion darstellen“, sagt Professor Dr. med. Johannes Erdmann von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.

Alltag und Esskultur

„Wir sind auf der Sinnsuche“, konstatiert PD Dr. med. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Er-nährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). In seinem Vortrag ging er auf die Pluralisierung der Ernährungsstile ein, die oft für Selbstinszenierung, Distinktion, Ersatzreligion stehen, um Status und Verantwortung zu signalisieren. „Menschen wollen in einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten als Individuum wahrgenommen werden, darum explodiert die Zahl der unterschiedlichen Ernährungsstile geradezu.“ Die eigene Ernährung wird heute weit stärker als früher genutzt, um die eigene Person bewusst sozial zu verorten. Da es in der wohlhabenden westlichen Welt einen unbegrenzten Spielraum für die Ausgestaltung der eigenen Ernährung gibt, werden sich unsere Ernährungsstile weiterentwickeln. Dabei wählt das Individuum seinen Ernährungsstil so, wie es wahrgenommen werden möchte.

Gleichzeitig stellt Ellrott fest: „Wir werden insgesamt wankelmütig. Heute ist es kein Problem, sowohl beim Discounter einzukaufen als auch beim Bio-Bauern. Früher musste man eine Haltung verteidigen. Jetzt wird jongliert. Woran das liegt? „Soziale Zugehörigkeit ist heute besser modellierbar als früher. Oft steht Anspruch im Widerspruch zu anderen Verhaltensweisen im Alltag, die gerade nicht dem im Ernährungsstil implizierten Werten entsprechen.“

Die Zusammenfassung aller Vorträge sind auf www.kern.bayern.de hinterlegt.

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