Clean Labelling

Oecotrophologin (M. Sc.) Anneke von Reeken von der Verbraucherzentrale Niedersachsen

Zusatzstoffe: Was steht drauf? Was ist drin? Was bedeutet Clean Labelling?

Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Aromen, Geschmacksverstärker, Füllstoffe, Antioxidantien, Verdickungsmittel, Emulgatoren etc. die Liste der Zusatzstoffe, die in industriell gefertigten Lebensmitteln Verwendung finden, ist unendlich lang. Lange Zeit hat sich kaum jemand dafür interessiert, welche Zusatzstoffe bei der Lebensmittelherstellung genutzt werden, aber das ändert sich zunehmend. Immer mehr Verbraucher studieren die Zutatenlisten und nicht nur Menschen mit Nahrungsmittelallergien und Nahrungsmittelintoleranzen fragen sich, was in ihren Lieblingsprodukten enthalten ist. Die Lebensmittelindustrie greift diesen Trend auf und mehr und mehr findet man „Clean-Labelling-Produkte“ in den Supermarktregalen. Doch schafft dieser Trend auch mehr Transparenz für Verbraucher? MeinAllergiePortal sprach mit Oecotrophologin (M. Sc.) Anneke von Reeken von der Verbraucherzentrale Niedersachsen über Zusatzstoffe, Clean Labelling und Orientierungskriterien für verunsicherte Verbraucher.

Frau von Reeken, Verbraucher sehen Zusatzstoffe zunehmend kritisch, ist das berechtigt?

Eine kritische Haltung gegenüber Zusatzstoffen ist für Verbraucher auf jeden Fall angebracht, denn nicht alle zugelassenen Zusatzstoffe sind auch völlig unbedenklich. Es gibt sogar Zusatzstoffe, bei denen auf den Produkten ein Warnhinweis stehen muss, sobald sie verwendet werden. Deshalb ist es für die Verbraucher durchaus sinnvoll, sich zu informieren um zu wissen, was man da eigentlich isst.

Welche Zusatzstoffe sind das denn?

Nicht völlig unbedenklich sind z.B. einige der Farbstoffe, die man an den E-Nummern 100 bis 200 erkennt. Hier sind es die sogenannten Azofarbstoffe, die nicht unproblematisch sind. Azofarbstoffe sind synthetische Farbstoffe in grellbunten Farben wie gelb und rot, die gerne bei Süßigkeiten eingesetzt werden, z.B. in Gummitieren, Getränken und Speiseeis. Diese Produkte müssen dann den Warnhinweis enthalten, dass ein vermehrter Verzehr bei Kindern zu Unruhe führen kann und dass Aufmerksamkeit und Aktivität beeinträchtigt werden können. Es ist schon sehr lange bekannt, dass es Farbstoffe gibt, die bei Kindern „anregend“ wirken. Sie sind zwar nicht als „gesundheitsschädlich“ eingestuft, aber dennoch können diese Nebenwirkungen auftreten. Man hat sich deshalb entschlossen, für die betreffenden Produkte einen Warnhinweis verpflichtend vorzuschreiben. Gerade die Eltern kleiner Kinder sollten daher ein Auge darauf haben und besser Produkte kaufen, die keine Azofarbstoffe enthalten.

Gibt es weitere Zusatzstoffe, bei denen man vorsichtig sein sollte?

Neben den Farbstoffen gibt es noch Konservierungsstoffe, die Probleme verursachen können. Am bekanntesten ist Borsäure, ein Stoff der sehr lange als Konservierungsstoff allgemein zugelassen war. Mittlerweile darf Borsäure allerdings nur noch zur Konservierung von Kaviar verwendet werden.

Weiter gibt es die Antioxidationsmittel, die man einsetzt, um das Oxidieren von Lebensmitteln an der Luft zu verhindern. Ein von der Verbraucherzentrale Niedersachsen als „bedenklich“ und „nicht empfehlenswert“ eingestufter Stoff ist das Calcium-Dinatrium-EDTA oder E385. E385 setzt man z.B. bei Konserven von Hülsenfrüchten, Pilzen oder Fisch ein, aber auch bei Margarine, die normalerweise durch oxidieren eine dunkelgelbe Farbe annehmen würde.

Insbesondere bei Kindern unter zwei Jahren kann Calcium-Dinatrium-EDTA den Stoffwechsel beeinträchtigen. E385 bindet Mineralstoffe und in diesem Zusammenhang wird Calcium-Dinatrium-EDTA auch als Medikament eingesetzt. So nutzt man es z.B. bei Schwermetallvergiftungen um die Metalle zu binden. Bei gesunden Menschen kann es deshalb auch Auswirkungen haben, wenn es sich um sehr geringe Dosen handelt.   

Kann man als Verbraucher denn davon ausgehen, dass die meisten Zusatzstoffe eher harmlos sind?

Die Verbraucherzentralen haben alle 319 europaweit zugelassenen Stoffe bewertet. Davon wurden knapp 120 Stoffe, also deutlich weniger als die Hälfte, als unbedenklich eingestuft. Das wiederum bedeutet, dass man ca. 200 Zusatzstoffe besser nicht oder zumindest nur selten verzehren sollte. Hierzu haben wir auch eine kleine Broschüre mit dem Titel „Was bedeuten die E-Nummern?“ erstellt, die alle Zusatzstoffe inklusive unserer Bewertung enthält. Die Broschüre beinhaltet auch eine herausnehmbare Faltkarte in Scheckkartengröße fürs Portemonnaie. So kann man beim Einkauf immer mal nachschauen, wenn man unsicher ist.  

Es gibt auch Zusatzstoffe, die nicht deklarationspflichtig sind. Welche sind dies, wozu werden sie verwendet und wie sind sie zu bewerten?

Es gibt Stoffe, die der Zusatzstoff eines Inhaltsstoffes sind. Das bedeutet: Wenn ein Lebensmittel aus mehreren Zutaten bestehet und eine dieser Zutaten wiederum selbst eine Zusammensetzung aus mehreren Zutaten ist, müssen diese Zutaten nicht deklariert werden. Ein Beispiel: Wenn Kartoffeln mit einem Antioxidationsmittel behandelt wurden, damit sie nicht braun werden und dann zu Kartoffelflocken für ein Kartoffelpüree weiterverarbeitet werden, muss auf der Packung des Kartoffelpürees nicht angegeben werden, dass bei den Kartoffel ein Antioxidationsmittel eingesetzt wurde, denn dieses ist nicht die Zutat für das Püree selbst, sondern lediglich für eine Zutat des Pürees. Der Verbraucher hat in diesen Fällen keine Chance, den Zusatzstoffen auf die Schliche zu kommen, die ein Produkt aufgrund einer Zutat enthält.

Es gibt aber auch Hersteller, die solche Angaben freiwillig machen. Man erkennt das daran, dass in der Zutatenliste nach einem Inhaltsstoff in Klammern weitere Angaben gemacht werden. Diese beziehen sich dann auf die Zutaten der Zutat.

Gibt es Bestrebungen, diese Lücke im System der Zusatzstoffe zu schließen?

Leider gibt es von Seiten der EU oder der Regierung zurzeit keine Bestrebungen, diese Lücke zu schließen. Es ist jedoch eine Forderung der Verbraucherzentralen, dass auf der Verpackung eines Produktes wirklich alles draufsteht, was drin ist.  

Die Frage ist auch, ob Verbraucher bereit sind, auf gewisse gewohnte Produkteigenschaften zu verzichten. Ein Beispiel: Erdbeerjoghurts sind in der Regel schön rot, aber dieses Rot ist natürlich künstlich herbeigeführt. Wenn man die Farbstoffe wegließe, wäre die Farbe eines Erdbeerjoghurts sicher nicht mehr so schön. Man muss sich schon fragen, ob Erdbeerjoghurts gekauft würden, die nicht rot sind, wahrscheinlich würden manche Verbraucher mehr Wert auf zusatzstofffreie Produkte legen und andere mehr Wert auf die Produkteigenschaften.

Übrigens wird auch im Bereich „Backwaren“ viel mit Zusatzstoffen, insbesondere Enzymen gearbeitet, weil sie das Backergebnis in erheblichem Maße beeinflussen. Diese Enzyme müssen, wie im Beispiel mit dem Kartoffelpüree schon erwähnt, nicht deklariert werden, wenn sie bereits dem Mehl zugesetzt wurden, auch nicht nach der „neuen“ EU-Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) für lose Waren.

Ein weiteres „Schlupfloch“ sind die „Verarbeitungshilfsstoffe“. Das sind Stoffe, oft ebenfalls Enzyme, die nur zur Optimierung des Herstellungsprozesses eingesetzt werden. Sie erleichtern oder beschleunigen den Produktionsprozess, z.B. das „Gehen“ der Hefe oder die Backzeit. Im Produkt selbst sind diese Substanzen dann nur noch in Spuren vorhanden und deshalb müssen sie nicht angegeben werden.

Zusammenfassend kann man sagen: Es hat schon einen Grund, warum die Backwaren, die man selbst herstellt, oft nicht genau so aussehen, genauso knusprig oder genauso fluffig sind wie beim Bäcker.  

Man findet in letzter Zeit immer mehr „frei von“-Produkte in den Supermarktregalen, von der Industrie als „Clean Labelling“ bezeichnet. Wie verlässlich sind diese Angaben für die Verbraucher?

„Frei von“ heißt in manchen Fällen, dass die deklarationspflichtigen Stoffe durch andere Stoffe ersetzt werden, die dieselbe Funktion haben, aber nicht als Zusatzstoff klassifiziert sind.

Nochmals ein Beispiel: Man kauft ein Produkt auf dem steht „ohne Geschmacksverstärker, ohne Konservierungsstoffe und ohne künstliche Farbstoffe“. Dennoch kann dieses Produkt sowohl Geschmacksverstärker, als auch Konservierungsstoffe und Farbstoffe enthalten. Man nimmt in diesem Fall z.B. keinen Geschmacksverstärker, der als Zusatzstoff mit einer E-Nummer gelistet ist, sondern gibt Hefeextrakt zu. Hefeextrakt hat keine E-Nummer, enthält aber natürlicherweise Natriumglutamat, d.h. auch Hefeextrakt wirkt geschmacksverstärkend. So hat man einen deklarationspflichtigen Zusatzstoff durch einen Stoff ersetzt, den man nicht angeben muss.

Bei den Konservierungsstoffen kann man an Stelle der Konservierungsstoffe, die 200er E-Nummern  tragen, einen Stoff zusetzen, der rechtlich nicht als Konservierungsstoff eingesetzt wird, z.B. ein Säuerungsmittel, das gleichzeitig auch eine konservierende Wirkung hat. Bei Toastbrot findet man z.B. häufig die Angabe „ohne Konservierungsstoffe“ und dann enthält es Natriumacetat oder Natriumdiacetat, ein Säuerungsmittel, das gleichzeitig konservierend wirkt – das ist auch wieder eine kleine „Lücke im System“ der Gesetzgebung. Auch gewisse Senfsaaten und Gewürzextrakte wirken konservierend.

Ähnlich ist es bei den Farbstoffen. Wenn das Produkt mit „ohne künstliche Farbstoffe“ ausgezeichnet ist, kann man natürliche Farbstoffe einsetzen, z.B. Rote Bete-Saft oder Kirschsaft. Durch die Rotfärbung entsteht z.B. bei Joghurts der Eindruck, es seien sehr viele Früchte verarbeitet worden, was aber nicht so sein muss.

Meine Empfehlung an die Verbraucher lautet deshalb: Nicht glauben, was vorne auf der Verpackung draufsteht, sondern einen „Blick nach hinten“ auf die Zutatenliste werfen. Man hat natürlich beim Einkauf nicht immer die Zeit, aber hilfreich ist es schon, sich die Zutaten genauer anzuschauen. Man stellt dann sehr schnell fest, dass oft Zutaten aufgeführt sind, deren Nutzen sich nicht unmittelbar erschließt.

Zusatzstoffe ohne E-Nummer sollte man also durchaus meiden?

Die von mir genannten Stoffe, z.B. der Hefeextrakt, fällt nicht unter Zusatzstoffe, sondern unter Lebensmittel. Damit sind keine gesundheitlichen Gefahren verbunden, aber aus Sicht der Verbraucherzentralen ist es problematisch, dass Verbraucher diese Stoffe nicht als Zusatzstoffe, sondern als Zutat werten, nur weil sie keine E-Nummer haben.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist Rosmarinextrakt, der in Lebensmitteln häufig zum Einsatz kommt. Wenn ein Verbraucher das auf der Zutatenliste liest, denkt er, es handele sich um ein natürliches, wohlschmeckendes Extrakt aus Rosmarin. In Wirklichkeit ist dieser Rosmarinextrakt ein hochtechnologisch verarbeitetes Produkt, das mit Rosmarin eigentlich gar nichts mehr zu tun hat und auch gar nicht nach Rosmarin schmeckt. Es enthält lediglich noch einen Inhaltsstoff aus Rosmarin, eine Säure, die antioxidierend wirkt. Dementsprechend nutzt man Rosmarinextrakt auch nur als Antioxidationsmittel.

Genauso verhält es sich mit den Aromen. Aromen zählen nicht zu den Zusatzstoffen und tragen auch keine E-Nummern. Es gibt aber sehr viele Aromen, die künstlich hergestellt werden und mit der Geschmacksrichtung, die sie verkörpern, gar nichts zu tun haben. Dazu gehört z.B. das Gewürz Vanille, das durchaus nicht aus einer Vanilleschote stammen muss, sondern künstlich hergestellt werden kann. Ebenso muss ein Orangenaroma nicht aus Orangen und Himbeeraroma nicht aus Himbeeren hergestellt werden. So bringt man deutlich mehr Vanillearoma, Orangenaroma, Himbeeraroma etc. in die Produkte, als die weltweite Produktion hergibt. Ähnlich ist es mit den Erdbeeren, denn man kann weltweit nicht annähernd so viele Erdbeeren produzieren, wie dies für die angebotene Menge an Erdbeerjoghurt eigentlich nötig wäre.

Sie empfehlen Verbrauchern beim Einkauf den Blick auf die Zutatenlisten, findet man denn überhaupt noch Produkte, die frei von Zusatzstoffen sind?

Es wird tatsächlich schwierig, wenn man Zusatzstoffe meiden will. Anhand diverser Testkäufe haben wir festgestellt, dass es heutzutage nicht mehr so einfach ist, zusatzstofffreie Produkte zu finden. Ein Joghurt ohne Aroma und Farbstoffe ist z.B. kaum zu finden. Es gibt einzelne Hersteller, die solche Produkte anbieten, aber eine große Auswahl hat man dann nicht mehr.

Meine Empfehlung lautet deshalb, möglichst unverarbeitete Produkte zu kaufen und selbst zuzubereiten, also Kartoffelpüree nicht aus der Packung, sondern aus selbstgekochten Kartoffeln zuzubereiten bzw. die Salatsauce nicht fertig zubereitet zu kaufen, sondern selbst eine Vinaigrette herzustellen.     

Eine Alternative dazu sind Bio-Lebensmittel, die mittlerweile ja in allen Supermärkten angeboten werden. Hersteller von Bio-Lebensmittel dürfen nur ca. 25 Prozent der zugelassenen Zusatzstoffe verwenden, d.h. etwa 80 von 319 möglichen Stoffen.   

Ein grundsätzlicher Tipp: Je länger die Zutatenliste, desto mehr Zusatzstoffe sind im Produkt enthalten.

Frau von Reeken, vielen Dank für dieses Gespräch!

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