Unverträglichkeitsladen Allergiker

Tobias Höhne, Unverträglichkeitsladen

Histamin- und fruktosearm, laktose- und glutenfrei beim Unverträglichkeitsladen

Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten, insbesondere mit Histaminintoleranz, haben es oft schwer, geeignete Lebensmittel einkaufen zu können. Auch Biosiegel sind nicht immer ein Garant für gute Verträglichkeit. Der vor einem Jahr gegründete "Unverträglichkeitsladen" hat sich zur Aufgabe gemacht, Nahrungsmittelintoleranten geeignete Produkte zur Verfügung zu stellen. Diese Produkte werden einer strengen Prüfung unterzogen, bevor sie ins Sortiment des Unverträglichkeitsladen aufgenommen werden. MeinAllergiePortal sprach mit dem Gründer des Unverträglichkeitsladen, Tobias Höhne, Recklinghausen, über  die Motive, die der Initiative zugrunde liegen und die Herausforderungen auf der Produktebene. 

Herr Höhne, der Unverträglichkeitsladen feiert sein "Einjähriges". Wie war das erste Jahr?

Aufregend, spannend und sehr arbeitsintensiv. Aber auch ein Jahr, dass ich nicht missen möchte, weil ich ungeheuer viel gelernt und erfahren habe und es bei aller Arbeit und den vielen Nachtstunden, in denen mein Bett leer blieb, es doch auch meist unglaublich viel Spaß gemacht hat und noch immer macht. Auch wenn einige größere Katastrophen zu Beginn, wie ein Serverabsturz, mir sicher einige graue Haare beschert haben.

Ich schätze, dass noch etwa Zweidrittel des ursprünglichen Sortimentes vorhanden ist und eine gewisse Bewegung wird auch weiterhin im Sortiment bleiben. Der restliche Teil wurde aus verschiedenen Gründen nach und nach ersetzt und ausgetauscht. Die Produkte wurden nicht angenommen, fielen bei internen Geschmackstests durch, werden nicht mehr hergestellt oder waren nicht so verträglich, wie es den Anschein hatte.

Und: Meine Kunden haben mich öfter überrascht. Weil sie sehr konkrete und clevere Fragen gestellt oder Kritik angebracht haben oder Wünsche nach Produkten geäußert haben, die ich, wann immer möglich, auch erfüllt habe oder auch vielfach sehr gute Vorschläge für Erweiterungen des Sortiments gegeben haben. Und es ergaben sich oft auch einfach nette Gespräche über die Probleme, die man so hat und vieles andere. Ich bin über diese Interaktion sehr froh und hoffe, dass das so weitergeht.

Sie geben an, dass fast alle Ihre Produkte der Bio-Qualität entsprechen, bzw. den strengeren Demeter- oder Bioland-Richtlinien. Wofür stehen "Ihre" Siegel? Hier gibt es ja auch Missbrauch...

Ich denke, die meisten Leute werden das EU-Bio-Siegel kennen. Entweder das alte Siegel, ein Sechseck mit dem Wort "Bio" oder das Neue, ein grünes Viereck mit einem Blatt aus Sternen. Diese Siegel stehen für Produkte, die mindestens der EU-Bio-Verordnung entsprechen. Sie ist zwar bei weitem nicht die strengste Richtlinie, aber auch nicht grundsätzlich schlecht und bietet, da jeder Hersteller, Verarbeiter und Händler, ich also auch, regelmäßig kontrolliert wird, eine gutes Maß an Sicherheit, auch wenn dieses System natürlich nicht perfekt ist. Ich persönlich wäre für strengere Richtlinien und Regeln bei der EU-Verordnung, um die Schlupflöcher, die es gibt, zu schließen. Dies würde dann hoffentlich auch teilweise den von Ihnen angesprochen Missbrauch verhindern.

Außerdem haben viele meiner Produzenten intern strengere Maßstäbe, ohne dass sie dies extra anzeigen, weil es für sie als kleine Hersteller einfach zu aufwändig oder zu teuer ist. Demeter und Bioland sind sogenannte Anbauverbände. Also private Vereine, die sich selbst Regeln gegeben haben, die in vielen Punkten noch strenger sind als die EU-Verordnung. Die Einhaltung dieser Regeln wird von den Verbänden selbst überwacht und Verstöße auch geahndet. 

Aber leider gibt es viele wirklich gute Produkte einfach nicht in Bioland- oder Demeter-Qualität. Prinzipiell kann der Kunde, wenn er ein Produkt mit dem EU-Siegel oder dem der Anbauverbände kauft, ziemlich sicher sein, dass es eine ordentliche Qualität hat und auch wirklich Bio ist. Man sollte allerdings schauen, wie die Produkte heißen, denn "Natur" oder "Land" sind etwa im Gegensatz zu "Bio" keine geschützten Begriffe und haben sich, seitdem Bio mehr als nur ein Trend ist, ziemlich stark vermehrt. Genau wie die Siegel, die sich jeder Hersteller auch selber geben kann und die dann nichts aussagen sondern eine Qualität vorgaukeln, die diese Produkte oftmals nicht haben. Sich die Siegel genau anschauen, nicht jedem davon zu vertrauen und auch in die Zutatenliste blicken, ist immer ein guter Rat. Denn dort muss noch einmal bestätigt werden, dass die Einzelzutaten biologisch hergestellt wurden und man kann sehen, was da eigentlich so drin ist und erlebt so manche unangenehme Überraschung.

Sie erwähnen auf Ihrer Website, dass Sie die Produkte bzw. Produktinfos überprüfen, bevor Sie es in Ihr Sortiment aufnehmen. Nach welchen Kriterien?

Ja, es gab ziemlich viele Produkte, die wir nicht aufgenommen haben, auch viele Produkte bekannter Hersteller. Denn wir haben von Beginn an eine Liste mit Ausschlusskriterien für jede einzelne Unverträglichkeit geführt und jedes Produkt einzeln daraufhin kontrolliert, bevor es angeboten und aufgenommen wurde - viel, aber nötiger Aufwand.

Zum ersten müssen die Produkte natürlich zumindest Bio sein. Zum zweiten müssen die Produkte einen "Mehrwert" bieten. In meinem Fall heißt das, dass sie zumindest bei einer Nahrungsmittelintoleranz verträglich sein müssen, besser bei mindestens zwei. Drittens sollen die Produkte so natürlich wie möglich sein. Also so wenig Zutaten wie nötig und am besten keine unnötigen oder chemischen Inhaltsstoffe, wie Konservierungsmittel, Hefextrakt, E-Nummern, etc.,  die bei einer Unverträglichkeit meist nicht gut vertragen werden und von denen viele, wenn auch nicht alle, im Bio-Bereich zum Glück gar nicht erst eingesetzt werden dürfen.

Dann müssen sie einen Geschmackstest bestehen, also wenn eine Testrunde zu dem Schluss kommt, dass ein Produkt wie der sprichwörtliche "Schlag vor den Hals" schmeckt, dann muss es leider wieder gehen und hat nur ein kurzes Gastspiel im Shop, denn ich möchte auch hinter den Produkten stehen können, die ich verkaufe. Auch der Preis spielt natürlich eine Rolle, eine gewisse Grenze dürfen die Produkte einfach nicht überschreiten. Und mir persönlich ist wichtig, dass die Produkte, wann immer es geht, von regionalen, kleineren Herstellern kommen, weil diese oft besonders gute Bio-Qualität bieten. Und auch, dass man unsere Produkte nicht in jeder Drogerie bekommt, sondern sie eine leckere Ergänzung des Speiseplanes sind, da verträglich, oft vegetarisch und vegan und ungewöhnlich.


Es gibt nicht so viele Shops, die histaminfreie Produkte anbieten. Was hat Sie bewogen, diese etwas schwierige Kategorie aufzunehmen?

Die Frage ist einfach beantwortet. Ich bin selber histaminintolerant und nachdem ich diese Diagnose hatte, erst mal fast daran verzweifelt herauszufinden, was ich essen darf und was nicht und dann auch verträgliche Produkte zu finden, was selbst in Bio-Läden kaum möglich war. Also reifte die Idee: "Dann ändere was an der Situation, es gibt doch noch mehr Leute wie dich, "baue" einen "Ort", an dem man endlich mehr als zwei Produkte findet, die man essen kann." Und das war dann der Startschuss des Unverträglichkeitsladens. Aber es war und ist ein ziemlich extremer Aufwand, für jedes Produkt die Histaminverträglichkeit herauszufinden, weil diese ja nicht irgendwo steht, sondern erarbeitet werden muss. Und das ist bei unseren strengen Kriterien eine der zeitintensivsten Arbeiten, aber nur so bekommt man die bestmögliche Sicherheit.

Da die Histaminintoleranz durch ihre individuelle Komponente, also nicht jeder verträgt alles nicht, komplizierter ist, als die anderen Unverträglichkeiten, versuchen wir, strenger als die zugänglichen Quellen zu sein. Ein Produkt, dass eine strittige Zutat ganz am Ende hat, wird nicht mehr als Histaminarm sondern nur als Histaminverträglich eingestuft. Das ist vielleicht etwas übertrieben, aber ich halte es für sinnvoll, so zu verfahren, da die Histaminunverträglichkeit ja immer noch die unbekannteste, aber komplizierteste der vier Unverträglichkeiten ist.

Worauf achten Sie in Ihrem "Histamin"-Sortiment und wie unterscheiden Sie "histaminalrm" von "histaminerträglich"?

Hier sind, denke ich, zwei Dinge besonders wichtig. Zum einen die Zutatenliste, also die Verträglichkeit des Produktes bei Histaminintoleranz und zum anderen der Geschmack, weil das beste Produkt nichts nutzt, wenn man es nicht genießen kann. Und dass es zwei Kategorien gibt, habe ich meinen Kunden und der Ernährungsberatung Viva la Eat!, mit der ich eine Kooperation habe, zu verdanken. In einer Diskussion zeigte sich, dass eine Histaminkategorie nicht ausreichte. Die Histaminintoleranz weist eine sehr starke individuelle Komponente auf und nicht jeder mit Histaminintoleranz verträgt dasselbe, wie gerade schon erwähnt. Ich vertrage etwa in Maßen Tomaten oder auch Hefe, muss aber viele andere Produkte, wie etwa Meeresfrüchte oder Nüsse nur anschauen. Daher kam die Idee auf, die Kategorien aufzuteilen. Unter "histaminarm" findet man auch nur die Produkte, die wirklich histaminarm sind, also nur Zutaten enthalten, die frei von den bekannten Auslösern sind und auch von Leuten vertragen werden, die z.B. gerade erst die Diagnose bekommen haben. Das Sortiment ist natürlich durch diese strenge Auswahl eingeschränkt, aber daher etwa auch ein guter Anlaufpunkt zum Start.

Unter „histaminverträglich" findet man ein erweitertes Sortiment. Die Produkte dort beinhalten Zutaten, die von den meisten Menschen mit Histaminunverträglichkeit vertragen werden, aber eben nicht unbedingt von Allen. Also quasi die "Fortgeschrittenen"-Kategorie, wenn man schon etwas Erfahrung mit seinen persönlichen Grenzen und Toleranzen einzelnen Zutaten gegenüber hat und viele der Produkte als Erweiterung zu den frischen, verträglichen Zutaten sieht, die man etwa auf dem Markt oder im Geschäft kauft. Auch hier wird natürlich auf alles verzichtet, was grundsätzlich histaminreich ist, aber die Zutaten, die wir hier zulassen, bieten etwas mehr Spielraum, also ergibt sich auch ein weit größeres Sortiment an Produkten, und ich kann feststellen, nachdem diese Aufteilung der Kategorie nur einige Monate existiert, dass es sich bewährt und von den Kunden auch gut angenommen wird.

Gewürze, Aufstriche und Saucen sind ein spezielles Thema für Histaminintolerante. Welche Produkte empfehlen Sie ganz besonders?

Das stimmt. Das ist natürlich auch bei uns ein Thema. Bei Gewürzen gilt, dass alles was scharf ist eher schlecht ist. Kräuter sind meistens kein Problem, daher hat man zum Glück noch viele Möglichkeiten, zu würzen und leckere Gerichte zu kreieren. Bei Saucen ist Selbermachen wirklich die beste Alternative, etwa mit Soßenbinder und als Ersatz für Tomaten empfehle ich unsere Paprikawürzpaste. Sehr lecker, rot, ergiebig und verträglich. Aufstriche stehen und fallen immer mit den Zutaten. Zitrusfrüchte und Beeren sind bei den Marmeladen meist nicht zu empfehlen, herzhafte Aufstriche am besten nicht aus Hefe, sondern rein aus Gemüse, wie die Aufstriche von Feinzeit. Und ansonsten gilt auch da immer, auf die Zutatenliste achten und wenn man sich nicht sicher ist, einfach Fragen. Wir helfen gerne weiter wenn wir können und wo immer das möglich ist.

Sie bieten auch verträgliche Produkte für Tiere. Hatten Sie diese von Anfang an im Sortiment? Nach welchen Kriterien suchen sie diese aus?

Ja, die gehörten von Anfang an dazu. Einfach als Idee, nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere verträgliche Produkte anzubieten, da auch bei diesen die Futterunverträglichkeiten zunehmen. Die Auswahl ist ähnlich wie bei Menschen, so natürlich wie möglich, also viel Fleisch, keine unnötigen Zusätze, am besten kein Getreide und Bio. Leider wird diese Kategorie demnächst erst mal auslaufen, weil da nur wenig Nachfrage besteht, was sich allerdings ja wieder ändern kann und dann wäre es ein leichtes, wieder verträgliches Tierfutter anzubieten.

Was bleibt ist die Naturkosmetik. Denn viele Menschen mit Unverträglichkeiten haben auch oft zumindest leichte Hautprobleme und die vielen chemischen Zusätze in konventionellen Kosmetikprodukten sorgen nicht gerade dafür, dass das besser wird. Unsere Kosmetik ist "echte", zertifizierte Naturkosmetik, von guten Herstellern und besonders ausgewählt, etwa mit Teebaum, Honig oder Heilkreide, aber ohne die ganze Chemie. Sie bewirkt natürlich auch keine Wunder, aber sie ist besser und verträglicher.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne für die Zeit bis zum "Zweijährigen" aus?

Das ist keine einfache Frage. Jetzt möchte ich erst mal den Oktober gut überstehen, das Einjährige mit den Kunden feiern, wir machen unter anderem ein kleines Gewinnspiel und Aktionen und dann fängt ja auch schon das Weihnachtsgeschäft an.

Aber prinzipiell denke ich, sehen meine Zukunftspläne einerseits so aus, wie bei jedem anderen Händler auch, mehr und zufriedene Kunden und ein gesundes Wachstum. Andererseits möchte ich auf jeden Fall das Sortiment weiter anpassen und mit neuen, verträglichen und gerne auch ungewöhnlichen Produkten erweitern und immer wieder Neues auftun und anbieten und weiterhin in engem Kontakt mit meinen Kunden stehen und erfahren, was diese suchen, möchten oder auch kritisieren. Es wird mit Sicherheit einiges professioneller werden, bei den Abläufen ebenso wie an der Optik, so etwas bleibt einfach nicht aus. Ich werde jedoch immer darauf achten, dass das gewisse Etwas, das den Shop aus- und zu etwas besonderem macht, erhalten bleibt.

Ich hoffe, dass es mir weiterhin gelingt, Menschen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit das Leben etwas leichter und wieder etwas genussvoller zu machen. Und das nicht nur in zwei, sondern auch noch in den darauf folgenden Jahren. Dann vielleicht auch mit eigener Produktlinie und Ladenlokal. Aber das wäre dann ein Thema für das nächste Interview.

Herr Höhne, vielen Dank für das Interview!

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