Fehlbesiedlung Darm Mikrobiom Darmbeschwerden

Dr. med Claus-Hermann Bückendorf, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin in Kiel.

Fehlbesiedlung des Darms: Die Rolle des Mikrobioms bei Darmbeschwerden

Inwiefern gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Leaky Gut Syndrom und dem Reizdarm Syndrom?

Das Reizdarm Syndrom kann man als eine Kombination aus vegetativen Störungen, d.h. den Verschaltungen zwischen Kopf und Darm und Veränderungen des Biofilms bzw. des Darm-Mikrobioms bezeichnen.

Wir kennen z.B. das sogenannte „postinfektiöse Reizdarm Syndrom“, bei dem eine Darminfektion der Auslöser für die Erkrankung ist. Dabei wird der Biofilm, d.h. das Mikrobiom des Darmes, über eine Infektion mit Darmkeimen wie z.B. Salmonellen, gestört. In der Folge kommt es zu Störungen, sowohl der Darmbarriere als auch der damit zusammenhängenden Funktionen wie dem enteritischen Nervensystem bzw. Immunsystem, der Darm kommt „aus dem Takt“.

Gibt es noch weitere Erkrankungen, bei denen ein Zusammenhang mit einer Fehlbesiedlung des Darmes bzw. den nicht funktionalen Tight Junctions geben könnte?

In Bezug auf chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) stellt man sich die Frage, ob ein Zusammenhang mit gestörten Tight Junctions bzw. dem Leaky Gut Syndrom bestehen könnte.

Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass über die sogenannte „Gut-Brain-Achse“ der Biofilm bzw. das Mikrobiom des Darms einen Einfluss auf zentralnervöse Funktionen, wie z.B. das Essverhalten oder die Stimmung nehmen kann. Möglicherweise könnte auch ein Zusammenhang zwischen Depressionen und einer Fehlbesiedlung des Darmes, d.h. einer veränderten Zusammensetzung des Mikrobioms bestehen. Bei autistischen Kindern konnte man durch eine Veränderung der Fehlbesiedlung des Darmes sogar das autistische Verhalten beeinflussen und aus Tiermodellen wissen wir, dass man bei sterilen Mäusen durch die Gabe von Probiotika die Darmfunktion verbessern und die Stressintoleranz positiv verändern kann. Offensichtlich gibt es Verbindungen zwischen dem „Darmhirn“ und dem „Kopfhirn“ - das Darmhirn verfügt übrigens über eine ebenso große Anzahl und Vielfalt an Neurotransmittern wie das Kopfhirn.

Könnte es irgendwann möglich sein, heute als psychisch eingestufte Erkrankungen mit einer Korrektur der Fehlbesiedlung des Darmes zu behandeln?

Es gibt wechselseitige Einflüsse zwischen der Fehlbesiedlung des Darmes und bestimmten psychischen Erkrankungen. Die Frage ist aber immer, was war zuerst da: „Henne oder Ei?“ Diese Frage ist aktuell noch sehr schwierig zu beantworten.

Zurzeit kann man nur auf die Tiermodelle zurückgreifen, die auf einen Zusammenhang zwischen einer Fehlbesiedlung des Darmes, d.h. dem Mikrobiom des Darmes und bestimmten Erkrankungen hinweisen. Daraus kann man versuchen, Schlüsse zu ziehen, aber die Tiermodelle sind nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar.

  1. Fest steht, dass es unterschiedliche Darmfloren gibt:
  2. Die protektive Darmflora, die ca. 80 Prozent der Keimkolonisation ausmacht
  3. Die proteolytische Darmflora, die, wenn eine Störung vorliegt, Fäulnis und Gasbildung verursachen kann
  4. Die mucoprotektive Darmflora, die kurzkettige Fettsäuren, d.h. Buttersäure, produziert und für die Versorgung der Darmepithelien verantwortlich ist  
  5. Und die Immunflora, die sozusagen als „Sparringspartner“ für das schleimhautassoziierte Immunsystem zur Verfügung steht.

Die protektive, die mucoprotektive und die Immunflora kann man durch die Gabe von Probiotika und Präbiotika in einem gewissen Umfang beeinflussen. Die proteolytische Darmflora kann man höchstens indirekt beeinflussen, indem man die anderen Darmfloren behandelt und der dadurch entstehende Verdrängungswettbewerb wiederum Auswirkungen auf die proteolytische Darmflora hat.     

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