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Fehlbesiedlung Darm Mikrobiom Darmbeschwerden

Dr. med Claus-Hermann Bückendorf, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin in Kiel.

Fehlbesiedlung des Darms: Die Rolle des Mikrobioms bei Darmbeschwerden

Im Zusammenhang mit Darmbeschwerden wie dem Reizdarm Syndrom oder nicht allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist häufig von einer Fehlbesiedlung des Darmes die Rede. Wie kommt es zu einer Fehlbesiedlung des Darmes? Welche Rolle spielen Umweltfaktoren? Wie kommt es zu Darmbeschwerden und wie sind diese behandelbar? MeinAllergiePortal sprach mit Dr. med Claus-Hermann Bückendorf, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin in Kiel.

Herr Dr. Bückendorf, wie kommt es zu einer Fehlbesiedlung des Darmes und welche Umweltfaktoren beeinflussen sie?

Es gibt generell nur wenig sichere Erkenntnisse dazu, welche Umweltfaktoren das Mikrobiom des Darms beeinflussen und eine Fehlbesiedlung verursachen können. Es gibt nur einige wenige Arbeiten zum Mikrobiom des Darmes und deshalb greift man aktuell vermehrt auf Beobachtungen zurück.

In den existierenden Studien konnte man anhand von Tiermodellen zeigen, dass Chemikalien, wie z.B. Medikamente, Zusatzstoffe in Lebensmitteln, Schwermetalle, Holzschutzmittel und polychlorierte Biphenyle, einen Einfluss auf die Darmflora haben. Die in den Studien beobachteten Veränderungen bzw. Fehlbesiedlungen könnten Hinweise in Richtung „Leaky Gut Syndrom“ sein.

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Was bedeutet es, wenn ein Leaky Gut Syndrom besteht?

Das Leaky Gut Syndrom ist eine Störung der Darmfunktion, bzw. eine Störung der „Tight Junctions“. Es geht einher mit einer Durchlässigkeit der Darmbarriere und dies kann zu einer Fehlfunktion des Immunsystems führen.


Gibt es weitere Chemikalien die die Tight Junctions beeinträchtigen können?

Substanzen, die nachgewiesenermaßen Veränderungen der Tight Junction-Funktion verursachen, sind Aspirin, Alkohol, Nikotin und Antirheumatika. Auch für physiologisch zugeführte Schwermetalle wie Eisen, Chrom und Kobalt konnte man in Studien eine Beeinträchtigung der Tight Junctions nachweisen.

Das „Leaky Gut Syndrom“ wird also nicht nur durch „verzehrte“ Stoffe ausgelöst, sondern auch durch Chemikalien aus der Luft?

Der Körper kann zwischen der Darreichungsform nicht unterscheiden. Ob als Medikament verabreicht oder durch die Atmung aufgenommen – Chemie ist Chemie.
Ein anderes Beispiel sind Antibiotika, hierfür ist mittlerweile bekannt, dass sie auf den Biofilm des Darmes einen negativen Einfluss haben. Antibiotika verändern die Zusammensetzung des Mikrobioms und dies führt zu einer Störung der Barrierefunktion des Darmes.

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Der Biofilm bedeckt die gesamte Oberfläche des Magen-Darm-Traktes und besteht aus 100 Billionen Keimen und 1000 verschiedenen Bakterienarten. All diese Keime haben Funktionen, z.B. produzieren sie Vitamine oder sie sind an der Nahrungs-Verstoffwechslung beteiligt. Manche Bakterien produzieren kurzkettige Fettsäuren, wie z.B. Butyrate, d.h. Buttersäure, die wiederum die Ernährung der Darmepithelien sicherstellen.

Ist der Biofilm gestört, können all diese Funktionen nicht mehr in ausreichendem Maße wahrgenommen werden. Die gravierendste Form dieser Funktionsstörung ist das Leaky Gut Syndrom, denn dabei kommt das Darminnere in direkten Kontakt zu dem Schleimhaut-assoziierten Immunsystem. Daraus wiederum resultieren Fehlregulationen und es kommt z.B. zur Entwicklung von allergischen und nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten, chronischen Entzündungen oder dem Reizdarm Syndrom. In der Praxis beobachten wir eine Zunahme von Unverträglichkeiten wenn ein Leaky Gut Syndrom vorliegt.

   

Wie schnell kann es durch den Kontakt mit Chemikalien zu Störungen der Tight Junctions bzw. zum Leaky Gut Syndrom kommen?

Im Gefüge der Tight Junctions herrscht eine gewisse Balance. Eine Störung dieses Gefüges ist nicht unbedingt gleich ein irreparabler Vorgang. Wenn jedoch die Summe der negativ beeinflussenden Faktoren gegenüber den Faktoren mit Reparationsfunktion überwiegen, kann es zum Leaky Gut Syndrom kommen.  

Aber: Der aktuelle Stand der Forschung besagt, dass gewisse Substanzen, wie z.B. das erwähnte Aspirin, einen Einfluss auf die Tight Junctions hat. Ab welcher Konzentration oder Dosis dies der Fall ist, ist noch nicht erforscht. Sicher ist dies auch im Zusammenhang mit der Konstitution des Patienten sehen. Bei einem Patienten, der regelmäßig hohe Aspirin-Dosen konsumiert, ist das Risiko, z.B. ein Reizdarm Syndrom zu entwickeln, sicher größer, als bei Menschen, die Aspirin nur gelegentlich einnehmen. Auch beim Reizdarm Syndrom sehen wir eine deutliche Zunahme.


Inwiefern gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Leaky Gut Syndrom und dem Reizdarm Syndrom?

Das Reizdarm Syndrom kann man als eine Kombination aus vegetativen Störungen, d.h. den Verschaltungen zwischen Kopf und Darm und Veränderungen des Biofilms bzw. des Darm-Mikrobioms bezeichnen.

Wir kennen z.B. das sogenannte „postinfektiöse Reizdarm Syndrom“, bei dem eine Darminfektion der Auslöser für die Erkrankung ist. Dabei wird der Biofilm, d.h. das Mikrobiom des Darmes, über eine Infektion mit Darmkeimen wie z.B. Salmonellen, gestört. In der Folge kommt es zu Störungen, sowohl der Darmbarriere als auch der damit zusammenhängenden Funktionen wie dem enteritischen Nervensystem bzw. Immunsystem, der Darm kommt „aus dem Takt“.

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Gibt es noch weitere Erkrankungen, bei denen ein Zusammenhang mit einer Fehlbesiedlung des Darmes bzw. den nicht funktionalen Tight Junctions geben könnte?

In Bezug auf chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) stellt man sich die Frage, ob ein Zusammenhang mit gestörten Tight Junctions bzw. dem Leaky Gut Syndrom bestehen könnte.

Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass über die sogenannte „Gut-Brain-Achse“ der Biofilm bzw. das Mikrobiom des Darms einen Einfluss auf zentralnervöse Funktionen, wie z.B. das Essverhalten oder die Stimmung nehmen kann. Möglicherweise könnte auch ein Zusammenhang zwischen Depressionen und einer Fehlbesiedlung des Darmes, d.h. einer veränderten Zusammensetzung des Mikrobioms bestehen. Bei autistischen Kindern konnte man durch eine Veränderung der Fehlbesiedlung des Darmes sogar das autistische Verhalten beeinflussen und aus Tiermodellen wissen wir, dass man bei sterilen Mäusen durch die Gabe von Probiotika die Darmfunktion verbessern und die Stressintoleranz positiv verändern kann. Offensichtlich gibt es Verbindungen zwischen dem „Darmhirn“ und dem „Kopfhirn“ - das Darmhirn verfügt übrigens über eine ebenso große Anzahl und Vielfalt an Neurotransmittern wie das Kopfhirn.

Könnte es irgendwann möglich sein, heute als psychisch eingestufte Erkrankungen mit einer Korrektur der Fehlbesiedlung des Darmes zu behandeln?

Es gibt wechselseitige Einflüsse zwischen der Fehlbesiedlung des Darmes und bestimmten psychischen Erkrankungen. Die Frage ist aber immer, was war zuerst da: „Henne oder Ei?“ Diese Frage ist aktuell noch sehr schwierig zu beantworten.

Zurzeit kann man nur auf die Tiermodelle zurückgreifen, die auf einen Zusammenhang zwischen einer Fehlbesiedlung des Darmes, d.h. dem Mikrobiom des Darmes und bestimmten Erkrankungen hinweisen. Daraus kann man versuchen, Schlüsse zu ziehen, aber die Tiermodelle sind nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar.

  1. Fest steht, dass es unterschiedliche Darmfloren gibt:
  2. Die protektive Darmflora, die ca. 80 Prozent der Keimkolonisation ausmacht
  3. Die proteolytische Darmflora, die, wenn eine Störung vorliegt, Fäulnis und Gasbildung verursachen kann
  4. Die mucoprotektive Darmflora, die kurzkettige Fettsäuren, d.h. Buttersäure, produziert und für die Versorgung der Darmepithelien verantwortlich ist  
  5. Und die Immunflora, die sozusagen als „Sparringspartner“ für das schleimhautassoziierte Immunsystem zur Verfügung steht.

Die protektive, die mucoprotektive und die Immunflora kann man durch die Gabe von Probiotika und Präbiotika in einem gewissen Umfang beeinflussen. Die proteolytische Darmflora kann man höchstens indirekt beeinflussen, indem man die anderen Darmfloren behandelt und der dadurch entstehende Verdrängungswettbewerb wiederum Auswirkungen auf die proteolytische Darmflora hat.     


Sind zur Behandlung der Fehlbesiedlung des Darmes Probiotika- bzw. Präbiotikapräparate nötig oder reicht es, Joghurt zu verzehren?

Joghurt oder anderen gesäuerten Milchprodukten enthalten Probiotika, aber die Konzentration bestimmter Keime, die nötig ist, um eine Fehlbesiedlung des Darmes auszugleichen, findet man nur in speziellen Präparaten aus der Apotheke.

Wie lange dauert es, bis die Wirkung von Prä- und Probiotika eintritt?

Das hängt davon ab, wie lange die Störung besteht. Meist ist es bereits zu etlichen Veränderungen des Darm-Mikrobioms über einen längeren Zeitraum hinweg gekommen, bevor es zu Symptomen kommt.

Bereits nach einer fünftägigen Antibiotika-Therapie ist der Biofilm des Darmes so stark verändert, dass eine drei-  bis vierwöchige Probiotika-Therapie nötig ist, um den Urzustand wiederherzustellen. Kommt es im Anschluss an die erste innerhalb von vier Wochen zu einer zweiten Antibiotikatherapie, dauert es fast dreimal so lang, um den gleichen Effekt zu erzielen. Deshalb ist es empfehlenswert, parallel zur Antibiotikagabe Probiotika einzunehmen.

Es dauert eine ganze Weile, bis der Biofilm des Darmes sich wieder erholt. Bei Patienten, die Symptome entwickelt haben, kann eine Therapie Wochen oder sogar Monate dauern.

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Lässt sich eine Fehlbesiedlung des Darmes von vornherein verhindern?

Ein wesentlicher Faktor zur Prävention der Fehlbesiedlung des Darmes ist eine vernünftige gesunde Ernährung. Über die Ernährung kann man also das Mikrobiom des Darmes positiv beeinflussen.

Man weiß jedoch auch, dass Stress einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms hat. Der Biofilm des Darmes hat über Nerven- und Immunzellen Kontakt zum schleimhautassoziierten Immunsystem und dem Nervensystem des Darmes. Diese Regulationssysteme kommunizieren also miteinander und sind sehr eng verzahnt. Veränderungen im Biofilm des Darmes können sich auch an anderen Stellen des Systems bemerkbar machen. Bis zu einem gewissen Grad kann dieses System Schäden kompensieren. Kommen jedoch mehrere Faktoren zusammen, z.B. Fehlernährung, Stress und zusätzlich noch bestimmte Medikamente, kann das System aus den Fugen geraten und es kommt zu einer Störung.

Wenn man Darmprobleme hat, und das ist mittlerweile bei ca. 20 bis 25 Prozent der Bundesbürger der Fall, sollte man deshalb möglichst zeitnah den Ursachen auf den Grund gehen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Z.B. kann eine in diesem Bereich kompetente Ernährungsberatung mit einer entsprechenden Ernährungsumstellung sehr sinnvoll sein.

Eine Schwierigkeit besteht für den Patienten darin, dass viele Fachbereiche nicht über ausreichende Kenntnisse in diesem Bereich verfügen. Selbst Gastroenterologen führen zu 80 Prozent endoskopische Untersuchungen durch. Diese können zwar gravierende Gewebeveränderungen oder Entzündungen feststellen und sind wichtig zum Ausschluss von bestimmten Darmerkrankungen, den Mikrokosmos des Darm-Mikrobioms, der für eine Vielzahl von Funktionsstörungen im Darm verantwortlich ist, erfassen sie jedoch nicht. Dazu benötigt man z.B. den H2-Atemtest, immunologische Untersuchungen etc., die zusammengeführt ein etwas klareres Bild ergeben. Die Patienten sollten wissen, dass es dann auch Möglichkeiten der Behandlung gibt.

Herr Dr. Bückendorf, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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