Stuhltransplantationen

Prof. Dr. Max Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Magen- und Darmerkrankungen am Klinikum Braunschweig

Stuhltransplantationen: Wann ist diese Therapie sinnvoll, wann nicht? - Weiß man warum die bisherigen Studien zur Stuhltransplantation ...

Weiß man warum die bisherigen Studien zur Stuhltransplantation bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen nicht erfolgreich waren?

Die Mechanismen, die hinter dem Mikrobiom des Darmes stehen, sind extrem kompliziert. Das Mikrobiom besteht aus 1000enden von Bakterienstämmen. Beim Deep Sequencing, d.h. bei der molekularen Analyse dieser Stämme, entsteht eine gigantische Datenmenge und um diese Daten zu analysieren benötigt man eine komplexe Software. Aus solchen Untersuchungen weiß man inzwischen, dass bei CED-Patienten Verschiebungen im Mikrobiom vorliegen. Man weiß jedoch nicht, ob es sich um eine krankhafte Verschiebung handelt oder um eine reaktive Veränderung des Mikrobioms aufgrund der chronischen Entzündung des Darms. Kurz gesagt: Man weiß nicht, ob die Verschiebung "Henne" oder "Ei" ist!

Bei der erwähnten Studie an Kindern mit CED hat man festgestellt, dass die Kinder auf die Stuhltransplantation angesprochen haben. Dies hat bis jetzt allerdings nur bei Kindern in einer ganz frühen Phase ihrer Erkrankung funktioniert, bei Erwachsenen blieb dies in klinischen Studien weitestgehend wirkungslos.

Es gibt immer wieder Berichte im Internet über eine Verbesserung der Symptome des Reizdarm-Syndroms nach einer Stuhltransplantation, aber ein Beweis ist das nicht.

Wie könnte die Entwicklung im Bereich Stuhltransplantation bei CED-Patienten aussehen?

Am Mikrobiom des Darmes wird aktuell intensiv geforscht, sowohl in Europa als auch in den USA. Wenn man die dahinterstehenden Mechanismen besser versteht, könnte es sein, dass man bei der Stuhltransplantation nicht mehr auf Stuhlspenden zurückgreift, sondern mit Extrakten arbeitet. Man würde sich dann auf bestimmte Bakterienstämme konzentrieren, von denen man weiß, dass sie bei CED-Patienten nicht in ausreichender Menge vorhanden sind. So könnte es zum Einsatz bestimmter Bakterienkulturmixturen kommen, die eventuell sogar individuell zusammengestellt werden und die aus Bakterienstämmen bestehen, die die Fehlbesiedlungen im Darm der Patienten mit CED substituieren, d.h. ersetzen. Es könnte sogar sein, dass man dann die Behandlung mit diesen Bakterienextrakten über einen längeren Zeitraum durchführt, damit der Darm immer wieder neu mit positiven Bakterienstämmen kolonisiert wird und die Bakterienstämme so antientzündliche Eigenschaften entfalten können. Das Ziel der Behandlung mit Bakterienextrakten wäre es, die sekundären Folgen der Dysbiosis zu behandeln, denn die grundlegende Regulationsstörung die den CED zu Grunde liegt, lässt sich nicht durch Bakterienextrakte beheben.

Sie warnen davor die Stuhltransplantation bei Erkrankungen anzuwenden, für die ein Therapienachweis nicht erbracht wurde. Welche Konsequenzen könnte es haben, wenn die Stuhltransplantation dennoch durchgeführt wird?

Es gibt bereits erste Berichte von Stuhltransplantation, bei denen von den Spendern auf die Empfänger Keime übertragen wurden. Z.B. gibt es hier auch schon Übertragungen von Norovirus-Infektionen und Salmonellenerkrankungen. Man kann daher nicht einfach einen Freund um Stuhl bitten und "selbst Hand anlegen", auch wenn das in manchen Foren so propagiert wird. Schließlich handelt es sich bei Stuhl um hochinfektiöses Fremdmaterial, das in den Körper eines anderen Menschen eingebracht wird.

In diesem Zusammenhang sollte man auch bedenken, dass eine Erkrankung wie das Reizdarm-Syndrom zwar unangenehm ist, aber nicht lebensgefährlich. Eine unsachgemäß durchgeführte Stuhltransplantation birgt jedoch hohe Risiken.

Eine Stuhltransplantation gehört in die Hand von erfahrenen Medizinern, sollte nur bei der sehr schweren Erkrankung rezidivierende Clostridienkolitis angewendet werden, es sei denn es wird eine wissenschaftliche Studie durchgeführt.Wichtig ist, dass der Patient und der Spender sehr sorgfältig schriftlich aufgeklärt werden und dass die Behandlung als individueller Heilversuch, der jedoch im Rahmen der Therapiefreiheit möglich ist, durchgeführt wird.

Herr Prof. Reinshagen, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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