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Univ. Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim zum Thema: Mikrobiom – Mikrobiota: Durch Magenschutz-Medikamente zum Allergiker?

Mikrobiom – Mikrobiota: Durch Magenschutz-Medikamente zum Allergiker?

Dass die bakterielle Zusammensetzung der Mikrobiota ein wichtiger Faktor für die Gesundheit ist, steht fest. Allerdings gibt es eine Reihe von Faktoren, die die Mikrobiota negativ beeinflussen. Dass dazu auch Medikamente gehören, die als Magenschutz gelten, wissen die Wenigsten. MeinAllergiePortal sprach mit Univ. Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung, Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der Mediz. Univ. Wien, Allergologin und Fachärztin für Immunologie mit AllergyCare® im Ordinationszentrum Privatklinik Döbling über das Thema Mikrobiom - Mikrobiota: Durch Magenschutz-Medikamente zum Allergiker?

Frau Prof. Jensen-Jarolim, wofür braucht man Magenschutz-Medikamente?

Ob Gastritis, Sodbrennen oder schwangerschaftsbedingte Magenbeschwerden, es gibt kaum jemanden, der nicht irgendwann in seinem Leben unter einer dieser Beschwerden leidet. Magenschutz-Medikamente bzw. Anti-Ulcus-Therapeutika, dazu gehören Protonenpumpeninhibitoren (PPI) genauso wie H2-Rezeptor-Antagonisten, werden häufig verschrieben, um diese Beschwerden zu lindern. Diese Medikamente haben das Ziel die Sekretion der Magensäure zu reduzieren um Sodbrennen bzw. Magenschmerzen zu verhindern. Besteht eine spezifische Indikation, ist dies auch durchaus sinnvoll, aber das besteht leider nicht immer und viele Präparate können heute over-the-counter erworben werden.

 

Wann ist es nicht sinnvoll Protonenpumpeninhibitoren einzunehmen?

Viele Menschen haben Magenbeschwerden. Bei ihnen kommt es durch Stress oder falsche Ernährung zu einer Übersäuerung des Magens und dadurch zu Sodbrennen. Nimmt man dann Sucralfat-haltige Medikamente, die eine hochkomplexe Aluminiumkomponente enthalten und den Magen mit einer Art Schutzfilm auskleiden, wirken diese relativ kuzfristig gegen die Beschwerden. H2R Blocker reduzieren die Säureproduktion selbst signifikant, PPIs zu beinahe 100% und zwar über mehrere Tage. In dieser Zeit ohne Säure ist die peptische Verdauungsfunktion des Magens beeinträchtigt und Proteine, die ansonsten abgebaut würden, durchwandern den Magen und landen intakt im Darm. Auf eben diese Weise gelangen auch pathogene Keime intakt in den Darm.  

Welche Auswirkungen hat es auf die Mikrobiota, dass aufgrund der Magenschutz-Medikamente bzw. Protonenpumpeninhibitoren Proteine und pathogene Keime in den Darm gelangen?

Während einer Therapie mit PPI kommt es vermehrt zu intestinalen Infektionen. Außerdem kommt es zu einer bakteriellen Fehlbesiedlung und in der Konsequenz wird die Mikrobiota des Darmes in ihrer natürlichen Zusammensetzung gestört.

Wir arbeiten bereits seit fünfzehn Jahren an diesem Thema und konnten auch nachweisen, dass Anti-Ulcus-Therapien mit der Entstehung von Nahrungsmittelallergien assoziiert sind. Dies zeigte sich in Mausstudien 1), aber auch in unseren klinischen Untersuchungen.

Wie sind Sie bei den Mausstudien zum Zusammenhang von PPI und Nahrungsmittelallergien vorgegangen?

In den Mausstudien haben wir die Mäuse mit den Protonenpumpeninhibitoren behandelt und dann mit potenziell allergenen Nahrungsmitteln gefüttert. Hier zeigte sich, dass jeweils nur eine Hälfte der Gruppe Nahrungsmittelallergien entwickelte.

Was könnte die Ursache dafür sein das nur die Hälfte der mit PPI behandelten eine Nahrungsmittelallergie entwickelte?

Wir haben festgestellt, dass die allergischen Mäuse eine signifikant veränderte Darmmikrobiota-Zusammensetzung aufwiesen, die gesunden Mäuse jedoch nicht. Das heißt, die Anti-Ulcus-Therapeutika beeinträchtigen das Darmmikrobiom und daraufhin entstehen die Nahrungsmittelallergien.

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Die unnötige Einnahme von Medikamenten zum Magenschutz könnte also mit die Ursache für die Zunahme der Nahrungsmittelallergien sein?

Wir bewerten es als ausgesprochen schädlich, dass aus dem Magenschutz mittlerweile ein Lifestyle-Produkt geworden ist, das bedenkenlos eingenommen wird, auch ohne ärztliche Verordnung, oder nach ärztlicher Verordnung einfach nicht mehr abgesetzt wird. Die Bezeichnung dieser Medikamente als “Magenschutz” ist auch insofern irreführend, weil er suggeriert, dass der Magen einen Schutz benötigt. Dabei hat der Magen selbst eigentlich eine natürliche Schutzfunktion. Im Magen werden Magensäure und die Protease Pepsin zur Spaltung der Proteine aus der Nahrung aktiviert. Pepsin wird aber nur dann aktiviert, wenn im Magen ausreichend Magensäure vorhanden ist. Protonenpumpenhemmer unterbinden dies und so wird die natürliche Schutzfunktion des Magens aufgehoben, so dass der gegenteilige Effekt auftritt.

Dementsprechend sollten PPI wirklich nur bei korrekter Indikation und auch nur für kurze Zeit verordnet werden, bis die Heilung eingetreten ist, oder die Gefahr gebannt ist. Dies betrifft PPIs, H2R Blocker und aluminium-hältige Säurebinder.

Frau Prof. Jensen-Jarolim, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:

1) Diesner SC, Bergmayr C, Pfitzner B, Assmann V, Krishnamurthy D, Starkl P, Endesfelder D, Rothballer M, Welzl G, Rattei T, Eiwegger T, Szépfalusi Z, Fehrenbach H, Jensen-Jarolim E, Hartmann A, Pali-Schöll I, Untersmayr E, A distinct microbiota composition is associated with protection from food allergy in an oral mouse immunization model, Clin Immunol. 2016 Dec;173:10-18. doi: 10.1016/j.clim.2016.10.009. Epub 2016 Oct 24, (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27789346)

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