Mikrobiom Mikrobiota Allergien Antibiotika

Univ. Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim zum Thema: Mikrobiom - Mikrobiota: was Allergien mit Antibiotika zu tun haben!

Mikrobiom/Mikrobiota: Was Allergien mit Antibiotika zu tun haben

Sind die durch Antibiotika hervorgerufenen Dysbalancen der Mikrobiota reversibel?

Bis zu einem gewissen Grade sind die durch Antibiotika hervorgerufenen Dysbalancen der Mikrobiota reversibel, allerdings kann das Monate dauern. Hinzu kommt, dass eine völlige Wiederherstellung des Mikrobioms immer unwahrscheinlicher wird, je mehr Antibiotika-Zyklen zum Einsatz kamen.

Auch bei älteren Patienten ist die Reversibilität eingeschränkt. Das liegt zum einen daran, dass diese Patienten oft bereits über das Leben sehr häufig Antibiotika bekommen haben. Hinzu kommt, dass es bei älteren Menschen auch zu Veränderungen der Durchblutung und geringerer Schleimproduktion des Darmes und der Schleimhäute insgesamt kommt. Dadurch verändert sich auch die Zusammensetzung der Mikrobiota - es wird im Alter weniger und weniger divers.

Was kann man tun, um die durch Antibiotika hervorgerufen Dysbalancen zu beheben?

Helfen kann man den Patienten durch die Gabe von guten Bakterien in Form von Probiotika. Während man im Jahr 2014 in den meisten Positionspapieren zu Probiotika noch davon ausging, dass es keine Evidenz dafür gibt, dass Probiotika die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern können, sah dies 2016 bereits anders aus. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich eine Evidenz bereits ab, man war jedoch nicht zufrieden mit der Qualität der Studien. Mittlerweile gibt es Studien, die zeigen, dass Probiotika eine immunmodulierende Rolle spielen können, wenn sie in der Schwangerschaft oder Stillzeit eingesetzt werden.   

In einer Metaanalyse4) aus 2018 hat man 900 pädiatrische Patienten mit einer Kuhmilchallergie untersucht. Hier zeigte sich, dass ein bestimmter Keim, Lactobacillus rhamnosus, wahrscheinlich eine Toleranz in Kindern mit einer Kuhmilchallergie induzieren kann.   

Das bedeutet, die Studienlage verbessert sich, und die Evidenz spricht eher für die Probiotika. Zudem sieht man, dass Probiotika nicht nur eine protektive Wirkung gegen Allergien haben, sondern auch bei Infektionskrankheiten. Es gibt auch Studien5), die zeigen, dass Probiotika sogar Pathogene eliminieren können.

All diese Erkenntnisse sind vielversprechend, allerdings hängt die Wirkung der Probiotika auch davon ab, welches Nahrungsangebot sie im Darm vorfinden.

Welchen Einfluss hat es auf die Wirksamkeit von Probiotika, welches Nahrungsangebot im Darm herrscht?

Die Keime des Probiotikums benötigen ein bestimmtes “Futter” um zu gedeihen, die Präbiotika. Abhängig von der individuellen Ernährungsweise sind die Bedingungen hierfür aber sehr unterschiedlich. Finden die Probiotika nicht die geeignete Nahrung, gedeihen sie nicht, können sich nicht vermehren und dementsprechend können die “guten Bakterien“ dann auch keine positive Wirkung für die Mikrobiota des Darmes entfalten. Deshalb scheint es sich herauszukristallisieren, dass Synbiotika eine sinnvolle Maßnahme sein könnten.

Wie wichtig die richtige “Nahrung” für eine positive Wirkung der Probiotika und eine dauerhafte Besiedlung des Darmes mit den “guten Keimen” ist, konnte eine Studie6) an Säuglingen zeigen. Alle erhielten probiotische Nahrung, aber diese Keime haben sich wesentlich besser angesiedelt, wenn die Kinder auch gestillt wurden. Außerdem entwickelte sich auch die gesamte Mikrobiota dieser Kinder besser. Die Muttermilch enthält Oligosaccharide, die den Probiotika offenbar als Nahrung dienen, und die in Kuhmilch und Formulamilch offensichtlich nicht enthalten sind.

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Wie lassen sich die aktuellen Erkenntnisse zu den Probiotika therapeutisch einsetzen?

Das aktuell vorhandene Wissen kann man nutzen, um diätisch einzugreifen. Man weiß, dass bei Allergikern eine Defizienz an Bifidobakterien besteht. Dementsprechend wäre es sinnvoll, diese oral zu verabreichen, am besten zusammen mit den Präbiotika als Synbiotika.

Das Potenzial der Probiotika, in das allergische Geschehen einzugreifen, auch präventiv, ist enorm. Wie gesagt, die Bakterien der Mikrobiota sind unsere Freunde, und AMICI - Austrian Microbiome Initiative-, wird noch viel Forschungsarbeit zu leisten haben, um herauszufinden, wie wir unsere Freunde behandeln sollten, damit sie uns besser helfen können.

Frau Prof. Jensen-Jarolim, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Oldenburg CE, Sié A, Coulibaly B, Ouermi L, Dah C, Tapsoba C, Bärnighausen T, Ray KJ, Zhong L, Cummings S, Lebas E, Lietman TM, Keenan JD, Doan T, Effect of Commonly Used Pediatric Antibiotics on Gut Microbial Diversity in Preschool Children in Burkina Faso: A Randomized Clinical Trial, Open Forum Infect Dis. 2018 Nov 2;5(11):ofy289. doi: 10.1093/ofid/ofy289. eCollection 2018 Nov.

2) Stefka AT, Feehley T, Tripathi P, Qiu J, McCoy K, Mazmanian SK, Tjota MY, Seo GY, Cao S, Theriault BR, Antonopoulos DA, Zhou L, Chang EB, Fu YX, Nagler CR., Commensal bacteria protect against food allergen sensitization., Proc Natl Acad Sci U S A. 2014 Sep 9;111(36):13145-50. doi: 10.1073/pnas.1412008111. Epub 2014 Aug 25.

3) Loewen K, Monchka B, Mahmud SM, 't Jong G, Azad MB, Prenatal antibiotic exposure and childhood asthma: a population-based study, Eur Respir J. 2018 Jul 4;52(1). pii: 1702070. doi: 10.1183/13993003.02070-2017. Print 2018 Jul

4) Tan-Lim CSC, Esteban-Ipac NAR, Probiotics as treatment for food allergies among pediatric patients: a meta-analysis, World Allergy Organ J. 2018 Nov 6;11(1):25. doi: 10.1186/s40413-018-0204-5. eCollection 2018, (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30425779)

5) Piewngam P, Zheng Y, Nguyen TH, Dickey SW, Joo HS, Villaruz AE, Glose KA, Fisher EL, Hunt RL, Li B, Chiou J, Pharkjaksu S, Khongthong S, Cheung GYC, Kiratisin P, Otto M., Pathogen elimination by probiotic Bacillus via signalling interference, Nature. 2018 Oct;562(7728):532-537. doi: 10.1038/s41586-018-0616-y. Epub 2018 Oct 10.PMID: 30305736 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=piewngam)

6) Frese SA, Hutton AA, Contreras LN, Shaw CA, Palumbo MC, Casaburi G, Xu G, Davis JCC, Lebrilla CB, Henrick BM, Freeman SL, Barile D, German JB, Mills DA, Smilowitz JT, Underwood MA, Persistence of Supplemented Bifidobacterium longum subsp. infantis EVC001 in Breastfed Infants, mSphere. 2017 Dec 6;2(6). pii: e00501-17. doi: 10.1128/mSphere.00501-17. eCollection 2017 Nov-Dec. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29242832)

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