Übergewicht Erkrankungen Schutzmechanismus

Übergewicht: Auslöser von Erkrankungen oder Schutzmechanismus?

Übergewicht: Auslöser von Erkrankungen oder Schutzmechanismus?

Alles ist möglich! Während manche Menschen, auch Kinder, extremes Übergewicht haben, leben andere von einem Minimum an Kalorien und schränken die Nahrungsmittel-Auswahl stark ein. Was die bessere Strategie ist, steht aber noch lange nicht fest. Univ.-Prof. Dr. med. Michael Melter, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Regensburg (KUNO-Kliniken) sprach mit MeinAllergiePortal über das Thema „Übergewicht: Auslöser von Erkrankungen oder Schutzmechanismus?

Herr Prof. Melter, woran liegt es, wenn Kinder übergewichtig werden?

Heutzutage bewegen sich zahlreiche Kinder nur noch sehr eingeschränkt. Wenn dann noch hinzukommt, dass die Kinder nur mit hochverarbeiteten kalorienreichen Lebensmitteln ernährt werden, die meist wenig Ballaststoffe enthalten, steigt das Risiko für Übergewicht. Auch zu Verstopfungen und anderen Störungen kommt es häufiger, wenn Kinder sich nur von industriell gefertigten Produkten ernähren.

Gemeint ist hier allerdings nicht ein „leichtes“ Übergewicht. Dies ist, ganz im Gegenteil, sogar von Vorteil, z.B. wenn es um die Widerstandskraft bei (chronischen) Erkrankungen geht. Gemeint ist ein extremes Übergewicht (Fettsucht), das die Kinder auch in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt und das die Gesundheit gefährdet.

Kann es durch Übergewicht auch zu Folgeerkrankungen kommen?

Die Erkenntnisse, die uns zu den Zusammenhängen von Übergewicht und Erkrankungen vorliegen, basieren wesentlich auf Studien an krankhaft übergewichtigen, fettleibigen Menschen. Aus diesen Studien werden dann aber Rückschlüsse für lediglich leicht übergewichtige Menschen gezogen was wissenschaftlich fragwürdig ist.

Ein krankhaft fettsüchtiger Mensch bringt andere Voraussetzungen für Erkrankungen mit, als das klassische „Rubensmodell“, das nach heutigen Maßstäben ja auch schon als übergewichtig gilt. Für die nur „leicht Übergewichtigen“ gibt es keine verlässliche Datenbasis für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Im Gegenteil, große Studien zeigen, dass diejenigen, die „etwas zuzusetzen“ haben, im Alter bei Erkrankungen, wie z.B. einer Lungenentzündung, bessere Genesungschancen haben, als Patienten, die normal oder gar untergewichtig sind.

Das Problem unserer Zeit ist jedoch, dass die Menschen zu Extremen neigen.

Inwiefern neigen wir zu Extremen und wie kommt es dazu?

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die extrem übergewichtig sind, auch schon im Kindesalter und hier besteht in der Tat ein hohes Risiko für Folgeerkrankungen.

Ein Grund dafür, dass ein Großteil der Menschen heute übergewichtig werden kann, könnte in der Evolution begründet sein. Vielleicht bestand ja der Vorteil für die Vorfahren der aktuellen Menschheit während der Evolution genau darin, dass „Anlage bedingt“ sie in der Lage waren, sich für magere Zeiten ein gewisses Fettpolster anzufuttern. Möglicherweise konnten sie nur aufgrund dieses Polsters Hungerperioden überleben.

Und: Mädchen, die heute hier geboren werden, werden im Durchschnitt gut 83 Jahre alt und ein Junge durchschnittlich gut 79. Das bedeutet, ein Großteil der hiesigen Bevölkerung wird mehr als 90 Jahre alt werden - ein biblisches Alter, das nie zuvor in der Menschheit erreicht werden konnte.

Mit verantwortlich dafür sind die von Überfluss geprägten Lebensbedingungen, mit jederzeit verfügbar ausreichender Nahrung nach dem zweiten Weltkrieg. Nicht klar ist jedoch, ob diese Lebenserwartung auch erreicht werden könnte, wenn sich eine eingeschränkte Ernährungsweise bzw. eine grundsätzliche Veränderung der Ernährungsgewohnheuten durchsetzt. Gleiches gilt auch für Trends zum „Weglassen“ von Nährstoffen oder Nährstoffgruppen und oder einer stark kalorienarmen Ernährung.

Heißt das, dass eine eingeschränkte Ernährungsweise die Chancen, ein hohes Lebensalter zu erreichen, reduzieren könnte?

Das kann man nicht mit Sicherheit und global sagen. Fest steht jedoch, dass es in früheren Zeiten der Mangel an Nahrungsmitteln war, und nicht der Überfluss, der sowohl zu Erkrankungen, als auch zu Sterblichkeit im jüngeren Lebensalter geführt hat. Man kann auch sehr gut nachweisen, wie schwere Mangelkonstellationen zu schweren Erkrankungen führen. Ob ein mäßiger Überfluss ein generelles Krankheitsrisiko mit sich bringt, ist dagegen völlig unklar, hier fehlen verlässliche seriöse Daten.

Menschen leben weltweit unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Das belegt, dass der Mensch extrem adaptationsfähig ist. Sieht man sich die Lebensbedingungen einzelner Gruppen genauer an, stellt man fest, dass es z.B. Völker gibt, die sich quasi nur von Getreide und Obst ernähren, während andere ausschließlich Fleisch essen – beides funktioniert.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.