COPD Therapie geforscht

Dr. med. habil. Kai-Michael Beeh zum Thema: COPD-Therapie: Was gibt es und woran wird geforscht?

COPD-Therapie: Was gibt es und woran wird geforscht?

COPD (chronic obstructive pulmonary disease) ist eine chronische Erkrankung – heilen kann man sie nicht. Klassische Therapien mit Anticholinergika und Betamimetika zielen lediglich darauf ab, die Erkrankungsbeschwerden so gut wie möglich zu lindern. An neuen Therapiekonzepten wird deshalb intensiv geforscht. MeinAllergiePortal sprach mit Privatdozent Dr. med. habil. Kai-Michael Beeh, Internist, Pneumologe und medizinischer Direktor am insaf-Institut für Atemwegsforschung in Wiesbaden, über neue Therapiekonzepte.

Herr Privatdozent Beeh, gibt es neue Therapieoptionen bei COPD?

die atemberaubende welt der lunge dr kai michael beehDie atemberaubende Welt der Lunge: Dr. Kai-Michael BeehDie „neuen Therapieoptionen“ sind bei COPD in der Regel Weiterentwicklungen und Verbesserungen existierender Therapieansätze. Neu ist, dass Substanzen wie Beta-Agonisten, Anticholinergika und inhalative Kortikosteroide einmal täglich als Kombipräparate verabreicht werden. In den letzten Jahren sind viele neue Kombipräparate entwickelt worden. Sie beinhalten oft Bronchodilatatoren und inhalative Steroide, zum Teil auch Dreifach-Kombinationen. Die Kombipräparate haben die Therapie der COPD durchaus vereinfacht und verbessert. Dennoch handelt es sich dabei natürlich nicht um fundamental neue Therapiekonzepte.

Weitere Weiterentwicklungen bereits existierender Therapieansätze für COPD-Patienten sind die aktuell in klinischen Studien geprüften MABAs (Muscarinic-receptor antagonists-beta(2)-adrenergic receptor agonists).

Die einzige wirklich neue Substanzklasse, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, war das Roflumilast. Roflumilast wurde bei COPD-Patienten mit einer Lungenfunktion von unter 50 Prozent, häufigen Exazerbationen und chronischer Sputumproduktion getestet, also dem Phänotyp einer chronischen Bronchitis. Daher ist die Substanz auch nur als Zusatztherapie für Patienten mit schlechter Lungenfunktion, häufiger Exazerbation und chronischer Sputumproduktion einsetzbar. Leider führt Roflumilast jedoch häufig zu gastrointestinalen Problemen.

Wie sieht es in der Forschung aus, welche Ansätze werden für COPD untersucht?

Ein wichtiger Ansatz bei der COPD ist es, die Patienten und ihre Symptome stärker individuell zu betrachten und dementsprechend in Gruppen einzuteilen. Schließlich haben nicht alle COPD-Patienten die gleichen Symptome und vor allem die gleichen Erkrankungsmechanismen. Einige zeigen strukturelle Veränderungen des Lungengewebes („Emphysem“), andere eher die Symptome einer Bronchitis mit Husten und Auswurf. Man weiß heute, dass die Patienten mit unterschiedlichen Symptomen auch unterschiedliche Therapien benötigen.

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Anhand welcher Faktoren lässt sich beurteilen, zu welcher Gruppe der COPD ein Patient gehört?

Ein Ansatzpunkt ist die Verwendung von Biomarkern. So kann man die COPD-Patienten anhand von Tests in Subgruppen einteilen. Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass man anhand von bestimmten weißen Blutkörperchen („Eosinophilen“) erkennen kann, ob ein Patient von inhalativen Kortikosteroiden profitieren wird oder nicht. Denn, anders als beim Asthma, sind inhalative Kortikosteroide nicht bei allen COPD-Patienten wirksam.

Sie helfen circa 30 Prozent der COPD-Patienten, bei 70 Prozent wirken sie nicht, obwohl auch bei ihnen Entzündungen vorhanden sind. Es gilt nun herauszufinden, welche Schlüsselmoleküle der Entzündung zugrunde liegen und wie man diese attackieren kann.

Die Grundlage der zielgerichteten COPD-Therapie liegt in den Innovationen der Diagnose im Hinblick auf die Frage, zu welcher Patientengruppe ein Patient gehört, denn davon hängt dann die individuelle Therapie ab.

Noch eine grundsätzliche Frage: Macht es bei COPD in Bezug auf die Wirksamkeit der Therapie einen Unterscheid, ob die Patienten aufhören zu rauchen?

Aus Langzeitstudien weiß man, dass Rauchen das Fortschreiten von COPD fördert. Umgekehrt ist bekannt, dass es die Progression der COPD bremst, wenn die Patienten mit dem Rauchen aufhören. Zusätzlich scheinen rauchende COPD-Patienten, ähnlich wie beim Asthma, schlechter auf inhalative Kortikosteroide anzusprechen. Deswegen wird in den Studien zu neuen COPD-Therapien meist auch eine Auswertung nach aktiven und Ex-Rauchern eingeplant. Bei der Standardtherapie mit Anticholinergika und Betamimetika scheint es aber keinen Unterschied zu machen, ob jemand weiterraucht oder nicht.

Ein großer Teil der COPD-Patienten raucht weiter, weil oft die Motivation fehlt, mit dem Rauchen aufzuhören. Da COPD jedoch eine vermeidbare Erkrankung ist, sollte bei der Therapie der Erkrankung schon viel früher angesetzt werden.

Wo sollte bei COPD die Präventionsarbeit denn ansetzen?

Zur Prävention der COPD könnten vor allem zwei Maßnahmen hilfreich sein:

  1. Anti-Raucher-Kampagnen,
  2. Screening-Programme, um COPD frühzeitiger zu erkennen.

Viele Patienten verfügen zum Zeitpunkt der Diagnose der COPD nur noch über 50 Prozent der Lungenfunktion, weil sie die Erkrankung vorher nicht bemerken. Mit gezielt eingesetzten Lungenfunktionstests und Vorsorgeprogrammen könnte man COPD früher entdecken und behandeln.

Zusätzlich können geeignete Entwöhnungsprogramme den Patienten dabei helfen, mit dem Rauchen aufzuhören. Außerdem sollte man das Rauchen noch viel stärker aus medizinischer Sicht betrachten, nämlich als Sucht. Allein der Wille der Patienten aufzuhören reicht oft nicht, sondern sollte durch Suchtbekämpfung mit wissenschaftlichen Ansätzen unterstützt werden. So könnte man durch Aufklärungsarbeit, frühzeitige Erkennung und Behandlung die Kosten, die durch COPD entstehen, stark senken. Denn die Kosten für Aufklärungsarbeit, Screening und ernsthafte Suchtintervention dürften deutlich geringer als die Kosten für die eigentliche Erkrankung sein. Es gibt natürlich auch COPD, die nicht durchs Rauchen verursacht wurde, aber die meisten Erkrankungen könnten durch Kampagnen und Aufklärung verhindert werden.

Kann die Progression der COPD denn gestoppt oder verlangsam werden, wenn man die Erkrankung bei den Patienten früher entdeckt?

Studien weisen darauf hin, dass durch frühzeitige Behandlung (z.B. mit langwirkenden Anticholinergika oder Kombinationspräparaten) die Progression der COPD zumindest leichtgradig verlangsamt werden kann. Zusätzlich kann man bei früherer Erkennung auch frühzeitiger mit einer konsequenten Infektprophylaxe beginnen. Das Frustrierende bei COPD ist, dass man zerstörtes Lungengewebe nicht wiederherstellen kann. Das ideale therapeutische Ziel wäre es natürlich, die Regeneration und „Selbstreparatur“ der Lunge zu stimulieren. Theoretisch ist das möglich, aber konkrete Ansätze gibt es da noch nicht. Daher gilt bei der COPD: ein Gramm Prävention ist wichtiger als hundert Kilo Therapie!

Herr Privatdozent Beeh, herzlichen Dank für dieses Gespräch!