Natureplus Allergie Baustoffe Bauen

Thomas Schmitz-Günther, Geschäftsführer bei natureplus e.V. in Neckargemünd

Natureplus: Orientierung beim Bauen für Menschen mit Allergien - Wie oft konnten Sie das natureplus-Qualitätszeichen in Bezug auf

Wie oft konnten Sie das natureplus-Qualitätszeichen in Bezug auf "allergenfreie" Produkte bisher vergeben?

Wie bereits gesagt, vergeben wir das natureplus-Zeichen nicht speziell für "allergenfreie" Produkte, dies wäre eine zu ungenaue Aussage. Wir bewerben unser Label mit den Attributen "natürlich nachhaltig bauen" bzw. "Klimaschutz, Wohngesundheit, Nachhaltigkeit", wobei letzteres vor allem für die Schonung knapper natürlicher oder fossiler Ressourcen steht.

Das natureplus-Qualitätszeichen wurde bisher an etwa 450 Produkte von knapp 70 Herstellern aus zehn europäischen Ländern vergeben. Der Schwerpunkt liegt hier bei Materialien für den Rohbau des Hauses wie Mauersteine, Dämmstoffe, Putze oder Holzwerkstoffe. Auch für den Innenausbau haben wir z.B. Bodenbeläge, Dekorputze, Holzprodukte oder auch zahlreiche Wandfarben zertifiziert, hier gibt es aber noch einige Produktgruppen, wie beispielsweise Ausbauplatten, Tapeten, Lacke und Lasuren, Fußbodenöle usw. wo wir bisher noch nicht so gut vertreten sind. Gerade diese Produkte werden aber von privaten Verbrauchern gerne gekauft. Die vermissen dann natureplus-geprüfte Produkte im Baumarkt.

Welche potenziell allergieauslösenden Stoffe finden sich in welchen Bauprodukten und Welche dieser Stoffe sind aggressiv und welche eher harmlos? Wodurch werden Sie ersetzt bzw. verändern sich dadurch oder durch das "Weglassen" die Produkteigenschaften?

Diese Fragen kann ich Ihnen nicht umfassend beantworten. Das könnte vielmehr Gegenstand einer Doktorarbeit sein. Deshalb nur zwei kursorische Anmerkungen. Erstens: Da sich Weichmacher aus Kunststoffen gerne an Hausstaub anlagern, sehe ich einen Zusammenhang zur Zunahme von Hausstaub-Allergien. Zweitens: Es sind allerdings keineswegs in erster Linie die petrochemischen Stoffe, welche für Reizreaktionen verantwortlich zu machen sind. Auch biogene Stoffe können allergische Reaktionen hervorrufen. Von daher ist die gerne gesuchte Gleichsetzung Natur = gesund nicht korrekt. Generell würde ich behaupten, dass die allergisierende Wirkung von flüchtigen organischen Stoffen noch viel zu wenig beachtet wird. Hier sehe ich das größte Forschungs-Potential.

Methylisothiazolinon, das u.a. in Wandfarben als Konservierungsstoff eingesetzt wird, verursacht besonders viele Probleme in Bezug auf Allergien. In welchen Bauprodukten wird Methylisothiazolinon normalerweise eingesetzt? Gibt es für Methylisothiazolinon einen Ersatzstoff?

Die Topfkonservierung von wässrigen Produkten hat in ihrer Bedeutung mit der Verdrängung von lösemittelhaltigen Produkten im Beschichtungsbereich (Lacke, Wandfarben usw.) zugenommen. Auch die Verbrauchergewohnheiten und der Trend zum Do-it-yourself spielen hier eine Rolle. Wer kann und will heute noch seine Farbe oder seinen Designputz selber anrühren? Insofern ist es für die Industrie nicht einfach, auf Konservierungsstoffe ganz zu verzichten.

Auch der Ersatz chemischer Stoffe z.B. durch ätherische Öle, wie in der Naturfarbenindustrie üblich, ist für Allergiker nicht zielführend. Dennoch wollen wir den Einsatz solcher Biozide natürlich so streng wie möglich regulieren. Konkret verboten sind bei natureplus als Konservierungsstoffe z.B. Formaldehyd-Abspalter und verschiedene Isothiazolinone (das chlorierte CIT - wie alle halogenierten Stoffe - und das giftige OIT bspw.). Da gehen wir über die Anforderungen des "Blauen Engel" hinaus, der z.B. CIT in gewissen Grenzen zulässt.

Das erwähnte Methylisothiazolinon ist bei uns allerdings nicht verboten. Wir begrenzen jedoch die Emission auf maximal 1 Mikrogramm/Kubikmeter in der Emissionsprüfung. Damit sollten die meisten auch empfindlicheren Menschen klarkommen.

Es gibt andere Konservierungsstoffe, die teilweise produktspezifisch Verwendung finden, aber bei den Farben sind nach meinem Wissen insgesamt Isothiazolinone die üblichen Einsatzstoffe.

Allerdings hat natureplus bislang überwiegend mineralische Wandfarben wie Kalk- oder Silikatfarben geprüft, die aufgrund ihrer alkalischen Natur ohnehin nur sehr wenig chemische Konservierung benötigen, wenn überhaupt. Insofern ist Ihren Leserinnen und Lesern anzuraten, bei der Produktauswahl auf von vorneherein gering belastete Produkte zu achten.

Herr Schmitz-Günther, herzlichen Dank für dieses Interview!

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