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Natureplus Allergie Baustoffe Bauen

Thomas Schmitz-Günther, Geschäftsführer bei natureplus e.V. in Neckargemünd

Natureplus: Orientierung beim Bauen für Menschen mit Allergien

Gesund, umweltbewusst und nachhaltig so sollen für viele Menschen auch die Baumaterialien sein, die beim Hausbau oder beim Heimwerken verwendet werden. Nicht nur Menschen mit Allergien achten deshalb zunehmend auf die "Zutaten" aus denen sich Wandfarben, Kleber, Dämmplatten etc. zusammensetzen. Orientierung bietet die europäische Vereinigung natureplus, die Bauprodukte hinsichtlich ihrer Gesundheitswirkungen überprüft und gegebenenfalls mit einem Siegel auszeichnet. MeinAllergiePortal sprach mit Thomas Schmitz-Günther, Geschäftsführer bei natureplus e.V. in Neckargemünd über Vergabekriterien des natureplus-Qualitätssiegels.

Herr Schmitz-Günther, das natureplus-Qualitätszeichen steht für Gesundheitsverträglichkeit, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit von Produkten im Baubereich. Inwiefern bezieht sich dies auch auf Stoffe, die allergische Reaktionen auslösen können? 

Grundsätzlich muss man betonen, dass Menschen auf verschiedene Stoffe Überempfindlichkeiten entwickeln können. Wir vergeben unser Gütezeichen deshalb an Produkte, die als emissionsarm und schadstoffarm gelten können. Dabei spielen bekannte Allergene eine wichtige Rolle, die – ebenso wie andere gesundheitsschädliche Stoffe – strengen Beschränkungen unterliegen. So haben wir für sensibilisierende Substanzen entweder Verbote oder niedrige Grenzwerte (in der Emissionsprüfung) oder zumindest besondere Deklarationspflichten eingeführt.

Die genauen Anforderungen, auch in Bezug auf Allergene, welche die von uns zertifizierten Produkte erfüllen müssen, können im Internet unter www.natureplus.org im Detail nachgelesen werden. Außerdem müssen die von uns ausgezeichneten Produkte generell deklariert werden, d.h. alle Inhaltsstoffe müssen in absteigender Reihenfolge auf der Verpackung aufgelistet sein. Das ist für Allergiker, die etwa auf bestimmte Naturstoffe empfindlich reagieren, besonders wichtig.

Bevor Sie das natureplus-Qualitätssiegel vergeben, durchläuft das Produkt einen Zertifizierungsprozess, wie genau sieht dieser Prozess aus?

Der Zertifizierungsprozess ist mehrstufig: Zunächst wird im Rahmen der Vorprüfung auf Grundlage einer Volldeklaration des Herstellers anhand der vorgelegten Unterlagen geprüft, ob einer Zertifizierung wichtige Gründe entgegenstehen. Dann folgen im Rahmen der Hauptprüfung eine Inspektion der Fertigungsstätte und Probenahme, es wird eine Ökobilanz des Produktes erstellt, bei der z.B. hinsichtlich der Energieeffizienz der Produktion überdurchschnittliche Werte erreicht werden müssen, und schließlich wird das Produkt auf verschiedenste Parameter hin labortechnisch untersucht.

Diese Untersuchungen sind je nach Produkt verschieden, es ist klar, dass ein Ziegelstein andere Prüfungen durchläuft, als eine Wandfarbe. Es werden zum Beispiel bestimmte bei uns verbotene Stoffe wie halogenorganische Verbindungen oder Pestizide ebenso wie z.B. problematische Schwermetalle auf ihren Gehalt untersucht. Bei manchen mineralischen Stoffen werden Radioaktivitätsmessungen durchgeführt.

Die für Allergiker wichtigste Prüfung ist aus unserer Sicht die Prüfkammermessung der Emissionen, die alle Bauprodukte auf organischer Basis durchlaufen müssen. Hierbei müssen strenge Grenzwerte sowohl für die Summe bestimmter Emissionen als auch für besonders schädliche Einzelstoffe eingehalten werden. Dann wird ein Abschlussbericht erstellt, den eine interne Kommission bewertet, und erst aufgrund deren Empfehlung wird das Zertifikat erteilt.

Wie lange dauert der Zertifizierungsprozess bei natureplus und für wie lange gilt das Siegel?

Dieser ganze Prüfungs- und Begutachtungsprozess dauert mindestens ein Vierteljahr. Das natureplus-Label ist anschließend drei Jahre lang gültig. In jährlichem Abstand werden dann Konformitätsprüfungen gemacht, um sicherzustellen, dass sich die Produktqualität nicht verschlechtert. Zum Ablauf der drei Jahre wird dann die Hauptprüfung wiederholt, um das Zertifikat für weitere drei Jahre zu verlängern.


Wie oft konnten Sie das natureplus-Qualitätszeichen in Bezug auf "allergenfreie" Produkte bisher vergeben?

Wie bereits gesagt, vergeben wir das natureplus-Zeichen nicht speziell für "allergenfreie" Produkte, dies wäre eine zu ungenaue Aussage. Wir bewerben unser Label mit den Attributen "natürlich nachhaltig bauen" bzw. "Klimaschutz, Wohngesundheit, Nachhaltigkeit", wobei letzteres vor allem für die Schonung knapper natürlicher oder fossiler Ressourcen steht.

Das natureplus-Qualitätszeichen wurde bisher an etwa 450 Produkte von knapp 70 Herstellern aus zehn europäischen Ländern vergeben. Der Schwerpunkt liegt hier bei Materialien für den Rohbau des Hauses wie Mauersteine, Dämmstoffe, Putze oder Holzwerkstoffe. Auch für den Innenausbau haben wir z.B. Bodenbeläge, Dekorputze, Holzprodukte oder auch zahlreiche Wandfarben zertifiziert, hier gibt es aber noch einige Produktgruppen, wie beispielsweise Ausbauplatten, Tapeten, Lacke und Lasuren, Fußbodenöle usw. wo wir bisher noch nicht so gut vertreten sind. Gerade diese Produkte werden aber von privaten Verbrauchern gerne gekauft. Die vermissen dann natureplus-geprüfte Produkte im Baumarkt.

Welche potenziell allergieauslösenden Stoffe finden sich in welchen Bauprodukten und Welche dieser Stoffe sind aggressiv und welche eher harmlos? Wodurch werden Sie ersetzt bzw. verändern sich dadurch oder durch das "Weglassen" die Produkteigenschaften?

Diese Fragen kann ich Ihnen nicht umfassend beantworten. Das könnte vielmehr Gegenstand einer Doktorarbeit sein. Deshalb nur zwei kursorische Anmerkungen. Erstens: Da sich Weichmacher aus Kunststoffen gerne an Hausstaub anlagern, sehe ich einen Zusammenhang zur Zunahme von Hausstaub-Allergien. Zweitens: Es sind allerdings keineswegs in erster Linie die petrochemischen Stoffe, welche für Reizreaktionen verantwortlich zu machen sind. Auch biogene Stoffe können allergische Reaktionen hervorrufen. Von daher ist die gerne gesuchte Gleichsetzung Natur = gesund nicht korrekt. Generell würde ich behaupten, dass die allergisierende Wirkung von flüchtigen organischen Stoffen noch viel zu wenig beachtet wird. Hier sehe ich das größte Forschungs-Potential.

Methylisothiazolinon, das u.a. in Wandfarben als Konservierungsstoff eingesetzt wird, verursacht besonders viele Probleme in Bezug auf Allergien. In welchen Bauprodukten wird Methylisothiazolinon normalerweise eingesetzt? Gibt es für Methylisothiazolinon einen Ersatzstoff?

Die Topfkonservierung von wässrigen Produkten hat in ihrer Bedeutung mit der Verdrängung von lösemittelhaltigen Produkten im Beschichtungsbereich (Lacke, Wandfarben usw.) zugenommen. Auch die Verbrauchergewohnheiten und der Trend zum Do-it-yourself spielen hier eine Rolle. Wer kann und will heute noch seine Farbe oder seinen Designputz selber anrühren? Insofern ist es für die Industrie nicht einfach, auf Konservierungsstoffe ganz zu verzichten.

Auch der Ersatz chemischer Stoffe z.B. durch ätherische Öle, wie in der Naturfarbenindustrie üblich, ist für Allergiker nicht zielführend. Dennoch wollen wir den Einsatz solcher Biozide natürlich so streng wie möglich regulieren. Konkret verboten sind bei natureplus als Konservierungsstoffe z.B. Formaldehyd-Abspalter und verschiedene Isothiazolinone (das chlorierte CIT - wie alle halogenierten Stoffe - und das giftige OIT bspw.). Da gehen wir über die Anforderungen des "Blauen Engel" hinaus, der z.B. CIT in gewissen Grenzen zulässt.

Das erwähnte Methylisothiazolinon ist bei uns allerdings nicht verboten. Wir begrenzen jedoch die Emission auf maximal 1 Mikrogramm/Kubikmeter in der Emissionsprüfung. Damit sollten die meisten auch empfindlicheren Menschen klarkommen.

Es gibt andere Konservierungsstoffe, die teilweise produktspezifisch Verwendung finden, aber bei den Farben sind nach meinem Wissen insgesamt Isothiazolinone die üblichen Einsatzstoffe.

Allerdings hat natureplus bislang überwiegend mineralische Wandfarben wie Kalk- oder Silikatfarben geprüft, die aufgrund ihrer alkalischen Natur ohnehin nur sehr wenig chemische Konservierung benötigen, wenn überhaupt. Insofern ist Ihren Leserinnen und Lesern anzuraten, bei der Produktauswahl auf von vorneherein gering belastete Produkte zu achten.

Herr Schmitz-Günther, herzlichen Dank für dieses Interview!