Keine Allergie-News verpassen!

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter!

Sie wollen stets zu Allergien und Intoleranzen informiert werden? Abonnieren Sie kostenlos unseren MeinAllergiePortal-Newsletter!

 

x

Covid-19 Budesonid Game-Changer

COVID-19: Budesonid definitiv kein Game-Changer!

COVID-19: Budesonid definitiv kein Game-Changer!

Die jüngste Aussage von MdB Karl Lauterbach brachte das Faß wohl zum Überlaufen. Der SPD-Politiker, der häufig zu Gesundheitsthemen Stellung nimmt, hatte Budesonid, ein inhalatives Korticosteroid (ICS), als „Game-Changer“ in Sachen COVID-19 bezeichnet. Budesonid ist ein Wirkstoff, der in vielen Asthma-Inhalatoren enthalten ist. In einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP), die am 29.4.2021 online stattfand, sahen sich die Experten an der medizinischen Front nun zur einer Gegendarstellung veranlasst. „In letzter Zeit sehen wir uns mit einem Sturm von Publikationen konfrontiert, die vorschnell öffentlich diskutiert werden und zu falschen Empfehlungen führen“, erklärte Prof. Michael Pfeifer, Präsident der DGP, „die Politik sollte aber erst dann mit Empfehlungen an die Öffentlichkeit gehen, wenn die nötige Evidenz gegeben ist“.

COVID-19: Wie kam es zur Empfehlung von Budesonid?

Stein des Anstoßes war die STOIC-Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlicht worden war. Diese war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Wirkstoff Budesonid im Frühstadium einer SARS-CoV-2-Infektion dazu beitragen kann, die Zeit bis zur Genesung zu verkürzen und schwere Verläufe zu verringern. Nicht zuletzt durch die „Game-Changer-Aussage“ von MdB Lauterbach sorgte diese Nachricht für einigen Wirbel. Sie führte aber auch zu regelrechten „Hamsterkäufen“ von Asthmatherapeutika mit dem Wirkstoff Budesonid. Aus Angst vor COVID-19 deckten sich auch viele Nicht-Asthmatiker mit einem Asthma Medikament ein. Sie wollten für eine eventuelle COVID-19-Erkrankung gerüstet sein. Prompt kam es, zum Beispiel in Österreich, zu Engpässen bei Budesonid-Therapeutika, so dass Asthma-Patienten Schwierigkeiten hatten, an die dringend benötigten Medikamente zu gelangen.

COVID-19: Die Logik hinter der STOIC-Studie

Dabei hatte die Fragestellung, mit der sich die Studie beschäftigte, durchaus ihre Berechtigung, wie Prof. Marek Lommatzsch, Sprecher des Deutschen Lungentages erklärte. „Alle epidemiologischen Studien zeigen übereinstimmend, dass Patienten mit Asthma bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 nur selten schwer an COVID-19 erkranken und kein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben“, so Prof. Lommatzsch. Dies überraschte, denn in der Regel tragen Asthma-Patienten ein höheres Risiko, an Virusinfektionen der Atemwege zu erkranken. „In der aktuell publizierten STOIC-Studie aus Großbritannien wurde nun untersucht, ob auch bei Patienten ohne Asthma eine SARS-CoV-2-Infektion günstig beeinflusst wird, wenn Betroffene zweimal täglich ein handelsübliches Asthma-Medikament (Budesonid) im Frühstadium der Erkrankung inhalieren“ erläuterte Prof. Lommatzsch. Das Ergebnis der STOIC-Studie: Die Dauer der Symptome konnte um einen Tag verkürzt und die Häufigkeit von Arztbesuchen reduziert werden.

Advertorial

COVID-19: Asthmatiker sind sogar besser geschützt

Allerdings: Es gibt erste Hinweise darauf, dass bestimmte Botenstoffe, die beim Pathomechanismus des Asthmas eine zentrale Rolle spielen, dazu führen könnten, dass sich das Corona-Virus weniger gut replizieren kann. „Möglicherweise stellt die Erkrankung Asthma selbst einen gewissen Schutzfaktor dar und schützt durch seine Charakteristika auch vor schweren Verläufen“, gab Prof. Lommatzsch zu bedenken.

Wie Prof. Marco Idzko, Österreichische Gesellschaft für Pneumologie, berichtete, schreibt man Asthma-Patienten in Österreich völlig zu Unrecht ein höheres Erkrankungsrisiko für COVID-19 zu. Zwar hat der G-BA auch in Deutschland Menschen mit Asthma in die Gruppe der Risikopatienten aufgenommen. „Dafür gibt es jedoch keine Evidenz“, berichtete Prof. Lommatzsch, „die Stellungnahmen der Fachgesellschaften hat die Politik jedoch ignoriert und gibt Empfehlungen aus dem Bauch heraus‘“.

„Zudem gibt es Hinweise darauf, dass eine Therapie mit inhalativen Kortikosteroiden (ICS) bei Patienten mit Asthma einen zusätzlichen Schutz vor schweren SARS-CoV-2-Infektionen bietet“, fügte Prof. Lommatzsch hinzu.

Budesonid bei COVID-19: Wie steht es mit der Evidenz?

So stellt sich die Frage, wie stark die Evidenz der STOIC-Studie ist, was maßgeblich vom Studiendesign abhängt. Gerade beim Studiendesign machten die Mediziner jedoch einige Schwächen aus, so dass sie die von Karl Lauterbach als „gut gemacht“ bewertete Studie als „nur bedingt aussagekräftig“ beurteilten. „Zwar handelt es sich bei der Studie um eine randomisierte, aber nicht um eine verblindete Studie. Das heißt, die Probanden sowie die behandelnden Ärzte wussten, ob das Medikament inhaliert wurde oder nicht. Ein erheblicher Placebo-Effekt ist hier also möglich“, erklärt Prof. Lommatzsch, „zudem handelt es sich um eine Studie mit vergleichsweise wenigen Studienteilnehmern (je 73 in der Verum und in der Plazebo-Gruppe). Auch könnten die in der Studie eingeschlossenen Patienten mit Asthma zu dem positiven Ergebnis beigetragen haben. Zudem wurden diese Patienten über einen auffällig langen Zeitraum (Juli bis Dezember 2020) trotz hoher Infektionszahlen in Großbritannien rekrutiert. Ein Selektions-Bias ist somit nicht ausgeschlossen. Auch dass 16 Prozent der Patienten in der Budesonid-Gruppe ein Asthma hatten, könnte das Studienergebnis beeinflusst haben. Möglicherweise haben sie auch aufgrund ihrer Grunderkrankung vom Budesonid profitiert. Daher ist aus Sicht der Mediziner die Aussagekraft für die Gesamtheit der Patienten mit COVID-19 eingeschränkt.

STOIC-Studie: Die Sache mit den Endpunkten…

Auch die subjektiven Endpunkte der STOIC-Studie sahen die Ärzte kritisch. Sowohl der primäre Endpunkt - COVID-19-bedingte ärztliche Vorstellung - als auch die sekundären Endpunkte der Studie, z.B. die Zeit bis zur von den Patienten empfundenen klinischen Besserung oder der Bedarf an fiebersenkenden Medikamenten, sind subjektiv geprägt, und damit anfällig für den Placebo-Effekt. Das bedeutet es ist z.B. möglich, dass Budesonid-behandelte Patienten im Vertrauen auf eine Wirkung der inhalativen Kortikosteroide ärztliche Hilfe seltener oder später aufsuchten. Dafür spricht, dass sich objektive Studienendpunkte, z.B. Sauerstoffsättigung oder SARS-CoV-2-Viruslast, nicht signifikant von der Kontrollgruppe unterschieden. „Außerdem spielte es beim subjektiven weichen Endpunkt „Arztkontakt“, keine Rolle, ob ein Hausarzt oder Notarzt aufgesucht wurde“, ergänzte Prof. Idzko, „und ein Großteil der Arztbesuche der Placebogruppe war gar nicht mit Covid-19 assoziiert, gezählt wurden auch Rippenbrüche und Nierenprobleme“.

Advertorial

STOIC-Studie: Extrem hohe Budesonid-Dosen

Bemängelt wurde außerdem, dass extrem hohe Dosen an inhalativen Steroiden verabreicht wurden. Die in der Studie gewählte ICS-Dosis (1600 µg Budesonid pro Tag) entspricht einer ICS-Höchstdosis für Asthma-Patienten. Sowohl in der Asthma-Therapie als auch in der COPD-Therapie sind bei der übergroßen Mehrheit der Patienten viel niedrigere ICS-Dosen klinisch sehr effektiv. Es lässt sich daher aus der Studie nicht ableiten, ob wirklich so hohe ICS-Dosen, die zu erheblichen Nebenwirkungen führen können, im Rahmen einer COVID-19-Behandlung eingesetzt werden sollten.

Unklare Relevanz für schwere COVID-19-Verläufe

Im besten Falle gibt diese Studie Hinweise, dass die Zeit bis zur klinischen Besserung durch eine ICS-Therapie bei milden bis mittelschweren Verläufen möglicherweise verkürzt werden kann: ein ähnliches Ergebnis erbrachte eine Interims-Analyse der größeren PRINCIPLE-Studie (MedRxiv-Preprint hier abrufbar). Weder die STOIC-Studie noch die PRINCIPLE-Studie haben aber gezeigt, dass durch diese Therapie schwere COVID-19-Verläufe oder Todesfälle verhindert werden können. Die Kommentatoren der STOIC-Studie in der Zeitschrift Lancet Respiratory Medicine fordern daher explizit diesbezügliche Studien.

Budesonid bei COVID-19: Was sagen die Praktiker?

Aus Sicht der Mediziner ist das Urteil eindeutig: Keine Evidenz für die Wirksamkeit von Budesonid bei der Therapie von COVID-19. Vielmehr weisen die Ärzte darauf hin, dass weitere, größere, verblindete, Placebo-kontrollierte Studien mit unterschiedlichen ICS-Dosen benötigt werden, um mögliche ICS-Effekte bei COVID-19 zu bestätigen. Aus ihrer Sicht ist es auf Basis der STOIC-Studie nicht möglich, eine allgemeine ICS-Behandlung von Patienten mit COVID-19 zu empfehlen. ICS-haltige Präparate sind für die COVID-19-Therapie auch nicht zugelassen. Es wird jedoch ausdrücklich empfohlen, eine bestehende ICS-Dauertherapie bei Patienten mit Asthma oder COPD während der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie und im Rahmen von COVID-19 fortzuführen. Auch aus Sicht der Versorgungssicherheit von Patienten mit Asthma und COPD ist von einer breiten Off-label-Behandlung mit ICS von Patienten mit COVID-19 oder gar einer ICS-Selbstmedikation abzuraten.

Advertorial

COVID-19-Therapie: Wenn nicht Budesonid, was dann?

Welche Medikamente setzt man nun ein, um COVID-19 zu therapieren? „Die Anzahl der Medikamente ist begrenzt“, berichtete Prof. Christian Taube, Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI), „aktuell wird Remdesivir eingesetzt, um den Verlauf abzukürzen, aber hierzu fehlen noch Studienergebnisse“. Remdesivir wurde ursprünglich zum Einsatz gegen Ebolafieber und Marburgfieber entwickelt. Der Einsatz zur Therapie von COVID-18 wird zur Zeit untersucht. Der Entzündungshemmer Dexametasol gehört zu Standardtherapie bei Patienten mit den schwersten Verläufen. Da bei schweren COVID-19-Verläufen die Blutgerinnung gestört ist, wird dies mit klassischen Maßnahmen therapiert. Letztendlich kann es zur nicht invasiven Beatmung, Beatmung durch Intubation oder Organersatzverfahren kommen. Eine weitere Option sind monoklonale Antikörper, die sich gegen das Spike-Protein des Coronavirus SARS-CoV-2 richten. „Hier gibt es die beiden Antikörperkombinationen „Bamlanivimab und Etesevimab“ und „Casirivimab und Imdevimab (REGN-COV2)“ sowie ein Präparat namens Regdanvimab (CT-P59)“, berichtet Prof. Taube, alle drei Präparate sind jedoch noch nicht offiziell zugelassen“.