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Vocal Cord Dysfunction Asthma

Dr. med. habil. Johannes Schulze, Stellv. Leiter des Schwerpunkts Allergologie, Pneumologie und Mukoviszidose der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitäts-Klinikum Frankfurt der Goethe Universität

Vocal Cord Dysfunction? Asthma? Unterschiede bei Symptomen und Therapie

Die Symptome der Vocal Cord Dysfunction (VCD) ähneln auf den ersten Blick den Asthmasymptomen. In beiden Fällen bleibt den Patienten "die Luft weg". Bei Asthma und Vocal Cord Dysfunction handelt es sich jedoch um völlig unterschiedliche Krankheitsbilder. Auch wenn beide Erkrankungen gemeinsam auftreten können, unterscheiden sich die Therapien in erheblichem Maße. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. med. habil. Johannes Schulze, Stellv. Leiter des Schwerpunkts Allergologie, Pneumologie und Mukoviszidose der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitäts-Klinikum Frankfurt der Goethe Universität.

Herr Dr. med. habil. Schulze, was bedeutet Vocal Cord Dysfunction (VCD)?

Bei einer Vocal Cord Dysfunktion (VCD) handelt es sich um eine Fehlfunktion der Stimmbänder – englisch  "Vocal Cords". Durch bestimmte Auslöser kommt es dazu, dass sich die Stimmbänder bei der Atmung verengen und aneinanderlegen. Dies kann bei der Einatmung, der Ausatmung oder der Ein- und Ausatmung passieren. Am häufigsten passiert es bei der Einatmung.

Was bedeutet das konkret "die Stimmbänder verengen sich bei der VCD"?

In der Ruheatmung befinden sich die Stimmbänder normalerweise in einer Mittelstellung, d.h. sie sind "halb geöffnet". Bei tiefen Atemzügen, z.B. bei körperlicher Belastung, gehen die Stimmbänder normalerweise sehr weit auseinander. Bei einer Vocal Cord Dysfunction, d.h. bei einer Fehlfunktion der Stimmbänder, verschließen sich die Stimmbänder hingegen bis auf einen kleinen Spalt. Dies gilt sowohl für die Ruheatmung als auch für die tiefen Atemzüge. Die Patienten bekommen dann keine Luft mehr.

Weiß man, wie es zu einer Vocal Cord Dysfunction kommt?

Die Auslöser der Vocal Cord Dysfunction sind, abhängig vom Alter, sehr unterschiedlich. Bei Jugendlichen kommt es häufig durch körperliche Belastung, z.B. in stickigen Turnhallen, zu einem Anfall. Bei älteren Patienten können auch andere Faktoren eine Rolle spielen, z.B. Zigarettenrauch, bestimmte Gerüche, Parfüms etc..

Andere mögliche Auslöser der VCD können eine chronische Entzündung der Nasenschleimhäute, eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen, oder auch große Nasenpolypen sein. Durch die chronische Entzündung kann es zu einem sogenannten Postnasal-Drip-Syndrom kommen, bei dem immer wieder Sekret aus den Nebenhöhlen in den Rachenraum hineinläuft und eine Entzündung sowie eine Empfindlichkeit des Kehlkopfes auslöst.

Aber auch ein gastroösophagealer Reflux mit Symptomen wie Sodbrennen und saurem Aufstoßen, ist ein möglicher Auslöser der VCD. Bei Reflux kann die Magensäure in der Speiseröhre bis zum Kehlkopf hochsteigen. Dadurch kommt es zu einer Entzündung und zum reflektorischen Verschluss des Kehlkopfes, was wiederum eine VCD "bahnen" kann.
Eine Vocal Cord Dysfunktion kann auch im Zusammenhang mit Asthma auftreten – Asthma ist ein Risikofaktor für VCD.


Spielen bei der Vocal Cord Dysfunction auch Allergene als Auslöser eine Rolle?

Nein, einen direkten Zusammenhang zwischen Allergenen und der Vocal Cord Dysfunction konnte man bisher nicht feststellen. Das hat sich auch in unseren eigenen Untersuchungen gezeigt.1) Aber auch in anderen Studien findet man keinen Kommentar zu einem Zusammenhang zwischen VCD und Allergenen.

Eine Allergie kann jedoch der Auslöser der Chronischen Rhinitis, der Chronischen Sinusitis oder des Asthmas sein und wäre damit indirekt der Auslöser einer VCD. Eine Allergiediagnostik ist im Zusammenhang mit der Vocal Cord Dysfunction deshalb grundsätzlich sinnvoll.

Wie häufig ist die Erkrankung VCD?

VCD ist eine extrem seltene Erkrankung. In unserer Sprechstunde hatten wir in den letzten zwei Jahren ca. 1.500 jugendliche Patienten, die sich wegen Asthma bzw. Atembeschwerden vorstellen. Maximal 1 Prozent davon litt unter VCD.

Tritt VCD in Kombination mit anderen Erkrankungen oder als einzelne Erkrankung auf?

Beides ist möglich. VCD kann einerseits rein isoliert auftreten, aber auch in Kombination mit Asthma bzw. als Folge der bereits besprochenen Erkrankungen.

Wie sehen die Symptome bei der Vocal Cord Dysfunction aus?

Ein typisches Symptom für die Vocal Cord Dysfunction ist eine anfallsartige Atemnot, die relativ plötzlich einsetzt und ebenso schnell wieder verschwindet. Da sich bei der VCD die Stimmbänder am häufigsten bei der Einatmung verschließen, geht die Atemnot mit einem pfeifenden Geräusch beim Einatmen einher und wird auf den Kehlkopfbereich lokalisiert. Das unterscheidet die Symptome der Vocal Cord Dysfunction von den Symptomen des Asthmas, denn der Asthmatiker spürt die Atemnot mehr im Bereich des Brustkorbes und das Pfeifen besteht in der Regel beim Ausatmen.

Hinzu kommt bei einem VCD-Anfall, dass die Patienten oft kaum noch sprechen können. Die Patienten empfinden diese Anfälle als sehr dramatisch und bedrohlich.

Bei Jugendlichen kann es insbesondere bei körperlicher Belastung zu VCD-Symptomen kommen, bei Erwachsenen auch durch die erwähnten anderen Auslöser.

Das anfallartige Auftreten der Vocal Cord Dysfunction ist auch ein entscheidender Unterschied zur Symptomatik beim Asthma. Beim Anstrengungsasthma entwickelt sich die Atemnot eher langsam nach ca. 6 bis 7 Minuten körperlicher Anstrengung und lässt dann auch langsamer wieder nach.  


Wie lange dauert so ein VCD-Anfall und wie häufig kommt er vor?

Ein VCD-Anfall kann wenige Minuten oder auch zwei Stunden dauern. Es gibt aber auch Patienten, die unter einer chronischen leichten Verengung der Stimmbänder leiden, dabei sind die Stimmbänder immer leicht verengt.

Die Häufigkeit der Anfälle hängt bei der Vocal Cord Dysfunction vom Auslöser ab. Das kann z.B. bei jeder Sportstunde der Fall sein oder immer dann, wenn ein bestimmter Geruch auftritt, der als Trigger fungiert. Jeder Patient mit Vocal Cord Dysfunction hat seinen persönlichen Trigger und dieser löst dann die Anfälle aus.

Kann man an einem Vocal Cord Dsyfunction Anfall auch ersticken?

Nein, ein Ersticken ist beim VCD-Anfall nicht möglich. Zwar wird die Situation von den Patienten selbst und von den Menschen in ihrer Umgebung als sehr beängstigend empfunden, aber gefährlich ist die Vocal Cord Dysfunction nicht. Man kann an einer VCD nicht ersticken - die Stimmbänder öffnen sich rechtzeitig wieder.

Welche Rolle spielen psychische Komponenten bei der Vocal Cord Dysfunction?

Wir haben die psychische Komponente bei der Vocal Cord Dysfunction bei unseren Patienten sehr genau mit Hilfe eines standardisierten Verhaltensfragebogens untersucht. Dabei haben wir festgestellt, dass ca. 20 Prozent unserer Patienten mit einer Vocal Cord Dysfunction einen auffälligen Fragebogen haben. Die Patienten gaben an, unter Verhaltensmustern wie z.B. sozialem Rückzug, Schüchternheit, Verschlossenheit, Traurigkeit, Verstimmtheit, Ängstlichkeit, Nervosität, Einsamkeit, Sozialer Ablehnung, Minderwertigkeitsgefühlen, trauriger Verstimmung und Depressivität zu leiden.2) Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Patienten psychisch erkrankt sind. Erst wenn sich sehr deutliche Symptome zeigen, sollte man weiter therapeutische Maßnahmen ergreifen, wie z.B. eine Familientherapie oder eine Exploration – das ist ein Gespräch zur Ergründung der Ursachen dieser Verhaltensmuster.


Bei chronischen Erkrankungen sind psychische Probleme häufig eine Folge der Erkrankung. Ist dies bei der Vocal Cord Dysfunction auch der Fall?

In unseren Untersuchungen haben wir nicht ermittelt, ob sich die psychischen Probleme als Folge der VCD entwickeln. Dies wäre durchaus plausibel, da die Erkrankung mit Gefühlen von Bedrohung und Angst einhergeht.

Es könnte aber auch sein, dass eine ängstliche Persönlichkeit  die Entwicklung der VCD begünstigt. Eine Untersuchung aus Denver legt diese Vermutung nahe, aber diese Frage ist noch nicht abschließend geklärt.

Die Symptome von Vocal Cord Dysfunction und Asthma ähneln einander, wie geht man bei der Diagnose vor?

Erste Hinweise auf eine mögliche Vocal Cord Dysfunction findet man oft bereits in der Anamnese. Typisch für VCD sind die anfallsweise Atemnot und die Lokalisierung der Beschwerden im Kehlkopfbereich.

Zur Diagnostik gehört bei uns jedoch auch immer eine Laryngoskopie, das ist eine Spiegelung des Kehlkopfes. Da die Patienten sich bei der Untersuchung im Ruhezustand befinden, sieht man bei der Spiegelung in der Regel eine normale Kehlkopffunktion. Deshalb versuchen wir, entweder durch eine Laufbelastung oder durch einen Methacholintest, einen VCD-Anfall auszulösen. Danach führen wir erneut eine Laryngoskopie durch. Mit dem Einsatz des Methacholintests zur VCR-Diagnose haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, aber wenn der spezifische Auslöser der Anfälle bekannt ist, z.B. Parfüms, Zigarettenrauch etc., kann man auch direkt mit diesen Auslösern provozieren.

Manchmal findet man durch die Laryngoskopie auch anatomische Veränderungen, wie z.B. Verengungen des Kehlkopfes oder der Stimmbänder vor, die dann operativ zu beheben sind.

Wie therapiert man die Vocal Cord Dysfunction?

Das Wichtigste bei der Vocal Cord Dysfunction ist eine frühe Diagnose und eine rechtzeitige Behandlung. Gerade dann, wenn man die VCD im Anfangsstadium behandeln kann, besteht eine sehr gute Chance, dass sie sich wieder verliert.

Problematisch ist es dann, wenn die Vocal Cord Dysfunction nicht als solche erkannt wird und der Patient stattdessen auf "schweres Asthma" behandelt wird. Wenn man versucht, die VCD mit den entsprechenden Asthmatherapien zu bekämpfen, auch unter Einsatz von Kortison, wird man damit nicht erfolgreich sein. Patienten mit Vocal Cord Dysfunction sprechen auf eine Asthmatherapie nicht an, die VCD bleibt quasi "unbehandelt" und kann sich chronifizieren.

Hilfreich für unsere Patienten und fast schon Teil der Therapie ist die Diagnose selbst. Bei einer Laryngoskopie mit Videountersuchung können die Patienten die Untersuchung zum einen unmittelbar miterleben oder auch im Nachhinein anschauen. Das ist eine sehr große Hilfe für die Patienten, denn sie sehen, was genau bei einem VCD-Anfall passiert und verlieren so die Angst vor dem Anfall. Die Patienten wissen dann, dass das Zusammengehen der Stimmbänder der Auslöser für ihre Probleme ist und dass sie aktiv gegensteuern können.  

Ansonsten richtet sich die Therapie der VCD nach der Ursache der Erkrankung. Liegt eine chronische Rhinitis oder eine Chronische Sinusitis und kommt es zu einem Postnasal-Drip-Syndrom, das die Vocal Cord Dysfunction auslöst, wird man die Grunderkrankung behandeln. Das gleich gilt für den gastroösophagealen Reflux.

Findet man keine Grunderkrankung, wird man zur Therapie der Vocal Cord Dysfunction eine Kombination von Entspannungsverfahren einsetzen. Diese sollten sich insbesondere auf den Bereich des Kehlkopfes, des Halses, der Schultern und des Brustkorbes konzentrieren und werden am Besten in Zusammenarbeit mit einem Sprachtherapeuten durchgeführt. Durch die Entspannungsübungen werden zum einen neue Anfälle verhindert und zum anderen wissen die Patienten im Falle eines erneuten Anfalls dann genau, was sie tun können, um die Anspannung zu lösen und den Anfall zum Abklingen zu bringen.

Wenn diese Maßnahmen nicht greifen und dies ist bei ca. 10 bis 15 Prozent der Patienten der Fall, würde man als nächsten Schritt eine Gesprächs- oder Familientherapie in Erwägung ziehen, um eventuellen Gründen für eine Somatisierung auf die Spur zu kommen.


Herr Dr. Schulze, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:
1)    Vocal cord dysfunction in adolescents, Schulze J, Weber S, Rosewich M, Eickmeier O, Rose MA, Zielen S., Pediatr Pulmonol. 2012 Jun; 47(6):612-9. doi: 10.1002/ppul.21622. Epub 2012 Mar 13. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22415978
2)    Quality of life for adolescents with vocal cord dysfunction, Schulze J, Weber S, Oddo S, Rosewich M, Rose MA, Zielen S., Pneumologie. 2012 Oct; 66(10):596-601. doi: 10.1055/s-0032-1310105. Epub 2012 Aug 7., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22872594

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