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E-Zigaretten gesünder Tabakrauchen

Dr. Christian Denne zum Thema: E-Zigaretten - ist Dampfen gesünder als Tabakrauchen?

E-Zigaretten: Ist Dampfen gesünder als Tabakrauchen?

E-Zigaretten haben den Ruf, gesünder zu sein als Tabak-Zigaretten. Aber ist das wirklich so? Ist Dampfen tatsächlich gesünder als Tabakrauchen? MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Christian Denne, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Vechta über die Risiken und Gefahren, die sich hinter dem Dampfen von E-Zigaretten, aber auch E-Shishas verbergen.

Herr Dr. Denne, sind E-Zigaretten tatsächlich gesünder als Tabak-Zigaretten?

Nein, als gesündere Alternative zu Tabak-Zigaretten kann man E-Zigaretten gewiss nicht bezeichnen. Man weiß, dass in den Liquids der E-Zigaretten krebserregende und andere gesundheitsschädliche Stoffe enthalten sind. Hinzu kommt, dass auch E-Zigaretten in vielen Fällen eine Sucht und damit auch eine Art Einstiegsdroge zu den „richtigen“ Tabak-Zigaretten darstellen.

 

Bei E-Zigaretten besteht also auch eine Suchtgefahr, so wie bei Tabak-Zigaretten?

Es besteht nicht nur die Gefahr einer Sucht, sondern es handelt sich tatsächlich um eine Sucht. E-Zigaretten werden konsumiert wie normale Zigaretten, typischerweise nach diesem Modell: Der Raucher ist gestresst und greift zur E-Zigarette. Das Nikotin flutet an und entfaltet ein mindestens genauso großes Suchtpotenzial wie herkömmliche Zigaretten. Hinzu kommt, dass Raucher von E-Zigaretten ja der Meinung sind, dass E-Zigaretten „ungefährlich“ seien. Womöglich nimmt der E-Zigarette-Raucher dann mehr Züge oder inhaliert tiefer, als bei einer Tabak-Zigarette. 

Oft hört man ja, dass E-Zigaretten weniger Giftstoffe enthalten würden, als Tabak-Zigaretten….

Es ist richtig, dass E-Zigaretten nicht so viele Giftstoffe enthalten wie Tabak-Zigaretten. Es gibt auch einzelne Fälle, bei denen die E-Zigarette beim Ausstieg aus der Tabaksucht hilft. Dann können E-Zigaretten eine Art „Brücke“ sein, die dabei hilft, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber bei den meisten Konsumenten und vor allem bei Kindern und Jugendlichen ist der Konsum von E-Zigaretten eher als Einstieg in die Tabaksucht zu werten.

In den USA gab es einen Aufruhr aufgrund der Todesfälle unter E-Zigaretten-Rauchern. Gibt es da wirklich ein ursächlichen Zusammenhang?

Im September dieses Jahres ist ein Artikel dazu in dem weltweit bekanntesten medizinischen Fachjournal, dem „New England Journal of Medicine“, erschienen.1) Demnach haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass der E-Zigaretten-Konsum bei Personen zwischen 18 Jahren und Ende 40 mit bislang unklaren Lungenerkrankungen vergesellschaftet war, die auch zu einzelnen Todesfällen geführt haben. Man hat herausgefunden, dass das Rauchen von E-Zigaretten tatsächlich kausal verknüpft ist mit Entzündungen in der Lunge. Unter den Probanden waren auch junge Erwachsene, die diese Liquids mit Cannabispräparaten vermischt hatten. Weil das aber nicht bei allen Betroffenen so war, geht man davon aus, dass die Krankheitsfälle wirklich auf den Konsum von E-Zigaretten zurückzuführen sind.


Das bedeutet, man kann die Krankheitsfälle nicht allein auf den unsachgemäßen Gebrauch der E-Zigaretten zurückführen?

Definitiv nicht. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen sind seriös und belastbar: Dass ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von E-Zigaretten und einer Lungenveränderung besteht, ist in dieser Studie erstmals nachgewiesen worden. Und diese Art Lungenerkrankung wurde bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen bislang noch nicht beobachtet. Die Frage ist: Warum sollte bei einem jungen Menschen sonst eine Lungenveränderung auftreten, mit schwerem Sauerstoffmangel, Entzündungen und Umbauvorgängen in der Lunge?

Das Problem ist: Der eigentliche E-Zigarettenboom begann erst vor ein bis zwei Jahren mit dem Präparat „Juul“. Der Konsum, der auch Juuling genannt wird, funktioniert mit einer Kartusche, die verwendet wird wie ein USB-Stick, der an den Computer angeschlossen und dadurch aufgeladen wird. Die Kartuschen sind leicht erhältlich. Sie haben einen relativ hohen Nikotinanteil – in den USA noch viel höher als bei uns. In Europa ist die Nikotinkonzentration limitiert auf 20 Milligramm Nikotin pro Milliliter Liquid.

 

Ist diese neu aufgetretene Erkrankung vergleichbar mit einer durch das Rauchen entstandenen COPD oder handelt es sich tatsächlich um eine völlig neue Lungenerkrankung, die allein bei E-Zigarettenkonsum auftritt?

Es gibt deutliche Unterschiede. Die chronische Lungenerkrankung COPD, die Raucherlunge, entsteht nach jahrelangem Rauchen, durch die Zerstörung des Lungengerüsts. Das kann man sich vorstellen wie bei einem Hochhaus mit Stahlgerüst, das irgendwann einstürzt. Genau auf die gleiche Weise schädigen die Umbauvorgänge in der Lunge von Rauchern über die Jahre das Lungengerüst, die Bronchien erschlaffen und es entsteht eine Asthmasymptomatik. Irgendwann ist die ganze Lunge betroffen und es kann Lungenkrebs entstehen.

Bei der Erkrankung, die durch den Konsum von E-Zigaretten entsteht, ist es anders. Hier ist nicht nur das Lungengerüst, sondern vor allem das Lungengewebe selbst beschädigt. Und während COPD sich langsam – über die Jahre – entwickelt, wurde die Erkrankung bei den untersuchten E-Zigaretten-Rauchern häufig schon nach ein paar Wochen E-Zigarettenkonsum beobachtet. Es handelt sich somit um eine neue Entität, also eine neue Krankheitsgruppe.

Hat die Lungenerkrankung, die durch den Konsum von E-Zigaretten hervorgerufen wird, denn schon einen Namen?

Im Moment hat die Lungenerkrankung noch keinen Eigennamen. Die Krankheit wird aktuell über Ausschlussdiagnose festgestellt: Im Gegensatz zu einer „normalen“ Lungenentzündung, die durch Bakterien und Viren verursacht wird, handelt es sich hier um eine unklare Lungenerkrankung, die assoziiert ist mit E-Zigaretten-Konsum. Ich möchte aber betonen: Diese Aussage schließt natürlich auch E-Shishas ein, die häufig in Clubs konsumiert werden. Die Inhaltsstoffe sind ähnlich.


Hat man auch einen Zusammenhang zwischen E-Zigaretten-Konsum und der Entstehung von Lungenkrebs festgestellt?

Zum Zusammenhang zwischen E-Zigaretten-Konsum und der Entstehung von Lungenkrebs kann man noch keine Aussage treffen. Natürlich wissen wir heute noch nicht, welche Folgen beim Rauchen von E-Zigaretten in zehn Jahren auftreten könnten. Das ist ähnlich wie beim Asbest, dessen lungenschädigende Wirkung auch erst nach Jahren offenbar wurde: Asbest wurde ja bis 1989 beispielsweise in Fertighäusern verwendet und Asbest hatte viele Vorteile: Es dämmte gut und daher musste man nicht so viel heizen. Erst seit den 2000ern sieht man in den Lungenkliniken mehr und mehr Patienten mit Asbestosen – mit Lungenkrebs und anderen schweren Lungenerkrankungen, die auf Asbest zurückzuführen sind. Und die Häufigkeit nimmt zunächst auch weiter zu.

 

Dann kann man wohl sagen, dass der Konsum von E-Zigaretten für Asthmatiker ähnlich ungesund ist wie der Konsum normaler Zigaretten?

Absolut. Die Lunge wird durch das Rauchen von E-Shishas und E-Zigaretten ja gereizt. Und bei einigen Kindern wurden Umbauvorgänge im Lungengewebe beobachtet – alles verursacht durch die Inhaltsstoffe der E-Zigaretten. Nikotin selbst ist zwar nicht krebserregend. Aber eine Tabak-Zigarette enthält bis zu 1000 andere Inhaltsstoffe, die dem Raucher schaden können. Bei einer E-Zigarette sind es zwar weniger Schadstoffe, aber auch hier sind Chemikalien wie Propylenglycol enthalten. Man hat im Dampf von E-Zigaretten auch krebserregende Stoffe wie zum Beispiel Formaldehyd nachgewiesen. Formaldehyd ist ja ebenfalls krebserregend.

Was hinzukommt: Wenn die E-Zigaretten-Raucher Liquids im Internet kaufen, zum Beispiel hergestellt in China, dann ist nicht nachvollziehbar, ob in diesen Nachahmerprodukten schädliche Acrylate oder andere Aromen enthalten sind, die dem Konsumenten schaden könnten und die möglicherweise sogar krebserregend sind. Das ist eine große Gefahr, denn gerade junge Leute kaufen ja gerne im Internet.

Aber grundsätzlich muss man sagen: Für die E-Zigaretten gibt es noch keine so belastbaren Daten wie bei den Tabak-Zigaretten, bei denen man weiß, dass das Risiko für Lungenkrebs je nach Menge des konsumierten Zigaretten um das x-fache steigt.

Vom Rauchen weiß man ja, dass es bei werdenden Müttern das Allergierisiko beim Kind steigern kann, was weiß man hierzu in Bezug auf die E-Zigaretten?

Für eine Aussage hierzu ist es ebenfalls noch zu früh. Es gibt noch keine verlässlichen Daten oder Studien. Schwierig wird die Untersuchung dieser Fragestellung auch dadurch, dass viele werdende Mütter, die E-Zigaretten rauchen, auch normale Zigaretten konsumieren. Die ganz klare Präventionsempfehlung der Allergologen und Kinderallergologen, die auch in der S3-Leitline enthalten ist, lautet: Generell nicht Rauchen während der Schwangerschaft!

Die Einschätzung vieler Jugendlicher, die E-Zigaretten als „Rauchen light“ betrachten, ist somit ja falsch …

Definitiv! Ich möchte nochmal betonen, dass die E-Zigarette häufig einen Einstieg in die Abhängigkeit darstellt, und zwar vor allem durch ihre psychologische Wirkung. Wenn man glaubt: „E-Zigaretten sind ja nicht so schlimm“ wird man mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann zu Tabak-Zigaretten übergehen oder andere Süchte entwickeln. Und gerade, wenn Kinder und Jugendliche „dampfen“, sind den E-Zigaretten oft Hanfpräparate, also Cannabis, beigemischt. Deren Wirkung kann man aufgrund dieser speziellen Darreichungsform noch gar nicht richtig einschätzen.

Mit der Umsetzung des Nichtraucherschutzgesetzes hatten wir seit 2009 schon ganz viel erreicht. In Anbetracht der „Konsumwelle“ der E-Zigaretten und E-Shishas sehe ich die große Gefahr, dass wir das „Rad“ damit ein bisschen „zurückdrehen“. Stattdessen müssten wir eigentlich noch mehr für den Nichtraucherschutz tun. Deutschland ist ja eines der wenigen Länder, in denen Tabakwerbung an den Litfaßsäulen oder an den normalen Werbetafeln noch erlaubt ist. Das sollte sich ändern. Oft wird ja mit den Einnahmen, die der Staat durch die Tabaksteuern erzielt, argumentiert. Ich halte das aber für eine „Milchmädchenrechnung“. Zwar erhält der Staat Gelder durch Tabaksteuer, Tabak-Werbeflächen und so weiter. Auf der anderen Seite ist die Behandlung von Folgeerkrankungen wie Lungenkrebs immens teuer. Die Bestrahlung, die Operation, moderne Chemotherapeutika,… von den volkswirtschaftlichen Schäden durch den Ausfall der Arbeitszeit, Frühverrentung, Frühversterben gar nicht zu sprechen.

Herr Dr. Denne, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Jennifer E. Layden, M.D., Ph.D., Isaac Ghinai, M.B., B.S., Ian Pray, Ph.D., Anne Kimball, M.D., Mark Layer, M.D., Mark Tenforde, M.D., Ph.D., Livia Navon, M.S., Brooke Hoots, Ph.D., Phillip P. Salvatore, Ph.D., Megan Elderbrook, M.P.H., Thomas Haupt, M.S., Jeffrey Kanne, M.D., et al., Pulmonary Illness Related to E-Cigarette Use in Illinois and Wisconsin — Preliminary Report, NEJM, September 6, 2019

DOI: 10.1056/NEJMoa1911614 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1911614

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