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Luftschadstoffe herkommen meiden

Dr. Thomas Lob-Corzilius zum Thema: Luftschadstoffe - wo kommen sie her? Wie meidet man sie?

Luftschadstoffe: Wo kommen sie her? Wie meidet man sie?

Bei der aktuellen Debatte um Luftschadstoffe stehen die Autos als Verursacher im Fokus. Allerdings ist dies nicht die einzige Quelle für Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2). Auch gibt es nicht nur künstliche, sondern auch natürliche Schadstoffquellen, und manchmal findet sich die Schadstoffquelle auch im eigenen Heim. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Thomas Lob-Corzilius, Kinder- und Jugendarzt i.R., Allergologie, Kinderpneumologie, Umweltmedizin über Luftschadstoffe, wo sie herkommen und wie man sie meidet.

Herr Dr. Lob-Corzilius, wie ist Feinstaub definiert?

Stäube mit einer Größe bis zu 10 μm (PM 10), entsprechend der Größe einer Zelle werden als Feinstäube bezeichnet; Partikel bis zu 2,5 μm (PM 2,5), entsprechend der Größe eines Bakteriums, werden als Feinststäube bezeichnet. Diese können bis in die feinsten Bronchien und Lungenbläschen inhaliert werden. Schließlich werden noch die ultrafeinen Partikel (UFP) mit einer Größe bis zu 0,1 μm (PM 0,1) unterschieden; dies entspricht in etwa der Größe von Viren oder noch kleiner. Die UFP‘s werden über die Lungenbläschen in die Blutbahn aufgenommen, dann über den Kreislauf verteilt und können somit in allen Organen wirksam werden. Möglicherweise sind sie auch in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.

Weiß man, ob es einen Unterschied zwischen Luftschadstoffen natürlicher und nicht natürlicher Herkunft gibt?

Beim Feinstaub unterscheidet man menschengemachte und natürliche Ursachen, die sogenannte „Hintergrundbelastung“. Als Hintergrundbelastung wertet man zum Beispiel Saharastaub und Stäube, die sich bei trockenem Wetter von Ackerflächen lösen. Auch landwirtschaftliche Emissionen, wie zum Beispiel Ammoniak, sind eine massive Quelle für Feinstaubbelastung in ländlichen Regionen. Insbesondere im Westen von Niedersachsen, der die höchste Dichte an Tiermastställen in Deutschland aufweist, kommt es zu hohen Ammoniakkonzentrationen in der Luft. Ammoniak ist ein sekundärer Feinstaub, der sich mit Salpetersäure zu Ammoniumnitrat verbindet oder mit Schwefelsäure zu Ammoniumsulfat, das heißt zu winzigen Molekülen, an die andere Schadstoffe binden können, und so entsteht ultrafeiner Feinstaub in Virusgröße < 0,1 μm. Genau genommen handelt es sich dabei um menschengemachte Emissionen. 1) Pädiatrische Allergologie 04/ 2018

Schadstoffe aus natürlichen Quellen sind also genauso gesundheitsschädlich wie menschengemachte?

Bezogen auf feine Sandstäube gibt es wenig Untersuchungen. Aber ammoniak- wie auch z.B. durch Holzverbrennung induzierte Feinstäube sind in der Lage, in die tiefen Atemwege und Lungenbläschen zu gelangen. Werden Schwangere mit dieser schadstoffbelasteten Atemluft konfrontiert, kann dies zum einen in der Schleimhaut der mütterlichen Bronchien zu Entzündungsreaktionen führen oder zu einer Allergisierung beitragen. Über die Alveolar-Kapillar-Schranke kann der ultrafeine Ammoniak-Feinstaub aber auch in den mütterlichen Kreislauf gelangen und über Plazenta und Nabelschnur in das ungeborene Kind.

Mir ist aber wichtig zu betonen: Die größte Feinstaub-Schadstoffquelle für Kinder ist immer noch Zigarettenrauch in der Wohnung, wenn Erwachsene drinnen rauchen oder gar im Auto. Zudem: Auch Kamine, die nicht mit entsprechenden Feinstaubfiltern versehen oder nachgerüstet sind, sind erhebliche Feinstaubquellen, ebenso Kreuzfahrtschiffe in den Häfen und in der Abwindfahne und auch Feuerwerk. Allein in der Silvesternacht werden laut Umweltbundesamt bis zu 17 Prozent des verkehrsbedingten Jahresvolumens an Feinstaub freigesetzt.

Wenn die Diskussion um die Gesundheitsgefahren von Feinstaub und Stickoxid sich immer nur auf die Schadstoffe bezieht, die vom Verkehr verursacht wurde, greift das zu kurz. In meiner lungenärztlichen Spezialambulanz haben die Eltern von Kindern mit Asthma öfters berichtet, dass ihre Kinder beim Essenkochen mit dem Erdgasherd mit Husten oder Atemnot reagiert haben, wenn dabei nicht gelüftet wurde. Grund dafür waren dann die bei der Verbrennung deutlich angestiegenen Stickoxidkonzentration.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang Fahrverbote?

Mit der Sperrung einzelner Straßenzüge erreicht man mit Sicherheit keine deutliche Reduzierung der Luftbelastung mit Schadstoffen. Wirkungsvoller wäre in dieser Hinsicht eine blaue Plakette. Allerdings muss man feststellen, dass in dieser Diskussion die eigentlichen Verursacher des Problems nur mit Appellen bedacht wurden. Denn die Autohersteller wurden lediglich aufgefordert, doch bitte die Software neu zu justieren oder Adblue-Tanks zu verbessern. Einen Zwang für die Autoindustrie, die nicht ordnungsgemäß produzierten Motoren nachzurüsten, gibt es in Deutschland bislang nicht. Wenn Industrien mit großer ökonomischer Macht und Bedeutung für eine Volkswirtschaft so auftreten, wie dies die Autoindustrie gerade tut, ist das Primat der Politik gegenüber der Ökonomie kaum durchsetzbar, es sei denn unter massivem juristischen Druck bzw. Druck der Zivilgesellschaft.


Mit welchen Maßnahmen könnte man eine gesundheitsgefährdende Schadstoffbelastung vermeiden?

Neben der Reduzierung von verkehrsbedingten Schadstoffen weisen wir als Kinderärzte darauf hin, dass auch Schadstoffe aus anderen Quellen reduziert werden müssen. Zum Beispiel muss man den Eintrag von Ammoniak in die Atmosphäre reduzieren. Deutschland hat dies in den letzten dreißig Jahren nicht adäquat umgesetzt und damit auch gegen die EU-Regeln verstoßen. Zu Recht wurde Deutschland deshalb bereits zum zweiten Mal vor dem EuGH angeklagt. Der Regulierungsbedarf ist hoch, aber auch hier sind die Lobbyorganisationen der Agrarindustrie sehr mächtig.

Wo sehen Sie weitere Versäumnisse der Politik, die sich schädlich auf die Gesundheit auswirken könnten?

Ich habe mich fast zwanzig Jahre lang intensiv mit dem Phänomen der Fettleibigkeit = Adipositas bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Bei der Frage, was man tun kann, um Kinder vor Fettleibigkeit zu schützen, kamen wir schnell auf die Rolle von industriell gefertigten Produkten. Übersüßte Getränke und Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und zum Teil auch Eiweißgehalt, spielen bei der Entstehung von Adipositas eine maßgebliche Rolle. Seit Jahren fordern die kinderärztlichen Verbände und Fachgesellschaften eine Art „Nutriscore“ oder Ampelsystem, aber die jeweiligen BundesministerInnen für Ernährung und Landwirtschaft können sich ebenso lange nicht dazu durchringen. Stattdessen setzt man immer wieder auf die Selbstregulierung der Industrie und auf Verhaltensänderung der Menschen, um eine tatsächliche und wirksame, gesetzliche Regulierung zu vermeiden.

Um auf das Thema Luftschadstoffe zurückzukommen: Um Ammoniak in der Luft zu vermeiden, müsste man zum Beispiel die Massentierhaltung begrenzen, die Ernährung der Tiere in Richtung eiweißarmes Futter umsteuern und damit auch das Tierwohl an die erste Stelle setzen. Konkrete Möglichkeiten der Umsetzung stehen zur Verfügung, setzen jedoch auch hier politischen Willen und höhere Investitionen voraus.

Was können besorgte Eltern tun, um ihre Kinder vor Luftschadstoffen zu schützen?

Mir ist wichtig zu sagen: Es gibt keinen Grund zur Panik. Die Schadstoffkonzentrationen in der Außenluft, mit denen wir es in Deutschland aktuell zu tun haben, sind teilweise erhöht messbar, liegen aber deutlich unter den Werten z.b. in chinesischen oder indischen Ballungszentren. Im Sinne eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes haben dennoch alle Menschen ob groß oder klein, vor allem die in der Stadt und in verkehrsreichen Stadtteilen wohnen, einen Anspruch darauf, vor schadstoffbelasteter Luft geschützt zu werden. Deshalb muss aus Sicht der umweltmedizinisch aktiven Kinder- und Jugendärzte die Einhaltung der EU-Jahresgrenzwerte für Feinstaub PM 2,5 von demnächst 20 µg/m³ und Stickoxiden von 40 µg/m³ kurzfristig durch geeignete gesetzgeberische und verkehrslenkende Maßnahmen erzwungen werden.

Wohnt man an einer viel befahrenen Straße sollte man das Lüftungsverhalten entsprechend anpassen. Das bedeutet, dass das Stoßlüften, das zwei bis drei Mal täglich für ca. 10 Minuten durchgeführt werden sollte, um die Feuchtigkeit in Innenräumen und auch das Kohlendioxid zu senken, möglichst in den verkehrsberuhigten Zeiten und nicht unbedingt zur Rush Hour erfolgen sollte.

Sinnvoll ist es - wenn immer möglich - an Stelle des Autos mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Dabei sollte man mit dem Fahrrad samt Kinderbeiwagen die stark belasteten Verkehrsadern meiden und lieber einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, ein Rat, der auch für Spaziergänge mit dem Kinderwagen gilt, um so die kleinen Kinder möglichst wenig den Abgasen auszusetzen.

Wie schon betont, fällt die Luftschadstoffbelastung von Kindern durch Passivrauchen in Wohnungen ungleich höher aus als die Belastung durch die Außenluft, selbst an viel befahrenen Straßen. Die Eltern können also viel zur Gesundheit ihres Kindes beitragen, wenn sie nicht in Innenräumen oder Autos rauchen. Bereitet man das warme Essen mit dem Erdgasherd vor, sollte auf eine angemessene Lüftung geachtet werden.

Dunstabzugshauben schützen nur, wenn sie an einen Abluftkamin angeschlossen sind. Betreibt man einen geschlossenen Kaminofen, ist unbedingt auf einen Feinstaubfilter zu achten.

Wohnt man in der Nähe von Tiermastbetrieben kann man eigentlich nur empfehlen, auf eine Dauerlüftung zu verzichten und politisch aktiv zu werden, um die Betriebe zum Einbau von entsprechenden Filtern zu veranlassen.

Herr Dr. Lob-Corzilius, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:

1) Thomas Lob-Corzilius, Feine und ultrafeine Stäube beeinflussen wesentlich die Kindergesundheit (Teil 1), Pädiatrische Allergologie » 04/2018, Umweltmedizin, S. 37 – 41

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