Kindergesundheit Feinstaub Stickoxide

Dr. Thomas Lob-Corzilius zum Thema: Kindergesundheit - welchen Einfluss haben Feinstaub und Stickoxide?

Kindergesundheit: Der Einfluss von Feinstaub und Stickoxiden

Was zeigte diese große Geburtskohorten-Studie im Zusammenhang mit der Gesundheitsbelastung von Kindern durch Feinstaub?

Bei einer dieser Studien4) wurden Kinder, die alle in einem bestimmten Zeitraum geboren worden waren, im Alter von 10 bis 15 Jahren nachuntersucht. Dabei lag der primäre Fokus auf möglichen Zusammenhängen zwischen Erkrankungen wie Allergien und Asthma und der Exposition der Kinder mit einer hohen Feinstaubkonzentrationen von PM2,5 am Geburtsort und den Wohnadressen. Dabei fand sich ein weiteres überraschendes Ergebnis:  Das Risiko ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bzw. einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu entwickeln, lag bei den Jugendlichen, die an verkehrsreichen Straßen lebten, um 14 Prozent höher, als bei den Jugendlichen, die weiter entfernt vom Straßenverkehr lebten.

Eine englische Studie5) aus 2018 hat die Schadstoffbelastung von Kindern in Kinderwägen, die an verkehrsbelasteten Straßen entlang gefahren wurden, mit der Luftschadstoffbelastung der begleitenden Erwachsenen verglichen. Das Ergebnis:  die Belastung der Kinder lag 60 Prozent über der der Erwachsenen. Dabei ging es nicht allein um Feinstaub und NO2, sondern auch um Stäube, die z.B. bei Bremsvorgängen durch den Reifenabrieb entstehen können. Eine aktuelle amerikanische Studie6) aus Utah zu Feinstaub ist hier ebenfalls von Interesse. Hier konnte nachgewiesen werden, dass Kinder zwischen 0-2 Jahren nach vorangegangener Feinstaubbelastung um 10 yg/m³ ein um 15% erhöhtes Risiko für virusausgelöste und schwerer verlaufende Bronchitiden entwickelten, die zu einer notwendigen medizinischen Versorgung führte. Feinstäube erhöhen somit die Empfänglichkeit für Infekte in der Säuglings- und Kleinkinderzeit, gemeinsam verursachen sie eine Entzündung der Atemwegsschleimhaut  und beschleunigen so die bronchiale Übererregbarkeit. Zusammen mit kalter Luft oder körperlicher Anstrengung kann dies zu asthmatischen Reaktionen führen.

Dadurch kann auch eine allergische Sensibilisierungsbereitschaft befördert werden. Sehr interessant sind in diesem Zusammenhang Untersuchungen, die nahelegen, dass Feinstäube Pollenfragmente und damit Allergene in die tiefen Atemwege transportieren können und dort eine immunologische Reaktion auslösen können.     

      

Ob Luftschadstoffe die Ursache für bestimmte Erkrankungen sind oder eher verstärkend wirken kann man aktuell sicher noch nicht sagen…

Zurzeit kann man in der Tat nicht sagen, ob Feinstäube und NO2 die besagten Erkrankungen verursachen. Man kann jedoch sagen, dass sie die besagten Erkrankungen begünstigen.

In einer sog. Metaanalyse7) von 41 weltweit durchgeführten Studien wurde gezeigt, dass das relative Risiko Asthma zu entwickeln für Kinder um 48 Prozent erhöht ist, wenn die dauerhafte Luftbelastung mit Stickoxiden über 30 μg/m³ lag. Wichtige weitere Faktoren wie erbliche Vorbelastung, sozioökonomische Faktoren, Rauchbelastung etc. wurden bei der Auswertung natürlich berücksichtigt.

Was weiß man darüber, inwiefern Schädigungen durch Luftschadstoffe im Kindesalter reversibel sind?

Grundsätzlich kann man sagen, je kürzer eine Schadstoffexposition andauert, umso wirksamer sind die Reparaturmechanismen unseres Körpers. Umgekehrt gilt: je länger ein Schadstoff einwirkt, umso irreversibler sind die Schäden. Dies betrifft zum Beispiel die Einschränkung des kindlichen Lungenwachstums und damit der Lungenfunktion. Gerade für Kinder im Kleinkindalter ist das von Nachteil, denn in diese Zeit fällt die intensive Organentwicklung von, zum Beispiel, Lunge und Gehirn. Wahrscheinlich entfaltet die Mischung aus Stickoxiden und Feinstäuben die schädliche Wirkung, zumal Stickoxide ein Indikator für Feinstaub sind. Für Kinder in stark belasteten Regionen der sogenannten 3. Welt geht die WHO von einer Irreversibilität der Schäden durch langdauernde Luftverschmutzung aus.

Allerdings ist es mir in diesem Zusammenhang wichtig zu erwähnen, dass das Thema „Luftverschmutzung“ nicht allein auf die Schadstoffquelle „Straßenverkehr“ reduziert werden darf. Es gibt auch Luftschadstoffe aus natürlichen Quellen wie z.B. feinster Sandstaub, aber auch Ammoniak in der Landwirtschaft ist ein bedeutender Faktor gerade in sog. Reinluftgebieten.

Herr Dr. Lob-Corzilius, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1)      Thomas Lob-Corzilius, Feine und ultrafeine Stäube beeinflussen wesentlich die Kindergesundheit (Teil 2), Pädiatrische Allergologie, 01/2019,  42 – 46

2)      Gestational diabetes and preeclampsia in association with air pollution at levels below current air quality guidelines, Malmqvist E1, Jakobsson K, Tinnerberg H, Rignell-Hydbom A, Rylander L, Environ Health Perspect. 2013 Apr;121(4):488-93. doi: 10.1289/ehp.1205736. Epub 2013 Jan 16, (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23563048)

3)      H Hullmann M, Albrecht C, van Berlo D et al. Diesel engine exhaust accelerates plaque formation in a mouse model of Alzheimer’s disease. Part Fibre Toxicol 2017; 14: 35. (http://www.iuf-duesseldorf.de/pm20170913/articles/den-auswirkungen-von-luftverschmutzung-auf-das-gehirn-auf-der-spur.html)

4)   Heinrich J, Guo F, Fuertes E .Traffic-Related Air Pollution Exposure and Asthma, Hayfever, and Allergic Sensitisation in Birth Cohorts: A Systematic Review and Meta-Analysis. Geoinfor Geostat: An Overview 2016; 4: 4.53

5)   Sharma A, Kumar P. A review of factors surrounding the air pollution exposure to in-pram babies and mitigation strategies, Environment International 2018; 120: 262–278

6)   Horne, Joy, Hofmann, et al.: Air Pollution as Predecessor of ALRI Encounters. Am J Respir Crit Care Med 2018, Vol 198, Iss 6, 759–766

7)   Khreis H, Kelly  C, Tate J, Parslow R, Lucas K , Nieuwenhuijsen M Exposure to traffic-related air pollution and risk of development of childhood asthma, Environment International 2017 Volume 100, 1-31

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