Asthma und Sport

Klaus Pleyer, Sportlicher Berater und Leiter Physikalische Therapie der Hochgebirgsklinik Davos

Asthma und Sport: Wie vermeidet man Fehler? Wie macht man’s richtig?

Zu Thomas Manns Zeiten verordnete man bei Lungenerkrankungen noch "Liegekuren". Doch diese Zeiten sind vorbei. Seit langem hat man erkannt, dass körperliche Betätigung gerade bei Lungenerkrankungen einen positiven Effekt hat. Das gilt auch für allergisches Asthma. Allerdings sind die Patienten manchmal verunsichert, wenn sie einerseits das Allergen, z.B. Pollen oder Hausstaub meiden sollen und andererseits Ausdauersport empfohlen wird. Hinzu kommt, dass Asthmaanfälle auch durch tiefes Einatmen ausgelöst werden können, was beim Sport ja kaum vermeidbar ist. MeinAllergiePortal sprach mit Klaus Pleyer, Sportlicher Berater und Leiter Physikalische Therapie der Hochgebirgsklinik Davos über die richtige Strategie.

Herr Pleyer, welche Sportarten sind für Menschen mit allergischem Asthma gut geeignet?

Generell kann man sagen dass Allergiker alle Sportarten machen können, die ihnen Freude und Spaß bringen, denn dies ist die Voraussetzung dafür, dass man auch längerfristig "dabei bleibt". Sehr empfehlenswert sind Ausdauersportarten mit einer geringeren Belastung über einen längeren Zeitraum kombiniert mit einem Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht. Geeignet sich auch Spielsportarten wie Ballspiele, Wurf- und Fangspiele, weil sie eine starke psychosoziale Komponente beinhalten. Zusammen mit Kollegen und Freunden Sport zu treiben ist etwas Schönes und motiviert zum Weitermachen. Eine Rolle spielt auch der "feste Termin", der mit solchen Sportarten verbunden ist. Man trifft sich regelmäßig mit Freunden, hat Spaß und auch noch Bewegung.

Manche Allergiker haben hier Bedenken, z.B. sind Menschen mit Pollenasthma oft nicht sicher ob sie joggen dürfen…

Manche können zu gewissen Zeiten tatsächlich keinen Sport im Freien treiben, weil die Pollendichte oder der Ozonwert zu hoch ist oder die Luft zu kalt. Hier kann man aber z.B. auf einen Hometrainer zu Hause ausweichen.

Man kann aber auch die Zeiten, in denen man den Sport im Freien betreibt, optimal wählen, indem man z.B. nach einem Regenschauer joggen geht, weil dann die Pollenkonzentration in der Luft niedriger ist. Auch in den frühen Morgenstunden und in den späten Abendstunden sind die Trainingsbedingungen besser. Wenn man diese Dinge berücksichtigt, kann man im Prinzip auch als Pollenasthmatiker im Sommer durchtrainieren. Allerdings spielt auch die Schwere der Allergie eine Rolle. Wer hier sehr stark betroffen ist, muss in bestimmten Monaten auf Indoor-Sportarten ausweichen.

Auch Hausstauballergiker haben Bedenken bei einem Training im staubigen Sportstudio. Wie sollte man sich hier verhalten?

Wen ein Studio oder eine Sporthalle wirklich extrem stark "eingestaubt" ist, wird ein Hausstauballergiker vermutlich Probleme bekommen. Letztendlich muss man das ausprobieren und testen, ob Beschwerden auftreten. Ist dies der Fall, lohnt es sich vielleicht die Initiative zu ergreifen, mit den anderen Nutzern einen Putzdienst zu organisieren und die Halle gemeinsam zu säubern – davon würden dann alle profitieren.


Motivation spielt beim Sport grundsätzlich eine große Rolle. Welche Verbesserungen sind bei Menschen mit allergischem Asthma durch Sport möglich?

Asthmatiker profitieren vom Sport in erster Linie dadurch, dass die körperliche Leistungsfähigkeit steigt und dadurch die Atmung reduziert wird. Damit ist er bei einer gewissen Belastung vor einem Asthmaanfall besser geschützt. Die Motivation regelmäßig Sport zu treiben liegt für Menschen mit allergischem Asthma also in der Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Wie sollten Asthmatiker vorgehen, die niemals Sport betrieben haben?

Vor Trainingsbeginn sollte zunächst ermittelt werden, wie die körperliche Leistungsfähigkeit aktuell aussieht. Dafür kann man einen 6-Minuten-Gehtest oder einen Belastungsergometer-Test absolvieren. Erreicht ein an allergischem Asthma erkrankter, z.B. bei der 6-Minuten-Gehstrecke  ein Leistung von 350 m, sollte das eine Motivation sein, diesen Wert zu halten oder durch das Training sogar zu verbessern. Bringt ihn dieser Leistungsstand gut durch den Alltag muss das Training darauf ausgerichtet werden diesen Leistungsstand zu erhalten.  Ziel sollte sein, den individuell optimalen Leistungsstand so lange wie möglich und bis ins hohe Alter zu erhalten. Praktisch bringt das den Betroffenen ein beschwerdefreieres und fitteres Leben. Wie jeder andere auch kann man dann trotz des allergischen Asthmas schwere Einkaufstaschen tragen, Treppen steigen, Fahrrad fahren etc. und legt damit den Behindertenstatus ab.

Kann der Sport beim Allergischen Asthma auch dazu beitragen, dass man weniger Medikamente nehmen muss?

Das kann ich eigentlich nicht bestätigen und ich kenne keine Studie, die diesen Effekt nachgewiesen hätte – auch nicht im Hinblick auf eine Verbesserung der Lungenfunktion. Ziel des Sports sollte es auch nicht sein, die regelmäßig einzunehmenden Medikamente zu reduzieren. Was sich verbessert, ist die körperliche Leistungsfähigkeit, die Muskulatur und das Herz-Kreislauf-System und dadurch steigert sich das Wohlbefinden und man muss evtl. das Notfallspray seltener einsetzen.  

Wir empfehlen unseren Patienten sogar, vor den Trainingseinheiten eine sogenannte Prä-Medikation – vorausgesetzt der behandelnde Arzt hat dies nicht anders angeordnet. Damit ist der Patient für die nächsten Stunden vor einer Verengung der Atemwege geschützt.  

Wichtig ist es aber, dass die Prä-Medikation auch wirklich vor der sportlichen Leistung erfolgt, denn nur das verhindert eine Verengung der Atemwege während der Belastung. Dahingegen ist es nicht sinnvoll, zuerst mit dem Training zu beginnen und immer erst dann, wenn man merkt, dass die Atmung eng wird, zum Spray zu greifen. Es ist nicht sinnvoll, die Leistungsfähigkeit "hochzusprayen".

Sollte es während der Belastung zu einer Atemwegsverengung kommen, sollte man im Nachgang überlegen was die Ursache war. Mögliche Gründe könnten sein, dass die Aufwärmphase zu kurz war, oder die Belastung zu intensiv, dass die Halle – bei Hausstauballergikern - zu staubig war, oder dass – bei Pollenallergikern – im Freien eine Pollenexposition aufgetreten ist, die nicht gut getan hat.


Was kann man denn tun, wenn die Atmung sich während des Trainings verengt?

Zunächst einmal sollte man die Intensität reduzieren bzw. ganz aufhören. Dann sollte man mit atmungserleichternden Techniken, wie z.B. der Lippenbremse versuchen, die Atmung wieder in den Griff zu bekommen. Zusätzlich sollte man atemerleichternde Stellungen einnehmen, wie z.B. den Kutschersitz oder die Torwartstellung. Wenn  das alles nicht weiterhilft und der Druck auf der Brust weiterhin vorhanden ist, sollte das Notfallspray zum Einsatz kommen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man das Notfallspray immer bei sich trägt, egal bei welcher Sportart. Auf jeden Fall sollte man auch seine Sportkameraden informieren und ihnen sagen, was sie im Fall der Fälle tun sollten.

Was ist eine Lippenbremse? Und was bedeuten Kutschersitz und Torwartstellung?

Bei der Lippenbremse presst man die Lippen ganz leicht aufeinander, atmet dadurch gegen einen Widerstand aus. Dadurch verändert sich der physikalische Druck in den Bronchien, die Bronchien werden etwas weiter und die Luft kann aus den Bronchien ausströmen. Das eigentliche Ziel der Lippenbremse ist es, die Lungen weniger stark zu überblähen und die Luft aus den Lungen ausströmen zu lassen.

Bei Kutschersitz und Torwartstellung geht es darum, das Gewicht der Schultern auf die Oberschenkel zu verlagern. Beim Kutschersitz stützt man dafür im Sitzen die Ellenbogen auf die Oberschenkel. Bei der Torwartstellung macht man dies im Stehen, d.h. in der Hocke, so wie man das auch oft bei den 100-Meter-Läufern beobachten kann, die nach dem Rennen völlig erschöpft im Ziel einlaufen. Oft stehen sie dann da mit auf den Oberschenkeln abgestützten Armen, um das Gewicht der Schultern abzugeben. Man kann dadurch wesentlich leichter atmen und es hilft, die Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.

Beim Sport geht es auch immer um Leistungssteigerung. Wäre für Menschen mit allergischem Asthma auch ein Halbmarathon erreichbar?

Als erstes sollte ein medizinischer Check-up stattfinden und der Arzt sollte bestätigen, dass der Asthma-Patient grundsätzlich in der Lage ist, einen Halbmarathon zu laufen. Dann sollte sich eine Ist-Analyse anschließen, d.h. der aktuelle Leistungsstand sollte ermittelt werden. Dann sollte man zusammen mit einem Trainer einen Trainingsplan erstellen, der ca. neun Monate abdeckt, mit dem Ziel einen Marathon zu laufen.

Der Trainingsplan sollte sauber aufgebaut sein, verschiedene Trainingsblöcke enthalten und immer wieder auf das aktuelle Leistungsniveau angepasst werden. Zum Training gehören ein Ausdauerblock, ein spezieller Kraftblock und ein "gemischter Trainingsblock". Später kommt ein spezifisches Wettkampftraining hinzu und bis dann irgendwann der eigentliche Marathon stattfindet, sollte immer wieder der Leistungsstand überprüft werden.  Wichtig ist es auch, bei jeder Trainingseinheit eine Aufwärmphase sowie eine Cool-down Phase einzuplanen.

Der Trainingsplan sollte natürlich auch auf das Alter des Patienten abgestimmt sein. Ist er bereits etwas älter, ist das Problem beim Marathon evtl. weniger in der Atmung zu sehen, sondern vielmehr im orthopädischen Bereich. In diesem Fall sollte man die Zielsetzung Halbmarathon überdenken und vielleicht auf Schwimmen oder Radfahren ausweichen, weil das weniger auf die Gelenke geht. Auch Nordic Walking ist eine gute Alternative.

Welche Rolle spielt beim Thema Asthma und Sport die "Reinheit" der Luft, in der man den Sport ausübt?

Wenn man ein allergisches Asthma hat, muss man mit der Umweltproblematik leben - sei dies die Luftverschmutzung, hohe Feinstaubwerte oder hohe Ozonwerte. Für Zuhause muss der Asthmatiker lernen, mit der Erkrankung richtig umzugehen. Dafür gibt es zum einen Schulungen. Zum anderen kann man, z.B. bei einer Allergie gegen Hausstaubmilben gewisse Maßnahmen ergreifen, um das eigene Haus zu sanieren und die Allergene zu reduzieren.

Man kann jedoch darauf achten, dass man an den Wochenenden oder im Urlaub auf eine gute Luftqualität achtet. Für das Wochenende sind Ausflüge in den Wald empfehlenswert, schon allein wegen der positiven Wirkung, die so ein Ausflug auf die Psyche und das Wohlbefinden hat. Für den Urlaub eignet sich das Hochgebirge, d.h. Lagen über 600 m Höhe und nicht unbedingt eine Großstadt. In Hochlagen ist die Pollenintensität geringer und man kann sich relativ gut erholen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Themas "Allergisches Asthma" in den letzten Jahren?

Wir sehen in unserer Klinik zunehmend junge Patienten, die unter einer Pollenallergie leiden. Hier kann ich nur empfehlen, frühzeitig einen Pneumologen zu kontaktieren und den Etagenwechsel zum Allergischen Asthma zu verhindern. Wichtig ist hier eine saubere Diagnostik des auslösenden Allergens. Generell nehmen die Allergien zu und es ist wichtig, schon bei ersten Anzeichen wachsam zu sein um schnell Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

Herr Pleyer, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch!

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