Unverträglichkeit von Salicylaten

Prim. Prof. Dr. Tilman Keck, Abteilungsvorstand HNO im Krankenhaus der Elisabethinen in Graz

Adaptive Desaktivierung bei Unverträglichkeit von Salicylaten

Behandeln Sie mit der adaptiven Desaktivierung auch Patienten, die auf Salicylate in Nahrungsmitteln unverträglich reagieren?

Der typische Patient mit einer Analgetika-Intoleranz reagiert nicht auf Nahrungsmittel. Pauschal gesagt, enthalten fast alle Nahrungsmittel, vor allem die schmackhaften, Salicylate. Ob Obst, Käse, Wein, Fleisch etc., überall sind Salicylate enthalten, allerdings nur in sehr geringen Mengen. Über Schockreaktionen nach dem Verzehr von Nahrungsmitteln berichtet deshalb kaum ein Patient.  

Damit es zu einer akuten Reaktion kommt, wie dies bei der Arzneimittelunverträglichkeit der Fall ist, bedarf es schon einer hohen Dosis an Salicylaten. Zudem muss man wissen, dass diese nach kurzer Zeit wieder aus der Blutbahn ausgeschleust werden. Sie können in ihrer Summe jedoch stimulierend wirken und befeuern das Krankheitsbild. D.H. sie tragen dazu bei, dass das Krankheitsbild irgendwann zum Ausbruch kommt. Die konstante Salicylatzufuhr, die über Jahre erfolgt, führt zu einem Triggern der Zelle, in der die biochemische Störung verankert ist. Wahrscheinlich besteht diese Störung sogar von Geburt an und dann kommt es z.B. durch einen respiratorischen Infekt oder eine hohe Dosis eines Schmerzmittels plötzlich zum Ausbruch.  

Und wie sieht diese akute Reaktion des Patienten aus?

Eine akute Reaktion kann dann auftreten, wenn der Patient z.B. bereits seit geraumer Zeit einen Fließschnupfen hat, dann ein Asthma hinzu kommt und irgendwann ein Schmerzmittel nimmt und darauf dann unmittelbar mit Atemnot oder Hautausschlag reagiert oder sogar in einen Schockzustand kommt. Es handelt sich dabei allerdings nicht um einen allergischen Schock, denn eine ASS Unverträglichkeit ist keine Allergie wie z.B. die Allergie auf Hausstaubmilben, sondern eine Pseudoallergie, d.h. das Immunsystem ist nicht beteiligt. Der Patient, der all dies aber nicht weiß, muss den Eindruck haben, dass er gerade einen Allergischen Schock erleidet. Zu Magen-Darm-Symptomen kommt es üblicherweise nicht.

Berichtet ein Patient über eine solche Reaktion und über die genannten Symptome, liegt der Verdacht auf eine Allergie oder eine Pseudoallergie oder Intoleranz, d.h. eine biochemische Störung, nahe. Auf jeden Fall muss dann abgeklärt werden, worum genau es sich handelt.

Viele Patienten wissen, dass sie einmal eine Unverträglichkeitsreaktion auf ein Medikament hatten, leiden auch unter Asthma und Nebenhöhlenproblemen, sehen aber hier keinen Zusammenhang. Erst eine ganz gezielte Befragung deckt dann diese Zusammenhänge auf.

Wie gehen Sie bei der Diagnose der ASS-Unverträglichkeit vor?

Letztendlich erfolgt die Diagnose einer Salicylateunverträglichkeit über die Konfrontation mit ASS nach einem bestimmten Schema, das in jedem Zentrum etwas anders gehandhabt wird.

Wir geben dem Patienten zunächst oral ein einfach verblindetes Plazebo und dann wird der Patient über zwei bis drei Stunden beobachtet. In dieser Zeit wird im 30minütigen Rhythmus ein Lungenfunktionstest durchgeführt, der den FEV 1-Wert in einem Peak-Flow-Meter bestimmt. FEV steht für forciertes expiratorisches Volumen, ein Berechnungsparameter, der auf alters- und geschlechtsspezifischen Normwerten basiert. Der FEV 1-Wert bestimmt das Ausatemvolumen über eine Sekunde. Das "forciert" bezieht sich darauf, dass man  sehr kräftig in das Messgerät hineinblasen muss. Dieses ermittelt dann elektronisch das in der ersten Sekunde durchgeleitete Luftvolumen. Dieser Wert wird dann mit den  entsprechenden Normwerten verglichen und das Ergebnis ist ein prozentualer Wert, der die Abweichung von der Norm wiedergibt. Der erste, mit dem Plazebo ermittelte Wert, gilt als belastungsfreier individueller Referenzwert des Patienten für die dann folgende tatsächliche Provokation mit ASS.

Reagiert der Patient allerdings bereits auf den Plazebo mit einem schlechten  Lungenwert, was z.B. aufgrund von Nervosität der Fall sein kann, muss der Test zunächst abgebrochen und zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden, denn ein objektiver Vergleich ist dann nicht mehr möglich.

Reagiert der Patient "normal", erfolgt die tatsächliche Gabe von 1000 mg Paracetamol, eine schwache Dosis, die bei entsprechend sensiblen Menschen bereits zu einer Verschlechterung des FEV 1-Wertes, sprich der Lungenfunktion, führen. Möglich sind aber auch Symptome wie nasale Beschwerden, d.h. eine laufende Nase, eine verstopfte Nase oder Jucken der Haut feststellbar.

Wenn der Patient bereits auf die Paracetamol-Gabe Reaktionen zeigt, beginnen wir die ASS Gabe mit der sehr geringen Dosis von 6 mg. Im Vergleich zu einer Schmerztablette, die 500 mg ASS enthält, ist diese Dosis verschwindend gering. Hat der Patient auf die Paracetamol Gabe nicht reagiert, steigen wir bei der ersten ASS-Dosis mit 30 mg ein und steigern dann auf 60 mg, 100 mg, 150 mg bis 500 mg.

Wenn der Patient eine ASS Intoleranz hat, wird er irgendwann eine Reaktion zeigen – viele reagieren zwischen 60 und 100 mg, entweder in Form eines abfallenden FEV 1-Wertes oder mit massiven nasale Beschwerden, ähnlich einer Attacke bei Heuschnupfen oder mit asthmatischen Beschwerden und damit ist die Diagnose erstellt.

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