Bienengiftallergie Wespengiftallergie allergischer Schock Anaphylaxie

Priv.-Doz. Dr. med. Timo Buhl, Oberarzt der Klinik, Leiter Allergologie an der Universitätsmedizin Göttingen zur Anaphylaxie bei Bienengift- oder Wespengiftallergie!

Bienengiftallergie? Wespengiftallergie? Wann droht ein allergischer Schock?

Und wie wirken sich physische Belastungssituationen auf den Schweregrad der Anaphylaxie bei Insektengiftallergikern aus?

Man weiß, dass körperliche Anstrengung, z.B. beim Sport, allergische Reaktionen verstärken können. Ein Beispiel dafür ist die WDEIA (wheat dependent excercise induced anaphylaxis), eine Form der Allergie auf Weizen, bei der die allergische Reaktion erst durch die Kombination von körperlicher Anstrengung und Verzehr von Weizen ausgelöst wird. Man kann also davon ausgehen, dass physische Belastungen auch die anaphylaktische Reaktion von Bienengift- oder Wespengiftallergikern nach einem Stich verstärken können. Ein Stich nach einem Marathon könnte sich z.B. deutlich eher zu einer schweren Anaphylaxie entwickeln, als ein Stich in relaxtem Zustand.

Allerdings gibt es hierzu keine Studien, denn eine solche Situation kann man schwerlich “nachstellen“. Aus der Erfahrung mit der retrospektiven Befragung der Patienten bei der Anamnese ergibt sich jedoch, dass körperliche Anstrengung beim Stichereignis einen verstärkenden Effekt auf die allergische Reaktion von Insektengiftallergikern haben kann.

Advertorial

Sie hatten unter anderem „schwere allergische Symptome“ als Risikofaktor für einen schweren allergischen Schock bei Menschen mit Wespengift- oder Bienengiftallergie genannt. Kann es auch bei Insektengiftallergikern, die bisher nur milde Reaktionen auf Stiche zeigten, plötzlich zu einer schweren Anaphylaxie kommen?

Bei dieser Frage muss man zwischen Erwachsenen und Kindern unterscheiden.

Bei Erwachsenen weist es bereits auf ein erhöhtes Risiko für eine schwere anaphylaktische Reaktion hin, wenn nach einem Insektenstich Reaktionen auftreten, die nicht unmittelbar die Einstichstelle betreffen. Hier sollte eine zeitnahe Diagnose erfolgen, um bestehende Risiken zu ermitteln. Zum einen nimmt die Schwere der allergischen Reaktion bei erwachsenen Insektengiftallergikern eher zu, zum anderen kommen im Laufe des Lebens oft auch immer mehr Risikofaktoren hinzu. Die Entwicklung bei Erwachsenen geht also eher in die Richtung von einer leichten zu einer tendenziell schwerer werdenden allergischen Reaktion auf Insektenstiche. Es gibt aber auch Patienten, bei denen die erste Reaktion sofort eine schwere Anaphylaxie ist.  

In der Regel würde man erwachsenen Patienten, bei denen es zu systemischen Reaktionen kam, eine Desensibilisierungstherapie gegen Bienengift oder Wespengift empfehlen, wenn keine Kontraindikation besteht.

Kinder können nach einem Insektenstich ein generalisiertes Nesselfieber, d.h. eine Urtikaria entwickeln, was in aller Regel aber nicht zu schweren Anaphylaxien führt. Warum dies so ist, wurde noch nicht erforscht. Auch der Umstand, dass man im Blut bei Kindern nicht nur bei 25 Prozent der Untersuchten eine Insektengiftsensibilisierung findet, sondern bei über 50 Prozent, ohne dass es zu einem schwerwiegenden Stichereignis kommt, konnte noch nicht geklärt werden.
Bei Kindern wird die spezifische Immuntherapie (SIT) gegen Insektengift deshalb tendenziell nicht empfohlen, solange die allergischen Reaktionen leicht sind und nicht mit Atemnot, Kreislaufschwäche etc. einhergehen.

Was soll ein Insektengiftallergiker nach einem Bienenstich oder Wespenstich tun und wie geht man vor, wenn man einen allergischen Schock befürchtet?

Die allererste Maßnahme, wenn ein Bienengiftallergiker oder ein Wespengiftallergiker gestochen wird, ist es, den Stachel zu entfernen, falls dieser noch in der Haut steckt. Bei Bienenstichen ist dies meist der Fall und dann hängt oft die Giftblase noch am Stachel und pumpt weiter Gift in den Körper. Den Stachel mit dem Fingernagel „wegkratzen“ ist die beste Methode, einen Bienenstachel zu entfernen, denn mit einer Pinzette oder ähnlichem besteht die Gefahr, sich auch noch den letzten Rest Gift in den Körper zu injizieren.      

Im Idealfall weiß der Patient, ob er eine Insektengiftallergie hat oder nicht, denn dann weiß er durch die Instruktionen seines Arztes genau, was zu tun ist - wir geben dafür z.B. auch ein Merkblatt aus. Eine exakte Diagnose ist deshalb sehr wichtig.

Bei nachgewiesenen Allergien auf Bienengift oder Wespengift ist ein Stichereignis durch das relevante Insekt eine Alarmsituation und dann sollte der Patient sofort sein Anaphylaxie-Notfallset nutzen und eine Akuttherapie einleiten. Ein Anaphylaxie-Notfallset besteht aus flüssigem Kortison, einem flüssigen Antihistaminikum und einem Adrenalin-Autoinjektor. Als erstes sollten die beiden flüssigen Medikamente genommen werden und gegebenenfalls sollte auch der Adrenalin-Autoinjektor angewendet werden. Parallel dazu muss unbedingt sofort der Notarzt gerufen werden.

Es gibt Fälle bei denen zwar keine gesicherte Diagnose einer Allergie auf Bienengift oder Wespengift vorliegt, bei denen dies aber auch noch nicht ausgeschlossen werden konnte. Hier gilt die alte Flieger-Regel „safety first“, das bedeutet, auch hier würde man dem Patienten ein Anaphylaxie-Notfallset verordnen.

Der Patient müsste jedoch nicht sofort die Notfallmedikamente einnehmen, sondern sollte zunächst abwarten, ob sich allergische Reaktionen über die Einstichstelle hinaus zeigen. Herzklopfen, ein flaues Gefühl oder Panik spricht noch nicht unbedingt für einen allergischen Schock. Erst wenn sich die systemischen allergischen Reaktionen zeigen, die wir gerade besprochen haben, sollte der Patient seine Anaphylaxie-Notfallmedikamente einsetzen und dann ebenfalls den Notarzt rufen.

Die gleiche Vorgehensweise empfiehlt sich auch für Patienten, die eine spezifische Immuntherapie durchgeführt haben, insbesondere dann, wenn sich deren Desensibilisierung durch eine Stichprovokation oder einen Felsstich bestätigt hat. Auch diese Patienten würden ein Notfallset bekommen, sie sollten jedoch zunächst abwarten, ob sich nach einem Stich Systemreaktionen einstellen. Sobald die Notwendigkeit besteht, die flüssigen Medikamente aus dem Anaphylaxie-Notfallset einzunehmen, sollte auch hier der Notarzt gerufen werden.

Als Grundregel für alle Fälle gilt, dass die Patienten stets ihr Anaphylaxie-Notfallset mit sich führen und nach dem Insektenstich nicht allein sein sollten. Auf jeden Fall sollte man versuchen, jemanden hinzuzurufen und über die Situation zu informieren, damit notfalls Hilfe zur Verfügung steht.

Noch eine Frage zum Timing: Wie lange dauert es denn, bis es bei Allergikern nach einem Bienenstich oder Wespenstich zu einer allergischen Reaktion kommt?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eine echte allergische Reaktion bereits Minuten nach dem Bienenstich oder Wespenstich auftritt. Es kann auch einmal vorkommen, dass es 15, 30 oder 60 Minuten dauert, bis sich eine Insektenstichanaphylaxie zeigt. Nach dieser Zeit ist es unwahrscheinlich, dass es noch zu allergischen Reaktionen kommt - eine absolute Sicherheit gibt es aber auch dafür nicht.

Herr Privatdozent Buhl, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Bienengiftallergie? Wespengiftallergie? Wann droht ein allergischer Schock?

Nicht bei allen Menschen mit einer Bienengiftallergie oder einer Wespengiftallergie muss es zu einem allergischen Schock kommen, wenn es zu einem Stichereignis kommt. Grundsätzlich ist dies aber möglich und es gibt auch Risikofaktoren, die eine Anaphylaxie begünstigen können. Was sollten Insektengiftallergiker über den anaphylaktischen Schock wissen? Wie erkennt man einen allergischen Schock und was ist nach einem Bienenstich oder Wespenstich zu tun? Darüber sprach MeinAllergiePortal mit Priv.-Doz. Dr. med. Timo Buhl, Oberarzt der Klinik, Leiter Allergologie an der Universitätsmedizin Göttingen.

Herr Privatdozent Buhl, wie häufig kommt es bei Menschen, die auf Bienengift oder Wespengift allergisch sind, zu einem allergischen Schock?

Wir wissen, dass es bei 1,2  bis 3,5 Prozent der Normalbevölkerung nach Insektenstichen zu systemischen Reaktionen kommt und dass jährlich ca. 20 Todesfälle in Deutschland durch systemische bzw. anaphylaktische Insektengift dokumentiert werden. Man geht jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist, denn nicht bei jedem Todesfall wird die Todesursache untersucht und ein Insektenstich kann leicht übersehen werden.

Aber: Bei wie vielen Menschen mit bestehender Allergie auf Bienengift oder Wespengift eine  systemische Reaktion auftritt, d.h. wie häufig es tatsächlich bei Insektengiftallergikern zum allergischen Schock kommt, ist eine schwierige Frage.

Und warum ist die Frage nach der Häufigkeit von systemischen Reaktionen bzw. allergischen Schocks bei Bienengiftallergikern und Wespengiftallergikern schwierig?

Die Frage nach der Häufigkeit von systemischen Reaktionen bzw. allergischen Schocks bei Insektengiftallergikern ist deshalb schwer zu beantworten, weil die Diagnose von Allergien auf Bienengift oder Wespengift immer eine Herausforderung ist.

In Deutschland findet man bei 25 Prozent aller Erwachsenen beim Haut- oder Bluttest eine Sensibilisierung gegen Bienengift oder Wespengift. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Viertel der erwachsenen Deutschen Insektengiftallergiker sind. Nur ein sehr geringer Teil der Menschen mit einer Sensibilisierung auf Bienengift oder Wespengift zeigt nach einem Stich wirklich klinisch relevante allergische Symptome.

Hinzu kommt, dass aktuell kein Haut- oder Bluttest zur Verfügung steht, der mit 100prozentiger Sicherheit eine Allergie auf Bienengift oder Wespengift anzeigen oder ausschließen kann. Das bedeutet, die Diagnose einer Allergie auf Bienengift oder Wespengift ist immer das Ergebnis aus dem Zusammensetzen mehrerer Puzzleteile. Dazu gehören die Beschreibung des jeweiligen Stichereignisses durch den Patienten, die weitere Anamnese und die Ergebnisse aus den Testungen an Haut und Blut. Erst dadurch ergibt sich ein Bild, das dann unter Umständen auf eine Allergie gegen Insektengift hinweist.

Man sollte sich viel Zeit nehmen, um klar zu differenzieren, was für eine Insektengiftallergie - und potenziell für eine Anaphylaxie, d.h. einen allergischen Schock - spricht, und was eventuell der in diesen Situationen häufig auftretenden Panik geschuldet ist.

Sowie bei einer Anaphylaxie als auch bei Panikzuständen, die ja nach einem Stichereignis bei Insektengiftallergikern schnell entstehen können, kann es zu einer Tachykardie kommen, d.h. zu einem erhöhten Pulsschlag. Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied zwischen einem anaphylaktischem Schock und Panik: Bei einer Anspannungssituation wie Panik steigt auch der Blutdruck, bei einer Anaphylaxie hingegen, sinkt typischerweise der Blutdruck.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Beantwortung der Frage nach der Häufigkeit allergischer Schockzustände bei Insektengiftallergikern nach einem Stichereignis erschwert ist: Auch wenn die Diagnose Bienengiftallergie oder Wespengiftallergie gestellt ist, sind die individuellen Reaktionen der Patienten ausgesprochen unterschiedlich.

Wie erkennt man eine anaphylaktische bzw. systemische Reaktionen nach einen Stich durch eine Biene oder Wespe?

„Systemische Reaktion“ bedeutet:  Die Reaktion tritt an einer anderen Stelle des Körpers als an der Einstichstelle auf, denn an der Einstichstelle selbst ist eine Reaktion in Form von einer Rötung oder Schwellung normal.  

Eine systemische Reaktion kann sich auf viele Arten zeigen, z.B. durch:

-          Nesselfieber, d.h. eine Urtikaria am ganzen Körper

-          Schwellungen an anderen Körperarealen

-          Luftnot

-          Juckreiz

-          unfreiwilligen Harnabgang oder Kotabgang

-          Herzklopfen

-          Kreislaufabfall

-          Bewusstlosigkeit

-          bis hin zum Herz-Kreislauf-Stillstand

Ein Merkmal von anaphylaktischen Reaktionen ist ihre Objektivierbarkeit, d.h. man kann sie deutlich sehen. Ein Beispiel hierfür wäre z.B. ein Ausschlag, oder Veränderungen, die andere Anwesende am Patienten bemerken.

Ein sehr charakteristisches Zeichen für eine Anaphylaxie ist ein typischer Juckreiz an den Handinnenflächen, den Fußsohlen und im Genitalbereich. Die Ursache dafür kennt man nicht, aber häufig ist dies der Vorbote einer schweren Anaphylaxie.


Sie erwähnten die Unterschiedlichkeit der anaphylaktischen Reaktionen bei Insektengiftallergikern: Welche Faktoren beeinträchtigen die Heftigkeit der allergischen Reaktion und wann kommt es bei Insektengiftallergikern zum allergischen Schock?

Ein Faktor für die Heftigkeit von systemischen Reaktionen nach Insektenstichen ist das Insekt selbst.

Bei einem Bienengiftallergiker ist es z.B. relevant, ob es sich um eine junge oder um eine alte Biene handelt – bei älteren Bienen ist die Giftmenge meist größer als bei den jüngeren. Übrigens bleibt der Stachel von Bienen nach einem Stich meist in der Haut stecken und das Tier stirbt daran.

Die Wespe kann ihren Stachel nach dem Stich in der Regel wieder herausziehen und kann mehrfach zustechen. Bei Wespengiftallergikern spielt es deshalb z.B. eine Rolle, ob die Wespe vielleicht kurz vorher schon jemand anderen gestochen hat. War das der Fall, hat sie ihr Gift vielleicht schon „verspritzt“ und die restliche Giftmenge ist sehr gering. Das Risiko einer systemischen allergischen Reaktion oder gar einer Anaphylaxie ist dann deutlich geringer.

Dann gibt es Tiere, die vor dem Zustechen zunächst einen sogenannten „Alarmstich“ absetzen. Das bedeutet, sie spritzen vor dem Stich eine kleine Giftmenge in die Luft, sozusagen als Test. Dabei geht Gift verloren und für den tatsächlichen Stich wäre dann weniger Gift vorhanden, was ebenfalls das anaphylaktische Risiko senkt.

Nicht allein das Insekt selbst ist jedoch wichtig für den Schwergrad der anaphylaktischen Reaktion bei Insektengiftallergikern. Auch die Art und Weise, auf die der Stich erfolgt, spielt eine Rolle, z.B. der Einstichwinkel beim Stechen. Trifft das Insekt die Haut wirklich vertikal und der Stachel dringt tief in das Gewebe ein? Dann ist die injizierte Giftmenge groß und die Wahrscheinlichkeit einer Anaphylaxie steigt. Oder handelt es sich um einen oberflächlichen Stich, der an der Haut lediglich entlanggleitet? Dann ist die Giftmenge, die in den Körper gelangt, gering und die Wahrscheinlichkeit einer systemischen Reaktion ebenso.

Spielt es für das Stich- bzw. Anaphylaxierisiko eine Rolle, ob der Patient Bienengift- oder Wespengiftallergiker ist?

Ja, denn zunächst ist das Insekt selbst ein Faktor, der mit unterschiedlichen Risikopotentialen einhergeht. Grundsätzlich unterscheidet sich die Häufigkeitsverteilung - es gibt mehr Wespengiftallergiker als Bienengiftallergiker. Per se gibt es dadurch einfach mehr Menschen mit einer Wespengiftallergie, bei denen es nach einem Wespenstich zum allergischen Schock kommen könnte. 

Bei den Bienengiftallergikern geht oft mit dem Beruf ein erhöhtes Stichrisiko einher und somit auch ein erhöhtes Anaphylaxierisiko. An erster Stelle stehen hier die Imker, aber auch z.B. Bäckereifachverkäuferinnen tragen ein höheres Risiko. Im Sommer kommen die Insekten in die Bäckereien und das Stichrisiko steigt.

Allerdings ist es manchmal gar nicht so einfach, nach einem Stich zu identifizieren, ob es sich um eine Biene oder um eine Wespe gehandelt hat. Selbst Biologen sind oft nicht in der Lage, die Bienen und Wespen im Flug zu unterscheiden und die Angaben der Patienten, die ja in der Regel Laien sind, sind dementsprechend nicht immer verlässlich.

Auch die erwähnte Regel, dass der Stachel bei der Biene in der Haut bleibt und bei der Wespe nicht, gilt zwar meist, aber eben nicht immer. Auch ein Wespenstachel kann einmal steckenbleiben und auch ein Bienenstachel kann in seltenen Fällen wieder herausgezogen werden.

Die Frage nach dem „Verursacher“ ist aber dennoch ein wichtiges Puzzleteil bei der Diagnostik. Je mehr Hinweise vom Patienten kommen und je besser diese zu den Ergebnissen der Haut-und Bluttests passen, umso treffsicherer die Diagnose.

Gibt es auch Risikofaktoren für einen allergischen Schock, die beim Insektengiftallergiker selbst liegen?

Es gibt durchaus Risikofaktoren für einen anaphylaktischen Schock, die im Menschen selbst liegen können. Zum einen sind dies Faktoren, die im Umfeld und im Verhalten liegen, zum anderen physische Faktoren.

Es gibt, wie gesagt, Patienten, die per se häufiger gestochen werden als andere Menschen, weil sie beruflich oder durch ihre Freizeitbeschäftigung häufiger mit Bienen, Wespen, Hummeln oder Hornissen in Kontakt kommen. Wenn man häufiger von Insekten gestochen wird, besteht auch ein etwas größeres Risiko, dass es zu einem anaphylaktischen Schock kommt. Das höchste Expositionsrisiko tragen sicher die bereits erwähnten Imker, aber auch deren Ehepartner oder Nachbarn. Deshalb gehört bei der Anamnese die Frage nach einem Imker in der unmittelbaren Nachbarschaft zum Standard.

Neben der ebenfalls bereits erwähnten Bäckereifachverkäuferin, sind aber auch Obstverkäufer, Gärtner oder Waldarbeiter stärker exponiert, wenn es um Insektenstiche geht. Auch die Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr, die sich um Wespennester kümmern muss, tragen im Vergleich zur Normalbevölkerung ein erhöhtes Stichrisiko und somit ein höheres Risiko, eine Anaphylaxie zu entwickeln.

Das Freizeitverhalten spielt beim Expositionsrisiko ebenfalls eine Rolle. Menschen, die sich sehr häufig im Freien aufhalten, wie z.B. Ruheständler, die sehr häufig im Garten arbeiten, oder Ausdauersportler, die viel im Freien trainieren, sind stärker anaphylaxiegefährdet, wenn sie Insektengiftallergiker sind.


Sie erwähnten physische Faktoren, die bei der Allergie gegen Bienengift oder Wespengift das Anaphylaxierisiko erhöhen?

Es gibt bei Insektengiftallergikern Faktoren, die im Patienten selbst liegen und die beim Risiko für eine schwere anaphylaktische Reaktion eine Rolle spielen. 

Ein Faktor sind frühere schwere allergische Reaktionen, denn wenn ein Patient bereits eine schwere Anaphylaxie hatte, steigt das Risiko, dass sich dies wiederholt.

Grundsätzlich scheint auch das Alter ein Risikofaktor für einen allergischen Schock zu sein. Offenbar ist das 40. Lebensjahr eine Grenze, ab der das Risiko für schwere allergische Reaktionen ansteigt, unabhängig von anderen Faktoren und selbst dann, wenn bisher gar keine Insektengiftallergie bestand.

Auch kardiovaskuläre Erkrankungen, d.h. Erkrankungen des Herzens und der Lunge, sind ein Risiko für einen schweren allergischen Schock. Bestehen hier starke Vorschädigungen, zu denen dann die anaphylaktische Reaktion hinzukommt, ist das Risiko für eine schwere Anaphylaxie größer.  

Medikamente sind ein weiterer wichtiger Risikofaktor für eine Anaphylaxie bei Insektengiftallergikern. Problematisch sind z.B. Betablocker, die zur Blutdrucksenkung verordnet werden.

Eine sehr seltene, aber sehr wichtige Erkrankung im Zusammenhang mit dem Anaphylaxierisiko von Insektengiftallergikern, ist die Mastozytose. Auch bei Mastozytose-Patienten ist das Risiko, eine schwere Anaphylaxie zu erleiden, erhöht.

Gilt das erhöhte Risiko für schwere Anaphylaxien, abgesehen von der Mastozytose, auch für andere Mastzellenaktivierungssyndrome?

Es gibt hierzu keine guten Studien. Man könnte annehmen, dass es ein Risikofaktor für eine schwere Anaphylaxie ist, wenn die Mastzellen zu einer erhöhten Aktivität neigen.

Für das Anaphylaxierisiko bei Mastzellenaktivierungssyndromen ist die Tryptase im Blut ein guter Indikator. Ein erhöhter Tryptasewert ist ein Hinweis auf die mögliche Schwere einer anaphylaktischen Reaktion. Allerdings ist bei den meisten Mastzellenerkrankungen der Tryptasewert nicht erhöht und hier besteht wahrscheinlich auch kein erhöhtes Anaphylaxierisiko.

Gibt es noch weitere Risikofaktoren für schwere allergische Schocks bei Bienengift oder Wespengiftallergikern?

Auch physische und psychische Belastungssituationen spielen eine Rolle, wenn es um das Risiko für eine schwere allergische Reaktion für Insektengiftallergiker geht, wobei man mit der Forschung hier noch am Anfang steht.

Man weiß, dass Stress generell dazu in der Lage ist, Hauterkrankungen zu beeinflussen. Für die Erkrankung Neurodermitis ist dies belegt, denn hier weiß man, dass bestimmte Botenstoffe, die durch Stress freigesetzt werden, auf der Nervenebene zu Hautentzündungen und Juckreiz führen.

Auch bei der Anaphylaxie kann Stress durchaus einen Einfluss auf die Schwere der anaphylaktischen Reaktion haben. Wenn stressbedingt bereits Belastungs- und Erregungsbotenstoffe im Körper vorhanden sind, kann dies die allergische Reaktion von Insektengiftallergikern nach einem Stichereignis verstärken.

Und wie wirken sich physische Belastungssituationen auf den Schweregrad der Anaphylaxie bei Insektengiftallergikern aus?

Man weiß, dass körperliche Anstrengung, z.B. beim Sport, allergische Reaktionen verstärken können. Ein Beispiel dafür ist die WDEIA (wheat dependent excercise induced anaphylaxis), eine Form der Allergie auf Weizen, bei der die allergische Reaktion erst durch die Kombination von körperlicher Anstrengung und Verzehr von Weizen ausgelöst wird. Man kann also davon ausgehen, dass physische Belastungen auch die anaphylaktische Reaktion von Bienengift- oder Wespengiftallergikern nach einem Stich verstärken können. Ein Stich nach einem Marathon könnte sich z.B. deutlich eher zu einer schweren Anaphylaxie entwickeln, als ein Stich in relaxtem Zustand.

Allerdings gibt es hierzu keine Studien, denn eine solche Situation kann man schwerlich “nachstellen“. Aus der Erfahrung mit der retrospektiven Befragung der Patienten bei der Anamnese ergibt sich jedoch, dass körperliche Anstrengung beim Stichereignis einen verstärkenden Effekt auf die allergische Reaktion von Insektengiftallergikern haben kann.

Sie hatten unter anderem „schwere allergische Symptome“ als Risikofaktor für einen schweren allergischen Schock bei Menschen mit Wespengift- oder Bienengiftallergie genannt. Kann es auch bei Insektengiftallergikern, die bisher nur milde Reaktionen auf Stiche zeigten, plötzlich zu einer schweren Anaphylaxie kommen?

Bei dieser Frage muss man zwischen Erwachsenen und Kindern unterscheiden.

Bei Erwachsenen weist es bereits auf ein erhöhtes Risiko für eine schwere anaphylaktische Reaktion hin, wenn nach einem Insektenstich Reaktionen auftreten, die nicht unmittelbar die Einstichstelle betreffen. Hier sollte eine zeitnahe Diagnose erfolgen, um bestehende Risiken zu ermitteln. Zum einen nimmt die Schwere der allergischen Reaktion bei erwachsenen Insektengiftallergikern eher zu, zum anderen kommen im Laufe des Lebens oft auch immer mehr Risikofaktoren hinzu. Die Entwicklung bei Erwachsenen geht also eher in die Richtung von einer leichten zu einer tendenziell schwerer werdenden allergischen Reaktion auf Insektenstiche. Es gibt aber auch Patienten, bei denen die erste Reaktion sofort eine schwere Anaphylaxie ist.

In der Regel würde man erwachsenen Patienten, bei denen es zu systemischen Reaktionen kam, eine Desensibilisierungstherapie gegen Bienengift oder Wespengift empfehlen, wenn keine Kontraindikation besteht.

Kinder können nach einem Insektenstich ein generalisiertes Nesselfieber, d.h. eine Urtikaria entwickeln, was in aller Regel aber nicht zu schweren Anaphylaxien führt. Warum dies so ist, wurde noch nicht erforscht. Auch der Umstand, dass man im Blut bei Kindern nicht nur bei 25 Prozent der Untersuchten eine Insektengiftsensibilisierung findet, sondern bei über 50 Prozent, ohne dass es zu einem schwerwiegenden Stichereignis kommt, konnte noch nicht geklärt werden.

Bei Kindern wird die spezifische Immuntherapie (SIT) gegen Insektengift deshalb tendenziell nicht empfohlen, solange die allergischen Reaktionen leicht sind und nicht mit Atemnot, Kreislaufschwäche etc. einhergehen.

Was soll ein Insektengiftallergiker nach einem Bienenstich oder Wespenstich tun und wie geht man vor, wenn man einen allergischen Schock befürchtet?

Die allererste Maßnahme, wenn ein Bienengiftallergiker oder ein Wespengiftallergiker gestochen wird, ist es, den Stachel zu entfernen, falls dieser noch in der Haut steckt. Bei Bienenstichen ist dies meist der Fall und dann hängt oft die Giftblase noch am Stachel und pumpt weiter Gift in den Körper. Den Stachel mit dem Fingernagel „wegkratzen“ ist die beste Methode, einen Bienenstachel zu entfernen, denn mit einer Pinzette oder ähnlichem besteht die Gefahr, sich auch noch den letzten Rest Gift in den Körper zu injizieren.           

Im Idealfall weiß der Patient, ob er eine Insektengiftallergie hat oder nicht, denn dann weiß er durch die Instruktionen seines Arztes genau, was zu tun ist - wir geben dafür z.B. auch ein Merkblatt aus. Eine exakte Diagnose ist deshalb sehr wichtig.

Bei nachgewiesenen Allergien auf Bienengift oder Wespengift ist ein Stichereignis durch das relevante Insekt eine Alarmsituation und dann sollte der Patient sofort sein Anaphylaxie-Notfallset nutzen und eine Akuttherapie einleiten. Ein Anaphylaxie-Notfallset besteht aus flüssigem Kortison, einem flüssigen Antihistaminikum und einem Adrenalin-Autoinjektor. Als erstes sollten die beiden flüssigen Medikamente genommen werden und gegebenenfalls sollte auch der Adrenalin-Autoinjektor angewendet werden. Parallel dazu muss unbedingt sofort der Notarzt gerufen werden.

Es gibt Fälle bei denen zwar keine gesicherte Diagnose einer Allergie auf Bienengift oder Wespengift vorliegt, bei denen dies aber auch noch nicht ausgeschlossen werden konnte. Hier gilt die alte Flieger-Regel „safety first[TB1]“, das bedeutet, auch hier würde man dem Patienten ein Anaphylaxie-Notfallset verordnen.

Der Patient müsste jedoch nicht sofort die Notfallmedikamente einnehmen, sondern sollte zunächst abwarten, ob sich allergische Reaktionen über die Einstichstelle hinaus zeigen. Herzklopfen, ein flaues Gefühl oder Panik spricht noch nicht unbedingt für einen allergischen Schock. Erst wenn sich die systemischen allergischen Reaktionen zeigen, die wir gerade besprochen haben, sollte der Patient seine Anaphylaxie-Notfallmedikamente einsetzen und dann ebenfalls den Notarzt rufen.

Die gleiche Vorgehensweise empfiehlt sich auch für Patienten, die eine spezifische Immuntherapie durchgeführt haben, insbesondere dann, wenn sich deren Desensibilisierung durch eine Stichprovokation oder einen Felsstich bestätigt hat. Auch diese Patienten würden ein Notfallset bekommen, sie sollten jedoch zunächst abwarten, ob sich nach einem Stich Systemreaktionen einstellen. Sobald die Notwendigkeit besteht, die flüssigen Medikamente aus dem Anaphylaxie-Notfallset einzunehmen, sollte auch hier der Notarzt gerufen werden.

Als Grundregel für alle Fälle gilt, dass die Patienten stets ihr Anaphylaxie-Notfallset mit sich führen und nach dem Insektenstich nicht allein sein sollten. Auf jeden Fall sollte man versuchen, jemanden hinzuzurufen und über die Situation zu informieren, damit notfalls Hilfe zur Verfügung steht.

Noch eine Frage zum Timing: Wie lange dauert es denn, bis es bei Allergikern nach einem Bienenstich oder Wespenstich zu einer allergischen Reaktion kommt?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eine echte allergische Reaktion bereits Minuten nach dem Bienenstich oder Wespenstich auftritt. Es kann auch einmal vorkommen, dass es 15, 30 oder 60 Minuten dauert, bis sich eine Insektenstichanaphylaxie zeigt. Nach dieser Zeit ist es unwahrscheinlich, dass es noch zu allergischen Reaktionen kommt - eine absolute Sicherheit gibt es aber auch dafür nicht.

Herr Privatdozent Buhl, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

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