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Aut idem bei Adrenalin Autoinjektoren

Prof. Dr. med. Ludger Klimek, Vizepräsident des Aeda über die Gefahren der Aut idem-Regelung bei AAI für Menschen mit Anaphylaxie

Aut idem bei Adrenalin Autoinjektoren – Patienten sind in Gefahr!

Auch für Adrenalin-Autoinjektoren (AAI) können Krankenkassen Rabattverträge abschließen. Das bedeutet, dass es möglich ist, dass ein Anaphylaxie-Patient in der Apotheke nicht das verordnete Autoinjektor-Modell erhält, sondern ein anderes Modell – man nennt dieses Verfahren auch „Aut idem“. Solche Rabattverträge existieren bereits. Handelt es sich um einen Adrenalin-Autoinjektor, den Menschen mit Anaphylaxie bei einem anaphylaktischen Schock schnell einsetzen müssen, sehen viele Experten die Rabattverträge kritisch. Sie fordern deshalb vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), Aut idem für den in Adrenalin Autoinjektoren eingesetzten Wirkstoff „Epinephrin“ zu untersagen. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Ludger Klimek, Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie Wiesbaden und Vizepräsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen e.V. (Aeda) über die Gefahren der Aut idem-Regelung bei AAI für Menschen mit Anaphylaxie.

Herr Prof. Klimek, was versteht man eigentlich unter „Rabattverträgen“?

Seit einigen Jahren können gesetzliche Krankenkassen mit Pharmaunternehmen für bestimmte Medikamente sogenannte „Rabattverträge“ schließen. Kommt der Patient einer solchen Krankenkasse mit seiner Verordnung in die Apotheke, muss der Apotheker dieses Rezept vorrangig mit Rabattvertragsprodukten der jeweiligen Kasse beliefern. Der Patient bekommt also nicht das Medikament, das der Arzt ihm verordnet hat, sondern ein preiswerteres Medikament gleichen Wirkstoffs des Herstellers, mit dem seine Kasse den entsprechenden Rabattvertrag geschlossen hat. Hierfür wird die lateinische Bezeichnung „Aut idem = oder ein Gleiches“ verwendet.

Der verordnende Arzt hat dann noch die Möglichkeit, auf dem Rezept das „nec Aut idem“ anzukreuzen und so wiederum den Austausch „Aut idem“ auszuschließen. Aber die Ärzte können natürlich garnicht wissen, für welche Medikamente es von manchen Krankenkassen Rabattverträge gibt und für welche nicht. Zudem wird dieses Kreuz im Praxisalltag oftmals schlichtweg vergessen.

Welche Probleme ergeben sich durch die Aut idem-Regelung im Falle der Adrenalin-Autoinjektoren?

Patienten mit Anaphylaxie und hiervon sind auch viele Kinder betroffen, sind ganz besonders stark gefährdet, denn es ist unmöglich, einen Allergenkontakt vollständig auszuschließen – auch bei aller Vorsicht!

Manche Anaphylaxie-Patienten reagieren auf geringste Allergenmengen, wie z.B. Erdnüsse, Baumnüsse, Kuhmilch, Weizen oder Hühnerei, Insektenstiche oder Medikamente mit extrem starken allergischen Reaktionen. Diese allergischen Reaktionen können sich an der Haut oder im Magen-Darm-Bereich bemerkbar machen. Es kann aber auch zu Atemnot, Kreislaufversagen und Herzstillstand führen. Ein anaphylaktischer Schock kann innerhalb von Minuten nach Allergenkontakt auftreten und je nach Allergen kann es in 5 bis 30 Minuten sogar zum Tod kommen. Deshalb ist es wichtig, dass die Patienten stets einen Adrenalin-Autoinjektor  bei sich tragen und auch ganz genau wissen, wie er anzuwenden ist. Der Patient muss sich die  Behandlung mit Adrenalin, die sonst nur dem Notarzt vorbehalten ist, jederzeit selbst verabreichen können und absolviert dafür ein spezielles Training. Das heißt, er muss den Adrenalin-Autoinjektor quasi „automatisch“, ohne groß nachzudenken, handhaben können. Die verschiedenen Autoinjektoren unterscheiden sich nämlich in ihrer Anwendung erheblich voneinander.  Wenn er nun aber ggfls. bei jeder neuen Verordnung  einen anderen Autoinjektor erhält, kann es zu lebensbedrohlichen Fehlanwendungen kommen.


Wie sieht das spezielle Training für den Umgang mit dem Adrenalin-Autoinjektor aus?

Damit Anaphylaxie-Patienten im Ernstfall besser vorbereitet sind, hat die Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie Training und Edukation (AGATE) ein spezielles 2-tägiges (!) Trainingsprogramm entwickelt. Mit diesem Anaphylaxie-Training werden nicht nur die Anaphylaxie-Patienten selbst geschult, sondern möglichst alle, die mit dem Patienten in Kontakt stehen. Dazu gehören z.B. die Familie, Freunde, die Erzieherinnen in Kita und Hort, die Lehrer etc.. Es kann bei Anaphylaxie immer vorkommen, dass die anaphylaktische Reaktion so schnell abläuft, dass der Patient sich nicht mehr selbst mit dem AAI  behandeln kann. Deshalb kann es lebensrettend sein, wenn auch die unmittelbaren Kontaktpersonen des Patienten wissen, wie man mit dem Adrenalin Autoinjektor richtig umgeht, ganz besonders dann, wenn Kinder betroffen sind. Man kann aber alle diese Personen nicht bei jeder neuen Verordnung auf ein neues Modell schulen.

Was könnte passieren, wenn ein AAI falsch angewendet wird?

Die falsche Anwendung eines Adrenalin Autoinjektors könnte dazu führen, dass das lebensrettende Epinephrin nicht im Muskel des Patienten landet, sondern z.B. im Finger desjenigen, der den AAI falsch verwendet. Dann stünde kein Medikament mehr zur Verfügung und für den Patienten bestünde akute Lebensgefahr! Ebenso könnte es sein, dass durch falsche Anwendung zu wenig Epinephrin verabreicht wird. Auch dies könnte für den Patienten lebensbedrohlich sein.

Die im AeDA organisierten Allergologen haben sich an den Gemeinsamen Bundesausschuss gewendet – was fordern Sie vom G-BA?

Wir haben den G-BA aufgefordert, die Adrenalin Autoinjektoren zum Gegenstand einer Regelung nach § 129, Abs. 1a Satz 2 SGB V zu machen. Das bedeutet, wir fordern den Ausschluss des Wirkstoffs „Epinephrin in der Darreichungsform Injektionslösung zur Anaphylaxie-Behandlung“ aus der Liste „Ersetzung wirkstoffgleicher Arzneimittel“!

Herr Prof. Klimek, herzlichen Dank für dieses Interview!