Zahnersatz kieferorthopädische Maßnahmen Darm

Lutz Höhne, Zahnarzt - Umwelt-ZahnMedizin und 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Umwelt-ZahnMedizin (DEGUZ) über Zahnersatz, kieferorthopädische Maßnahmen und deren Auswirkungen auf den Darm!

Zahnersatz und kieferorthopädische Maßnahmen: Auswirkungen auf den Darm?

Werkstoffe, die bei Zahnbehandlungen oder in der Kieferorthopädie zum Einsatz kommen, sind nicht immer verträglich. Unverträglichkeitsreaktionen beschränken sich jedoch nicht nur auf den Mund. Auch an nachgelagerter Stelle kann es aufgrund verwendeter Werkstoffe zu Symptomen kommen.  MeinAllergiePortal sprach mit Lutz Höhne, Zahnarzt - Umwelt-ZahnMedizin und 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Umwelt-ZahnMedizin (DEGUZ) über Zahnersatz, kieferorthopädische Maßnahmen und deren Auswirkungen auf den Darm.

Herr Höhne, was passiert im Körper, wenn ein Patient Zahnersatz erhält oder wenn kieferorthopädische Maßnahmen  durchgeführt werden?

Bei Zahnersatz-Maßnahmen und kieferorthopädischen Maßnahmen werden Fremdmaterialien in den oralen Bereich eingebracht. Alle verwendeten Werkstoffe haben eine gewisse Löslichkeit, z.B. können Metalle korrodieren und es kann zu Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Metallen kommen. Kunststoffe können ebenfalls degradieren, Monomere und Kunststoffbestandteile frei setzen und auch Zahnzement hat eine gewisse Löslichkeit.

Zunächst zu den Metallen, welche Probleme können sie bei Zahnersatz oder kieferorthopädischen Maßnahmen verursachen?

Alle Metalle, alle Legierungen korrodieren, denn Speichel ist aggressiver als Meerwasser. Das stellt für alle Werkstoffe eine große Herausforderung dar. Kobalt-Chrom Legierungen oder Hochgoldhaltige Legierungen sind korrosionsfest. Und nur hochkorrosionsfeste Legierungen sollten im oralen Bereich eingesetzt werden.

Metalllegierungen wie Palladium-Basislegierungen oder Spargold-Legierungen sind nicht korrosionsfest genug. Wenn dann noch verschiedene Metalle wie Gold und Amalgam parallel im Mund eingesetzt werden, erhöht dies die Korrosionsrate noch zusätzlich.

Bei Spargold beträgt der Goldgehalt 40 Prozent oder weniger und der Rest wird durch andere Metalle, wie z.B. Silber oder Kupfer ersetzt. Diese Legierungen sind kostengünstiger, aber erheblich korrosionsanfälliger, so dass die Werkstoffe stärker in Lösung gehen und mit zunehmendem Alter auch zunehmend Stoffe frei setzen. Das bedeutet: Bei diesen Legierungen steigt die Korrosionsrate von Tag zu Tag an. Eine hochgoldhaltige Legierung enthält über 77 Prozent Gold und der Rest setzt sich aus Platin, Palladium, Kupfer, Silber oder Zink zusammen.  

Es gibt zwar eine Din Norm die den zulässigen Korrosionswert definiert und die die Hersteller der entsprechenden Materialien für die Zulassung erfüllen müssen. Diese misst jedoch lediglich den Korrosionswert nach sieben Tagen und nicht im Zeitraum danach.

Gute Legierungen passivieren an der Oberfläche und die Korrosionsrate bleibt gleich. Palladium Basislegierungen korrodieren von Tag zu Tag mehr – die Korrosionskurve geht nach den 7 Tagen dann steil nach oben.

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Gute Legierungen können Korrosionsraten von unter 1 µg/cm/Tag haben. Warum die Din Norm 200 µg zulässt, ist nicht nachvollziehbar. Hier gilt sicher nicht der Präventionsgedanke, nur beste Werkstoffe zuzulassen.

Und im Mund zahnmedizinisch oder kieferorthopädisch eingesetzte Kunststoffe sind ebenfalls löslich?

Auch Kunststoffe gehen in Lösung, so dass es durch zahnmedizinische oder kieferorthopädische Maßnahmen auch durch diese Materialien zu Beschwerden kommen kann. Wenn eine Sensibilisierung auf diese Materialien besteht, können diese Kunststoffe Entzündungsreaktionen verursachen.  

Und welche Probleme können durch Zahnzement entstehen?

In der Zahnmedizin werden unterschiedliche Zemente eingesetzt. Es gibt reine Mineralzemente und es gibt Kunststoff-modifizierte Zemente und reine Kunststoffkleber. Alle mineralischen Zahnzemente enthalten Aluminium und wenn im Mund zu viele freiliegende Zementflächen vorhanden sind, kann das Aluminium zu Problemen führen. Gerade in den letzten Jahren finden wir viel zu hohe Aluminiumkonzentrationen im Speichel, im Blut und in den Geweben und wir finden auch zunehmend Aluminium-Sensibilisierungen. Dazu sollte man wissen: Aluminium ist kein Spurenelement, man braucht es also nicht.  

Natürlich kommt die ursächliche Aluminiumbelastung in den meisten Fällen wirklich nicht aus zahnärztlichen Werkstoffen, aber Zemente sind nicht überaus speichelfest. Bei einer vorhandenen Aluminium-Sensibilisierung sind mineralische Zemente nicht indiziert.  

Reaktionen auf die bei zahnmedizinischen oder kieferorthopädischen Maßnahmen verwendeten Metalle und Kunststoffe findet man also nicht ausschließlich im Mund …

Werkstoffe, die in Lösung gehen, bleiben nicht nur im Speichel. Vielmehr werden die gelösten Stoffe über den Speichel durch den gesamten Gastro-Intestinaltrakt transportiert und wirken dort an den Schleimhäuten.

Die orale Schleimhaut ist relativ tolerant – die Natur hat dies mit Bedacht so eingerichtet, denn sonst würden wir permanent unter entzündetem Zahnfleisch leiden. Im Magen-Darm-Trakt besteht diese große Toleranz jedoch nicht mehr, so dass es erst dort eher zu Reaktionen kommen kann.

Allerdings müssen schädliche Einwirkungen, z.B. durch besagte Werkstoffe, oft über einen längeren Zeitraum andauern, bevor es zu Beschwerden kommt. Bei chronischen Prozessen kommt es häufig erst zeitverzögert zu Symptomen. Leider ist der Darm ein relativ „stummes“ Organ – oft bemerken es die Patienten deshalb viel zu spät, dass ihnen etwas nicht bekommt und der Zusammenhang mit den zahnmedizinischen Maßnahmen wird oft übersehen.

Weiß man wie häufig es durch zahnmedizinische oder kieferorthopädische Maßnahmen zur Beschwerden kommt?

Leider weiß man das nicht, denn es gibt zu diesem Thema nur wenige Studien.

In der Zahnmedizin stand die Frage, welche Auswirkungen zahnmedizinische oder kieferorthopädische Maßnahmen für den restlichen Körper haben können, lange nicht im Fokus. Keinerlei Forschung gibt es zu der Frage, was im Magen-Darm-Trakt passiert, wenn die Werkstoffe in Lösung gehen.

Es wurde jedoch an verschiedenen Teilbereichen dieser Fragestellung gearbeitet. So hat z.B. der Mainzer Pathologe Prof. James Kirkpatrick vor vielen Jahren untersucht, was passiert, wenn Metalle in Lymph- und Blutgefäße gelangen. Dabei hat er festgestellt, dass durchweg alle Metalle in den Endothelien,  das sind die Zellen der innersten Zellwände von Blutgefäßen, Entzündungen auslösen. Außerdem konnte er nachweisen, dass es in den Gefäßen zu oxidativem Stress kommt und dass die Gefäßneubildung verlangsamt wird.

Diese Reaktionen sind durchaus als massiv zu bewerten, aber die Erkenntnisse hatten keine Konsequenzen darauf, dass in der Zahnmedizin immer noch wenig korrosionsfeste Metalle in den Mund eingebracht werden und dass dies eventuell Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben könnte.

Gelangen Bestandteile aus Metallen oder Kunststoffen ausschließlich dadurch in den Körper, dass sie in Lösung gehen?

Auch durch die Kaubewegungen kann es zum Abrieb der eingesetzten Materialen kommen, die dadurch in Lösung gehen. Dieser Effekt verstärkt sich noch, wenn die Oberfläche eines Werkstoffes bereits durch Korrosion angegriffen ist. Außerdem gibt es bestimmte Materialmischungen, wie z.B. Palladiumbasislegierungen oder falsch bearbeitete Legierungen, die stärker zu Korrosion neigen. Auch hier wirkt es verstärkend auf das Lösungsverhalten, wenn massive Kaukräfte einwirken - Kauflächen, die in Auflösung begriffen sind, sind ein häufiges Phänomen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Metallen und Kunststoffen, die im Mund in Lösung gehen und dem Leaky Gut Syndrom?

Grundsätzlich kann jeder Werkstoff im Gewebe zu Entzündungsreaktionen führen. Wenn eine Sensibilisierung besteht, setzt dies die Immunabwehr in Gang und es kommt zu einer Entzündungsreaktion. Reaktionen können an der Mundschleimhaut auftreten, aber es kann, wie gesagt, auch zu einer Schädigung der Darmschleimhaut kommen. Dabei spielt durchaus auch die mengenmäßige Belastung an der Schleimhaut eine Rolle, was sich durch eine Gewebeprobe messen lässt.

Dauerhafte Entzündungsreaktionen können zu einer Schädigung der Darmschleimhaut führen und dies wiederum kann zum Verlust der Tight Junctions führen. Der Darm wird dann „löchrig“, d.h. es kommt zum „Leaky Gut Syndrom“. Die Folge: Nahrungsbestandteile werden nicht mehr vollständig verdaut, sondern gelangen durch die Darmschleimhaut hindurch in die Blutgefäße. Konkret bedeutet dies, dass Proteine nicht vollständig zu Aminosäuren abgebaut werden.

Das Leaky Gut Syndrom ist somit das Ergebnis einer permanenten Entzündung, die auch durch zahnmedizinische oder kieferorthopädische Maßnahmen verursacht werden kann. Allerdings ist dies sicher nicht die einzige Ursache. Ausschlaggebend ist eine chronische Entzündung, die auch durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, genetische Gründe und andere Ursachen ausgelöst worden sein kann, unter Umständen auch aus einer Kombination dieser Ursachen.

Herr Höhne, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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